Von Christian Teevs
Hamburg - Kaum ein Mann dürfte in den Führungsetagen der europäischen Banken derzeit so unbeliebt sein wie Andrea Enria. Der Chef der europäischen Bankenaufsicht Eba sorgte in den vergangenen Wochen mit ständig wechselnden Forderungen für Unruhe. Immer wieder kursierten neue Ansprüche, die Veröffentlichung des Blitz-Stresstests wurde mehrmals verschoben.
Was den Bankern aber vor allem aufstößt: Enrias Kontrolleure setzen die Institute massiv unter Druck, ihr Eigenkapital aufzustocken. (Die wichtigsten Antworten zum Stresstest finden Sie hier.) Allein den getesteten deutschen Banken attestiert die Eba eine Finanzlücke von 13 Milliarden Euro, wie bereits Tage vor der Veröffentlichung durchsickerte. Diese Lücke müssen die Institute nun bis Ende Juni stopfen, um auch bei Krisenszenarien die Vorgabe von neun Prozent Eigenkapital zu erfüllen - sei es durch Kapitalerhöhungen, durch den Verkauf von Geschäftsbereichen oder indem sie weniger Kredite vergeben.
Das Problem: Die eigentliche Intention, sprich in der Schuldenkrise neues Vertrauen zu schaffen, verfehlt der Stresstest. Stattdessen verschärfen die strengen Forderungen der Aufseher in der aktuellen Phase sogar die Probleme. Die Banken, die nach internationalen Vorgaben eigentlich bis 2017 Zeit gehabt hätten, ihr Eigenkapital Schritt für Schritt auszubauen, müssen dies nun in gerade einmal sechs Monaten tun. Experten befürchten, dass dies weitreichende Folgen hat - nicht nur für die Institute, sondern für das gesamte Finanzsystem und in der Folge auch für die Volkswirtschaften in Europa.
"Die Aufseher zwingen die Banken zu kritischen Entscheidungen", sagt Martin Faust von der Frankfurt School of Finance. "Sie müssen sich aus Geschäften zurückziehen, die durchaus sinnvoll sind." So prüft die Deutsche Bank derzeit, ob sie ihre Vermögensverwaltung verkauft oder verkleinert. Solche Entscheidungen könnten die Banken noch bereuen, glaubt Faust.
Commerzbank könnte verstaatlicht werden
Vor die meisten Probleme stellt der Stresstest die teilverstaatlichte Commerzbank
, das zweitgrößte deutsche Geldhaus. Das Institut steckt ohnehin seit der Finanzkrise 2008 in Schwierigkeiten und musste von der Bundesregierung gerettet werden. Die Frage ist, wie die Commerzbank die erwartete Kapitallücke von mehr als fünf Milliarden Euro stopfen kann.
Eine Kapitalerhöhung ist angesichts der Talfahrt der Aktie wenig attraktiv, da sie den Kurs weiter verwässern würde. Eine Alternative wäre, das Institut zu verstaatlichen und die marode Immobilientochter Eurohypo in eine Bad Bank auszulagern. Doch ob sich die Bundesregierung darauf einlässt, ist offen.
Der Bankenexperte Faust sieht durchaus Vorteile in einer Verstaatlichung: "Das bringt Stabilität, die Commerzbank würde Zeit gewinnen." Allerdings sei die Außenwirkung bedenklich, schränkt er ein. Eine Mehrheitsübernahme des Staats könnte Aktionäre verschrecken.
Doch was ist die Alternative? Die Bank könnte nach SPIEGEL-Informationen drei Milliarden Euro freisetzen, indem sie Kredite und Anleihen auslaufen lässt. Doch das dürfte wiederum negative Folgen für die Realwirtschaft haben. Wenn dann auch noch andere Banken weniger Kredite geben, könnte das den Aufschwung gefährden.
Droht eine Kreditklemme?
Die Schweizer Großbank UBS
hat ausgerechnet, dass die Banken in der Euro-Zone ihre Bilanzsummen um bis zu 4,5 Billionen Euro verkleinern könnten. Gleichzeitig würden sie in den kommenden drei Jahren zwischen 1,4 und 1,7 Billionen Euro weniger an Krediten vergeben.
Was bedeutet das? Droht etwa eine Kreditklemme? Experten wiegeln ab. Zumindest in Deutschland sei das unwahrscheinlich. Durch die starke Rolle der Volksbanken und Sparkassen sei zumindest die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen gesichert - selbst wenn die großen Institute künftig weniger Kredite vergeben.
"Für große Unternehmen, für die die Sparkassen zu klein sind, könnte es etwas schwieriger werden, sich Geld zu besorgen", sagt Hans-Peter Burghof, Leiter des Instituts für Bankenwirtschaft an der Universität Hohenheim. Einen größeren volkswirtschaftlichen Schaden erwarte er aber nicht.
Um die Banken kurzfristig zu entlasten, hat die Europäische Zentralbank am Donnerstag erneut den Leitzins gesenkt. Er liegt nun bei 1,0 Prozent, teilte die Notenbank nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt am Main mit. Damit können sich die Banken billiger Kredite bei der Zentralbank besorgen, was die Konjunktur anheizt. Allerdings steigt auch das Inflationsrisiko. Doch dieses Risiko wird derzeit offenbar als geringer angesehen als eine drohende Rezession im Euro-Raum.
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