Karten-Allianz Here Daimler und Co. rüsten zum Kampf gegen Google

Audi, BMW und Daimler haben einen Coup gelandet: Mit Intel und asiatischen Investoren bauen sie ihren Kartendienst Here zum schlagkräftigen Rivalen von Google auf.

Kartendienst Here
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Dieser Deal hätte mehr Beachtung verdient: Erst seit gut einem Jahr sind Daimler, BMW und Audi Eigentümer des Kartendiensts Here - jetzt haben sie große Anteile weiterverkauft. Insgesamt 25 Prozent der Aktien wechselten zuletzt den Besitzer. Zehn Prozent gingen Ende Dezember an ein Konsortium aus China und Singapur. Am Dienstag verkündete der US-Chiphersteller Intel nun die Übernahme eines 15-Prozent-Pakets. Weitere Anteilsverkäufe ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Für die deutschen Premium-Autobauer ist dieses breite Bündnis ein Epochenwechsel. War man es ehedem gewöhnt, die Konkurrenz mit eigenen Kräften aus dem Feld zu schlagen, ist inzwischen in den Vorstandsetagen in Stuttgart, München oder Ingolstadt die Einsicht gereift, dass nur eine Kooperative noch die notwendige Schlagkraft aufbringt, um bei der Mobilität der Zukunft ganz vorne mitzumischen.

Denn die Konkurrenz spielt in einer ganz anderen Liga als die Automobilindustrie. Es sind die IT-Giganten aus dem Silicon Valley, die schon lange wissen, wie sich Geld verdienen lässt, wenn die Kunden für den angebotenen Service an sich gar kein Geld ausgeben wollen.

Das Geld wird nicht mehr mit Autos sondern mit Daten verdient

Experten sind überzeugt, dass für Mobilität dereinst das gleiche gelten wird. Der Besitz eines Autos steht auf der Prioritätenliste junger Leute schon seit geraumer Zeit nicht mehr ganz oben. Die Spezialisten in den großen Unternehmensberatungen sind sich einig darin, dass in einigen Jahren Geld nicht mehr mit den Fahrzeugen selbst verdient wird - sondern nur noch mit den Daten, die die Autos liefern. Mit der Entwicklung solcher Geschäftsmodelle aber fangen Daimler und Co. gerade erst an. Die Zeit drängt, wenn sie nicht als blechbiegende Zulieferer enden wollen.

Vor diesem Hintergrund ist der Wert der jetzt gebildeten Allianz gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn Intel, der chinesische Kartenanbieter Navinfo und der dahinter stehende Internetkonzern Tencent sowie der Staatsfonds GIC aus Singapur treten nicht als schnöde Investoren an, die nur auf die Auszahlung ihrer Dividende warten. Sie bringen Know-how mit.

Intel zum Beispiel will sich maßgeblich an der Entwicklung der komplexen Software-Architektur beteiligen. Denn die autonom fahrenden Autos der Zukunft sind auf eine große Zahl von Kameras und Sensoren angewiesen, die die Umgebung eines Fahrzeugs in Echtzeit erfassen und die entsprechenden Impulse für Lenkung, Gas und Bremse daraus ableiten.

Weitere Daten kommen von außen, etwa von anderen Autos, die Informationen über die Strecke liefern, die sie gerade passiert haben. Die nachfolgenden Fahrzeuge werden auf diese Weise unmittelbar informiert, wenn zum Beispiel ein Hund über die Straße läuft, oder sich der Verkehr staut, weil ein Baustellenlaster rangiert. Diese riesigen Datenmengen sind in einer Cloud gespeichert, die die Navigationssysteme in den angeschlossenen Autos künftig in Echtzeit aktualisieren sollen.

China wird entscheidend

Noch ist das alles Zukunftsmusik, doch die Pläne dafür sind schon sehr konkret. Und Here-Chef Edzard Overbeek - ein ehemaliger Cisco-Manager, der seit März an Bord ist - wäre wohl nicht traurig, wenn sich neben Intel noch weitere Partner finden, die tatkräftig mit anpacken.

Auch Tencent, Navinfo und GIC haben einiges zu bieten, zuvörderst den Zugang zum chinesischen Markt. Hier dominieren die deutschen Premiumanbieter zwar bisher noch das Autogeschäft, doch Beobachter nehmen längst die gleiche Entwicklung wahr, die auch in Europa und den USA zu beobachten sind: Das Auto verliert seine Bedeutung als Statusobjekt, integrierte Mobilitätskonzepte sind gefragt. Und auf diesem Feld drängen andere, heimische Anbieter nach vorn.

Einer davon ist Didi Chuxing, der den Markt für Mitfahrdienste kontrolliert und sogar den aggressiven Taxischreck Uber in die Rolle des Juniorpartners zwingen konnte. Die digitalen Straßenkarten kommen dagegen von Autonavi, einer Tochter des Onlinehändlers Alibaba - und eben von Navinfo und Tencent.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
richard-erb 04.01.2017
1. Bitte besser recherchieren
Diese Entwicklung hat nichts mit Einsicht in die bessere Schlagkraft einer Kooperative zu tun, sondern ganz simpel damit, dass man von Nokia etwas gekauft hatte, das man in China, Hongkong und Macao nicht nutzen konnte. Nach den aktuellen Gesetzen hat eine ausländische Firma in China kein Recht an chinesischem Kartenmaterial. Aus diesem Grund hatte Nokia den Kartendienst für China vor knapp 2 Jahren eigestellt. Es ist also eher wahrscheinlich, dass man die chinesischen Mitbesitzern braucht um am Markt wieder aktiv werden zu können und nicht, weil man so viel Einsicht in die Kooperation hat. Aber egal ob freiwillig oder durch Zwang ist es positiv, dass in China nach dem Wegfall von Google Maps und Here endlich wieder ein Unternehmen mit einer Nicht-Chinesischen Benutzeroberfläche in den Markt kommt.
banker1 04.01.2017
2. völlig egal
warum, wieso und weshalb nokia "here" verkauft hat, es ist so ziemlich die leztze chance für die europäer den in den letzten 20 jahren verlorenen boden im bereich daten (vielleicht eine eigene suchmaschiene "here") wieder gutzumachen........ und das geht auf grund der marktgröße wohl nur mit den chinesen...... und wer die "here "entwicklung beobachtet hat, hat dem deal auch die entprechende beachtung geschenkt. =)
prophet46 04.01.2017
3. Anderer Bauleiter
Vermute, dass Daimler bei dem neuen Vorhaben nicht die treibende Rolle spielte, wenn dies die Überschrift auch vermuten lässt. Daimler setzt sich neuerdings auf alles, was sich in der Automobilindustrie bewegt und schreit "kikeriki", ich bin schon da. Vermutlich hat BMW die Firma Intel in die Kooperation eingebracht, mit der sie schon seit längerem eine Entwicklungskooperation mit dem Ziel selbstfahrender Autos hat. Intel soll die Chips liefern, die später die großen Datenmengen bei der Analyse der Umgebungssituation verarbeitet kann.
Referendumm 04.01.2017
4.
Zitat von richard-erbDiese Entwicklung hat nichts mit Einsicht in die bessere Schlagkraft einer Kooperative zu tun, sondern ganz simpel damit, dass man von Nokia etwas gekauft hatte, das man in China, Hongkong und Macao nicht nutzen konnte. Nach den aktuellen Gesetzen hat eine ausländische Firma in China kein Recht an chinesischem Kartenmaterial. Aus diesem Grund hatte Nokia den Kartendienst für China vor knapp 2 Jahren eigestellt. Es ist also eher wahrscheinlich, dass man die chinesischen Mitbesitzern braucht um am Markt wieder aktiv werden zu können und nicht, weil man so viel Einsicht in die Kooperation hat. Aber egal ob freiwillig oder durch Zwang ist es positiv, dass in China nach dem Wegfall von Google Maps und Here endlich wieder ein Unternehmen mit einer Nicht-Chinesischen Benutzeroberfläche in den Markt kommt.
Beides dürfte wohl eher der Fall sein. Lustig aber auch, dass Tesla oft so sehr in den Himmel gelobt wird und das dass ja wohl die Zukunft sei, während deutsche Automobilbauer als (zukünftige) reine Blechpatscher diskreditiert werden. Aus meiner beruflichen Praxis heraus, sind die deutschen Automobilbauer mit der Datenbeschaffung, Verwaltung / Speicherung (inkl. Cloudlösungen) und sinnvollen Datenanwendungen sehr viel weiter als mancher Stammtischbesucher es überhaupt weiß. Auch bei den Nutzfahrzeugherstellern ist dieses Potential nicht erst seit der IAA 2016 ein Thema, obwohl es aktuell in Hannover DAS Thema schlechthin war - MAN mit Rio, Bosch mit IoT Cloud oder ... Daimler baut mit seinem Carsharing-Anbieter car2go seine Marktführerschaft in Deutschland, Europa und der Welt weiter aus und hat erst kürzlich einen weiteren Partner dazu bekommen. ... vielleicht hat der SPON-Autor auch nur die KPMG-Umfrage zur CES 2017: Zwischen Blechbiegern und Pixelmeistern gelesen gehabt. ;)
Rahvin 04.01.2017
5.
Jeder entwickelt also munter vor sich hin. Google, Apple, Automobilindustrie... Und am Ende sollen die alle gemeinsam auf der Straße stehen und sich Daten teilen, sich gegenseitig zuschicken, der Verkehr regelt sich dann quasi selbst? Kompatibilität scheint im Augenblick nicht sonderlich wichtig zu sein, und am Ende soll das alles als Großes und Ganzes funktionieren? Ich sehe das eher kritisch, solange es keine Standards gibt, auf die sich die Industrie im Vorfeld einigen kann. Wir reden hier von Verkehr. Nicht von VHS oder Betamax.
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