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23. April 2012, 09:38 Uhr

Hohe Vergütungen

Top-Manager rät Kollegen zu weniger Gehalt

Die Rekordgehälter für Konzernbosse schrecken selbst Manager auf. In einem Brief an seine Dax-Kollegen rät Commerzbank-Aufsichtsratschef Müller laut "Handelsblatt" zu Obergrenzen für Vorstandsbezüge. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Angst vor staatlichem Zwang.

Frankfurt am Main - Für deutsche Konzernchefs läuft es ziemlich gut. Die Konjunktur zieht an, die Firmen machen ordentliche Geschäfte - und die Gehälter der Bosse steigen auf Rekordhöhen. Die Millionen-Vergütungen sorgen allerdings auch für Kritik. Die Diskussionen haben nun Top-Manager auf den Plan gerufen. Laut "Handelsblatt" empfehlen zwei führende Mitglieder der "Kommission für gute Unternehmensführung" in einem vertraulichen Brief an die Aufsichtsratschefs aller 30 Dax-Konzerne Obergrenzen für die Vorstandsbezahlung.

"Wir sollten uns immer wieder klarmachen, dass auch und gerade marktwirtschaftliche Systeme des Verständnisses und der Akzeptanz der Gesellschaft bedürfen", zitiert die Zeitung aus dem Brief von Commerzbank -Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller und dem ehemaligen Daimler -Finanzchef Manfred Gentz. "Wir regen an, zu überlegen, dass in die Vergütungssysteme der Vorstände selbst Obergrenzen integriert oder in anderer Weise sogenannte Caps in die Vorstandsverträge aufgenommen werden, wobei Höhe und Angemessenheit natürlich im Ermessen der Aufsichtsräte liegen müssen."

Den beiden Managern geht es aber offenbar weniger um Bescheidenheit, sondern mehr darum, gesetzliche Beschränkungen zu verhindern. "Mit Sorge erfüllt uns, dass schon wieder Stimmen - auch im politischen Lager - laut werden, die Regelungen im Codex oder gar durch Gesetz verlangen", heißt es in dem Schreiben.

Gebe es keine Selbstbeschränkung, sei zu befürchten, "dass ansonsten Politiker schon aus populistischem Impuls an gesetzgeberische Maßnahmen denken", heißt es in dem Schreiben. Zugleich betonen Müller und Gentz, sie verstünden sich "weder als Instrument der Politik", noch handelten sie "in vorauseilendem Gehorsam".

Der Brief ging laut "Handelsblatt" unter anderem an die Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme (Siemens , ThyssenKrupp ), Ferdinand Piëch (Volkswagen , MAN ), Simone Bagel-Trah (Henkel ) und Manfred Schneider (Bayer , Linde , RWE ).

Der Zeitung zufolge steht zumindest Schneider dem Vorschlag offen gegenüber. "Mir geht es darum, zu verhindern, dass wir schon wieder Regeln von der Politik vorgesetzt bekommen", sagte er. "Das sollten wir selbst lösen."

Vor allem das Gehalt von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hatte zuletzt für Diskussionen gesorgt. Der Automanager bekam 2011 rund 16,6 Millionen Euro. IG-Metall-Chef Berthold Huber sprach sich daraufhin für eine Gehaltsbegrenzung aus - die Gewerkschafter hatten das hohe Gehalt für Winterkorn allerdings im Aufsichtsrat mit abgesegnet.

Die Top-Manager denken bei ihren Bezügen vor allem auch an das Rentenalter und sorgen ordentlich vor. Nach Berechnungen des SPIEGEL haben allein die 30 Dax-Konzerne 637 Millionen Euro für ihre Manager zurückgestellt.

Spitzenreiter ist Daimler-Chef Zetsche. Der Wert seiner bislang zugesagten Pensionsanwartschaften liegt bei 29,6 Millionen Euro. Dahinter folgen VW-Boss Martin Winterkorn mit 19,7 Millionen Euro, Deutsche Bank -Chef Josef Ackermann mit 18,8 Millionen Euro, Siemens-Chef Peter Löscher mit 12,8 Millionen Euro und E.on-Chef Johannes Teyssen mit 11,7 Millionen Euro.

Die Top-Manager haben sich zudem Sonderkonditionen gesichert, die für gewöhnliche Beschäftigte nicht gelten. So können zahlreiche Dax-Vorstände ihre üppigen Renten bereits im Alter von 60 Jahren beziehen, ohne dafür einen Abschlag hinnehmen zu müssen. Nach SPIEGEL-Informationen fordern renommierte Wirtschaftswissenschaftler und Gehaltsexperten nun, dass hochbezahlte Dax-Vorstände ihre Altersvorsorge aus den laufenden Gehältern finanzieren.

mmq/Reuters/dpa

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