Aufruf der IG Metall 60.000 Beschäftigte treten in Warnstreiks

Die IG Metall erhöht den Druck erheblich: Am Dienstag legten 60.000 Beschäftigte die Arbeit nieder, um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten zu fordern - viermal so viele wie in allen bisherigen Warnstreiks zusammen.

Streikende Metall-Arbeitnehmer in Hannover
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Streikende Metall-Arbeitnehmer in Hannover


Fast jeden Werktag hat die IG Metall zu Warnstreiks aufgerufen, seit die Friedenspflicht zum Jahreswechsel ausgelaufen ist - doch an diesem Dienstag hat die Gewerkschaft ihre Entschlossenheit besonders deutlich demonstriert: Bundesweit haben 60.000 Beschäftigte in 280 Betrieben die Arbeit zeitweise niedergelegt, teilte die IG Metall mit. Das waren viermal mehr als bei allen bisherigen Warnstreiks zusammengenommen. Allein in Nordrhein-Westfalen waren es am Dienstag demnach 32.000 Beschäftigte in 143 Betrieben.

Die Warnstreiks sollen zwei Tage vor der dritten Verhandlungsrunde am Donnerstag den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler kündigte bei einer Kundgebung mit 4000 Beschäftigten in Schweinfurt den vielleicht härtesten Tarifkampf seit 20 Jahren an.

Tatsächlich sind die Fronten in der aktuellen Tarifrunde so verhärtet wie lange nicht mehr. Grund dafür ist weniger die Lohnforderung der Gewerkschaft - sie möchte sechs Prozent höhere Löhne durchsetzen - sondern die Forderung nach einem individuellen Anspruch für die Beschäftigten, die Arbeitszeit vorübergehend auf bis zu 28 Stunden in der Woche zu reduzieren. Zudem sollen die Arbeitgeber nach dem Willen der IG Metall einen Zuschuss bezahlen, wenn die Teilzeit zur Pflege von Angehörigen oder zur Kinderbetreuung genutzt wird.

Bislang haben die Arbeitgeber lediglich zwei Prozent mehr Lohn angeboten. Über flexiblere Arbeitszeiten würden sie durchaus verhandeln, ließen sie bislang verlauten, wenn das auch beinhalte, dass andere Beschäftigtengruppen künftig länger als die bisher geltenden 35 Stunden in der Woche arbeiten dürften. Den Lohnzuschuss bei einer Verkürzung der Arbeitszeit lehnen sie hingegen strikt ab - und bezeichnen ihn sogar als rechtswidrig: Er würde, so das Argument der Arbeitgeber, jene Beschäftigten diskriminieren, die bereits heute in Teilzeit arbeiten.

Lesen Sie hier: Jetzt wird's ernst - darum geht es der IG Metall.

Die Gewerkschaft hat ihrerseits deutlich gemacht, an dieser Stelle nicht nachgeben zu wollen: "Ohne einen Zuschuss der Arbeitgeber für Eltern, pflegende Angehörige oder Schichtarbeiter, die ihre Arbeitszeit reduzieren, wird es keinen Abschluss geben", sagte der baden-württembergische IG-Metall-Verhandlungsführer Roman Zitzelsberger dem "Handelsblatt". Blieben die Arbeitgeber auch am Donnerstag bei ihrem strikten Nein, könnte die Gewerkschaft erstmals zu ganztätigen statt nur kurzzeitigen Ausständen aufrufen, drohte Zitzelsberger.

Arbeitszeit in Deutschland

Die IG Metall plant ihre Aktionen schrittweise auszuweiten und bezieht auch die großen Autokonzerne mit ein. Bereits an diesem Mittwoch sollen Daimler Chart zeigen in Stuttgart, der Lastwagenbauer MAN Chart zeigen sowie der Technologiekonzern Siemens Chart zeigen in München bestreikt werden. Am Donnerstag will IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vor Mitarbeitern von BMW Chart zeigen in München sprechen.

Ende Januar könnte der Tarifstreit noch einmal deutlich eskalieren. Dann sei man mit der Geduld am Ende, lassen Gewerkschaftsfunktionäre durchblicken - im Klartext droht sie mit regulären Streiks. Zuvor müsste sie ihre Mitglieder jedoch noch in Urabstimmungen darüber entscheiden lassen.

fdi/dpa/Reuters

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Palmdale 09.01.2018
1. Dünnes Eis
Es ist in der Tat fraglich, ob die Forderung nach Lohnausgleich wie gefordert tatsächlich legal ist oder nicht doch wie in einem ersten Gutachten diskriminierend und damit verfassungswidrig wäre. So gesehen lehnt man sich deutlich aus dem Fenster und könnte für die Gewerkschaft teuer werden. Bin gespannt
aktiverbeobachter 09.01.2018
2. Streik Engagement
Würde der ein oder andere dieser Streikenden sein beim Streiken gezeigtes Engagement auch im täglichen Arbeitsleben zeigen, bräuchte er nicht zu streiken.
verruca 09.01.2018
3. Einzelfallbetrachtung
28 Std. bei Lohnausgleich in einem Land in dem sowieso schon Elternzeit, KiTa, etc. großgeschrieben werden ist in der Tat eine stramme Forderung. Natürlich gibt's immer Einzelfälle wo so eine Option ein Segen wäre. Aber zum einen kann man diese oft auch individuell und einvernehmlich mit dem Arbeitgeber lösen und zum anderen scheint mir hier das Allgemeinwohl (6% für alle) einer - warum auch immer - plötzlich "unverrückbaren Forderung" für einen sehr kleinen Prozentsatz an potentiellen Nutznießern als Spielmasse geopfert zu werden.
LorenzSTR 09.01.2018
4. Denk´ ich an Schland...
Was ist das für ein Land, in dem selbst minimale Forderungen von ArbeitnehmerInnen, die die fetten Profite der oberen 10.000 erwirtschaften, verächtlich gemacht oder als unrealistisch betrachtet werden? Kein Wunder, dass wir hierzulande den prekärsten Arbeitsmarkt Westeuropas haben und die Profite nur nach oben fließen. Die Jahrzehnte der neoliberalen Dauerpropaganda haben natürlich nicht gerade zur Bildung der breiten Bevölkerung beigetragen. Die Gewerkschaften sollten endlich wie in Frankreich auftreten und außerdem sollten nur noch Gewerkschaftsmitglieder von durchgesetzten Forderungen profitieren. Es kann nicht sein, dass sich manche Menschen für den allgemeinen Fortschritt einsetzen und andere sich völlig ausklinken, aber dann die Vorteile einsacken wollen.
WernerJordan 10.01.2018
5. Sind Tarifverträge mit dem GG vereinbar ?
Dort ist Koalitionsfreiheit und nicht der Koalitionszwang geschützt ! Und als AG würde ich aus dem Tarifverband austreten und dann neue Verträge machen wie in Ostdeutschland. Ungelernt Mindestlohn +2 Euro, Gelernt 15-20€ , 24 Tage Urlaub kein Weihnachts/Urlaubsgeld. Dann werden Autos aus D wieder erschwinglich und in den Firmen ist Geld für E-Innovation da.
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