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15. Juli 2010, 17:54 Uhr

Hitzefalle ICE

Wer für das Bahn-Debakel verantwortlich ist

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Die Bahn steckt in der Imagekrise. ICE-Klimaanlagen sind bei extremen Temperaturen überfordert, in insgesamt 48 Zügen gab es Probleme - jetzt attackieren Politiker aller Parteien den Konzern, verlangen Konsequenzen. Dabei ist die Regierung mitverantwortlich für den drastischen Sparkurs.

Hamburg - Da ist es wieder, das Feindbild Bahn: "Klimaanlagen, die nur im Winter funktionieren, sind ein schlechter Witz", sagt Erik Schweickert, Bundestagsabgeordneter der FDP. Auch beim Koalitionspartner CSU gibt man sich empört: "Ein ICE muss bei minus 40 Grad laufen und bei plus 40 Grad auch", lässt Verkehrsminister Peter Ramsauer seinen Staatssekretär verkünden.

Überraschend kommt das nicht. Kaum steht die Bahn in der Kritik, folgt unweigerlich die Schelte durch Politiker. Dieses Mal ist es das Hitzechaos.

Seit am Samstag neun Schüler in einem ICE einen Kollaps erlitten, vergeht kein Tag ohne neue Berichte über Bratröhren-Züge. Und über Menschen, die ärztlich versorgt werden müssen. "Die Situation macht uns sehr betroffen", sagte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg am Donnerstag in Berlin. Jeder Reisende, dessen Gesundheit beeinträchtigt werde, sei einer zu viel. Seit Freitag vergangener Woche sei bei 5500 Fernzugfahrten in 48 Fällen die Klimaanlage ausgefallen - warum es vor allem in ICE-2-Zügen passiere, sei immer noch nicht klar. Der Konzern tue alles, um zu ergründen, worin das Problem bestehe.

Inzwischen ist klar, dass die Klimaanlagen in den ICE-1- und -2 nur bis 32 Grad einwandfrei laufen, danach kühlen sie nicht mehr richtig. Bei neueren Modellen sind es 35 Grad. Sollte dies zutreffen, werfe dies ein schlechtes Licht auf die Bahn-Manager, sagt dazu FDP-Politiker Schweickert. Die Bahn müsse nun "dringend handeln" und ihre Klimaanlagen "sommerfest machen".

Klingt gut. Das Problem ist nur: Die Koalitionspolitiker unterschlagen, dass die aktuelle Bundesregierung und ihre Vorgänger an den Problemen eine Mitschuld tragen.

Denn die Bahn sollte sparen, um fit für einen Börsengang zu sein.

Der fiel dann zwar wegen der Finanzkrise aus. Aber der Staatskonzern durfte trotzdem nicht mehr Geld ausgeben - im Gegenteil. Erstmals fordert die Regierung nun sogar Geld zurück. 500 Millionen Euro jährlich, für die Bahn ist das angesichts von 15 Milliarden Euro Schulden und der teuren Übernahme des britischen Konkurrenten Arriva ein Batzen Geld.

Für den Börsengang sei "unglaublich bei den Kosten gespart" worden, kritisiert Winfried Hermann, Grünen-Politiker und Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestages. Zudem seien die Reservekapazitäten abgebaut worden, sprich, es gibt weniger Ersatz, wenn Züge ausfallen. Das räche sich natürlich bei hohen Belastungen, sagt Hermann.

Auch die Gewerkschaft der Lokführer GDL erhebt schwere Vorwürfe gegen Bahn und Politik. So sei auch eine "nicht voll umfängliche Wartung aller Komponenten" Grund für den Ausfall der Klimaanlagen. "Diese wurde früher gewährleistet, ist aber durch den Spar- und Börsenkurs zunehmend verlorengegangen", sagt GDL-Chef Claus Weselsky. Es sei "ein Unding, dass Zugbegleiter oder Lokomotivführer nach solchen Vorfällen angeklagt werden".

Wie will die Bahn nun ihre Probleme lösen? Kann sie von anderen Ländern lernen? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wer ist für den Einbau der Klimaanlagen verantwortlich?

Siemens. Der Konzern führt das ICE-Herstellerkonsortium an. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte das Unternehmen nicht sagen, welche Firmen die Klimaanlagen für die betroffenen Züge gebaut haben. "Solange die Ursachenanalyse nicht abgeschlossen ist, wollen wir dazu keine Details mitteilen", sagte eine Sprecherin.

Laut Thomas Terhorst vom Verein Deutscher Ingenieure dürften die Klimaanlagenhersteller sich aber wenig vorzuwerfen haben. "Die deutsche Klimatechnik ist weltweit führend." Ein Problem könne aber sein, dass die Anlagen nie für Temperaturen geschaffen wurden, wie sie derzeit herrschen. "Dabei ist nicht entscheidend, ob sie bis 32 Grad oder bis 35 Grad angelegt sind." Ausschlaggebend sei vielmehr, was passiert, wenn dieser Grenzbereich überschritten wird: "Fällt die Anlage dann komplett aus, oder ist nur die Leistung beeinträchtigt?" Im Fall des ICE 2 haben sich die Kühlsysteme wohl mehrfach ganz abgeschaltet.

Doch was heißt das für die Schuldfrage? Siemens weist schon mal jede Mitschuld von sich: "Die Leitung der Ursachenanalyse und die Verantwortung dafür liegen allein bei der Bahn", sagte die Sprecherin. Noch weiter ging ein namentlich nicht genannter Siemens-Kollege in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung": Die Bahn habe Wartungsverträge mit Siemens abgelehnt und sei damit selbst schuld. "Wer ein Auto kauft und es zehn Jahre nicht zur Werkstatt bringt, darf sich auch nicht wundern, wenn er irgendwann mit dem Fahrzeug liegenbleibt."

Damit konfrontiert, sagte die Sprecherin, Siemens distanziere sich von den Äußerungen: "Sie spiegeln nicht die Meinung des Siemens-Konzerns wider." Dennoch dürften solche Äußerungen die Geschäftsbeziehungen zur Bahn nicht unbedingt verbessern.

Warum gibt es jetzt Probleme?

Darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Während zunächst vor allem von einer Verschmutzung der Klimaanlagen und mangelnder Wartung die Rede war, lassen Berichte vom Donnerstag vermuten, dass die Kühlsysteme mit den herrschenden Temperaturen überfordert sind.

Ein Grund könnte sein, dass die betreffenden ICE-Züge in den achtziger und neunziger Jahre gebaut wurden - als mit Hitzewellen wie in diesen Tagen nicht gerechnet wurde. Thomas Terhorst vom Verein Deutscher Ingenieure sagt, die Vorgaben für Klimaanlagen seien in den vergangenen Jahren angepasst worden - allerdings nur für Gebäude, nicht für Züge.

Die Verantwortung liege aber in jedem Fall bei der Bahn, sagt Terhorst. Dort weist man den Vorwurf, die Pflege der Klimaanlagen vernachlässigt zu haben, strikt zurück. Die Wartung sei "gemäß dem geltenden Regelwerk und den Empfehlungen der Hersteller durchgeführt worden", teilt die Bahn mit. Eine Untersuchung habe gezeigt, dass "weder ein Wartungsmangel noch ein systematischer technischer Fehler bei den Klimaanlagen der ICE-2-Flotte vorliegt", sagte Bahn-Vorstand Ulrich Homburg.

Die Klimaanlagen hätten bislang ohne Auffälligkeiten funktioniert und seien erst "durch die extreme Hitze an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen". Bahn-Chef Rüdiger Grube hat dem "Tagesspiegel" einmal gesagt, dass moderne Züge eben anfällig seien. "Das ist Hightech", sagte er in dem Interview im Juni - damals noch mit Bezug auf ausgefallene Züge im Winter (siehe Fotostrecke in der linken Spalte).

Haben andere Länder auch Ärger mit ihrer Bahn?

Ja, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. In Schweden litten am Dienstag 200 Reisende sechs Stunden bei geschlossenen Fenstern unter quälender Hitze - ohne Klimaanlage oder Wasser. Passagiere berichteten von Panik, Ohnmachtsanfällen und "Lynchstimmung gegenüber dem Personal".

Auch in Italien fallen die Klimaanlagen öfter mal aus. Der Chef der nationalen Bahn Ferrovie dello Stato wies Vorwürfe zurück: In Europa gebe es nun mal klimatische Unterschiede.

Besser läuft es allerdings in Spanien und Frankreich. Obwohl es in beiden Länder häufiger extrem hohe Temperaturen gibt, sind die Klimaanlagen der Züge zuverlässig. Der TGV, das französische Gegenstück zum ICE, hat einen hervorragenden Ruf.

Spanien hat in den vergangenen zehn Jahren viel Geld in ein Hochgeschwindigkeitsnetz investiert. Die Züge stammen vom französischen Hersteller Alstom und vom spanischen Konkurrenten CAF, auch Siemens hat Züge vom Typ Velaro E geliefert - einer Weiterentwicklung des ICE 3.

Wie will die Bahn Pannen künftig verhindern?

Der Konzern hat eine Task Force eingerichtet, um die Probleme zu untersuchen und zu lösen. Entscheidend sei aber, dass die Bahn nicht nur kurzfristig agiere, sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. Die Generalüberholung im Herbst müsse der Konzern vielmehr dazu nutzen, die grundlegenden Probleme zu lösen: "Der nächste Jahrhundertsommer kommt bestimmt."

Die Bahn hat angekündigt, die Klimaanlagen in ihre Generalüberholung einzubeziehen. Betroffen seien 44 Züge der ICE-2-Flotte, der Konzern gibt Kosten über hundert Millionen Euro an. Die Bahn kündigte zudem an, bei der regelmäßigen Wartung besonders zu testen, ob die "Leistungsfähigkeit der Kühlsysteme sichergestellt ist".

Zunächst wurde berichtet, die Bahn, Siemens und die Klimaanlagenhersteller seien an der Task Force gleichberechtigt beteiligt. Das weist eine Siemens-Sprecherin auf Anfrage zurück. Man habe lediglich auf Bitten der Bahn ein paar Experten entsandt. Die Leitung der Task Force liege bei der Bahn.

Bereits nach den Ausfällen im Winter hatte Bahn-Chef Rüdiger Grube eine Kunden- und Qualitätsoffensive angekündigt. Daran wird sich der Manager messen lassen müssen. Zwar gilt er im Vergleich zu seinem unbeliebten Vorgänger Hartmut Mehdorn als konzilianter und empfänglicher für Kritik. Entscheidend wird aber auch für seine Zukunft sein, ob die Bahn ihre Probleme in den Griff bekommt.

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