Hoffnungsträger Schwellenländer Die neuen Bosse in Davos

Weil der Westen wackelt, schauen alle auf sie: Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien sollen die Weltwirtschaft vor einem neuen Absturz bewahren. Ihr Selbstbewusstsein wächst - das zeigt beim Weltwirtschaftsforum auch der Wutanfall eines indischen Ministers.

Aus Davos berichtet

Indischer Handelsminister Anand Sharma: ""Ihr solltet Euch um Eure Heimatländer sorgen"
DPA

Indischer Handelsminister Anand Sharma: ""Ihr solltet Euch um Eure Heimatländer sorgen"


Fast möchte man sie tröstend in den Arm nehmen, die beiden Mounties auf der Promenade von Davos. Während des Weltwirtschaftsforums sollen die Männer von Kanadas berittener Polizei für Investitionen in ihrer Heimat werben. Ein Fotograf steht bereit, um Passanten zusammen mit den Rotröcken abzulichten. Doch viel zu tun hat er nicht - das Interesse an den Mounties ist ziemlich gering.

Immerhin versuchen die Kanadier ihr Glück. Die große Show machen in Davos aber andere: Nur wenige Meter von den Mounties entfernt türmt sich der Schriftzug "Mexiko" bunt in die Luft. Regelmäßig fahren Busse vorbei, auf denen VW seinen neuen Käfer damit bewirbt, er habe einen "mexikanischen Vater".

Auf anderen Bussen bezeichnet sich Südafrika als "stolzes Mitglied" der BRICS. Zu der Staaten-Gruppe gehören außerdem die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China. Entscheidend ist ein anderer Slogan auf den Bussen: "Ihre afrikanische Wachstums-Geschichte beginnt hier".

Die neuen Hoffnungsträger kommen aus dem Osten und Süden

Wachstum, das war auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum mehr denn je das Zauberwort. Zwar ist hier schon seit Jahren zu hören, Schwellenländern wie den BRICS-Staaten gehöre die Zukunft. Doch angesichts der europäischen Schuldenkrise und Sorgen vor einem neuen erneuten Absturz der Weltwirtschaft scheint auch die Zukunft des Westens immer stärker an den aufstrebenden Ländern zu hängen.

Für 2012 erwartet die Weltbank im globalen Durchschnitt ein Wachstum von nur 2,5 Prozent. Für China werden 8,4 Prozent vorhergesagt, für Indien 6,8 Prozent, Brasiliens Wachstum soll trotz einer deutlichen Verlangsamung noch 3,4 Prozent betragen. Die "große Transformation", das Motto des diesjährigen Weltwirtschaftsforums, wird langsam spürbar. Die neuen Hoffnungsträger kommen aus dem Osten und Süden der Welt.

Einer von ihnen empfängt Besucher in seinem privaten Presseraum im Edel-Hotel Bélvèdere. B. G. Srinivas ist Europa-Chef von Infosys, einem indischen IT-Dienstleister. Innerhalb von drei Jahrzehnten hat sich Infosys zu einem Konzern mit 160.000 Mitarbeitern und vier Milliarden Dollar Jahresumsatz entwickelt. Die Ambitionen sind weiter groß, auch in Europa: Dessen Anteil am eigenen Geschäft soll von derzeit gut 20 auf 40 Prozent erhöht werden.

"Wir haben nicht auf den Staat gewartet"

"Für uns ist Europa nach den USA immer noch der größte Markt", sagt Srinivas. Einen Euro-Kollaps könne man deshalb nicht wollen. Doch um den zu verhindern, müssten sich die Europäer bewegen. "Jeder wird Opfer bringen müssen." So sollten sich europäische Unternehmen verstärkt selbst um die Ausbildung ihrer benötigten Fachkräfte kümmern. Auch Infosys hätten einst Computeringenieure gefehlt, mittlerweile bilde man auf dem unternehmenseigenen Campus 14.000 Studenten aus. "Wir haben nicht auf den Staat gewartet."

Auch andere Vertreter von Schwellenländern treten in Davos selbstbewusst auf. Li Dakoui, Direktor des Center for China in the World Economy, wies auf US-Staatsanleihen im Wert von mehr als einer Billion Dollar hin, die sein Land mittlerweile besitzt. Die Schwellenländer würden schon jetzt "helfen, die US-Wirtschaft zu stabilisieren".

Früher mussten sich Schwellenländervertreter über gute Regierungsführung und vernünftiges Wirtschaften belehren lassen. Jetzt haben die Europäer selbst bei beidem versagt, die Rollen werden getauscht. Der türkische Vize-Wirtschaftsminister Ali Babacan sagte in Davos, sein Land wolle zwar weiterhin in die EU, weil es deren Werte und Standards schätze. Politisch aber sei die Union "kein gutes Vorbild mehr".

"Wie Handys verkaufen in den neunziger Jahren"

Die Schwellenländer haben nicht nur zunehmend Bedeutung als Produzenten und Investoren. Ihre Bürger werden mit steigendem Wohlstand für westliche Unternehmen zur attraktiven Zielgruppe. Der Vertreter eines britischen Finanzunternehmens erzählte in Davos, welch attraktiver Markt Asien derzeit sei. Aufgrund der schwach ausgeprägten Sozialsysteme gebe es immenses Interesse an Versicherungen. "Das läuft so gut, wie den neunziger Jahren Handys zu verkaufen."

Allerdings mangelte es in Davos nicht an Warnungen, dass auch die Aufsteigernationen nicht immun gegen eine erneute Rezession seien. Was in Europa passiere, werde früher oder später auch die Schwellenländer einholen, sagte der pakistanische Finanzminister Abdul Hafeez Shaikh. "Wir brauchen uns gegenseitig."

"Indien kann auf sich selbst aufpassen"

Zumindest im Nachbarland Indien tun solche Vorhersagen dem Selbstbewusstsein aber keinen Abbruch. "Meiner Meinung nach werden Schwellenländer weiterhin die Weltwirtschaft aus den Problemen ziehen, die sie derzeit hat", sagte Sunil Mittal, Gründer und Chef des Telekom-Konzerns Bharti. Der US-Ökonom Barry Eichengreen wagte sogar die Prognose, Indien könne "ein bis zwei Jahrzehnte um acht Prozent wachsen, wenn es alles richtig macht".

Daran glaubt zumindest nicht jeder. Bei einer Diskussion musste sich der indische Wirtschaftsminister Anand Sharma nicht nur Zweifel am Dauerwachstum anhören. Er wurde auch auf einen Korruptionsskandal bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen angesprochen, über den sein Vorgänger gestolpert war. Von westlicher Seite gab es Kritik an einer Entscheidung der indischen Regierung, eine bereits geplante Öffnung des heimischen Markts für ausländische Supermarktketten vorerst zu stoppen.

Anfangs saß der bärtige Minister ganz ruhig da, doch es dauerte nur Minuten, bis ihm der Kragen platzte. "Ich verstehe einfach nicht, warum jene, die den weiten Weg nach Davos kommen, sich um Indien sorgen", rief Sharma. "Ihr solltet euch um eure Heimatländer sorgen. Indien kann auf sich selbst aufpassen, das verspreche ich!" Die Wahrnehmung seiner Heimat müsse sich endlich ändern.

Für die Wahrnehmung von Kanada gab es in Davos dann doch noch gute Nachrichten. Ein offenbar gut betuchter Forumsteilnehmer machte Station bei den Mounties und erzählte von seiner persönlichen Verbundenheit mit dem Land. "Meine Frau hat ein paar Fabriken da oben."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Südafrika sei nicht Mitglied der BRIC-Staaten. Der ursprünglich von Investoren definierte Verbund erweiterte sich 2011 jedoch offiziell um Südafrika und nennnt sich nun BRICS. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mitbestimmender wähler 29.01.2012
1. Komische Sichtweise
Zitat von sysopWeil der Westen wackelt, schauen alle auf sie: Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien sollen die Weltwirtschaft vor einem neuen Absturz bewahren. Ihr Selbstbewusstsein wächst - das zeigt beim Weltwirtschaftsforum auch der Wutanfall eines indischen Ministers. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,812080,00.html
Moment mal ! Wenn Sie Länder wie Teile Afrikas oder der Seidenstrasse Schwellenländer benennen, OK aber China, Indien, Brasilien gehören schon lange nicht mehr in diese Liga. Da würde ich Teile Europas und den USA eher als Schwellenländer beim Abstieg beziffern.
asdf01 29.01.2012
2.
Zitat von mitbestimmender wählerMoment mal ! Wenn Sie Länder wie Teile Afrikas oder der Seidenstrasse Schwellenländer benennen, OK aber China, Indien, Brasilien gehören schon lange nicht mehr in diese Liga. Da würde ich Teile Europas und den USA eher als Schwellenländer beim Abstieg beziffern.
Schwellenländer... China wird uns wahrscheinlich, auch wenn sie die weltgrößte Volkswirtschaft geworden sind, noch erzählen, dass sie ein Schwellenland seinen. Das ist eben einfach eine schön bequeme Position, man kann sschön Forderungen an die vermeintlich arroganten Industruienationen stellen und sich vor Verpflichtungen drücken (Klimaschutz, etc.).
irobot 29.01.2012
3.
---Zitat--- So sollten sich europäische Unternehmen verstärkt selbst um die Ausbildung ihrer benötigten Fachkräfte kümmern. Auch Infosys hätten einst Computeringenieure gefehlt, mittlerweile bilde man auf dem unternehmenseigenen Campus 14.000 Studenten aus. "Wir haben nicht auf den Staat gewartet." ---Zitatende--- Diesen Satz sollten sich deutsche Unternehmensführer ausdrucken und bei sich zu Hause eingerahmt aufhängen!
Ylex 29.01.2012
4. Die BRICS-Staaten ersticken in Problemen
Die BRICS-Staaten – das sind Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Zitat: „Die Schwellenländer haben nicht nur zunehmend Bedeutung als Produzenten und Investoren. Ihre Bürger werden mit steigendem Wohlstand für westliche Unternehmen zur attraktiven Zielgruppe.“ Steigender Wohlstand? Die BRICS-Staaten ersticken in Problemen, Wohlstand entwickelt sich nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung. Indien ist ein desaströser Staat, ebenso Brasilien, und bei näherem Hinsehen sieht es in Russland, Südafrika und China auch nicht gut aus, man denke nur an die hunderte von Millionen Wanderarbeiter in China, die unter katastrophalen Bedingungen ihr Leben fristen. Es gibt eine ökonomische Performance und eine soziale – die Führer der BRICS-Staaten sollten erst einmal ihre Probleme lösen, bevor sie im edlen Davos groß auftrumpfen.
moritz-ma 29.01.2012
5. Bric
Auf anderen Bussen bezeichnet sich Südafrika als "stolzes Mitglied der BRIC". Zu der Staaten-Gruppe gehören zwar offiziell nur Brasilien, Russland, Indien und China. Aber egal. Auf den Bussen stand deswegen vermutlich auch "BRICS" und nicht "BRIC". Und dass dies eine "offizielle" Bezeichnung ist, wäre mir neu.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.