Ikea-Chef Ohlsson: "Der Ansporn bei Ikea ist niemals das Gehalt"

Er ist der Innenarchitekt der globalen Mittelschicht: Ikea-Weltchef Mikael Ohlsson über den Mythos seines Möbelhauses, über Niedriglöhne, Steuervermeidung - und den schwindenden Einfluss von Konzerngründer Ingvar Kamprad.

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Ikea-Vorstandschef Mikael Ohlsson: "Manchmal passieren Fehler"

SPIEGEL: Greift Ikea-Gründer Ingvar Kamprad eigentlich noch ins Tagesgeschäft ein?

Ohlsson: Er ist jetzt 86 Jahre alt. Er hat das Unternehmen mit 17 gegründet. Er hat sein Leben dafür gelebt. Aber der Übergang hält jetzt schon 25 Jahre an, er hat sich immer mehr aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Seit 15 Jahren ist er unser Senior-Berater.

SPIEGEL: Was macht er da?

Ohlsson: Wir haben ein Management-Team, wir haben einen Aufsichtsrat. Ich kenne Ingvar sehr lange, man trifft sich mit ihm fünf- bis sechsmal im Jahr. Als Gründer inspiriert er natürlich alle, aber er greift nicht ins operative Geschäft ein. Sein Einfluss ist da nur noch sehr gering.

SPIEGEL: Und wenn er doch mal interveniert? Bei der Entscheidung, Fernseher ins Ikea-Sortiment aufzunehmen, soll das der Fall gewesen sein?

Ohlsson: Dann sagt er seine Meinung, und wir entscheiden trotzdem so, wie wir es für richtig halten. Wir werden integrierte Home-Entertainment-Systeme ins Angebot aufnehmen, in fünf Märkten wird das gerade getestet. Früher war die Stärke von Ikea die Anwesenheit von Ingvar. Er hat diese Stärke auf die Organisation als Ganzes übertragen.

SPIEGEL: Auch die drei Söhne spielen keine Rolle?

Ohlsson: Sie haben alle lange Erfahrungen gesammelt in den Unternehmen, die ihr Vater gegründet hat. Jonas ist im Aufsichtsrat der Ikea Gruppe, Peter ist Chairman der Ikano Gruppe, und Mathias sitzt im Aufsichtsrat von Inter Ikea, das neben anderen Geschäftsfeldern auch die Franchise-Rechte an Ikea hält.

SPIEGEL: Wie hat sich Ikea gewandelt, seit Sie hier arbeiten?

Ohlsson: Wir haben gelernt, die Bedürfnisse der Menschen besser zu verstehen. Dabei haben wir den Vorteil, alles selbst zu designen und die Produktentwicklung selbst zu verantworten. Die Wertschöpfungskette selbst zu kontrollieren, versetzt uns in die Lage, mehr Verantwortung zu übernehmen und Kosten zu sparen. Es ist ein Teil unserer Wurzeln, Ressourcen zu schonen. Über die Jahre ist daraus ein größeres Interesse an Umweltschutz erwachsen. Hinzu kommt, dass wir früher nur auf Kunden und Zulieferer fokussiert waren. Inzwischen wissen wir aber, dass sich die Kunden auch für Ikea interessieren. Deshalb haben wir uns etwas geöffnet.

SPIEGEL: Ihre Betonung liegt auf einer besseren Gesellschaft, auf Nachhaltigkeit und Transparenz. Das klingt nach Philanthropie, nach Umweltschutzorganisation, dabei geht es Ikea in erster Linie ums Geldverdienen.

Ohlsson: Wir sind getrieben und inspiriert durch unsere Vision. Und die heißt, vielen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Menschen mit wenig bis normalem Einkommen ein schöneres und funktionelleres Zuhause zu geben. Das war lange nur den Reichen vorbehalten.

SPIEGEL: Das ist die geschäftliche Seite. Sie sprachen von Werten.

Ohlsson: Wir versuchen, in unserer eigenen Lieferkette die Rohstoffe besser auszuwählen, zum Beispiel mit der "Better Cotton Initiative". Und wir wollen mit der Ikea-Foundation lokale Initiativen für Kinder unterstützen. Als Unternehmen sind wir der größte Einzelspender der Kinderhilfsorganisation Unicef und Save the Children. Wir unterstützen das UNHCR. Von all diesen Initiativen profitieren bis 2015 mehr als hundert Millionen Menschen auf der Welt.

SPIEGEL: Ist es nicht ein Widerspruch, sich als soziales Unternehmen dazustellen, andererseits aber Steuern zu umgehen wo es nur möglich ist?

Ohlsson: In jedem Markt, in dem wir tätig sind, zahlen wir die Steuern, die wir zahlen müssen. Das sind 21 Prozent in der gesamten Ikea Gruppe, also 780 Millionen Euro plus Grundsteuer im letzten Jahr. Wir halten uns an Standards und Gesetze. Wir mögen es aber nicht, doppelt Steuern zu zahlen oder mehr, als wir müssen.

SPIEGEL: Warum ist Ihre Konzernzentrale nicht in Schweden? Warum gehört Inter-Ikea einer Stiftung in Liechtenstein und die Ikea-Gruppe einer in den Niederlanden?

Ohlsson: Die Ikea-Gruppe hat ihren Konzernsitz in den Niederlanden, weil Herr Kamprad 1982 das Unternehmen in eine Stiftung dorthin übertragen hat. Die Ikea-Gruppe und Inter Ikea sind zwei unterschiedliche Unternehmen mit unterschiedlichen Eigentümern.

SPIEGEL: Hätte man Ikea nicht auch in eine schwedische Stiftung übertragen können?

Ohlsson: Man wollte Ikea absichern für die Zukunft.

SPIEGEL: Das war in Schweden nicht möglich?

Ohlsson: Das weiß ich nicht. Es war Ingvars Entscheidung. Ikea sollte auch dann sicher sein, wenn er einmal tot ist, unabhängig davon, was seine Nachfahren planen. Das war eine gute und sehr langfristige Entscheidung. Wir sind von keiner Börse abhängig und müssen auf keine Gesellschafter Rücksicht nehmen.

SPIEGEL: Ikea ist bekannt dafür, nicht nur bei den Steuern zu sparen, sondern auch bei den Löhnen.

Ohlsson: Wir zahlen in jeder Berufsgruppe den Durchschnittsverdienst dieser Berufsgruppe des jeweiligen Landes, ob das eine Kassiererin ist, eine Designerin, ein Lastwagenfahrer oder ein Manager wie ich es bin. Es gibt keine Ausschläge nach oben und keine nach unten. Der wesentliche Ansporn bei Ikea ist niemals das Gehalt.

SPIEGEL: Wohin entwickelt sich Ikea?

Ohlsson: Wir investieren zum Beispiel irrsinnig viel Geld in erneuerbare Energien, die Hälfte unseres Stromverbrauches in den Ikea-Filialen gewinnen wir durch eigene Solar- und Windenergieanlagen.

SPIEGEL: Wie viele Filialen kann Ikea noch eröffnen?

Ohlsson: Wir haben in der Vergangenheit zwischen fünf und zwölf Läden pro Jahr neu eröffnet. Künftig werden wir zwischen 20 und 30 neue Läden jährlich eröffnen. Allein in China wollen wir unsere Zahl an Filialen verdreifachen. Statt einer sollen dort künftig drei pro Jahr neu eröffnen.

SPIEGEL: Auch gegen diese schnelle Expansion soll sich Ingvar Kamprad ausgesprochen haben.

Ohlsson: Er ist Senior-Berater. Er gibt seinen Rat, aber am Ende entscheiden wir im Management und im Aufsichtsrat.

SPIEGEL: Und damit ist Kamprad immer zufrieden?

Ohlsson: Manchmal passieren Fehler, das erkennen wir an, sagen Mist und korrigieren sie.

Das Interview führten Susanne Amann und Janko Tietz

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insgesamt 70 Beiträge
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1. bin mal wieder voll auf die stimmungsmache des spiege reingefallen ...
louis bergmann 10.12.2012
falls sie den neuen spiegel wegen des ikea-artikels kaufen wollen, sparen sie sich das geld. hier die zusammenfassung: - ikea versucht steuern zu sparen, wo es geht - ikea liess ddr-häftlinge möbel zusammenbauen - wenn man ikea-mitarbeitern unangenehme fragen stellt, lächeln sie. mehr steht nicht drin :) vg louis
2. der
jamesbrand 10.12.2012
Ansporn ist Ausbeutung der Mitarbeiter
3. ....
jujo 10.12.2012
Zitat von sysopDPAEr ist der Innenarchitekt der globalen Mittelschicht: Ikea-Weltchef Mikael Ohlsson über den Mythos seines Möbelhauses, über Niedriglöhne, Steuervermeidung - und den schwindenden Einfluss von Konzerngründer Ingvar Kamprad. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ikea-chef-ohlsson-ueber-den-schwindenden-einfluss-des-gruenders-kamprad-a-871770.html
Wir haben Anfang der achtziger uns das Regalsytem TIMMERMANN gekauft benutzen es bis heute, da massiv aus Holz und keine gepressten Sägespäne. Vor fünf Jahren haben wir uns (geiz ist geil) Küchenmöbel von IKEA gekauft. Heute ärgere ich mich über die lausige Qualität. Möbel von IKEA? nein danke!
4. Lol
miauwww 10.12.2012
"Die Ikea-Gruppe hat ihren Konzernsitz in den Niederlanden, weil Herr Kamprad 1982 das Unternehmen in eine Stiftung dorthin übertragen hat." Das nenne ich eine 'gute Begruendung'. Im uebrigen habe ich mich ueber die Jahre derart ueber IKEA-Produkte geaergert (die Bauplaene und die Produkthaltbarkeit), dass ich noch einen Grund mehr habe, bei denen in diesem Leben wohl nichts mehr zu kaufen.
5. Erkenntniswert?
steelseries 10.12.2012
Das Interview hat die journalistische Tiefe einer Markus Lanz Talkshow. Pure positive Selbstdarstellung und bitte keine kritischen Nachfragen.
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Zur Person
  • AP
    Mikael Ohlsson, 54, hat sein gesamtes Berufsleben bei Ikea verbracht. Er begann als Teppichverkäufer in der schwedischen Filiale Linköping. Seit September 2009 steht er der Ikea-Gruppe vor. Ende August 2013 wird er den Posten an Peter Agnefjäll - bislang für den schwedischen Markt verantwortlich - abgeben. Nach dem Interview zeigt er Fotos seiner zwei Töchter und seines Sohnes auf dem iPad. Die Aufnahmen hat der Hobbyfotograf anlässlich eines Auftritts der Kinder beim Musical "Jesus Christ Superstar" gemacht. Bei der Verabschiedung in der Ikea-Filiale Älmhult rückt er Kissen, Decken und sonstige Accessoires zurecht, damit sie für den Verkauf wieder ansehnlich aussehen.