VW, Daimler und Co. Die Ignoranz der Autobosse

Abgasskandal, fragwürdige Absprachen, Diesel-Fahrverbote: Vor der IAA ist die Stimmung in der Autobranche so mies wie nie. In den Konzernen brodelt es - denn den Führungsspitzen fehlt die Einsicht.

Entspannt nach der Kritik auf dem Dieselgipfel im August
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Entspannt nach der Kritik auf dem Dieselgipfel im August

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Nie zuvor ging es bei deutschen Autokonzernen derart hoch her. Auf der einen Seiten tüfteln Ingenieure und Strategen an Elektroautos, selbstfahrenden Pkw und neuen Mobilitätsdiensten. Auf der anderen steckt die Branche in der größten Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte.

Diese Woche beginnt in Frankfurt die wichtige Branchenmesse IAA. Und die Angst sitzt den Mitarbeitern der Autokonzerne im Nacken. Der Abgasskandal, der Verdacht unerlaubter Absprachen und drohende Fahrverbote für Dieselautos verunsichern die Manager. Die Zukunft des Autos ist ungewiss. Die Vertrauenskrise, in der sich die Branche befindet, breitet sich nun auch in den Konzernen selbst aus.

"Die Stimmung ist umgeschlagen", sagt ein Aufsichtsrat im VW-Konzern. "Jetzt erst wird die Dimension des Problems allen bewusst. Es geht um die Zukunft der ganzen deutschen Autoindustrie." Eben noch galt die Branche als das wirtschaftliche Herzstück Deutschlands, jetzt gilt sie als Betrüger. "Die Stimmung in der Branche hat sich in den vergangenen Wochen radikal gewandelt", bestätigt ein Branchenbeobachter, der viele Manager persönlich kennt.

"Kein Ingenieur will ein dreckiges Auto bauen"

Im Management der deutschen Hersteller werden Vorwürfe laut, die Konzernspitzen spielten nicht offen, ignorierten das Glaubwürdigkeitsproblem. "Ja, wir haben an einigen Stellen Mist gebaut", heißt es im Managementkreis eines Autokonzerns. Doch der Vorstand reagiere nicht darauf, es ändere sich nicht genug. "Man hat das Gefühl, sie hätten da oben damit nichts zu tun. Alle anderen seien Schuld, die Vorwürfe oder Kritik aus dem eigenen Haus werden intern oft einfach vom Tisch gewischt. Es fehlt die Einsicht."

Diese Diagnose wundert nicht, wenn man sich die öffentlichen Verlautbarungen des Automobilverbandes VDA anschaut. "Die Feinde des Automobils schießen jetzt den Diesel an, die werden sich in Zukunft den Benziner vornehmen und übermorgen vermutlich das E-Auto", hatte Verbandschef Matthias Wissmann noch am Wochenende in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gewettert - und gefordert: "Gegen solche Fanatiker müssen wir uns wehren."

Solche Hybris spaltet auch die Konzerne. Ob VW, Audi, Daimler oder BMW: Den Mitarbeitern der mittleren und unteren Managementebene wird die Tragweite des Skandals immer stärker bewusst - umso mehr leiden sie unter dem Gefühl der Lethargie der Führungsspitzen angesichts der wohl größten Krise der Autobranche.

Selbst der Dieselgipfel im August, mit dem die Autokonzerne durch Zugeständnisse Vertrauen wiedergewinnen wollten, half wenig. Experten warnten schon kurz darauf, dass die vorgeschlagenen Software-Updates für manipulierte Dieselmodelle nur wenig bringen. Das Glaubwürdigkeitsproblem besteht seither fort.

"Angst greift jetzt um sich in der ganzen Autoindustrie", sagt ein Aufsichtsrat. "Die Jobs in unseren Konzernen sind in Gefahr." Es sehe aber so aus, als nähme die Firmenspitze das gar nicht wahr, berichteten Manager mit Sorge. "Kein Arbeiter, kein Ingenieur will ein dreckiges Auto bauen."

Es klingt wie ein hilfloser Aufschrei.

Die Schuld der anderen

Jüngst argumentierte ein Vorstand eines deutschen Autokonzerns intern, er verstehe die Aufregung nicht, das sei alles aufgebauscht, die Absatzzahlen seien doch gut, das Unternehmen und die ganze Industrie gar nicht so schlecht aufgestellt. Das sei doch das wirklich Wichtige. Dass Autos auf der Straße mehr Abgase ausstoßen, sei kein Geheimnis gewesen. Und diese angeblichen Absprachen zwischen Konzernen, das seien eben viele Graubereiche, gar nicht so kritisch.

Die Schuld an der Krise der Autobranche suchen die Chefs der Konzerne lieber bei anderen.

  • Als im September 2015 die Manipulationen von VW an Dieselmotoren bekannt wurden, tat der Konzern das zunächst als Handlung Einzelner ab. Nun wird klar, dass weit mehr Mitarbeiter in die Machenschaften verwickelt waren. Dennoch macht VW weiter auch andere verantwortlich.
  • Daimler-Chef Dieter Zetsche wiederum prangerte VW öffentlich an: Der Konzern beschädige die ganze Branche. Später musste er selbst Abgastricks im eigenen Konzern eingestehen.
  • BMW weist Manipulationen und Kartellvergehen weit von sich - das mag stimmen, dennoch befanden es die Münchener wie jeder andere Autohersteller als normal, dass Autos die Abgasgrenzwerte nur im Labor einhielten und auf der Straße weit überschritten. So machten sie sich mitschuldig an der Glaubwürdigkeitskrise, in der nun die ganze Branche steckt. Da hilft es nichts, wenn bei BMW intern vor allem Volkswagen beschuldigt wird: "Wenn VW nicht manipuliert hätte, hätten wir nicht diese für alle kritische Diskussion", heißt es im bayerischen Konzern. Nun sei Schadensbegrenzung nötig.

In den Etagen unterhalb der Vorstandsriegen ist die Selbstgefälligkeit der Sorge gewichen. Viele Führungskräfte, so berichten Firmenkenner, hätten ein schlechtes Gefühl durch die produzierten Diesel-Dreckschleudern und auch wegen ihrer Absprachen mit der Konkurrenz.

"Etliche Manager haben in den Kooperationsrunden mit anderen Autokonzernen gesessen, in denen sie sich auch abstimmten über technische Themen", berichtet ein langjähriger Kenner der Branche. "Sie fragen sich nun, ob da alles korrekt ablief, ob sie sich schuldig gemacht haben." Doch in der Führungsspitze würden diese Fragen kaum angefasst. Kritik werde abgebügelt.

In den Etagen darunter setzt dagegen ein Umdenken ein - zumindest bei einigen. Ein hochrangiger Motorenentwickler sagt nun sogar, die Industrie hätte von vornherein straffere Abgasgrenzwerte gebraucht. Und das, obwohl die Branche - allen voran der Lobbyverband VDA - Jahrzehnte für das Gegenteil kämpfte. Hätte es schärfere Vorgaben gegeben, hätten die Hersteller sich nicht herauswinden können, so der Manager, sie hätten die Dieselautos alle zusammen mit mehr Investitionen sauberer machen müssen.

Die Vorstände erschweren den Neuaufbruch

Die Starrsinnigkeit der Top-Manager blockiert nun auch einen Neuaufbruch, wie ihn die Autokonzerne allesamt versprechen. Eigentlich müssten die Chefs selbst eigene Fehler eingestehen und all jene Ingenieure überzeugen, die sich den nötigen Veränderungen und der Entwicklung neuer Technologien verschließen.

Doch vielen Vorständen geht es eher um Abwehr als um einen bewussten Wandel. Jüngst habe der Chef eines Autokonzerns im kleinen Kreis gewarnt, er wolle keine Verbotsattacken, wie sie die Energiebranche durch die Bundesregierung mit dem Atomausstieg erfahren musste. Dieses Ringen um eine Lösung dort sei ein warnendes Beispiel und müsse auf politischer Ebene verhindert werden. Sonst werde die gesamte Branche im eigentlich doch so guten Lauf komplett gestoppt.

Allzu viel Angst müssen die Top-Manager vor der Politik allerdings nicht haben. Denn die steht der Industrie noch immer unverdrossen zur Seite. Gefahr kommt eher von Kontrahenten aus anderen Branchen. "Wir kämpfen bald mit Unternehmen wie Apple und Google um unsere Existenz, wenn die Autos volldigitalisiert sind und das künftig das wichtigste Kaufargument wird", heißt es bei einem kleineren Autohersteller. "Dann entscheidet über unsere Überlebenschance das Vertrauen der Menschen in uns. Das drohen wir gerade zu verspielen."

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brotfresser 11.09.2017
1. Solange diese Bosse Rechtsanwälte beschäftigen, die für die CDU
im Bundestag und insbesondere im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz sitzen (und nebenbei mal mehr als 1 Million Euro als Nebenversienst einziehen, u.a. von VW (https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Harbarth)) und mit Merkel vernetzt sind, wird sich nichts ändern. Merkel ist halt die Automobilkanzlerin und dieser hörig.
Knackeule 11.09.2017
2. Erschreckend
Es ist schlicht und einfach unglaublich, mit welcher dummblöder Ignoranz die Vorstände von Welt-Firmen wie VW, AUDI, Daimler-Benz etc. immer noch glauben, mit ihrer Software-Billig-Lösung davon zu kommen. Jedem einigermaßen Vernunftbegabten ist doch klar, dass das jetzt niemals mehr funktionieren wird. Die SW-Update-Aktion wird niemals die Emmissions-Werte so weit verbessern, dass sie den gesetzlichen Werten entsprechen. Und danach werden gerichtlich angeordnete Fahrverbote kommen und damit das Aus für Diesel-PKW, die - das ist der Treppenwitz bei der Geschichte - unersetzlich für die Senkung der CO 2- Flotten-Emissionen sind. Oder glauben die Auto-Vorstände, dass die ihnen geneigte Bundesregierung diese von Gerichten verhängten Fahverbote aufheben oder die EU-weit gültigen Grenzwerte absenken kann ? Aber diese Ignoranz entspricht leider haargenau der bishergen Verhaltensweise dieser Vorstände, speziell der von VW: "Augen zu und durch, wird schon gut gehen". Welch Geistes Kinder sind diese Vorstände von Großfirmen mit hundertausenden Beschäftigten ? Wie ignorant muß man eigentlich sein, damit man nicht einmal Vorstand bei VW werden kann ? Erschreckend !
Hilikus 11.09.2017
3. Zahlen, Daten, Fakten
Wenn man sich mal darauf berufen würde, kann man die relativierung verstehen: Der einzige Skandal ist das Defeat-Device in den Motoren der VW-Motoren. Dies wurde nachgewiesen. Ob die Absprachen kartellrechtlich relevant sind, muss erst noch nachgewiesen werden, ansonsten sind das reine Mutmaßungen. Und die Abweichungen der Verbrauchswerte beim Normzyklus zum realen Fahrverhalten sind auch alles andere als skandalös. Der Verbrauch eines fahrzeugs hängt von so vielen verschiedenen Faktoren ab, sowohl vom Fahrverhalten, der gefahrenen Strecke und zuletzt den klimatischen bedingungen. Um diese Schwankungen zu eliminieren gibt es den Normzyklus überhaupt, ansonsten würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Und die neuesten Dieselmotoren aller deutschen OEMs sind mittlerweile Benchmark, wie vom ADAC nachgewiesen: https://www.adac.de/infotestrat/tests/eco-test/hersteller_vergleich_NOx_emissionen/default.aspx?ComponentId=299837&SourcePageId=31832 Aber diese Daten habe ich der Presse bisher nicht entnehmen könne, weil sie wohl nicht in das allgemeine Bild passen, das man über deutsche OEMs verbreiten möchte.
steinbock8 11.09.2017
4. Das ist doch den vorständen Wurscht
Sie selbst haben doch genug verdient wenn alles zusammenbricht haben die Konsequenzen andere zu tragen Gesetze und Vorschriften sind doch nur etwas für dumme der Gesetzgeber und die Politik hat doch durch Inkompetenz diesen ganzen Mist erst ermöglicht und bei den Wahlen sind sie wieder da und was wird sich ändern nichts
brüggebrecht 11.09.2017
5.
Die Verschleierungsgymnastik der Automobilkonzerne wird durch die Politik von Merkel, Dobrindt und Co. natürlich noch befördert. Juristisch hat der Betrug doch überhaupt keine Konsequenzen. Das wäre vielleicht anders gelaufen, wenn die erneute Mehrheit der CDU/CSU nicht bereits vor der Wahl feststehen würde. Auch wenn man über das Auto hinausschaut (Bahn, Schifffahrt etc), ist ein Verkehrsministerium eigentlich überflüssig geworden- ausser für den Minister selbst, der auf diesem Wege eine gute Bewerbung für den nächsten Job in der Industrie liefert. Siehe Wissmann etc
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