Paris/Frankfurt am Main - Die Meldungen über eine drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Frankreich und Österreich durch die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) haben eine Flucht in deutsche Staatspapiere ausgelöst. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future durchbrach am Freitagnachmittag erstmals die Marke von 140 Punkten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel im Gegenzug bis auf 1,74 Prozent. In den fünf- und dreißigjährigen Laufzeiten sanken die Renditen auf historische Tiefststände.
Laut Finanzkreisen will S&P noch im Laufe des Freitagabends mehrere Länder der Euro-Zone herabstufen. Davon sind offenbar die bisherigen "AAA"-Staaten Frankreich und Österreich betroffen. Darüber hinaus wurden in Finanzkreisen auch Italien und Spanien sowie Belgien und Portugal als mögliche Abstufungskandidaten genannt.
Der französische Finanzminister François Baroin hat am Freitagabend Berichte bestätigt, wonach S&P Frankreich die Top-Bonität entziehen wird. Das Land werde die Bestnote AAA verlieren und bei der langfristigen Kreditwürdigkeit von S&P um einen Punkt niedriger bei AA+ geführt, sagte Baroin im französischen Fernsehen. Frankreich lasse sich von den Rating-Agenturen aber nicht seine Politik diktieren, fügte der Minister hinzu.
Allerdings bemühte sich Paris angesichts des drohenden Verlusts seiner Topbonität auch um Beruhigung der Märkte. "Frankreich ist ein sicherer Wert, es kann seine Schulden zurückzahlen, und das Defizit hat sich zuletzt besser entwickelt als erwartet", sagte die französische Budgetministerin Valérie Pécresse am Freitag dem Fernsehsender BFMTV. Präsident Nicolas Sarkozy äußerte sich zunächst nicht.
Der Verlust der Top-Note AAA ist für Sarkozy ein schwerer Schlag: Rund drei Monate vor der Präsidentenwahl wird ihm angelastet, dass er Frankreich nicht auf einer Ebene mit AAA-Ländern wie Deutschland halten kann. "Das ist ein dreifaches Scheitern für Sarkozy", verkündeten die Sozialisten am Freitag prompt: ein Scheitern in der Wirtschaftspolitik, bei der Krisenbewältigung und in der Sozialpolitik.
Schäuble: "Wir sollten die Rating-Agenturen nicht überschätzen"
Die Berichte über die unmittelbar bevorstehende Herabstufung der Kreditwürdigkeit mehrerer Euro-Länder haben auch die Wall Street erschüttert. Zeitweise gaben die New Yorker Börsenbarometer rund ein Prozent nach. Auch der deutsche Leitindex Dax
schloss im Minus.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht einer möglichen Herabstufung mehrerer Euro-Länder relativ gelassen entgegen: "Wir haben uns ja in den letzten Monaten zunehmend weltweit darauf verständigt, wir sollten die Rating-Agenturen auch nicht überschätzen in ihren Beurteilungen", sagte der CDU-Politiker dem Fernsehsender RTL am Rande einer Wahlkampfveranstaltung im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg. Dass es eine große Verunsicherung bei den Finanzmärkten gegenüber der Euro-Zone insgesamt gebe, sei ja nicht neu, fügte der Finanzminister hinzu.
Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich an diesem Samstag zu den Folgen einer möglichen Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs und Österreichs äußern. Eine Entscheidung darüber wird noch am Freitagabend erwartet. Eine Abstufung dürfte es für beide Länder schwerer und teurer machen, sich frisches Geld am Kapitalmarkt zu leihen. Anfang Dezember hatte S&P die gesamte Eurozone unter verschärfte Beobachtung gestellt.
bos/dpa/AFP/Reuters
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