Einzelhandelskrise Stoppt dieser Roboter den Rausch des Onlineshoppings?

Selber shoppen gehen oder liefern lassen? Immer mehr Kunden entscheiden sich für den Online-Einkauf. Das Silicon Valley entwickelt Ideen, um Konsumenten in die Geschäfte zurück zu locken - zum Beispiel mit Robotern.

Carlo Portmann

Von , Palo Alto


Megan arbeitet erst seit zwei Tagen in Palo Alto. Während des Verkaufsgespräches lacht sie oft, geht auf die Fragen des Kunden ein, zeigt kalifornische Lebensfreude. Sie lebt in Santa Barbara, fünf Autostunden vom Silicon Valley entfernt. Und doch schafft sie es jeden Morgen pünktlich hierher in den Ausstellungsraum.

Tatsächlich sitzt Megan im Pyjama zu Hause vor dem Computer. Sie arbeitet als Verkaufsberaterin für das Unternehmen Suitable Technologies und benutzt dazu dessen Produkt gleich selbst. Das Start-up baut brusthohe Roboter, die auf Rädern herumkurven und sich bequem von überall auf der Welt über das Internet steuern lassen. Kamera, Bildschirm, Mikrofon und Lautsprecher ermöglichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Ein am Rumpf montierter Kasten sorgt mittels Laserdistanzmessung dafür, dass die Maschine keine Füße und Kinder überfährt.

Im Ausstellungsraum in Palo Alto sind an diesem Tag neben dem von Megan gesteuerten Roboter zwei weitere Geräte unterwegs, denen Mitarbeiter aus verschiedenen Städten der USA ein Gesicht geben. Die Firma hat keine Angestellten vor Ort. Am Morgen öffnet die Tür zum Geschäft automatisch und schließt vor dem Feierabend wieder - ohne menschliches Zutun. Ermüden die Roboter, fahren sie zur Dockingstation und laden ihre Batterien auf.

Die Apparate sind Beispiele dafür, wie die Technologieunternehmer des Silicon Valleys den Einzelhandel umkrempeln wollen. Mit Sensoren, Software und Spektakel sollen die Konsumenten weg von Amazon und zurück in die Verkaufsräume gebracht werden.

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Fotostrecke: Wie das Silicon Valley den Einzelhandel revolutionieren will

Maschinen hören den Kunden zu

Die bei Heimwerkern beliebte Kette Lowe's setzt dazu seit einigen Wochen auf Roboter, die autonom zwischen den Regalen mit Farbkübeln und Zementsäcken fahren. In Filialen rund um San Francisco nehmen die LoweBots das Inventar auf, beantworten einfache Fragen der Kunden und führen diese im Geschäft herum. Die Verkäufer aus Plastik und Platinen sind mit 3D-Scannern ausgerüstet und beherrschen Englisch, Spanisch und weitere Sprachen.

Die Geschäftsleitung sagt, durch die Mithilfe der Maschinen bleibe den Angestellten mehr Zeit für komplexere Beratungsgespräche. Das erhöhe die Kundenzufriedenheit. Dass der LoweBot kein Gehalt will, jeder Grippewelle trotzt und nichts von Gewerkschaften und Streiks hält, dürfte den Chefs auch nicht ungelegen kommen. Ähnliche Geräte sind auch beim Discounter Target und beim Elektronikhändler Best Buy zu Testzwecken im Einsatz.

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Doch es gibt auch Firmen, die trotz aller Technologiebegeisterung nicht auf Verkäufer aus Fleisch und Blut verzichten wollen: b8ta zum Beispiel. Die Firma betreibt ebenfalls einen Ausstellungsraum in Palo Alto. Auf langen Holztischen warten dort mehr als 80 futuristische Gadgets verschiedener Hersteller darauf, von den Kunden ausprobiert zu werden.

Das Gerät Sesame beispielsweise lässt sich über Türschlösser stülpen und entriegelt auf Befehl des Smartphones die Wohnungstür. Die Konsumenten können den Apparat in die Hand nehmen, ihn ausprobieren und danach wieder mittels Klettstreifen an einer Wohnungstür in Miniaturformat befestigen. Daneben liegt ein iPad bereit, auf dem man sich Bilder und Videos zum Produkt anschauen kann. Der Konsument sieht auf dem Bildschirm in Echtzeit, wie viele Geräte noch auf Lager sind, zwischen welchen Farben er wählen kann und welche Bewertung das Gadget auf Amazon erhielt. Am Ende kann er per Knopfdruck den Kauf tätigen, worauf ein Mitarbeiter mit dem verpackten Produkt unter dem Arm erscheint.

Big Brother soll die Kassen klingeln lassen

Statt auf Roboterverkäufer setzt b8ta auf Videoüberwachung und Big Data. Im Geschäft werden fleißig Daten über das Verhalten der Besucher gesammelt. Über Kameras, die an der Decke angebracht sind, beobachtet das Unternehmen, vor welchen Fabrikaten die Konsumenten stehen bleiben, wie viele Minuten Aufmerksamkeit sie dem Elektro-Skateboard oder dem Luftgitarren-Gadget schenken. Wer ein iPad in die Hand nimmt, durch die Produktebeschreibung scrollt und vielleicht gar die Kaufen-Taste drückt, gibt zudem Rückschlüsse darauf, welche Farben gefragt sind, wie gut die Werbevideos ankommen und wo die Schmerzensgrenze beim Preis liegt.

All diese Daten sammelt b8ta und stellt sie den Herstellern der Geräte zur Verfügung. Die haben direkten Zugriff auf das neben dem eigenen Gadget liegende Tablet und können über das Internet in Echtzeit die Produktebeschreibung ändern oder den Preis an die Nachfrage anpassen.

Das Geschäftsmodell von b8ta setzt darauf, den Produzenten Ausstellungsfläche bereitzustellen und sie ordentlich mit Daten zum Konsumentenverhalten einzudecken. Für beides bezahlen die Hersteller eine monatliche Gebühr. Die meisten Kunden von b8ta sind Start-ups aus dem Silicon Valley, die an Elektronikgeräten für den Heimgebrauch arbeiten, die es noch nicht in die Verkaufsregale der Handelsgiganten Wal-Mart, Costco und Target geschafft haben.

Die ferngesteuerten Verkäufer, polyglotten Roboter und mittels Datenauswertung perfekt beworbenen Gadgets sollen den Konsumenten bieten, was der Onlinehandel nicht kann: ein Erlebnis zum Anfassen und Staunen. Und so die Leute zurück in die Läden aus Glas, Stahl und Beton locken.

insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
seb.mazur@googlemail.com 08.01.2017
1. super,
spülen wir die nächten 10.000 auf den "freien arbeitsmarkt".... solange sowas ein gimmick bleibt, ok. aber vorsicht, wenn die dinger häufiger anzutreffen sind, als mitarbeiter. und ganz ehrlich, wenn ich zwischen robo und online wähle, entscheide ich mich doch eher für online.
tsuru 08.01.2017
2.
Danke, kann ich selber, dann muss ich auch nicht noch mal zum Geschäft fahren. Da 80% meiner Versuche, etwas jenseits vom täglichen Bedarf käuflich zu erwerben so enden, spar ich mir den Käse und bestell online. Zuletzt übrigens im einzigen Elektronikmarkt einer "Großen Kreisstadt" wegen eines USB3-Gerätekabels.
thequickeningishappening 08.01.2017
3. Der Staat druckt Geld
Der arbeitslose Kunde erhält seine Kaufkraft ueber die monatliche Aufladung seines Smartphones und das selbstfahrende Auto bringt Ihn zum Self Aware Warehouse. Dort wird ein Bewegungsprofil erstellt nach dem die kuenftige vollautomatische Produktion ausgerichtet wird. Und wenn ich einen Furz lasse ermittelt der Roboter die chemische Zusammensetzung meines Essensplans (Satire nicht ausgeschlossen)?
rainerwäscher 08.01.2017
4. Überflüssig
In Deutschland brauchen wir das nicht. Hierzulande hat der Kunde sich daran gewöhnt, im Baumarkt alles selber zu suchen, da sowieso keiner da ist, den er fragen kann. Und dass er in 50% der Fälle ohne Kauf wieder geht so wie ich, weil er das Gewünschte nicht findet, ist von den Betreibern schon einkalkuliert. Das gilt auch für Drogeriemärkte, Möbelhäuser und Kaufhäuser.
lupo62 08.01.2017
5. Schöne neue Welt
Nach dem Betreten eines Ladens von einem Roboter angespochen zu werden ist - vorsichtig formuliert -höchst gewöhnungsbedürftig. Das kennt man bisher nur von Telefon-Hotlines großer Firmen ("Wenn sie etwas kaufen möchten, drücken Sie die 1, wenn Sie ein technisches Problem haben drücken sie die 2"). Man gewöhnt sich an alles, aber der Gewinn ist offenbar eher auf der Seite der Firma, die sich durch den Einsatz des Roboters Personalkosten spart. Ganz einfache Fragen ("wo geht es zu den Bohrmaschinen?") wird auch der Laden-Roboter beantworten können, aber so bald es auch nur etwas komplexer oder komplizierter wird, wird Robi überfragt sein und ein Mensch muß herbeigerufen werden. Wenn es dann noch überhaupt einen Menschen in dem Laden gibt. Aber vielleicht komme ich in Zukunft ja auch nicht mehr selbst, sondern schicke ebenballs einen Roboter. Dann können die beiden Silikontypen ja aushandeln, was für mich am besten ist (Ironie aus).
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