Ikea-Gründer Ingvar Kamprad Der Schrauberkönig

Genialer Unternehmer, Sparfuchs, NS-Sympathisant: Der verstorbene Ikea-Gründer Ingvar Kamprad hatte viele Gesichter, nicht alle waren sympathisch.

Inter IKEA Systems B.V.

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Sterben? Kam für Ingvar Kamprad lange nicht infrage. "Ich habe noch so viel zu tun und keine Zeit zum Sterben", sagte der Ikea-Gründer in einem Interview kurz nach dem Tod seiner Ehefrau.

Das war 2012, der Patron war schon 86 Jahre alt. Aber er hatte noch immer das Kommando über sein Imperium. Ikea war das Lebenswerk des Ingvar Kampvard vom Bauernhof Elmartyd beim Dorf Agunnaryd in Südschweden.

Viele Jahre hat der Namensgeber, Erfinder und oberste Kostensenker des weltgrößten Möbelhandelskonzerns gebraucht, um loszulassen von dem Unternehmen. Erst vor Kurzem war es dann so weit: Kamprad war endgültig draußen. Er hatte auch informell nichts mehr zu sagen bei Ikea, nichts mehr zu tun.

An diesem Samstag, im Alter von 91 Jahren, ist Ingvar Kamprad gestorben. Er hinterlässt drei Söhne und ein multinationales Unternehmen mit rund 34 Milliarden Euro Jahresumsatz, 355 Warenhäusern sowie 149.000 Mitarbeitern. Im Städtchen Älmhult, wo alles anfing, trauern viele um den eigenwilligen Patriarchen.

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Ingvar Kamprad: Mister Ikea ist tot

Der Mann mit der eckigen Brille und den meist abgewetzten Sakkos hat den Handel weltweit revolutioniert: mit seinen preiswerten Selbstbedienungsmöbeln zum Selbstmontieren. Er hat seine Kunden zu Handwerkern im eigenen Haus gemacht. Hat sie mal begeistert mit preiswerten, ansprechenden Produkten - und sie mal in den Wahnsinn getrieben mit misslungenen Bauanleitungen oder fehlenden Schrauben.

Und er hat bisweilen fast im Alleingang die Wirtschaftsteile schwedischer Zeitungen gefüllt: mit seinen weltweiten Expansionsfeldzügen, seinen kruden Steuervermeidungskonstruktionen, seinen skurrilen Sparideen. All das folgte immer demselben Leitmotiv: So viel Geld wie möglich zusammenraffen und so wenig wie möglich davon ausgeben.

Geschäftsmann war der Enkel deutscher Auswanderer schon als Kind. Mit fünf Jahren fängt der kleine Ingvar im Jahr 1931 an, in der Nachbarschaft Streichhölzer zu verkaufen. Mit zehn Jahren hat er sein Sortiment um Weihnachtsschmuck und selbst geangelte Fische erweitert.

Mit 17 gründet der gelernte Tischler Ikea. Anfangs handelt die Ein-Mann-Firma mit Kugelschreibern, Gemüsesamen und Bilderrahmen. Damit sie billiger und schneller ist als die meisten Konkurrenten, liefert Kamprad die Ware mit dem Fahrrad aus.

Milchmänner als Postboten

Als Schwedens Regierung nach dem Krieg Programme zum Bau neuer Wohnungen startet, konzentriert sich Ikea zunehmend auf den Handel mit Möbeln. Die verkauft Kamprad anfangs fertig montiert, so wie alle anderen Anbieter. Seine ersten Kataloge lässt er nicht per Post verteilen, sondern von Milchmännern. Die kommen sowieso überall hin. Und sie sind billiger.

Seinen Heureka-Moment hat Kamprad in den 1950er Jahren. Als eines Tages ein Tisch nicht in den Lieferwagen passt, montiert ein Mitarbeiter kurzerhand die Tischbeine ab. Kamprad macht daraus ein Geschäftsmodell. Von nun an bietet Ikea immer öfter Möbelbausätze an. Die Pakete sind flacher, Transport- und Montagekosten viel geringer als die der Konkurrenz. Und so kann Ikea seine Möbel konkurrenzlos billig anbieten, ohne beim Design zu sparen.

Kamprad macht alles anders als die anderen. Er führt Selbstbedienung in seinen Möbelhäusern ein, um Personalkosten zu sparen. Er siedelt neue Filialen am Rand der Städte an, wo die Grundstücke billiger und die Mieten niedriger sind. Er eröffnet in seinen Konsumbunkern Restaurants mit günstigem Essen, damit die Kunden die weiten Wege auf sich nehmen. Heute macht Ikea pro Jahr 1,8 Milliarden Euro Umsatz mit Köttbullar, Mandeltorte und anderen Lebensmitteln.

Und weil sich der Chef als Legastheniker keine Nummern merken kann, gibt Ikea den Möbelstücken Namen - bis heute. Das "Billy"-Regal etwa wird nach dem Angestellten Billy Likjedahl benannt, das Sofa "Klippan" nach einem schwedischen Provinzstädtchen, Badezimmerartikel werden nach lokalen Seen getauft.

Die Kunden lieben es. 1974 eröffnet Ikea seine erste Filiale in Deutschland, am Rande von München. Schnell werden die Schweden hierzulande Marktführer wegen ihrer Designs und ihrer niedrigen Preise.

"Die Leute halten mich für billig", hat Kamprad einmal gesagt. Und hinzugefügt: "Sollen sie doch." Aber bisweilen übertreibt er es mit dem Sparen. Immer wieder gerät sein Konzern in die Kritik: als "Billy" Spanplatten das giftige Gas Formaldehyd freisetzen, oder weil Zulieferer von Kinderarbeit profitieren.

2009 beschuldigt der Ex-Manager Johan Stenebo Ikea, dass ein Drittel des verarbeiteten Holzes aus illegaler Abholzung stamme. 2012 kommt heraus, dass Ikea einst aus der DDR Möbel bezogen hatte, die Häftlinge in Zwangsarbeit fertigen mussten. Und dann wird auch das abenteuerliche Steuervermeidungskonstrukt des Konzerns bekannt.

Jedes Einrichtungshaus weltweit muss drei Prozent seines Umsatzes als "Lizenzgebühr" an die Inter Ikea Systems im niederländischen Delft überweisen. Und in den Niederlanden werden Lizenzeinnahmen kaum besteuert. Ein komplexes Konstrukt aus Stiftungen und Gesellschaften in Luxemburg, Liechtenstein und Curaçao in der Karibik sorgt dafür, dass der Fiskus kaum etwas abbekommt vom Familienvermögen.

Zum Steuersparen in die Schweiz

Die meisten Schweden verzeihen ihm alles, selbst seine Vergangenheit als Sympathisant der Nationalsozialisten und seine Mitgliedschaft in der rechtsradikalen "Neuschwedischen Bewegung" bis nach 1950.

Sie bewundern den Macher Kamprad und tauschen Anekdoten über den Sparfuchs Kamprad aus: der Mitarbeitern rät, auch die Rückseite von Papier zu beschreiben, der seinen Tabak immer beim gleichen Händler kauft, weil er dann elf Dosen zum Preis von zehn bekommt und der mit einem uralten Volvo durch die Gegend tuckert (über seinen Porsche redet er nicht so gern).

2014 beginnt er, seinen Söhnen das Kommando zu übertragen. Er legt seine Mandate bei allen drei Stiftungen nieder, die den Konzern kontrollieren. Und er zieht zurück in seine Heimat, nach Älmhult in Småland.

Er hat einen guten Deal gemacht: Das Finanzamt kassiert im ersten Jahr nur umgerechnet 650.000 Euro Steuern von ihm. Das Familienvermögen der Kamprads wird auf mehr als 40 Milliarden Euro geschätzt. Trotzdem macht ihn die Stadt sogleich zum Ehrenbürger.

Anfangs mischt Kamprad sich noch bei Ikea ein, dann ist er draußen. In seinen letzten Lebensjahren schlendert er ab und an noch durch die Ikeagatan, die Ikeastraße in Älmhult, wo fast jeder zweite der 9500 Einwohner für Ikea arbeitet. Und er zeigt sich nun spendabel: wieder und wieder gibt er Geld für soziale Einrichtungen her.

Was den alten Geizhals zu diesem Sinneswandel getrieben hat? Vielleicht war es Altersmilde. Oder ein Investment, in die Zeit danach.

SPIEGEL TV über die Verkaufstricks des schwedischen Möbelhauses

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