40 Jahre Ikea in Deutschland Ivar der Schreckliche

Seit 40 Jahren bringt Ikea Ivar- und Billy-Regale in deutsche Wohnungen. Der schwedische Konzern machte modernes Design bezahlbar - und Möbel zur Wegwerfware.

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Pling. Pling. Und nochmal: Pling. Alle zehn Sekunden wird in irgendeinem Ikea-Laden auf der Welt ein Billy-Regal über die Kasse geschoben. So besagt es zumindest eine der vielen Legenden um das Möbelhaus.

Der Käufer, der sich in genau diesem Moment noch freut, wird später vielleicht fluchen oder sogar verzweifeln - wenn er die lackierten Sperrholzplatten erst im halb geöffneten Kofferraum nach Hause bugsieren muss und schließlich, nachdem das kiloschwere Paket in die Dachgeschosswohnung geschafft wurde, vor der undankbaren Aufgabe des Aufbauens steht. Klar, dass mindestens eine Schraube aus dem durchsichtigen Plastiksäckchen fehlt. Noch so eine Legende.

Seit vier Jahrzehnten kursieren Anekdoten wie diese auch deshalb, weil eigentlich jeder aus eigener Erfahrung mit dem Kopf nickt, während sie erzählt werden. 1974 wurde die erste Filiale des Möbelgiganten in Deutschland in Eching bei München eröffnet. Seitdem wurden 47 weitere gelb-blaue Möbelhäuser hierzulande hochgezogen, 100 Millionen Besucher zieht es jährlich dorthin. Damit ist Deutschland zu einem der umsatzstärksten Märkte für Ikea geworden. Vier der insgesamt 28,5 Milliarden Euro Umsatz wurden im vergangenen Geschäftsjahr hier gemacht.

Das erste Ikea-Einrichtungshaus in Eching bei München
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Das erste Ikea-Einrichtungshaus in Eching bei München

Das Geschäftsmodell, das der inzwischen 88-jährige Ikea-Gründer Ingvar Kamprad in die Bundesrepublik brachte, ist denkbar simpel: Modernes Design zu einem günstigen Preis anbieten - und dafür den Umschlag deutlich erhöhen. Zielgruppe waren am Anfang vor allem Studenten. "Wer jung ist, hat mehr Geschmack als Geld", ist der Slogan des ersten deutschen Ikea-Katalogs. Darunter sind gepolsterte Lesesessel für je 124 Mark abgebildet - ein Jahr später kostet ein vergleichbares Modell nur noch 59 Mark. (Sehen Sie die unterschiedlichen Katalog-Cover von 1974 bis heute hier.)

Das Prinzip hat allerdings auch seine Kehrseite. "Ikea hat den Möbelmarkt sehr schnell verändert", sagt Harald Welzer, Soziologe an der Universität Flensburg und Autor von "Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand". Früher wurden Schränke und Betten noch im Möbelgeschäft bestellt oder sogar angefertigt. Die sollten Jahrzehnte halten. Nun werfe der Kunde ein Regal, dass nur 38 Euro gekostet und fast überall wieder nachgekauft werden kann, beim nächsten Umzug im Zweifelsfall eher auf den Sperrmüll, als es in der neuen Wohnung nochmal aufzubauen. Dafür habe sich inzwischen schon ein Begriff gebildet: die Ikeaisierung. "Bis heute steht Ikea für den Umschwung vom Lang- zum Kurzlebigen", sagt Welzer.

Schuld an der Wegwerfgesellschaft ist das Milliarden-Imperium aus dem südschwedischen Älmhult allein sicher nicht. "Die Wegwerfkultur gab es schon vor Ikea. In den Fünfzigerjahren war es in den USA schick, etwa gebrauchtes Plastikgeschirr einfach wegzuschmeißen, statt herkömmliches abzuwaschen", sagt Welzer. Der Trend habe sich dann mit einigen Jahren Verzögerung nach Europa ausgebreitet. Ikea habe es schließlich hierzulande in die Möbelbranche getragen.

Billy-Regale im Ikea-Ausstellungsbereich in Hofheim-Wallau (Hessen)
DPA

Billy-Regale im Ikea-Ausstellungsbereich in Hofheim-Wallau (Hessen)

Gleichzeitig hat Ikea das Thema Design in Deutschland massentauglich gemacht. "Deutsche Einrichtung konnte man bis dato auf das Stichwort 'Gelsenkirchener Barock' herunterbrechen", sagt Jörg Hundertpfund. Massive Schrankwände sind damit gemeint. Ikea schaffe es zudem, immer wieder genau die zeitgenössischen Strömungen aufzugreifen und die Produkte darauf auszulegen, sagt der Professor im Fachbereich Gestaltung der FH Potsdam. Der Hype um die schwedischen Möbel habe aber auch zu einer Vereinheitlichung der Einrichtung geführt; Hundertpfund spricht von einem "kulturellen Mehltau", der sich über deutsche Wohnungen lege. In fast jeder stehe doch heute ein Billy-Regal. Das sei per se nichts Schlechtes.

Auch die Kritik an der Qualität der Möbel kann der Professor nicht nachvollziehen: "Das ist wie bei einem Auto, das man für 100 Euro bekommt. Da sollte man sich hinterher nicht beschweren, dass es tropft und quietscht." Dennoch stehe der Kunde heutzutage vor einem Dilemma: Zum einen sehne er sich nach Nachhaltigkeit und damit auch Verbindlichkeit - auf der anderen Seite wolle er sich und seine Einrichtung verändern und dem Trend anpassen. "Und dann fragen sich die Leute: Warum soll ich einen Tisch für 90 Euro kaufen, wenn ich fast den gleichen für zehn Euro haben kann?"

Ist das die Zukunft?

Echten Fans der Marke geht es ohnehin weniger um Materialfragen - sondern ums Gefühl. Schon alleine durch das konsequente Duzen der Kunden soll Nähe suggeriert werden. Dabei hat sich der Fokus des Marketing in den vergangenen 40 Jahren verändert: Was früher die Studenten waren, ist heute die junge Familie. "Die Kinder können rutschen und spielen im Bälleparadies, während die Eltern im Restaurant Kaffee trinken. Am Ende war der Ikea-Besuch ein schöner Familienausflug, der aber nicht unbedingt das Ziel hatte, ein Möbelstück zu kaufen", erzählt Klaus Völk, der die Website Ikea-Freunde gründete, die mittlerweile in möbelfans.de umbenannt werden musste.

Nicht immer geht das Kunden-Umarmungs-Prinzip allerdings auf. Gegen die Pläne einer ersten Ikea-Filiale in der Fußgängerzone in Hamburg Altona liefen viele Anwohner Sturm. Sie befürchteten einen Verkehrskollaps, steigende Mieten und eine sukzessive Verdrängung. Ikea als Gentrifizierungs-Motor also. Bei einem Bürgerbescheid votierten vor vier Jahren dennoch mehr als Dreiviertel der Abstimmenden für den Laden. Vor wenigen Monaten wurde der mehrstöckige Koloss eröffnet; es soll jetzt schon eine der umsatzstärksten Ikea-Filialen der Republik seien.

Ikea-Filiale in Hamburg-Altona: "Es kann eine Option sein"
DPA

Ikea-Filiale in Hamburg-Altona: "Es kann eine Option sein"

Ist das die Zukunft von Ikea? Entschieden ist das offenbar noch nicht. "Es kann eine Option sein", sagte Deutschland-Chef Peter Betzel bei einer Pressekonferenz zum Jubiläum. Man lerne in Altona noch jeden Tag. Fest steht hingegen, dass Ikea auch weiterhin in Deutschland zulegen will. 20 neue Filialen will der Konzern in den kommenden Jahren in Deutschland bauen. Den Vorwurf des Wegwerfprinzips könne man nicht nachvollziehen, teilt eine Konzern-Sprecherin mit. "Wir haben ein Sortiment, das in den Maßen und Stilen so aufeinander abgestimmt ist, dass es vielfältig kombinierbar und lange in unterschiedlichen Lebenssituationen nutzbar ist."

Der Kritik der Wegwerfkultur wird Ikea dennoch auch künftig begleiten. So hat das Unternehmen im vergangenen Jahr ein lebenslanges Umtauschrecht für nahezu alle Produkte ausgegeben. Was nicht mehr gefällt, soll noch schneller aus der Wohnung geschafft und durch ein neues Ikea-Möbel ersetzt werden können. Betzel schränkte das allerdings nun wieder ein; ausgediente Möbel, etwa eine 15 Jahre alte Küche, nimmt auch Ikea nicht zurück. "Da geht es auch um gesunden Menschenverstand."

Mit Material der Agentur dpa

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insgesamt 52 Beiträge
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michel28 14.10.2014
1. Ja warum
sollen in einer Wegwerfgesellschaft nicht auch Möbel weggeworfen werden. Gilt doch schon lange der Spruch: "Was lange hält, bringt kein Geld." Von wegen Konjunktur und so.
uksubs 14.10.2014
2. arbeitsplatzvernichter
neulich habe ich gehört, dass der ikea- gründer in seiner heimat als jahrhundertereignis gefeiert wurde. wie können die leute nur so verblendet sein! ikea leutete quasi den anfang vom ende ein. ich möchte nicht wissen, wieviele kleine betriebe, vor allem tischlereien, aber auch durch die vielen nebenprodukte einen beträchtlichen teil im einzelhandel, regelrecht ausgeblutet wurden. selbst der slogan " geiz ist geil " könnte hier seinen anfang genommen haben. im besonderen in den metropolen möchte ich auch bezweifeln, dass man möbel, die sehr viel länger halten werden, nicht für einen ähnlichen preis bekommen kann, nämlich gebraucht. da kann mann dann das holz abschleifen und neu behandeln, ein paar schrauben nachziehen und in den nächsten zwei jahrzehnten und nach einigen umzügen erneut aufstellen. dass allerdings erfordert etwas mehr mühe und etwas mehr anforderungen an den eigenen geschmack, der, wie hier ebenfalls betont wird, so auf der strecke bleibt. zudem sieht es doch auch oft nicht gerade danach aus, als wenn es eigenkreationen sind, sondern in der mehrzahl abgekupferter trend. es ist zwar alles etwas bunter, erinnert allerdings doch sehr an die planwitschaftsprodukte.
kirk,james-tiberius 14.10.2014
3. ikea altona
Ich bekenne mich zu den Kunden, die in ein richtiges möbelgeschäft gehen um etwas qualitatives zu bekommen. Ich bin bereit z.B. in das dänisches bettenlager zu gehen was direkt hinter ikea altona ist also direkte konkurenz. und da bin ich auch bereit 300 euro aufwärts für ein Esstisch auszugeben. Schließlich will ich vom Esstisch für die nächsten 15 Jahre was haben statt für die nächsten 3 Jahre. Ich möchte auch gestehen ich kann die leute nicht mehr hören die ständig schreien und sagen " Neeh das ist mir zu teuer". Viele Menschen haben in Deutschland das gefühl dafür verloren, was wieviel kosten soll. Sie haben sich zu sehr auf das alles so billig wie möglich fixiert. Sich daran so sehr gewöhnt, dass es zu einer selbstverständlichkeit geworden ist. Es ist auch immer wieder diese Verbreitung von Angst. Dass unser Geld in Zukunft nicht mehr den selben Wert hat wie heute. Ich war Heute im Ikea haus in altona.. ich hab da keibe möbel gekauft. Möbel kauft man nicht bei Ikea; Möbel kauft man in einem richtigen Möbelgeschäft, dass wenn ich das Geschäft betrete ich begrüßt werde wie im Dänischen Bettenlager.
Bärthold 14.10.2014
4. Nachhaltigkeit
Die ältesten meiner Billy-Regale haben inzwischen 20 Jahre und mehrere Umzüge auf dem Buckel und tun noch immer ihren Dienst als Bücherregale Andererseits habe ich auch keine Lust, 50 Jahre in der gleichen Einrichtung zu hausen. Geschmack ändert sich, Funktionalität ändert sich. Oder wollen wir zu Beginn unseres Erwachsenendaseins 1.000.000€ für unendlich lang haltbare Dinge ausgeben, und dann nie wieder modernisieren? Laaangweilig!
zeichenkette 14.10.2014
5. Schlechter Titel
Ausgerechnet Ivar (das Regal) ist nämlich das absolute Gegenteil von Wegwerfware. Das Ding ist aus Massivholz (nix Spanplatte), vollständig modular, sehr flexibel zu kombinieren und praktisch unkaputtbar. Wenn es nach mir ginge, müßte es kein anderes Regalsystem geben... Und man kann das beliebig beizen, ölen oder lackieren, das Ding macht einfach alles mit. Ja, manches von dem Billigkram dort ist hübscher Neuschrott, der ein Jahr später auf dem Müll landet, aber etliche Waren sind sowohl kreativ designt als auch haltbar und solide. Wie üblich: Doofe kaufen überall doof, aber Ikea hat auch wirklich grundsolide und einfallsreiche Sachen, gegen die sehr viele Möbelhersteller einfach sehr, sehr arm aussehen, vor allem, wenn das auch bezahlbar sein soll. Und was fehlende Teile angeht, habe ich mit Ikea nur gute Erfahrungen gemacht. Als mir mal ein paar von den Stahlstiften fehlten, mit denen man bei Ivar die Bretter einhängt, wurde mir schlicht eine Tüte mit ca. 1 Kg der Stifte in die Hand gedrückt, ohne Formalitäten oder Kosten. Vielleicht habe ich nur Glück gehabt, aber ich glaube, der Laden hat nicht zufällig so einen Erfolg.
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