Von Christian Teevs, Wolfsburg
Zwei Männer, die wohl kaum unterschiedlicher sein könnten, haben einen Pakt geschlossen: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, alternativer Ökonom aus Bangladesch, und Herbert Hainer, Chef des zweitgrößten Sportartikelherstellers der Welt - Adidas, ein Konzern, der im Jahr mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz macht.
Yunus und Hainer wollen ein außergewöhnliches Produkt auf den Markt bringen: einen Turnschuh, der maximal einen Euro kosten darf - und der trotzdem nicht nach zwei Monaten auseinanderfällt. Das Ziel ist, die Menschen vor Krankheiten zu schützen, die über den Fuß in den Körper eindringen.
Dazu kommt: Adidas darf mit diesem Schuh kein Geld verdienen. Denn der Schuh wird als Social Business produziert, eine Unternehmensform, die Yunus entwickelt hat. Das Ziel muss dabei stets die Lösung eines sozialen Problems sein, eine Rendite für die Investoren darf es nicht geben.
Am Freitagmittag sitzen die beiden Männer aus den unterschiedlichen Welten auf dem Podium des Global Social Business Summit in Wolfsburg. Ganz links: Der schmächtige und stets wissend lächelnde Yunus. Ganz rechts: Hainer, drahtig, machtbewusst, ein Entscheider.
Beide überstrahlen in der riesigen Halle der Volkswagen-Autostadt ihre Gesprächspartner deutlich - und das sind immerhin die Konzernchefs von BASF und Danone. Doch Yunus und Hainer dominieren sie, jeder ist auf seine Art cool und überlegen.
Vor genau einem Jahr haben sie an gleicher Stelle ihre Idee des Ein-Euro-Schuhs vorgestellt. Nun sind die Erwartungen groß: Was wird aus dem Turnschuh? Wann kommt er auf den Markt? Und wie schnell machen Adidas und Yunus Fortschritte?
"Ich denke, dass wir das hinkriegen"
Hainer gibt sich in Wolfsburg optimistisch: "Wir haben die Marktforschung in Bangladesch abgeschlossen und werden den Schuh wohl im kommenden Jahr auf den Markt bringen." Auch zum Preis von höchstens einem Euro, wie Yunus es wünscht? "Ich denke, dass wir das hinkriegen", antwortet der Adidas-Chef.
Die Kooperation mit Adidas - oder in anderen Fällen mit BASF und Danone - sind die öffentlichkeitswirksamen Highlights von Yunus' Social-Business-Idee. Aber damit erschöpft sich sein Modell nicht. Das Treffen in Wolfsburg ist geprägt von jungen, hochmotivierten und kreativen Menschen aus Japan, den USA und Südamerika. Sie alle eint, dass sie etwas gegen Armut und Hunger auf der Welt tun und sich zugleich beruflich verwirklichen wollen.
Doch die Zusammenarbeit mit den großen Konzernen birgt auch Risiken für die junge Bewegung des Friedensnobelpreisträgers und seine Mitstreiter um den Kreativberater Hans Reitz aus Wiesbaden. Kritiker wie Maik Pflaum von der Kampagne für saubere Kleidung werfen Adidas vor, mit dem Turnschuh-Projekt nur Imagepflege zu betreiben. "Wenn man überlegt, dass die Mitarbeiter bei Adidas-Zulieferern in Asien von ihrem Lohn nicht leben können, dann erscheint mir dieses Projekt eine reine Alibi-Veranstaltung zu sein", sagt Pflaum.
Tatsächlich dürfte es für die Konzerne eine wichtige Rolle spielen, Teil der "Yunus-Familie" zu sein, die der Professor aus Bangladesch in Wolfsburg immer wieder beschwört. Ein Vertreter eines der beteiligten Unternehmen sagt unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden, der einzige Profit seiner Firma bei dem Deal sei die imagefördernde Wirkung.
Yunus will keine Absolution erteilen
Während Hainer die Kritik mit dem Hinweis abtut, sein Unternehmen habe eine solche Imagepolitur nicht nötig, sagt Yunus, er wisse natürlich um die Gefahr. "Doch ich nehme sie hin. Denn das Gute, was wir mit Hilfe der großen Konzerne tun können, ist das Risiko wert." Außerdem erteile er den Firmen ja keine Absolution: "Nur weil sie nun vielleicht mit einem Prozent ihrer Macht soziale Probleme lösen, werden wir ihnen nicht helfen, die restlichen 99 Prozent vor der Öffentlichkeit zu verbergen."
Ziel sei es vielmehr, sagt Yunus, die Geisteshaltung bei den Mitarbeitern zu verändern. "Das Problem ist die Lehre der reinen Profitmaximierung. Wenn Menschen nun merken, was für ein Gefühl es ist, mit seiner Arbeit Gutes zu tun, werden sie sich verändern."
Solche Worte würde man von Adidas-Chef Hainer niemals hören. Er ist ein Manager und fühlt sich naturgemäß vor allem seinen Aktionären verpflichtet. "Social Business ist für mich die Weiterentwicklung von Charity", sagt Hainer. Yunus habe ihn vor zwei Jahren so beeindruckt, dass er ihm seine Hilfe zugesichert habe. "Mit seinem Charisma, seiner Überzeugungskraft."
Risiko des Scheiterns
Seit der Ankündigung des Turnschuh-Projekts hat man von Adidas indes nichts mehr zum Thema gehört. Und das hat einen einfachen Grund: Die Kooperation birgt auch für die Sportwaren-Giganten ein erhebliches Risiko. Denn sollte das Produkt den Sprung auf den Markt nicht schaffen, wäre das Unternehmen blamiert. Beim Wolfsburger Gipfel berichtet BASF-Chef Jürgen Hambrecht von eben so einer Erfahrung: Er musste ein Social Business in Bangladesch aufgeben.
Auch Hainer spricht von Problemen: Die Wünsche der Konsumenten in Bangladesch seien für die Entwickler völlig unbekannt gewesen. "Auch den Preis von einem Euro zu halten, ist natürlich schwer", sagt er. Zudem gebe es in dem Land unerwartet hohe bürokratische Hürden. Wegen der immensen Importzölle sollen die Schuhe aber dennoch in einer Fabrik in Bangladesch produziert werden.
Von dem Prototyp wurden gerade einmal 5000 Paar produziert. Wenn der Sprung zur Massenproduktion misslingt, wäre das für Hainer peinlich.
Yunus ist da in einer besseren Situation: Denn die Konzernchefs kommen nicht mehr so leicht aus ihrem öffentlichen Versprechen heraus. "Mit Social Business üben wir Druck auf die gesamte Wirtschaft aus. Druck, sich zu verändern und die Probleme auf der Welt nicht länger zu verursachen - sondern mitzuhelfen, sie zu lösen."
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