Herabstufung der US-Bonität: Amerika am Schuldenpranger

Von , New York

Ein Eckpfeiler des globalen Finanzsystems wankt: Die Kreditwürdigkeit der USA, seit dem Zweiten Weltkrieg unangefochten, ist von der Rating-Agentur S&P herabgestuft worden. Amerikas Kampf gegen die gigantische Schuldenlast wird nun noch schwieriger. Es droht der Rückfall in die Rezession.

Kapitol in Washington: Historische Herabwürdigung einer Supermacht Zur Großansicht
REUTERS

Kapitol in Washington: Historische Herabwürdigung einer Supermacht

Wenigstens haben sie gewartet, bis die US-Börsen geschlossen und die Händler sich ins Wochenende verzogen hatten. Viele waren aber noch in der Kneipe, tranken sich die Schrecken dieser furiosen Achterbahn-Woche von der Seele, als die ersten Gerüchte zu kursieren begannen.

Gerüchte, die vielen den Abend doch noch vergällt haben dürften: Standard & Poor's (S&P), eine der drei großen Rating-Agenturen, habe das Weiße Haus in Kenntnis gesetzt, dass man die Bonität der USA herabstufen werde - erstmals in der Geschichte der Nation. Das Weiße Haus habe sofort dagegen protestiert: In der S&P-Berechnung stecke ein Computerfehler.

Dann geschah offiziell, wovor sich alle wochenlang gefürchtet hatten: Am Abend um 20 Uhr Ostküstenzeit kappte S&P die US-Kreditwürdigkeit von AAA auf AA+, eine Stufe darunter. Es war ein historischer, ein dramatischer Schritt. "Ein Eckpfeiler des globalen Finanzsystems wurde erschüttert", schrieb das sonst schwer zu beeindruckende "Wall Street Journal".

Reaktionen auf die Herabstufung

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Erschüttert - und zwar mehrfach. Denn die Begründung, die S&P mitlieferte, hat es in sich. Sie ist eine Anklage des politischen Systems in Washington. Eine Ohrfeige für den Kongress, für die Republikaner, aber auch für Barack Obama. Er hat nun die zweifelhafte Ehre, als erster US-Präsident ein Downgrade auf dem Konto zu haben.

Ironie der Geschichte: Der jüngste Schuldenstreit in Washington sollte eine solche Herabstufung ja gerade verhindern - und hat ihn nun offenbar erst ausgelöst.

"Das Fass zum Überlaufen gebracht"

Der kürzlich vom Kongress nach langem Zank verabschiedete Schuldenplan, schreibt S&P, werde nicht reichen, um die USA mittelfristig zu sanieren. "Die Herabstufung spiegelt unsere Meinung, dass die Effektivität, Stabilität und Berechenbarkeit der amerikanischen Politik und politischen Institutionen in einer Zeit andauernder fiskalischer und wirtschaftlicher Herausforderungen geschwächt worden sind", schreibt S&P.

Das Hickhack in Washington, präzisierte S&P-Rating-Chef John Chambers auf CNN, habe "das Fass zum Überlaufen gebracht". Der Schuldenstreit habe "unsere Befürchtungen übertroffen".

Ein Urteil mit Sprengkraft: Das heillos zerstrittene Washington, glauben die Rating-Hüter also, sei zurzeit nicht in der Lage, die wankende Wirtschaft zu stabilisieren. S&P hat den USA das AAA-Rating erstmals 1941 verliehen, es bestand seither unangefochten.

Als erste Regierungsinstitution äußerte sich in der Nacht die US-Notenbank - mit einer knappen Erklärung, die wohl weitere Panik vermeiden sollte. Das Downgrade werde die Risikogewichtung staatlicher und staatlich garantierter Anleihen "nicht ändern". Klartext: Keine Sorge, das alles bedeutet nichts.

Hinter den Kulissen steuerte auch das Weiße Haus sofort dagegen - allerdings nicht, indem es die politische Wertung der Rating-Schelte anfocht, sondern die zugrunde liegenden Zahlen. S&P habe bei seiner Überprüfung der US-Finanzen einen Rechenfehler in Höhe von Billionen Dollar gemacht. Die "New York Times" meldete unter Berufung auf Regierungskreise, S&P habe versehentlich zwei Billionen Dollar auf seine Projektion der US-Verschuldung aufgeschlagen und das "Problem wesentlich übertrieben".

"Eine Bewertung, die von einem Zwei-Billionen-Dollar-Fehler belastet ist, spricht für sich selbst", erklärte dann auch ein Sprecher des US-Finanzministeriums am späten Abend.

Das interne Tauziehen zwischen dem Weißen Haus und S&P um den Rating-Bericht vollzog sich bereits am Freitagnachmittag, während die Weltbörsen noch um jeden Prozentpunkt rangen. Es war ein Drama hinter den Kulissen. Wären Details vorher durchgesickert, wäre der Kursrutsch an den Börsen wohl viel stärker ausgefallen.

Wie hoch steigen die Zinsen?

Am Abend schickte die Regierung noch den demokratischen Abgeordneten Barney Frank an die Front, den Ex-Vorsitzenden des Finanzausschusses. "Bitte schenken Sie diesen Leuten keine Beachtung", appellierte der im TV-Sender MSNBC an Investoren weltweit. "Dies ist die Rating-Agentur, die Geld von Leuten annahm, die Schrottanleihen verkauften."

Tatsächlich sind die Rating-Agenturen seit der Finanzkrise 2008 nicht nur in Washington ins Kreuzfeuer geraten. Vor allem S&P war dabei schwer in die Kritik geraten. Bei der Finanzmarktreform jedoch wurden die Rating-Agenturen meist ausgespart.

Auf die Frage, ob diese Herabstufung nicht eine folgenschwere Entscheidung sei, wiederholte Frank: "Nein, absolut nicht." Darüber dürften sich die Experten jetzt allerdings streiten. Der Schritt ist so einzigartig, dass keiner wirklich weiß, was nun passieren wird.

Übereinstimmung herrscht darüber, dass die Herabstufung generell die Zinsen in die Höhe treiben könnte. Doch wie weit, das blieb vorerst unklar. Am Abend betonten etliche Insider, der Zinssprung werde kaum spürbar sein.

Doch in dieser wackligen US-Konjunktur, in der gerade die zweite Rezession seit der Lehman-Krise droht, könnten selbst minimale Verschiebungen große Auswirkungen haben - für die Verbraucher wie auch für die Regierung selbst, die im Jahr allein rund 250 Milliarden Dollar an Zinszahlungen leisten muss. Da machen schon prozentuale Bruchteile enorme Unterschiede.

Auch könnte die Herabstufung einen Domino-Effekt auslösen - und zum Beispiel auf andere US-Regierungsinstitutionen wie die ohnehin angeschlagenen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac wirken. Das wiederum könnte zu höheren Darlehenskosten für Hausbesitzer führen. Für den US-Immobilienmarkt, der sich nach einem jüngsten Bericht des Weißen Hauses immer noch nicht erholt hat, wäre das ein weiterer schwerer Schlag.

Die USA haben ein neues Wahlkampfthema

S&P hatte die Herabstufung seit Mitte Juli für den Fall angedroht, dass die USA ihre Verschuldung nicht um mindestens vier Billionen Dollar reduzieren. Das Sparpaket beläuft sich auf knapp die Hälfte dessen, rund 2,1 Billionen Dollar. Die beiden anderen großen Rating-Agenturen, Moody's und Fitch, haben bisher keine derartigen Andeutungen gemacht. Sie haben die Bestnote AAA für die USA einstweilen beibehalten.

Die Herabstufung kam am Ende einer Woche, in der die Weltbörsen - und auch die Börsen in den USA - wild schwankten und so stark verloren wie seit 2008 nicht mehr. Zweifel an der finanziellen Stabilität der USA, der Euro-Staaten und die Furcht vor einem Ende des in den USA ohnehin kaum spürbaren Aufschwungs haben dabei eine große Rolle gespielt. Multipliziert wurde das vom lauten 24-Stunden-Medienumfeld, das von Hype und Drama lebt.

Für Obama droht die Herabstufung zum misslichen Wahlkampfthema zu werden. US-Amtsinhaber, die über verheerende finanzielle und wirtschaftliche Konditionen präsidieren, schaffen es in der Regel nicht über den Wahltag hinaus - egal, ob sie selbst verantwortlich für die Misere sind oder nicht.

Es dauerte denn auch nicht lange, bis sich die Parteien in Washington den Schwarzen Peter zuzuschieben versuchten. Noch in der Nacht machte der Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney als erster Republikaner Obama persönlich für das Downgrade verantwortlich.

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insgesamt 213 Beiträge
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1. Unfassbar!
doc 123 06.08.2011
Zitat von sysopEin Eckpfeiler des globalen Finanzsystems wankt: Die Kreditwürdigkeit der USA, seit dem Zweiten Weltkrieg unangefochten, ist von der Rating-Agentur S&P herabgestuft worden. Amerikas Kampf gegen die gigantische Schuldenlast wird nun noch schwieriger. Es droht der Rückfall in die Rezession. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778709,00.html
Absolut unfassbar, die USA standen ganz kurz vor dem Staatsbakrott bwz. der Zahlungsunfähigkeit und jetzt wird tatsächlich die Kreditwürdigkeit auf AA+ herabgestuft und nicht auf B- oder C-Ramschstatus, was eigentlich wesentlich eher angebracht wäre!
2. Schritt
ratxi 06.08.2011
Zitat von doc 123Absolut unfassbar, die USA standen ganz kurz vor dem Staatsbakrott bwz. der Zahlungsunfähigkeit und jetzt wird tatsächlich die Kreditwürdigkeit auf AA+ herabgestuft und nicht auf B- oder C-Ramschstatus, was eigentlich wesentlich eher angebracht wäre!
Naja, aber da eben nicht sein kann, was nicht sein darf, ist das immerhin schon ein bemerkenswerter Schritt...
3. Hoppla?
robbyy 06.08.2011
Letzte Woche durchsuchten die Italiener die Filialen von dieser Rating-Agentur, weil sie den Verdacht hatten, dass andere Aspekte als nur die objektive Bewertung für die schlechte Bewertung Italiens ausschlaggebend waren und jetzt wird die USA heruntergestuft? Sollten sich die Rating-Agenturen nun doch wieder auf objektive Fakten stützen?? Da bin ich mal gespannt, was sonst noch so ans Tageslicht kommt. Wir brauchen ein Wikileaks für den Finanzmarkt.
4. Was wollen dann alle? NRW hat die richtige Antwort für alle!
rurei 06.08.2011
Die Schuldenkönigin Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will nicht sparen: Die Entwicklung in Düsseldorf ist bundesweit (und weltweit !!!) bedeutsam: Die neue Ministerpräsidentin verlässt mit ihrer rot-grünen Minderheitsregierung den bisherigen Konsens, wonach man Schulden mit Sparen begegnen muss. Sie folgt einer anderen Maxime: Schulden mit Schulden zu bekämpfen, so als könne man in der Finanzpolitik wie bei einem außer Kontrolle geratenen Flächenbrand Feuer mit Feuer löschen. Kraft nannte in ihrer Regierungserklärung wissenschaftliche Beispiele: Wenn man etwa die Zahl der Schulabbrecher halbiere, dann gäbe es in neunzig Jahren ein Plus an Wirtschaftsleistung von über 790 Milliarden Euro. Frau Kraft provoziert damit eine allzu gewagte Hoffnung: Alles wird irgendwann gut in Nordrhein-Westfalen, spätestens bis zum Jahre 2100.
5. Was bleibt jetzt vom Bild der "bösen" Ratingagenturen?
WolfHai 06.08.2011
Zitat von sysop...Die Kreditwürdigkeit der USA, seit dem Zweiten Weltkrieg unangefochten, ist von der Rating-Agentur S&P herabgestuft worden.
Wird das nun die Gerüchte beenden, die Ratingagenturen seien Teil der US-amerikanischen Verschwörung gegen Europa, die nur deshalb europäische Staaten schlecht bewerteten, um die USA wirtschaftlich zu bevorteilen oder um Europa fertigzumachen?
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Milliarden für Griechenland - Die Ergebnisse des Euro-Gipfels
Neue Kredite
Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.
Einbeziehung von Banken
Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.
Neue Aufgaben für Krisenfonds
Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.
Irland/Portugal
Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.
Budgetdefizite
EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.
Banken-Stresstest
Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.
Mehr wirtschaftliche Koordination
Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.
Weniger Macht für Rating-Agenturen
Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Rating-Agentur etablieren.
Besseres Krisenmanagement
In der Euro-Zone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.