Hitzepannen ICE-Hersteller wehren sich gegen Schlampereivorwurf

Bei einem Krisentreffen mit Verkehrsminister Ramsauer muss sich die Deutsche Bahn für ihre Klimaanlagen-Pannen rechtfertigen - kurz vorher gerät sie erneut unter Druck. Die Hersteller der Pannenzüge schieben die Schuld dem Konzern zu - der habe die ICE nicht ordentlich gewartet.

DPA

Berlin - Heiße Waggons, defekte Klimaanlagen, ausgetrocknete Reisende - die Fahrten mit ICE-Zügen waren für viele in den vergangenen Wochen beschwerlich. Doch wer ist verantwortlich? Der Verband der Bahnindustrie weist jede Schuld von sich und zeigt sich empört über den Vorwurf von Bahn-Chef Rüdiger Grube, die Hersteller hätten schlechte Qualität geliefert. Grube hatte im Zusammenhang mit dem Hitzechaos gesagt, die Bahn habe von der Industrie bislang "fast nie Züge geliefert bekommen, die auch das geleistet haben, wofür wir bezahlt haben".

Die Branche sei "sehr überrascht und irritiert" über die "unberechtigten" Anschuldigungen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie, Ronald Pörner, der "Berliner Zeitung": "Die Hersteller liefern keinen Schund, keine Züge mit Systemfehlern." Er verwies auf mögliche Wartungsmängel der Bahn.

Die Bahn hat derzeit wegen hochsommerlicher Temperaturen Probleme mit Klimaanlagen in Teilen ihrer ICE-Flotte. Die Klimaanlagen in ICE-2-Zügen sind nur für Temperaturen bis 32 Grad Celsius ausgelegt. Einem Bericht des ZDF-Magazins "Frontal 21" zufolge waren in einigen Waggons Temperaturen von über 70 Grad Celsius gemessen worden. Dies gehe aus einer "internen Störfallanalyse" des Konzerns hervor. Die Bahn nannte den Bericht "in keiner Weise nachvollziehbar". Die maximale gemessene Temperatur habe in dem betroffenen Zug 61 Grad betragen und sei außerhalb des Fahrgast-Innenraumes festgestellt worden.

Wegen der Pannenserie findet am Donnerstag ein Krisentreffen in Berlin statt - Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Vertreter des Verkehrs- und Verbraucherausschusses des Bundestags treffen sich mit Bahn-Chef Grube.

"Die Chefetage hält sich vornehm zurück"

Die Lokführergewerkschaft GDL kritisierte am Donnerstag das Krisenmanagement Grubes. Die Probleme seien viel zu spät erkannt worden, sagte der GDL-Bundesvorsitzende Claus Weselsky der "Passauer Neuen Presse". Es sei ärgerlich, dass der Konzernchef in der Öffentlichkeit von einem "schlechten Krisenmanagement der Mitarbeiter in den Zügen" gesprochen habe: "Vom letzten Glied in der Kette wird ein perfektes Krisenmanagement verlangt, während sich die Chefetage vornehm zurückhält."

Grünen-Politiker Winfried Hermann forderte das Unternehmen auf, seine Mitarbeiter besser für Notlagen wie beim Ausfall der Klimaanlagen in Zügen zu trainieren. "Die Bahn muss sich mehr Mühe geben beim Trainieren von Sonderfällen, von extremen Chaossituationen - dass die Zugbegleiter in Übungssituationen lernen, mit Notsituationen umzugehen", sagte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestags im ARD-"Morgenmagazin". Auch er nimmt am Krisentreffen mit Grube und Verkehrsminister Ramsauer teil.

Kritik kam auch vom Fahrgastverband Pro Bahn - wegen der Zahlung von Schmerzensgeld. Die Bahn hatte am Mittwoch angekündigt, allen ICE-Fahrgästen, die wegen Hitze im Zug ärztlich behandelt werden mussten, 500 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Mehr als 2200 hitzegeplagte Bahnfahrer erhielten bislang eine Entschädigung in Form von Reisegutscheinen.

Der Fahrgastverband Pro Bahn bezeichnete auch die nachgebesserte Entschädigung als unzureichend. Wer im Krankenhaus behandelt werden musste, "sollte sich mit 500 Euro nicht zufriedengeben", sagte Pro-Bahn-Vorstandsreferent Joachim Kemnitz der "Berliner Zeitung". Das Geld decke "nicht einmal die Transportkosten mit dem Krankenwagen".

kgp/AFP/ddp/dpa



insgesamt 2247 Beiträge
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F. Schneider 12.07.2010
1.
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Früher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Carnival Creation, 12.07.2010
2. .
Wachstum, Wachstum über alles... Solange nur die Gier des Neoliberalen Managements der Bahn zählt, muß man ich über solche unfassbaren Peinlichkeiten nicht wundern. Aber wie konnte man denn auch AHNEN, daß wir so ein heißes Wetter kriegen würden? Davor warnen die 'Klimahysteriker' ja schließlich erst seit 20 Jahren.... Das Spiel beginnt! Jetzt!
idealist100 12.07.2010
3. Hauptsache
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Hauptsache Gewinn und Marktreif zum verscherbeln. Wo sind die Verantwortlichen ?? Unterdimensionierte Anlagen ausgelegt auf max. 30 Grad schalten bei höheren Temperaturen einfach zur Sicherheit ab.
robert_t_offline 12.07.2010
4.
Zitat von F. SchneiderFrüher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Jo das macht bei 300 sicher Spass ^^ Jetzt sagen sicher manche "Ja dann sollen se langsamer fahren" und dann maulen die anderen "Dann bin ich ja ewig unterwegs" :D Da simmer wieder in Deutschland..kann mer meckern ^^
buktu1975 12.07.2010
5. Das ist doch nix neues...
Das ist doch nichts neues: Hatte ich schon mal im ICE im Rekordsommer 2003. Klimaanlage defekt und lauschige gefühlte (und wahrscheinlich reelle) 50° im Abteil. Der Schaffner hat immerhin kühle Drinks ausgegeben. Ich dachte, die hätten mittlerweile dazugelernt. PS: Im Nahverkehr zum Flughafen hatte ich kürzlich eine klimatisierte S-Bahn! Ich war erstaunt!
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