ICE 4 "WLAN ist so wichtig wie die Toilette"

Die Bahn hat den ICE 4 vorgestellt. Im Interview spricht der zuständige Vorstand Huber über die Mobilität der Zukunft - und verrät, was für die Kunden besser wird.

Deutsche Bahn

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Berthold Huber hat den undankbarsten Job bei der Deutschen Bahn (DB). Der 52-Jährige verantwortet die drei Problembereiche des Konzerns: Er soll den Gütertransport aus der Dauerkrise holen, den Schrumpfkurs beim Regionalverkehr stoppen und endlich dafür sorgen, dass es im Fernverkehr weniger Ärger gibt.

Zumindest was das Kerngeschäft der DB angeht, kann Huber nun einen Etappensieg verbuchen. Am Mittwoch stellte das Unternehmen der Öffentlichkeit den ICE 4 vor, der mittelfristig das "Rückgrat des Fernverkehrs" bilden soll. 130 ICE 4 hat die DB bislang bei Siemens geordert, mit einem Wert von mehr als fünf Milliarden Euro ist es die größte Bestellung in ihrer Geschichte. 170 weitere Züge könnten folgen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Huber, was ist beim ICE 4 besser als bei seinen Vorgängern?

Huber: Es gibt viele Verbesserungen. Zum Beispiel werden durch eine neu eingesetzte Technologie Telefonie und Datennutzung im Zug deutlich einfacher. Außerdem bietet der ICE 4 von Anfang an WLAN-Zugang für alle. WLAN ist für die Kunden inzwischen so wichtig wie die Toilette.

  • DPA
    Berthold Huber, Jahrgang 1963, ist seit Ende der Neunziger Jahre bei der Deutschen Bahn (DB). 2010 wurde er zum Chef von DB Fernverkehr. Seit Mitte 2015 ist er im Konzernvorstand verantwortlich für den Verkehr und Transport.

SPIEGEL ONLINE: Bei den früheren ICE-Generationen gab es trotz aller Verbesserungen immer wieder Ärger. Warum glauben Sie, dass dieses Mal tatsächlich alles besser wird?

Huber: Da gibt es gleich mehrere Gründe. Anders als früher haben wir nicht gesagt: "Siemens, bau mal einen Zug", sondern haben von Anfang an den ICE 4 mit dem Hersteller gemeinsam konzipiert. Außerdem planen wir eine lange Einführungsphase. In ein paar Wochen werden die ersten ICE 4 zwischen Hamburg und München fahren, aber in den Regelbetrieb gehen sie erst Ende nächsten Jahres.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also künftig keine verstopften Toiletten und ausfallenden Klimaanlagen mehr?

Huber: Technik ist nie völlig ausfallsicher, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist im neuen Zug deutlich geringer.

SPIEGEL ONLINE: Und die umgekehrte Wagenreihung wird auch abgeschafft?

Huber: Bei Störungen oder Umleitungen kann auch ein ICE 4 mal zusätzlich einen Halt im Kopfbahnhof einlegen oder auch einen auslassen. Dann kommt er - wie alle anderen Züge auch - nicht in der richtigen Reihenfolge im Bahnhof an. Aber wir lösen das Problem unabhängig davon: Zurzeit zeigen wir am Gleis schon zu 97 Prozent die tatsächliche Wagenreihung der Züge korrekt an. Vor Kurzem waren es nur 81 Prozent. Und Ende des Jahres werden es 99 Prozent sein. Und dann auch nicht nur am Gleis, sondern auch über den DB Navigator.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig bemühen Sie sich um mehr Pünktlichkeit im Fernverkehr. Im neuen ICE wird es allerdings acht Plätze für Fahrräder geben. Wie sollen denn mehrere Radfahrer binnen zwei Minuten in den Zug kommen?

Huber: Im jährlichen Durchschnitt ist die Auslastung der Fahrradplätze sehr gering und selten konzentriert auf einen Bahnhof. Und falls es doch mal zu Verspätungen kommen sollte, bin ich optimistisch, dass wir sie durch im Fahrplan enthaltene Puffer wieder aufholen können. Wir beobachten das aber genau und können gegebenenfalls nachsteuern.

SPIEGEL ONLINE: Ein ICE ist 30 bis 40 Jahre im Einsatz. Sind solche Zeiträume angesichts der dramatischen Umbrüche in der Mobilität überhaupt noch zeitgemäß?

Huber: Die Investitionen sind sehr hoch, deshalb müssen wir die Züge lange nutzen. Aber der ICE 4 ist so konzipiert, dass wir ihn komplett ausräumen und mit neuen Elementen ausstatten können. Außen bleibt der ICE 4, wie er ist, aber innen können wir ihn komplett an künftige Kundenbedürfnisse anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Menschen in 20 Jahren im Zug stehen wollen, ist auch das möglich?

Huber: Theoretisch ja, praktisch gehen wir davon aus, dass unsere Fahrgäste auch künftig ihre Reise entspannt genießen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie verändert sich die Mobilität der Menschen insgesamt?

Huber: Sie wird weniger an ein Verkehrsmittel gebunden sein. Für uns ist das ein Risiko und eine Chance zugleich. Wenn wir richtig auf die Entwicklung und die Bedürfnisse der Menschen reagieren, wird die Deutsche Bahn davon profitieren. Trotz aller Bemühungen um autonomes Fahren haben die Autofahrer doch zunehmend das Gefühl, ihnen würde die Zeit gestohlen. Das ist bei der Bahn anders.

SPIEGEL ONLINE: Aber genau dieser Vorteil geht der Bahn doch durch autonom fahrende Autos verloren.

Huber: Bis die Leute mit autonom fahrenden Autos von München nach Berlin unterwegs sind, wird es noch eine Weile dauern. Und der Zug wird auch dann schneller sein.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist künftig eigentlich der Platz der Bahn zwischen Billigfliegern, Fernbussen und autonom fahrenden Autos?

Huber: Wir können etwas, das kein Konkurrent kann: Mit uns kann man komfortabel, schnell und ohne ständige Unterbrechungen, wie beispielsweise beim Fliegen, reisen. Sie können also Ihre Zeit im Zug genauso nutzen, als wenn Sie nicht auf Reisen wären.

SPIEGEL ONLINE: Wann reicht denn eine App auf dem Handy, um mit der Tram in Berlin zum Bahnhof, mit dem Zug nach Hamburg und dort weiter mit dem Car2go zu fahren und die Kosten automatisch abbuchen zu lassen?

Huber: Bis es ein solches durchgängiges Ticket gibt, wird es noch eine Weile dauern. Aber es ist schon jetzt weniger eine Frage der technischen Machbarkeit als der Kundenakzeptanz. Bislang zeigen die Erfahrungen, dass die Kunden etwa die Kontrolle über die Fahrtkosten nicht abgeben wollen. Deshalb konzentrieren wir uns auf das, was das Reisen verbessert und akzeptiert wird. So wie das Live-Ticketing.

SPIEGEL ONLINE: Was verbirgt sich dahinter?

Huber: Künftig wird sich das Ticket während der Reise verändern. Wir teilen dem Kunden dann während der Fahrt mit: "Sorry, Ihr Anschlusszug in Stuttgart ist leider schon weg, aber in 25 Minuten fährt der nächste Zug. Wir haben Ihnen bereits einen Platz reserviert und einen Kaffee bekommen Sie als treuer Kunde auch, weil es uns wirklich leid tut."

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles schön und gut. Aber noch wirkt die Bahn nicht gerade wie ein digitales Unternehmen.

Huber: Wir haben da tatsächlich noch einen langen Weg vor uns, aber wir sind auch Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Denken Sie nur an die DB Navigator-App, die 23 Millionen Mal herunter geladen wurde. Und der ICE 4 ist ein weiterer großer Schritt in diese Richtung, das Live-Ticket wird ebenfalls ein Meilenstein sein. Wenn wir mit der digitalen Entwicklung unserer Kunden nicht mithalten, gehen unsere Angebote an den Bedürfnissen vorbei. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem.

DER SPIEGEL


insgesamt 104 Beiträge
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spon-facebook-1799101582 14.09.2016
1.
Das WLAN wird doch sowieso wieder nur sporadisch funktionieren und die Klimaanlage bei 26° C gnadenlos ausfallen. Ich werde nach wie vor Zugfahrten meiden, so gut es geht.
Sixpack, Joe 14.09.2016
2. Warum nicht in Frankreich eingekauft?
Warum stellt der Journalist nicht die 1-Million Euro Frage: Warum hat Die Bahn nicht einfach in Frankreich, Italien oder Japan eingekauft? Das hätte viel Geld gespart, und man hätte sehr gute Züge bekommen die sich über Jahren hinweg bewiesen haben.
piccolo-mini 14.09.2016
3. Die Bahn sollte
pünktlicher und günstiger werden und durchgehend funktionierendes W-Lan, mit dem problemlos Videoinhalte in HD konsumierbar sind, aufweisen. Dann würde sie auf Langstrecken eine ernstzunehmende Alternative für Selbstzahler. Aktuell kostet eine Fahrt durch das halbe Bundesgebiet in der Regel selbst mit Bahncard mehr, als das Benzin, selbst wenn man alleine fährt.
mirror_man 14.09.2016
4. Aber wie verbindet sich der ICE mit der Welt?
Damit ein WLAN im Zug auch funktioniert muss der ICE4 überall wo er fährt im Bereich eines Funknetzes sein. Meine Erfahrung auf der Strecke Hamburg-Hannover ist, dass man von einem Funkloch ins nächste fährt, man kann dort nicht mal ordentlich mobil telefonieren. Da muss wird noch kraeftig in die Infrastruktur entlang den Bahnstrecken investiert werden müssen bevor der schöne WLAN Plan verwirklicht werden kann.
Hank-the-Voice 14.09.2016
5. Berthold Huber hat den undankbarsten Job bei der Deutschen Bahn (DB).
Ich glaube der des Bordpersonals ist viel undankbarer und viel schlechter bezahlt. Als Vorstands-Mitglied wird das "Schmerzensgeld" wohl ausreichend hoch sein. Ausserdem kann er als Entscheider ja etwas ändern, im Gegensatz zu den Kollegen die sich das Gejammer der Kunden direkt anhören müssen... jeden Tag.
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