Abrechnung: Hiesinger sagt ThyssenKrupp-Seilschaften den Kampf an

Eine solch schonungslose Abrechnung eines Vorstandschefs hört man selten: Bei ThyssenKrupp seien Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen als unternehmerischer Erfolg, kritisiert Konzernchef Hiesinger das alte Management. Er verspricht einen radikalen Neuanfang.

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Ab nun gilt das Leistungsprinzip Zur Großansicht
DPA

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Ab nun gilt das Leistungsprinzip

Essen - Poltern und markige Worte kennt man von ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger eigentlich nicht. Doch nun hat der sonst so zurückhaltende Manager ungewohnt offen mit der alten Garde des Stahlkonzerns abgerechnet. Er will den angeschlagenen Technologiekonzern umkrempeln und so aus der Krise führen.

Das Unternehmen verkündete für das vergangene Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro, Korruptions- und Kartellaffären belasten den Konzern. Hiesinger machte dafür das alte Management verantwortlich. "Es gab bisher ein Führungsverständnis, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg", sagte er.

Hiesinger selbst kam vor zwei Jahren von Siemens zu ThyssenKrupp. Er versprach nun, Seilschaften und verkrusteten Strukturen im Konzern ein Ende zu bereiten. "Wir müssen und wir werden unsere Führungskultur grundlegend verändern, um wieder erfolgreich zu sein", sagte er. Wer dabei nicht mitziehe, habe im Konzern nichts mehr zu suchen.

Fehlentwicklungen seien in der Vergangenheit lieber verschwiegen als aktiv korrigiert worden. Außerdem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten. "Wir mauscheln nicht, sondern bohren nach", kündigte Hiesinger an.

Anleger schöpfen Hoffnung

An der Börse kamen die Versprechungen gut an. Die ThyssenKrupp Chart zeigen-Aktie gewann zeitweise rund sieben Prozent an Wert. Als Eckpfeiler für die neue Unternehmenskultur nannte der Vorstandschef null Toleranz bei Verstößen gegen Gesetze oder interne Regelungen und das Leistungsprinzip.

Vergangene Woche hatte ThyssenKrupp verkündet, dass drei der sechs Vorstandsmitglieder den Konzern zum Jahresende verlassen müssen. Dies sei ein deutliches Zeichen für den Neuanfang, sagte Hiesinger. Entscheidende Fehler im verlustreichen USA-Geschäft seien vom damaligen Vorstand gemacht worden. Fehlplanungen bei Stahlwerksprojekten in den USA und Brasilien kosten ThyssenKrupp Milliarden.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass viele Annahmen, die dem Aufsichtsrat präsentiert wurden, "deutlich zu optimistisch waren oder sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben", sagte Hiesinger. Er nahm damit Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gegen Vorwürfe in Schutz, seine Kontrollfunktion nicht erfüllt zu haben. Cromme hatte Hiesinger vor zwei Jahren von Siemens zu ThyssenKrupp geholt.

Aktionärsschützer erklärten jedoch, ohne eine offene Diskussion über die Rolle von Cromme, werde der Kulturwandel nicht funktionieren. "Bislang ist der Neuanfang offenbar auf den Vorstand beschränkt", kritisierte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Thomas Hechtfischer.

"Nicht ThyssenKrupp ist das Maß aller Dinge"

Hiesinger will mit einem Kostensenkungs- und Effizienzsteigerungsprogramm in den kommenden Jahren Einsparungen von zwei Milliarden Euro erreichen. Spekulationen über eine Trennung vom europäischen Stahlgeschäft erteilte der Manager eine Absage. "Es gibt weder Planungen noch Entscheidungen, Steel Europe wegzugeben", sagte er.

Zugleich räumte Hiesinger ein, das Ausmaß der Probleme bei seinem Amtsantritt 2011 unterschätzt zu haben. "Ich gebe zu, dass mir damals nicht bewusst war, wie tiefgreifend dieser Veränderungsprozess sein würde", sagte Hiesinger.

Der 52-Jährige machte deutlich, dass er auf die Eitelkeit der "Ruhrbarone" keine Rücksicht nehmen will. "Nicht ThyssenKrupp ist das Maß aller Dinge, wie früher der ein oder andere gedacht haben mag. Sondern der Markt und der Wettbewerb."

Hiesinger soll ThyssenKrupp gründlich umbauen - weg vom konjunkturanfälligen Stahlgeschäft, hin zum wachstumsträchtigeren Industriegeschäft. Das Unternehmen beschäftigt weltweit knapp 160.000 Mitarbeiter.

mmq/dapd/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erfolgskriterium von Herrn Hiesingers Abrechnung....
cevenol 12.12.2012
...wird sein, dass er Licht ins Dunkel des Aufsichtsrats der Firma bringt: Die Aufsichträte Cromme und Steinbrück (ja, PEER STEINBRÜCK!!!) versuchten zwar nach dem Rauswurf dreier Vorstände mit einem Gefälligkeitsgutachten einer Kanzlei die Schlinge aus dem Kopf zu ziehen. Das sollte aber, Herr Hiesinger, mit Ihrem Saubermann-Programm nicht gelingen dürfen, nicht wahr? Gewiss sind Gerhard Cromme und Peer Steinbrück keine "Leichtmatrosen", wenns um Ihr Weg- bzw. Nicht-Hinsehen gegenüber Fehlinvestititionen und Preisabsprachen geht. Beide haben sich immerhin in die Aura gesellschaftlich verantwortlicher Überväter hineingeflüchtet: Cromme als Ex-Corporate-Governance-Codex-Vorsitzender und Steinbrück als sozial dahersäuselnder SPD-Kanzlerkandidat. Diese Maskerade sollte Hiesinger den Herren vom Gesicht nehmen - mit Verweis auf ihr Aufsichtsversagen. Was die "Aufsichtsratsarbeit" des Herrn Steinbrück und die Folgen für tausende unschuldiger Beschäftigter anbelangt: Das muss das auch politisch im Wahlkampf aufgearbeitet werden: Gegen diese Fehlleistung sind seine Rednerhonorare bloß Pillepalle.
2. Nach Siemens jetzt ThyssenKrupp
poupie 15.12.2012
Herr Cromme war bei beide Unternehmen aber hat nichts gesehen, nichts gehört aber viel sehr Schaden angericht, davor und noch mehr dannach. There is a time to come and one to go. Wenn Hn. Cromme was gutes tun sollte in FY2013 fuer alle Mitarbeiter der beide Unternehmen, Time to go.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema ThyssenKrupp
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare

Fotostrecke
ThyssenKrupp: Industrielegende im Ruhrgebiet

Fotostrecke
Krise bei ThyssenKrupp: Die alte Garde muss weichen