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04. Mai 2012, 14:36 Uhr

Zwangsarbeiter-Affäre

Elchtest für Ikea

Das passt nicht zum Kumpelkonzern: DDR-Zwangsarbeiter sollen in den achtziger Jahren für Ikea gearbeitet haben. Es ist nicht das erste Mal, dass der Möbelgigant mit seinen Sozial- und Umweltstandards in die Kritik gerät. Das Management müht sich um Schadensbegrenzung.

Hamburg - "Wussten Sie, dass wir nicht aus Schweden kommen?" Mit diesem Slogan warb Ikea vor einigen Jahren um Kunden. Die wissen inzwischen, dass nur wenige der Produkte des Möbelkonzerns aus der heilen Welt Skandinaviens stammen. Stattdessen wird fast ein Viertel der Einrichtungsgegenstände aus China geliefert. Das Faible für Werkstätten in kommunistischen Ländern hat Ikea offenbar seit langem - deshalb droht dem Konzern ein Image-Debakel.

Denn laut einem schwedischen TV-Sender ließ die Firma Möbel in DDR-Gefängnissen produzieren, in denen auch politische Häftlinge einsaßen. Und auch in Kuba mussten laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Häftlinge für den schwedischen Konzern schuften.

Ikea teilte mit, man wisse nichts über eine Produktion von Möbeln in Kuba. Auch von Zwangsarbeit in der DDR will Ikea bisher nichts gewusst haben. Der Konzern hat aber eine Untersuchung mit Hilfe von Stasi-Unterlagen eingeleitet. Die Nachforschungen müssten abgeschlossen werden, sagte eine Firmensprecherin. Dann könne man gegebenenfalls auch über Entschädigungen sprechen. "Wir wollen darüber gerne einen Dialog mit Betroffenen und auch mit Organisationen führen."

In der Ikea-Zentrale setzt man also auf Schadensbegrenzung. Dennoch dürften sich viele Verbraucher fragen, wie Ikea eigentlich tickt. Da ist einerseits der kumpelhafte Kult-Konzern, der seine Kunden duzt und dessen Möbel in fast jeder Studentenbude zu finden sind. Andererseits ist Ikea aber auch ein verschwiegener Weltkonzern, der nur ungern Lieferanten preisgibt und sich gegen Herkunftssiegel auf seinen Produkten wehrt.

Spitzelaffäre in Frankreich und der dubiose Ruf des Gründers

Ikea wurde 1943 gegründet und ist mit knapp 300 Filialen in fast 30 Ländern der weltgrößte Möbelhersteller. Dennoch hielt sich das Unternehmen jahrzehntelang mit offiziellen Zahlen bedeckt. 2011 verzeichnete die internationale Ikea-Gruppe fast drei Milliarden Euro Reingewinn - ein Plus von 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz lag bei 24,7 Milliarden Euro.

Die dunklen Seiten von Ikea sorgten in den vergangenen Jahren mehrmals für Schlagzeilen:

Dass der Konzern offener wurde, dürfte auch an Mikael Ohlsson liegen. Er rückte im September 2009 an die Spitze des Möbelkonzerns. Seitdem geht der Konzern offener mit Kritik um und veröffentlicht einen Nachhaltigkeitsbericht. Die Firma hat sich mit dem sogenannten Iway einen internen Kodex verordnet. Dieser untersagt Kinderarbeit und soll bei den rund 1200 Zulieferern Standards bei den Arbeitsbedingungen setzen. In China aber akzeptiert Ikea noch immer eine 60-Stunden-Woche für Arbeiter. Es gebe in der Volksrepublik eine große Diskrepanz zwischen den gesetzlichen und realen Arbeitszeiten, schreibt der Konzern.

Umweltschützer zeigen sich milde

Menschenrechtsorganisationen begrüßen zwar die Regeln für Lieferanten, verlangen von Ikea aber mehr Verantwortung. Der Konzern müsse seinen Zulieferern höhere Preise zahlen, mehr Schulungen durchführen und seine Einkaufspolitik ändern, heißt es bei Oxfam. Zu oft werde die Verantwortung auf die Geschäftspartner abgeschoben.

Auch Greenpeace wünscht sich mehr Offenheit von Ikea. 2011 verbrauchte der Konzern 14,5 Millionen Kubikmeter Holz für Möbel, Verpackungen und Kataloge. Nur 16,2 Prozent erfüllen die Forderungen des Forest Stewardship Councils (FSC). Die Nichtregierungsorganisation legt Standards für nachhaltige Forstwirtschaft fest. Bis 2017 sollen 50 Prozent des von Ikea verarbeiteten Holzes FSC-zertifiziert werden.

"Auf so niedrigem Niveau ist es leicht, sich zu steigern", sagt Christoph Thies von Greenpeace. Das Ideal der Umweltschützer wäre, dass Ikea der Öffentlichkeit genau aufschlüsselt, aus welchen Waldregionen der Welt der Konzern sein Holz bezieht. Bisher listet er nur die wichtigsten Lieferländer auf: Polen (23,3 Prozent), Deutschland (8 Prozent), Russland (7,2 Prozent), Schweden und China (jeweils 6,7 Prozent).

Dennoch lobt Thies Ikeas Kurs, Holz aus illegaler Rodung abzulehnen und Lieferanten zu höheren Standards zu bringen: "Es gibt ein gewisses Maß an Transparenz."

Viel Kritik muss sich der Konzern aber wegen der Verwendung von Palmöl für Kerzen gefallen lassen. Ikea argumentiert, dadurch werde Erdöl ersetzt. Zudem habe man Zertifikate für nachhaltiges Palmöl erworben. Naturschützer kritisieren, die Palmöl-Produktion fördere dennoch die Abholzung des Regenwaldes. Einige NGO forderten Ikea sogar auf, Kerzen aus dem Sortiment zu nehmen.

Das wäre dem Konzern aber dann zu viel der Nachhaltigkeit. Ein Verkaufsstopp für Kerzen komme nicht in Frage, sagte die Sprecherin von Ikea Deutschland, Sabine Nold: "So lange die Nachfrage da ist, kaufen es die Kunden eben woanders."

mmq

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