Hamburg - Das Opfer zappelt noch, aber am Ende wird es sich seinem Schicksal wohl ergeben müssen. Erneut versucht der Essener Baukonzern Hochtief
, den Fängen des spanischen Konkurrenten ACS zu entkommen. Der Trick: Er will den Angreifer zu einem gesonderten Pflichtangebot für die australische Tochter Leighton zwingen. Das käme ACS teuer: Firmenkäufer in Australien müssen den Aktionären einen Aufschlag bieten.
Den Ausfallschritt ans andere Ende der Welt macht Hochtief auch, weil das heimische Übernahmerecht kaum wirksamen Schutz vor einer Attacke bietet, wie ACS sie derzeit aufführt. An der Schwelle zur 30-Prozent-Beteiligung angekommen, reicht es den Spaniern, einmalig ein völlig unattraktives Angebot an die Hochtief-Eigner abzugeben. Der Preis orientiert sich am Kursschnitt der vergangenen drei Monate. Danach kann das Unternehmen in aller Seelenruhe so viele weitere Aktien an der Börse kaufen, wie es will.
Hochtief ist damit kein Einzelfall. Prinzipiell sind deutsche Unternehmen vergleichsweise leicht zu übernehmen, leichter jedenfalls als Firmen in anderen europäischen Ländern. Schon die Art, wie Porsche
sich an Volkswagen
heranschlich und Schaeffler nach Continental
griff, hat dies verdeutlicht - zumal die Angreifer sich damals noch unbemerkt im Hintergrund Optionen für weitere Aktien sicherten.
Nun steht es einem Investor prinzipiell frei, Firmenanteile und ganze Firmen von anderen zu übernehmen, doch unter bestimmten Umständen erlangt solch ein Vorhaben eben eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Wenn die Firma einer Schlüsselbranche auf dem Einkaufszettel eines ausländischen Angreifers steht, wenn die Zerschlagung droht, dem Land Know-how verlorengehen könnte - dann werden warnende Stimmen laut. So wie jetzt.
Nur noch zwei namhafte deutsche Konzerne
"Wir haben eine Schutzlücke im deutschen Wertpapiererwerbs- und Übernahmerecht", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil. "Gesunde deutsche Unternehmen brauchen einen verstärkten Schutz nach dem Vorbild der Regelungen in anderen europäischen Ländern."
Für die nächste Sitzungswoche des deutschen Bundestags haben die Sozialdemokraten eine gemeinsame Fraktionsinitiative zur Änderung des Übernahmegesetzes angeregt, abgestimmt mit einer Initiative der nordrhein-westfälischen Landesregierung im Bundesrat.
In manchen Branchen sehen auch Analysten das Problem. "Wir müssen uns fragen, ob wir diesen Ausverkauf zulassen wollen", sagt Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe mit Blick auf den emotional aufgeheizten Fall Hochtief. Er hat dabei weniger die Gesetzeslage im Blick, als die für ausländische Firmen oft attraktive Finanzlage der deutschen Firmen. Doch das eine kommt eben zum anderen.
Der Essener Baukonzern ist einer von zwei verbliebenen Branchengrößen in Deutschland, der andere ist Bilfinger Berger. Zahlreiche Unternehmen mit klangvollen Namen sind entweder von einer der vielen Krisen am Bau hinweggerafft worden, wie die Philipp Holzmann AG im Jahr 2002 oder Walter Bau 2005.
Übernahmeregeln im Ausland strenger
Andere sind unter die Fittiche ausländischer Unternehmen geflüchtet. So geriet Ed. Züblin an die österreichische Strabag. Insofern fürchten viele einen Ausverkauf des verbliebenen deutschen Bau-Know-hows. Dies wäre allein deshalb ärgerlich, weil es weltweit eine steigende Nachfrage danach gibt, vor allem in Schwellenländern. Auf jene Geschäfte hat es beispielsweise ACS abgesehen.
Wenn dann ausgerechnet ein spanisches Unternehmen kommt, das jahrelang durch gute Geschäfte auf dem für Ausländer weitgehend abgeschotteten Heimatmarkt gewachsen ist, ist die Aufregung besonders groß. Zumal Infrastrukturprojekte in Spanien mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Subventionen aus EU-Töpfen umgesetzt wurden. "Das ist schon bitter", sagt Analyst Gabriel.
Gerade Spanien wehrt sich seinerseits erfolgreich gegen Firmenkäufer aus dem Ausland. Auch in Frankreich und Italien sind die Vorgaben für potentielle Käufer strenger als in den meisten anderen europäischen Ländern. Wenn ein Investor dort nach Überschreiten der ersten Schwelle innerhalb von zwölf Monaten allein oder mit Partnern seine Beteiligung um mindestens weitere fünf Prozent (in Frankreich zwei Prozent) erhöht, muss er erneut ein Pflichtangebot abgeben. In Spanien wird dies zusätzlich bei Erreichen der 50-Prozent-Grenze fällig.
Zudem wird dort eine solche Offerte nötig, wenn der Interessent mehr als die Hälfte der Vorstandsmitglieder des Übernahmeziels bestimmt. Eine Befreiung vom Pflichtangebot wie in Deutschland gibt es in diesen Ländern somit nicht. Aufgrund des geballten Widerstands, auch seitens Aufsichtsbehörden und Politik, hatte beispielsweise E.on 2007 den Versuch aufgegeben, den spanischen Konkurrenten Endesa zu übernehmen. Die spanische Regierung hatte ausdrücklich eine "nationale Lösung" für den Konzern bevorzugt.
Regierung will Gesetz nicht ändern
Daneben gibt es etwa in Großbritannien strengere Meldepflichten als in Deutschland, wenn ein Unternehmen einen Annäherungsversuch startet. Britische Firmen müssen bereits früher bei ersten Marktspekulationen bekanntgeben, dass es Kontakte gab und mit welchen Partnern sie auftreten. Zudem ist ein Anschleichen mit Hilfe bestimmter Finanzinstrumente wie etwa Derivaten in Großbritannien schwieriger möglich als hierzulande.
Die Sozialdemokraten wollen das deutsche Recht nun dem der anderen Länder anpassen. "Wir schlagen vor, die bisher nur für das Erreichen der 30-Prozent-Schwelle geltenden Regelungen auch dann anzuwenden, wenn der Aktionär seine qualifizierte Beteiligung innerhalb eines Jahres um weitere zwei Prozent der Anteile ausbaut, solange er nicht die Aktienmehrheit hält", sagt SPD-Fraktionsvize Heil. So solle es in das Wertpapiererwerbsgesetz einfließen.
Die Bundesregierung hat jedoch inzwischen klargestellt, dass sie keine Gesetzesänderung plant. Für Hochtief käme diese ohnehin zu spät. Auch der Bundesratsinitiative der SPD räumen Insider kaum Chancen ein.
Unbefriedigend bleibt die Lage daher auch für kleinere Investoren. Angreifer wie ACS sind auf einen Deal mit ihnen nicht angewiesen - dank der deutschen Rechtslage. Dem Machtwechsel im Unternehmen sehen die meisten Kleinanleger deshalb wohl auch im Fall von Hochtief tatenlos zu.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Bauwirtschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH