Holländische Energiepolitik: Frau Antje heizt mit Kohle

Von Ralph Diermann

Die Deutschen machen Schluss, die Holländer legen jetzt richtig los: Sie setzen auf Atomkraft und bauen neue Kohle- und Gaskraftwerke. Unser Nachbarland hält wenig von erneuerbaren Energien. Klimawandel? Dann wird CO2 halt im Meeresboden entsorgt. Hauptsache, der Strom kommt billig aus der Dose.

Essent baut neues Kohlekraftwerk: Subventionen für Öko-Energie gekappt Zur Großansicht
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Essent baut neues Kohlekraftwerk: Subventionen für Öko-Energie gekappt

Die Nationalstraat 46 von Groningen in Richtung Norden führt schnurgerade an die niederländische Küste. Satte grüne Wiesen mit glücklichen Kühen säumen die Straße, vereinzelt ducken sich Bauernhöfe hinter hohen Hecken.

Doch sobald die N46 auf das Meer trifft, ist es vorbei mit der Frau-Antje-Romantik. Denn in Eemshaven, nicht weit von der deutschen Hafenstadt Emden entfernt, stampfen Tausende Arbeiter einen riesigen Kraftwerkspark aus dem sandigen Boden. RWE, die Vattenfall-Tochter Nuon und die Projektgesellschaft Eemsmond Energie errichten hier drei neue Kohle- und Gaskraftwerke - zusammen mit einem bereits bestehenden Kohlemeiler werden sie so viel Strom wie fünf Atomreaktoren erzeugen.

Die Riesenbaustelle ist das sichtbarste Zeichen für die neue Energiepolitik der Niederlande - die sich fundamental von dem unterscheidet, was die Bundesrepublik gerade vollzieht. Während sich die Deutschen für den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft entschieden haben und aus Klimaschutzgründen massiv die erneuerbaren Energien ausbauen wollen, machen die Holländer: das Gegenteil.

Die rechtsliberal-konservative Regierung hat nach ihrem Wahlsieg im letzten Jahr ausgerechnet die Emissionsziele kassiert: Nicht mehr um 30, sondern nur noch um 20 Prozent muss der holländische CO2-Ausstoß bis 2020 sinken. Der Anteil der erneuerbaren Energien soll bis dahin auf 14 Prozent steigen - ursprünglich wollten die Niederlande 20 Prozent erreichen. Die Subventionen für die Ökoenergie hat die neue Regierung von vier auf 1,5 Milliarden Euro zusammengestrichen.

Klimapolitik der anderen Art

Und das, obwohl kaum ein anderes europäisches Land die Folgen des Klimawandels so schnell zu spüren bekommen wird. Etwa ein Drittel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Steigt die Wasserlinie, drohen Städte wie Amsterdam oder Rotterdam in den Fluten zu versinken.

Das aber scheint nicht zu interessieren. Der Grund für die Energiewende holländischer Art ist profan: "Wir wollen möglichst niedrige Energiekosten", sagt Bert de Vries, Referatsleiter für Energie, Telekommunikation und Wettbewerb im niederländischen Wirtschaftsministerium. In günstigen Strompreisen sieht er einen zentralen Vorteil im Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte.

Zusätzliche Kohlekraftwerke passen der Regierung da gut in den Plan. Auch im Rotterdamer Hafen entstehen neuen Anlagen. E.on baut dort zurzeit ein Steinkohlekraftwerk, das sieben Prozent der holländischen Stromverbrauchs decken kann. Gleich nebenan errichtet die GDF-Suez-Tochter Electrabel ein weiteres Kohlekraftwerk.

Allen Beteiligten ist allerdings klar: Die Klimaziele sind mit dem Ausbau der fossilen Energien nicht zu schaffen - das weiß auch die holländische Regierung. Deshalb will sie die Betreiber der Kohlekraftwerke verpflichten, einen Teil des Brennstoffs durch Biomasse zu ersetzen.

Zudem verlassen sich die Niederländer, anders als ihre deutschen Nachbarn, auf die Atomkraft. Im Gespräch ist sogar der Bau eines zweiten Atommeilers in Borssele südwestlich von Rotterdam. Zwar hat der Chef des Energieversorgers Delta, dem zusammen mit RWE die bestehende Anlage in Borssele gehört, das Projekt jüngst wegen der niedrigen Energiepreise in Frage gestellt. An der Politik soll es aber jedenfalls nicht scheitern: "Wenn eine Genehmigung gewünscht wird, werden wir sie erteilen", sagt de Vries. Von dem atomfreundlichen Kurs der Regierung profitiert auch die Firma Urenco: Wirtschaftsminister Maxime Verhagen hat im November grünes Licht für die Vergrößerung ihrer Urananreicherungsanlage in Almelo nahe der deutschen Grenze gegeben.

Gleichzeitig erhebt die holländische Regierung die Atomkraft zum wichtigen Mittel im Kampf gegen den Klimawandel - ebenso das Speichern von Kohlendioxid in unterirdischen Gesteinsschichten (CCS): Per Schiff oder Pipeline soll das Klimagas aus Kraftwerken und Raffinerien zu leergeförderten Gas- und Ölfeldern in der Nordsee transportiert und dort in den Untergrund injiziert werden. "Wir planen, ab 2025 jährlich 17,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid zu speichern", sagt Gerrit van Tongeren, Manager bei Deltalinq, einem Zusammenschluss von Industrie- und Logistikbetrieben aus dem Rotterdamer Hafen. Insgesamt könnten vor der niederländischen Küste 850 Millionen Tonnen CO2 in den Meeresgrund gepumpt werden. Das entspricht etwa der Menge, die Haushalte, Industrie und Verkehr in Deutschland in einem Jahr emittieren.

Budget für erneuerbare Energien drastisch reduziert

Weit draußen im Hafen, eine Stunde Bootsfahrt vom Rotterdamer Zentrum entfernt, entsteht in den nächsten Jahren eine Art CCS-Logistikzentrum. Noch ist dort nicht mehr zu sehen als eine Art Wüstenlandschaft. Denn wo ab 2015 mit Hilfe von Pipelines CO2 in Schiffe gepumpt werden soll, schlugen noch bis vor drei Jahren die Wellen an den Strand. Heute ringt die Hafengesellschaft der Nordsee hier Hektar um Hektar ab, indem sie gewaltige Mengen an Sand vom Meeresgrund an Land spült. So entsteht eine neue Industriefläche mit der Größe von 1.400 Fußballfeldern - dringend benötigter Platz für die Erweiterung des Hafens.

Und die erneuerbaren Energien? "Wir möchten einen Wettbewerb unter den Technologien entfachen, um das Kostenniveau zu senken", sagt de Vries. Deshalb hat die Regierung das Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien grundlegend überarbeitet. Zugleich wurde das Budget drastisch reduziert. Alle Technologien erhalten jetzt die gleiche Vergütung, unabhängig von ihren Kosten. Die Photovoltaik hat damit kaum noch eine Chance.

Kein Wunder, dass sich die holländischen Hersteller von Solarmodulen und Produktionsanlagen ins Ausland orientieren: "95 Prozent der Umsätze werden durch den Export erzielt", sagt Hein Willems, Leiter des Forschungsverbunds Solliance.

Auch der vergleichsweise teure und risikoreiche Bau von Windrädern auf hoher See wird durch die neue Subventionspraxis de facto unmöglich gemacht. Geld verdienen die Niederländer mit der Offshore-Windenergie aber trotzdem: Das weitläufige Hafengelände von Eemshaven ist auch Stützpunkt für den Bau des "Bard Offshore 1"-Windparks vor der Küste Borkums - der über die EEG-Umlage von den deutschen Stromkunden finanziert wird.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Die sparsamen Holländer...
günter1934 11.12.2011
Zitat von sysopDie Deutschen machen Schluss, die Holländer legen jetzt richtig los: Sie setzen auf Atomkraft und bauen neue Kohle- und Gaskraftwerke. Unser Nachbarland hält wenig von erneuerbaren Energien. Klimawandel? Dann wird CO2 halt im Meeresboden entsorgt. Hauptsache, der Strom kommt billig aus der Dose. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801162,00.html
Von den Holländern ist ja bekannt, dass sie sparsam sind. Sie bereiten sich im Hotelzimmer mit dem warmen Wasser vom Waschbecken den morgenlichen Nescafe zu. Die Niederländer haben recht. Energie ist nach Essen und Wohnen der grösste Kostenfaktor für Otto Normalverbraucher. Wenn man dafür weniger ausgibt, kann man sich z.B. mehr für die Gesundheit leisten. So einfach ist das.
2. Schwimmringe kaufen!
dioskurt 11.12.2011
Wieder mal ein Beispiel für die mangelnde Einigkeit innerhalb der EU. Am Ende kaufen wir den Holländern ihren Kohlestrom ab! Lasse machen, kann man da nur sagen, Hauptsache sie können schwimmen!
3. .
biobanane 11.12.2011
Zitat von günter1934Von den Holländern ist ja bekannt, dass sie sparsam sind. Sie bereiten sich im Hotelzimmer mit dem warmen Wasser vom Waschbecken den morgenlichen Nescafe zu. Die Niederländer haben recht. Energie ist nach Essen und Wohnen der grösste Kostenfaktor für Otto Normalverbraucher. Wenn man dafür weniger ausgibt, kann man sich z.B. mehr für die Gesundheit leisten. So einfach ist das.
Also ich zahle mehr für Gesundheit als für Energie. Und die billige Energie in NL ist auch nicht für den Privathaushalt gedacht, sondern für Industrie und Landwirtschaft. Damit sie uns auch zukünftig ganzjährig mit nach nichts schmeckenden Tomaten "beglücken" können. Woher das Desinteresse an der eigene Zukunft kommt, ist schwer zu beurteilen (wobei natürlich auch bei uns zur zeit ein Kohlekraftwerk nach dem anderen aus dem Boden gestampft wird.) Vielleicht ist es dieser durch und durch calvinistische Glaube, dass der persönliche Erfolg (Wohlstand) das wichtigste im Leben ist. Im Prinzip könnte man auch die holländische Liberalität (Drogen, Freitod etc) auch als Desinteresse am Mitmenschen interpretieren. Aber wir wollen ja nicht böse über unsere Nachbarn sprechen..
4. Öku
iron mace 11.12.2011
Zitat von sysopDie Deutschen machen Schluss, die Holländer legen jetzt richtig los: Sie setzen auf Atomkraft und bauen neue Kohle- und Gaskraftwerke. Unser Nachbarland hält wenig von erneuerbaren Energien. Klimawandel? Dann wird CO2 halt im Meeresboden entsorgt. Hauptsache, der Strom kommt billig aus der Dose. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,801162,00.html
Sind halt nicht solche ängstlichen Zukunftsverweigerer, die Dutchboys. So werden es alle in der EU machen bis Deutschland mit seinen exorbitant hohen Energiekosten in den Ruin rasselt. Da fällt mir Werner ein, "Gutgelaunt und Sorgenfrei, Kohle, Atomstrom und Spass dabei."
5. Niederländer sind pragmatisch
mauimeyer 11.12.2011
Zitat von günter1934Von den Holländern ist ja bekannt, dass sie sparsam sind. Sie bereiten sich im Hotelzimmer mit dem warmen Wasser vom Waschbecken den morgenlichen Nescafe zu. Die Niederländer haben recht. Energie ist nach Essen und Wohnen der grösste Kostenfaktor für Otto Normalverbraucher. Wenn man dafür weniger ausgibt, kann man sich z.B. mehr für die Gesundheit leisten. So einfach ist das.
Die Niederländer sind pragmatisch und das macht sie symphatisch. Sie kauften ab 1948 VW's statt britischer Ware, weil unsere (obwohl Nazi-infiziert) besser und billiger war! Das Gleiche gilt für die Anpassung an die Natur. Sie werden (wenn überhaupt erforderlich) mit höheren Pegelständen umgehen. (siehe Bericht über schwimmende Häuser hier in SPON). Wir Deutsche sind leider radikal-religiös! Abschalten von 8 Meilern ohne nachzudenken. E-10 gegen jeden Verstand.Umweltplaketten, die nichts nützen. E-Auto-Hype ohne das es E-Autos gibt. Sinnlose Förderung von Photovoltaik. Windparks ohne Netzanbindung und Häuserdämmung, die Bauschäden ohne Ende verursacht. Mein Gott - da lobe ich mir Pragmatismus. Die Niederländer verstehen was von Geld. Alte Handelsnation! Kauri
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Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.