Historisches Insider-Urteil Richter straft die Wall Street ab

Es ist das bisher härteste Urteil wegen Insider-Handels - der frühere Hedgefonds-König Raj Rajaratnam muss elf Jahre hinter Gitter. Der Richter schickt ein starkes Signal Richtung Wall Street: "Die Verbrechen spiegeln eine Krankheit unserer Geschäftskultur wider, die ausgemerzt werden muss."

Von , New York

Raj Rajaratnam nach der Urteilsverkündung: Signal an die Wall Street
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Raj Rajaratnam nach der Urteilsverkündung: Signal an die Wall Street


Aus den Fenstern des Gerichtssaals 17B, hoch oben im 17. Stock, geht der Blick über die Türme der Macht. Vorne das fast 100-jährige Zuckerbäcker-Hochhaus der Stadtverwaltung, dahinter der Luxus-Tower des Star-Architekten Frank Gehry, schließlich die Skyscraper der Wall Street, in denen früher die Investmentbanken herrschten und jetzt die Krisen-Millionäre wohnen. Nieselwolken hängen tief.

Es ist ein fast schon nostalgischer Blick über Lower Manhattan, das symbolische Herz der Weltfinanz. Ein Blick, den Raj Rajaratnam, 54, bald nicht mehr wird genießen können: Am Donnerstag steht der Hedgefonds-Hai, der einst zu den Größten seiner Branche gehörte, vor Bezirksrichter Richard Holwell und nimmt das härteste Strafmaß entgegen, das es je gegeben hat in einem Insider-Skandal - elf Jahre Haft, plus zehn Millionen Dollar Strafe.

Der Ex-Milliardär zuckt mit keiner Wimper. Auch seine junge Gattin Asha Pabla, die hinter ihm sitzt, rührt sich nicht - selbst als Staatsanwalt Reed Brodsky ihren Mann als das "moderne Gesicht des illegalen Insider-Handels" brandmarkt. Ob er darauf noch etwas zu sagen habe, fragt der Richter nach. Rajaratnam schüttelt den Kopf: "Nein, danke, Euer Ehren."

Sehr gesittet und höflich geht es zu an diesem Vormittag vor dem Bezirksgericht Manhattan-Süd. Der Staatsanwalt macht Bücklinge, die Verteidiger loben den Richter, und Gerichtsdiener sorgen für Mucksmäuschenstille in dem mit Mahagoni getäfelten Saal, dessen schwerer Teppichboden das letzte Wispern verschluckt.

Es ist das leise Finale eines spektakulären Falls, der die Wall Street bis heute auf den Kopf stellt. Rajaratnam, der Gründer der Hedgefonds-Gruppe Galleon, war im Mai des massiven Insider-Handels schuldig gesprochen worden. Er hat sich durch vertrauliche Tipps und lancierte Konzern-Interna, die einfachen Investoren versperrt waren, rund 64 Millionen Dollar erschwindelt - der größte derartige Skandal in der Geschichte der US-Branche.

Jetzt, fünf Monate später, erscheint er erneut vor Gericht, zur Verkündung des Strafmaßes, das in den USA meist vom Urteil getrennt verhandelt wird. Mit ihm bangt ein Großteil der Wall Street: Denn die Grenze zwischen cleverer Analyse und Insider-Informationen, zwischen Talent und Klüngel, veschwimmt dort schon seit langem, und die Höhe der Strafe würde zeigen, wie erfolgreich die US-Regierung in ihrem Kampf gegen die Abzocker der Finanzmärkte ist.

"Am oberen Ende der Strafmaße"

25 Jahre hat die Staatsanwaltschaft gefordert, das entspricht der Mindeststrafe für Mord. Die Verteidigung plädierte auf weit weniger: Der Angeklagte sei schwer krank und ansonsten ein guter Mensch. Richter Holwell hält sich in der Mitte: mildernde Umstände - doch immer noch der härteste Schlag, den ein US-Gericht bisher in einem solchen Fall ausgeteilt hat.

"Seine Verbrechen und deren Ausmaß spiegeln eine Krankheit in unserer Geschäftskultur wider, die ausgemerzt werden muss", sagt Holwell, der vor einem Sternenbanner sitzt und mit seinem auffallenden weißen Schnäuzer wie ein Relikt aus alten Zeiten wirkt. Insider-Handel sei "heimtückisch" und "ein Angriff auf die freien Märkte" und stelle deren Integrität in Frage.

Zugleich aber müsse er auch die "persönlichen Umstände" in Betracht ziehen, fügt der Richter hinzu. Er berief sich auf die "gemeinnützigen Werke" Rajaratnams, etwa seine großzügigen Spenden für Erdbebenopfer in Pakistan und 9/11-Hinterbliebene. Auch leide er an akuter Diabetes, die unweigerlich zu Nierenversagen und einer Transplantation führen werde.

Das Strafmaß sei also "ausreichend, aber nicht schwerer als nötig", schloss Holwell. Elf Jahre Haft liege "mit Sicherheit am oberen Ende der Strafmaße für vergleichbare Verbrechen".

Mächtigste Akteure der Wall Street

Damit mündet dieser Moment zwar nicht in die von der Staatsanwaltschaft erwünschte Mega-Strafe, ist aber trotzdem ein Sieg für die US-Regierung in ihrem Krieg gegen Insider-Handel. Ihm gegenüber waren die Gerichte lange milde gestimmt, da er keine richtige Bedrohung der Gesellschaft darstelle und es keine "Opfer" gebe, anders als zum Beispiel im Fall des Milliardenbetrügers Bernard Madoff, der die Existenz von Hunderten Menschen zerstörte.

Doch damit ist es nun offenbar vorbei. Staatsanwalt Brodsky nennt Rajaratnam "den wohl ungeheuerlichsten Insider-Händler, der je in einem US-Gerichtsgebäude seiner Strafe entgegensah". Der in Sri Lanka geborene Investor habe immer ein privilegiertes Leben gehabt und trotzdem skrupellos die Gesetze gebrochen, um sich weiter zu bereichern. Auch erinnerte er Holwell daran, dass das Strafmaß eine Signalwirkung auf die Wall Street habe.

"Insider-Handel grassiert", sagt Brodsky und widersprach dem Einwand, es gebe keine richtigen "Opfer". Schon in den achtziger Jahren - als die Wall Street von den ersten Insider-Skandalen erschüttert wurde - habe der Kongress befunden, dass solche Verbrechen das Vertrauen in die US-Märkte erschüttern, worunter letztlich die gesamte Wirtschaft leide.

Verteidiger Terence Lynam hielt dagegen, dass sein Mandant ein gutmütiger Mensch sei - und versteigt sich dabei zu einer abenteuerlichen Behauptung: "Raj Rajaratnam hat versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

Dieses Image wurde jedoch spätestens vor fast exakt zwei Jahren zerstört, als Rajaratnam in Manhattan festgenommen wurde. Da stürzte der Hedgefonds-Tycoon aus dem Olymp der New Yorker Finanzelite - und riss eine ganze Sparte in Misskredit, deren Mitglieder sich zu den mächtigsten Akteuren der Wall Street aufgeschwungen hatten, mit Vermögensposten von insgesamt mehr als zwei Billionen Dollar.

Madoff wartet schon

Rajaratnams Privatvermögen allein wurde damals von "Forbes" auf 1,5 Milliarden Dollar geschätzt. Seine Galleon-Gruppe managte zeitweise sogar sieben Milliarden Dollar. Doch mit dem immensen Reichtum kam irgendwann auch das kritische Auge der Kontrollbehörden.

In den letzten zwei Jahren erhob die New Yorker Staatsanwaltschaft in Zusammenarbeit mit der US-Börsenaufsicht SEC insgesamt 52 Anklagen wegen Insider-Handels. Rajaratnam stellte sie in den Mittelpunkt des größten Insider-Netzes. Während des Prozesses spielte sie Hunderte abgehörte Telefonate ab, um zu beweisen, wie er illegale Aktientipps zugespielt bekam, aus den Reihen von Konzernen wie Google, McKinsey und Goldman Sachs.

Vor Rajaratnam wurden 13 weitere Angeklagte aus seinem Umkreis in separaten Prozessen verurteilt. Der frühere Galleon-Trader Zvi Goffer landete für zehn Jahre in Haft, die anderen im Schnitt für drei Jahre - spürbar mehr als in früheren Verfahren. Rajaratnam, als Rädelsführer und Hauptprofiteur, bekam folglich die höchste Strafe von allen.

Seine Anwälte haben Berufung angekündigt, sie beanstanden die Rechtmäßigkeit der geheimen Telefonmitschnitte, mit denen Rajaratnam der Justiz ins Netz geriet. Trotzdem muss sich der Verurteilte am 28. November bei der Gefängnisbehörde melden und seine Strafe antreten. Vermutlich wird er, vor allem wegen seiner angeschlagenen Gesundheit, in die entsprechend ausgerüstete Haftanstalt Butner in North Carolina kommen.

Dort wartet Bernard Madoff schon auf ihn.

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Transmitter, 13.10.2011
1. Wir brauchen mehr solcher "Signale"!
Nun ist "Insider-Handel" auch hierzulande strafbar, wenngleich sehr schwer beweisbar. Man muss schon ziemlich dusslig und extrem dilettantisch vorgegangen sein, wenn man dabei erwischt wird. Immerhin macht dieses Urteil Hoffnung. Was dringend angebracht ist sind Urteile gegen die verluderten, abgezockten Bangster, die mit selbst zusammengebastelten, CDS-abgesicherten, "virtuellen" Finanzprodukten Anleger perfide hinters Licht führen und Scheingewinne produzieren. Fiat-Money, für das sie dann unanständige Riesenboni kassieren (und damit privat in reale Werte umwandeln). Gegen solche zweifelhaften "Produkte" Gesetze zu erlassen geht nicht, die Justiz wäre mit der Beurteilung der Legalität völlig überfordert. Gesetzlich geregelt werden könnte aber, dass Boni und leistungsbezogene Vergütungen aller Art, die auf Gewinnen mit solchen "virtuellen Bankgeschäften" basieren, fünf Jahre lang einem Verlustvorbehalt unterliegen. Das bedeutet, dass Abzock-Bangster ihre schöne "Erfolgsvergütung" zurückzahlen müssen, wenn diese zweifelhaften Produkte crashen. Die Banken müssten solche Rückzahlungsansprüche jeweils gesondert errechnen und in dem Abschlüssen ausweisen. Eine Haftpflichtversicherung dagegen muss gesetzlich verboten werden. Ich mache jede Wette, dass solche Sauereien, wie wir sie im Fall "Wall Street" erlebt haben und erleben, dann kaum noch vorkommen. Spätestens nach ein, zwei spektakulären Privatinsolvenzen ehemaliger Boni-Abzocker hört dieser ungeheuerliche Spuk auf. Warum machen das die Gesetzgeber nicht endlich?
mark anton, 13.10.2011
2. Man kann dazu nur sagen: too little, too late
Zitat von sysopEs ist das bisher härteste Urteil wegen Insider-Handels - der frühere Hedgefondskönig Raj Rajaratnam muss elf Jahre hinter Gitter. Und es ist ein starkes Signal Richtung Wall Street: "Die Verbrechen spiegeln eine Krankheit unserer Geschäftskultur wider, die ausgemerzt werden muss", sagte der Richter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,791747,00.html
Der wohlgenaehrte Betrueger, wird sicherlich im Knast einige Pfunde verlieren, vielleicht auch zur Besinnung kommen, allerdings hoffentlich nie wieder die Gelegenheit haben, andere mit Riesensummen hereinzulegen. 2008 war auf Grund der von Wallstreetfirmen und London City verursachte, weltweite Finanz und Wirtschaftscrash auf Grund der Spekulationen mit wertlosen Immobilienpaketen ausgeloest worden. Die Regierungen plaedierten anlaesslich der unleugbaren Ausloeser fuer eine Abloesung/Bestrafung der Schuldigen, kuenftige Massnahmen dies zu verhindern durch Verbot bestimmter Spekulationsgeschaefte und Leerverkaeufen. Einschraenkung der Bonusmillionen an Spekulanten am Bildschirm etc. ] Seitdem war auf diesem Gebiet nahezu nichts geschehen, wegen des Einflusses der Banken, ihrer Lobbysten auf Politiker und Parteien, die fette Belohnungen genannt Spenden zahlen, gegen das Versprechen - weiter so wie bisher. Durch Handel mit Staatsanleihen von Pleitestaaten in Europa, vornehmlich Griechenlands, haben die Banken die Weltwirtschaft, d.h. deren Finanzgefuege nach 3 Jahren schon wieder in eine gefaehrliche Situation gebracht, wegen Gier nach hoehen Zinsen - obwohl sie natuerlich wusssten, was von deren Volkswirtschaften zu halten war, d.h. nichts. Die betr. Banken sollten abgewickelt werden, von der bildflaeche verschwinden, falls oeffentliche Gelder der Steuerzahler, wie geplant fuer deren sog. Rettung eingesetzt werden. Uebrigends sollte jeder Staat, auch F seine Banken selbst finanzieren, niemals durch den Rettungsschirm. Die Regierungen der Industrielaender haben schliesslich selbst diese Situation unter ihren Augen und der EU entstehen lassen.
max-mustermann 13.10.2011
3. kein Titel
Mal abgesehen davon das ich dieses Urteil begrüße stößt mir die Tatsache bitter auf das jemand offenbar nur genug Geld für Wohltätige Zwecke spenden muss und schon kommt er mit einer milderen Strafe davon, soviel zum Thema vor dem Gesetz sind alle gleich.
scoopx 13.10.2011
4. "Historisch"?
Solche Fälle gibt es immer wieder. Sie dienen eigentlich nur dazu, eine Differenz aufzubauen zwischen kriminellen Machenschaften und einer ansonsten hochkomplizierten und schwer durchschaubaren, aber sauberen Finanzindustrie. Ich bin jedoch der Meinung, daß die angelsächsische Finanzindustrie als Ganzes wie ein Verbrechersyndikat funktioniert. Jüngstes Beispiel ist der Phantom-Crash des DAX im August und September, der meines Erachtens von den Amerikanern inszeniert wurde, um die Gelder aus den Verkäufen in US-Staatsanleihen zu schaufeln. Auch bei der Herabstufung der USA durch Standard & Poor's war "schwer nachzuweisender" Insider-Handel im Spiel, das stand sogar im "Spiegel Online".
thomas bode 13.10.2011
5. Die Wall-Street bestraft?
Aktivitäten der Finanzindustrie die unzählige Menschen ins Unglück stürzen werden keineswegs bestraft, sondern sind nach wie vor legal. Wenn ein Verhalten bestraft wird das diese legale Skrupellosigkeit noch übertrifft, so ist das keineswegs eine Bestrafung der Wall-Street an sich.
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