Hilfe für die Ärmsten: Die Männer mit dem Ein-Euro-Schuh

Von , Wolfsburg

Das Ziel ist ambitioniert: Ein Turnschuh, den sich auch die Ärmsten leisten können. Initiatoren des globalen Mega-Projekts sind Adidas-Chef Herbert Hainer und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Funktioniert die Allianz aus Kapitalismus und Gutmenschentum?

Muhammad Yunus: "Wir üben Druck auf die Wirtschaft aus, sich zu ändern" Zur Großansicht
The Grameen Creative Lab

Muhammad Yunus: "Wir üben Druck auf die Wirtschaft aus, sich zu ändern"

Zwei Männer, die wohl kaum unterschiedlicher sein könnten, haben einen Pakt geschlossen: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, alternativer Ökonom aus Bangladesch, und Herbert Hainer, Chef des zweitgrößten Sportartikelherstellers der Welt - Adidas, ein Konzern, der im Jahr mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz macht.

Yunus und Hainer wollen ein außergewöhnliches Produkt auf den Markt bringen: einen Turnschuh, der maximal einen Euro kosten darf - und der trotzdem nicht nach zwei Monaten auseinanderfällt. Das Ziel ist, die Menschen vor Krankheiten zu schützen, die über den Fuß in den Körper eindringen.

Dazu kommt: Adidas darf mit diesem Schuh kein Geld verdienen. Denn der Schuh wird als Social Business produziert, eine Unternehmensform, die Yunus entwickelt hat. Das Ziel muss dabei stets die Lösung eines sozialen Problems sein, eine Rendite für die Investoren darf es nicht geben.

Am Freitagmittag sitzen die beiden Männer aus den unterschiedlichen Welten auf dem Podium des Global Social Business Summit in Wolfsburg. Ganz links: Der schmächtige und stets wissend lächelnde Yunus. Ganz rechts: Hainer, drahtig, machtbewusst, ein Entscheider.

Beide überstrahlen in der riesigen Halle der Volkswagen-Autostadt ihre Gesprächspartner deutlich - und das sind immerhin die Konzernchefs von BASF und Danone. Doch Yunus und Hainer dominieren sie, jeder ist auf seine Art cool und überlegen.

Vor genau einem Jahr haben sie an gleicher Stelle ihre Idee des Ein-Euro-Schuhs vorgestellt. Nun sind die Erwartungen groß: Was wird aus dem Turnschuh? Wann kommt er auf den Markt? Und wie schnell machen Adidas und Yunus Fortschritte?

"Ich denke, dass wir das hinkriegen"

Hainer gibt sich in Wolfsburg optimistisch: "Wir haben die Marktforschung in Bangladesch abgeschlossen und werden den Schuh wohl im kommenden Jahr auf den Markt bringen." Auch zum Preis von höchstens einem Euro, wie Yunus es wünscht? "Ich denke, dass wir das hinkriegen", antwortet der Adidas-Chef.

Die Kooperation mit Adidas - oder in anderen Fällen mit BASF und Danone - sind die öffentlichkeitswirksamen Highlights von Yunus' Social-Business-Idee. Aber damit erschöpft sich sein Modell nicht. Das Treffen in Wolfsburg ist geprägt von jungen, hochmotivierten und kreativen Menschen aus Japan, den USA und Südamerika. Sie alle eint, dass sie etwas gegen Armut und Hunger auf der Welt tun und sich zugleich beruflich verwirklichen wollen.

Doch die Zusammenarbeit mit den großen Konzernen birgt auch Risiken für die junge Bewegung des Friedensnobelpreisträgers und seine Mitstreiter um den Kreativberater Hans Reitz aus Wiesbaden. Kritiker wie Maik Pflaum von der Kampagne für saubere Kleidung werfen Adidas vor, mit dem Turnschuh-Projekt nur Imagepflege zu betreiben. "Wenn man überlegt, dass die Mitarbeiter bei Adidas-Zulieferern in Asien von ihrem Lohn nicht leben können, dann erscheint mir dieses Projekt eine reine Alibi-Veranstaltung zu sein", sagt Pflaum.

Tatsächlich dürfte es für die Konzerne eine wichtige Rolle spielen, Teil der "Yunus-Familie" zu sein, die der Professor aus Bangladesch in Wolfsburg immer wieder beschwört. Ein Vertreter eines der beteiligten Unternehmen sagt unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden, der einzige Profit seiner Firma bei dem Deal sei die imagefördernde Wirkung.

Yunus will keine Absolution erteilen

Während Hainer die Kritik mit dem Hinweis abtut, sein Unternehmen habe eine solche Imagepolitur nicht nötig, sagt Yunus, er wisse natürlich um die Gefahr. "Doch ich nehme sie hin. Denn das Gute, was wir mit Hilfe der großen Konzerne tun können, ist das Risiko wert." Außerdem erteile er den Firmen ja keine Absolution: "Nur weil sie nun vielleicht mit einem Prozent ihrer Macht soziale Probleme lösen, werden wir ihnen nicht helfen, die restlichen 99 Prozent vor der Öffentlichkeit zu verbergen."

Ziel sei es vielmehr, sagt Yunus, die Geisteshaltung bei den Mitarbeitern zu verändern. "Das Problem ist die Lehre der reinen Profitmaximierung. Wenn Menschen nun merken, was für ein Gefühl es ist, mit seiner Arbeit Gutes zu tun, werden sie sich verändern."

Solche Worte würde man von Adidas-Chef Hainer niemals hören. Er ist ein Manager und fühlt sich naturgemäß vor allem seinen Aktionären verpflichtet. "Social Business ist für mich die Weiterentwicklung von Charity", sagt Hainer. Yunus habe ihn vor zwei Jahren so beeindruckt, dass er ihm seine Hilfe zugesichert habe. "Mit seinem Charisma, seiner Überzeugungskraft."

Risiko des Scheiterns

Seit der Ankündigung des Turnschuh-Projekts hat man von Adidas indes nichts mehr zum Thema gehört. Und das hat einen einfachen Grund: Die Kooperation birgt auch für die Sportwaren-Giganten ein erhebliches Risiko. Denn sollte das Produkt den Sprung auf den Markt nicht schaffen, wäre das Unternehmen blamiert. Beim Wolfsburger Gipfel berichtet BASF-Chef Jürgen Hambrecht von eben so einer Erfahrung: Er musste ein Social Business in Bangladesch aufgeben.

Auch Hainer spricht von Problemen: Die Wünsche der Konsumenten in Bangladesch seien für die Entwickler völlig unbekannt gewesen. "Auch den Preis von einem Euro zu halten, ist natürlich schwer", sagt er. Zudem gebe es in dem Land unerwartet hohe bürokratische Hürden. Wegen der immensen Importzölle sollen die Schuhe aber dennoch in einer Fabrik in Bangladesch produziert werden.

Von dem Prototyp wurden gerade einmal 5000 Paar produziert. Wenn der Sprung zur Massenproduktion misslingt, wäre das für Hainer peinlich.

Yunus ist da in einer besseren Situation: Denn die Konzernchefs kommen nicht mehr so leicht aus ihrem öffentlichen Versprechen heraus. "Mit Social Business üben wir Druck auf die gesamte Wirtschaft aus. Druck, sich zu verändern und die Probleme auf der Welt nicht länger zu verursachen - sondern mitzuhelfen, sie zu lösen."

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insgesamt 54 Beiträge
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1. P ublic R elations
sic tacuisses 06.11.2010
Zitat von sysopDas ist ambitioniert Ziel: Ein Turnschuh, den sich auch die Ärmsten leisten können. Initiatoren des globalen Mega-Projekts sind Adidas-Chef Herbert Hainer und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Funktioniert die Allianz aus Kapitalismus und Gutmenschentum? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,727584,00.html
dieser Art ist immerhin zum Fast-Nulltraif zu haben. Was kostet Addidas denn eine TV - Werbeminute ? Gewinne muß das auch nicht abwerfen. Zumindest nicht direkt meßbare. Klar ??
2. Peinlich
titurel 06.11.2010
ist die Adaption des Begriffs "Gutmenschentum". Mehr fällt mir zu diesem Thema nicht ein. Es wird an der Zeit, nicht länger im SPON-Forum zu posten, sondern gleich zu Springer zu wechseln. Meine Fresse, was ist nur aus euch geworden...
3. yunus
zynik 06.11.2010
Zitat von sysopDas ist ambitioniert Ziel: Ein Turnschuh, den sich auch die Ärmsten leisten können. Initiatoren des globalen Mega-Projekts sind Adidas-Chef Herbert Hainer und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Funktioniert die Allianz aus Kapitalismus und Gutmenschentum? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,727584,00.html
Nur am Rande: Es ist schon interessant, dass der Begriff des "Gutmenschentums" sich ganz ohne Anführungszeichen im deutschen Wortschatz etabliert hat. Oder ist das nur bei SPON der Fall? Vor kurzem nannte man das noch soziales Engagement, Hilfsbereitschaft oder einfach Mitmenschlichkeit. Die Allianz aus "Schlechtmenschentum" und Kapitalismus funktionier derzeit ja hervorragend. Oder ist ersteres schlicht die Voraussetzung für den neuen Kapitalismus der neoliberalen Prägung? Was Herrn Yunus angeht, so wäre ein ausführlicher Bericht über dessen Arbeit im Bereich "social business", Mikrokredite und Entrepreneurship interessanter als der Ein-Euro-Schuh. Oder ist genau damit das sog. "Gutmenschentum" gemeint? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,663463,00.html
4. Gutmenschentum
Zephira 06.11.2010
Gutmenschentum ist ein völlig berechtigter Begriff, allerdings wird er hier falsch verwendet. Und was die Leute angeht, die nach dem Motto handeln "Lieber Millionen Menschen im Elend lassen, bevor ein Unternehmen auch nur an Ansehen dadurch gewinnt, dass ihnen geholfen wird" - selbstsüchtiger und menschenverachtender kann man wohl nicht argumentieren! Heuchlerisch wird das vor allem dadurch, dass ausnahmslos jeder dieser Meckerer absolut gegen soziales Engagement eintreten...Schlechtreden und Nichtstun heißt deren Devise. Da ist mir ein Wohltäter, der handwerksgerecht klappert, allemal lieber.
5. Sport ist Mord
schlaubert 06.11.2010
Hm, ein Industrie-Turnschlappen für die Armen in der Welt, wie soll man jetzt das verstehen? Sollen sich die Hungernden in der Wüste ein Bisschen mit Gymnastik fit halten? Vielleicht werden die Ausgaben bei der Entwicklungshilfe ja auch bald auf Wettbewerb umgestellt und nur die Schnellsten kriegen noch was ab? Evtl. will man potentielle Immigranten auch nur ermuntern, auf dem Landweg nach Europa zu joggen, damit sie nicht immer im Mittelmeer ersaufen? Kriegen sie die Socken etwa vorenthalten, nur um sie wegen Fussgeruchs auszugrenzen? Oder sollen sie einfach schonmal rennen, weil wir bald kommen? Fragen über Fragen, manchmal ist die Symbolik heutzutage doch arg zu verschlüsselt für einen alten Mann.
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Soziale Berater: Begeistert von der Yunus-Idee

Was ist Social Business?
Das Prinzip
Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.
Die Rendite
Macht das Unternehmen Gewinne, bleiben sie größtenteils im Unternehmen. Investoren bekommen nur das Geld zurück, das sie investiert haben. Eine Dividende gibt es in der Regel nicht.
Beispiele
Bekannte Unternehmen, die im Social Business aktiv sind, sind unter anderem BASF, Danone oder Veolia. BASF verkauft gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank erschwingliche Moskitonetze in Bangladesch. Danone gründete mit der Grameen Bank ein Joint Venture und verkauft einen Joghurt, der mit wichtigen Nährstoffen angereichert ist, für umgerechnet sechs Cent. Veolia versorgt die ärmsten Gebiete in Bangladesch mit Trinkwasser.
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