Neues Stadtviertel: Leben im Ikea-Land

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Die meisten Kunden kennen Ikea nur als Möbelhaus. Doch das Imperium des schwedischen Unternehmers Kamprad macht noch viel mehr Geschäfte. In London stampft eine Ikea-Tochter gerade ein komplett neues Stadtviertel aus dem Boden - ein Modell, das zum Vorbild für deutsche Metropolen werden soll.

"Strand East": Ikeas Stadtviertel in London Fotos
DPA

Hamburg - Ein cooler Typ mit Vollbart und Gitarrenkoffer schlendert die Straße entlang, unter den Sonnenschirmen der Dane's Yard Kitchen mischen sich Geschäftsleute mit Anwohnern - und am Ufer warten Touristenpärchen auf ein Wassertaxi, das sie in die Innenstadt bringen soll.

So stellen sich die Ikea-Planer ihren neuen Stadtteil vor, der gerade im Osten Londons entsteht, nur wenige hundert Meter vom Olympiastadion entfernt. Noch ist vom bunten Straßenleben der Computeranimationen nicht viel zu sehen. Die elf Hektar große Halbinsel ist zum großen Teil noch eine Industriebrache, um die die Ikea-Tochter Landprop einen grünen Bauzaun gezogen hat. Immerhin, das Wahrzeichen steht bereits: ein 40 Meter hoher Turm im nordöstlichen Zipfel des Areals. Und direkt daneben hat vor wenigen Tagen sogar das erste Restaurant eröffnet.

Das Londoner "Strand East" ist so etwas wie das Vorzeigeprojekt für Ikeas Immobiliensparte. In Polen, Lettland und Rumänien gibt es bereits ähnliche Vorhaben. Nun will der schwedische Konzern auch in mehreren westeuropäischen Großstädten brachliegende Flächen aufkaufen und ganze Stadtviertel hochziehen - unter anderem in Hamburg.

Wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet, sucht Landprop eine mindestens fünf Hektar große Fläche rund um die Innenstadt oder in Flughafennähe, das entspricht etwa acht Fußballfeldern. Man wolle einen "neuen Stadtteil bauen", sagte Ikea-Manager Harald Müller der Zeitung - wobei das angesichts der Größe ein wenig übertrieben klingt. Zum Vergleich: Die Hamburger Hafencity, ein in den vergangenen Jahren neu gebauter Stadtteil, misst 157 Hektar.

"Wir produzieren nicht für die Superreichen"

Noch sind die Pläne in Deutschland nicht konkret. Doch das Vorbild London zeigt, was daraus werden könnte. 1200 Wohnungen sollen in "Strand East" in den kommenden Jahren entstehen, dazu Büros für die Kreativbranche, Restaurants und Geschäfte. Die Straßen sollen vor allem Raum für Fußgänger und Fahrradfahrer bieten, Autos sollen in unterirdischen Parkdecks verschwinden. Landprop-Manager Müller verspricht, kein abgeschottetes Eliteviertel zu bauen: "Wir produzieren nicht für die Superreichen", sagte er im April, "sondern für die Mittelklasse, für Familien." Also genau für die Klientel, die sich Wohnungen in der Londoner Innenstadt kaum mehr leisten kann.

Auf die Mittelklasse zielt auch Ikeas Kerngeschäft. Seit mehr als 50 Jahren verkauft das Unternehmen günstig produzierte Möbel mit schlichtem Design. Die Idee war ein gigantischer Erfolg: Firmengründer Ingvar Kamprad gilt heute mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Euro als reichster Mensch Europas. Allein in Deutschland werden jedes Jahr 30 Millionen Ikea-Kataloge verschickt.

Doch Kamprads Imperium ist längst mehr als die knapp 300 Möbelhäuser in 27 Ländern. Neben der Finanzsparte Ikano, zu der auch eine eigene Bank gehört, gibt es vor allem die Holding Inter Ikea. Sie hält nicht nur die neun Milliarden Euro schweren Ikea-Markenrechte, sondern kassiert auch die Lizenzgebühren von den Möbelhäusern. Laut "Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" waren es allein 2011 knapp 800 Millionen Euro.

Solche Summen wollen gut angelegt sein - zum Beispiel in Immobilien. Deshalb verfügt Inter Ikea auch über eine Immobiliensparte. Deren erklärtes Ziel ist es, das Vermögen des Unternehmens langfristig zu sichern und zu mehren. Dazu werden unter anderem große Einkaufszentren neben Ikea-Filialen errichtet.

Zu den geplanten Projekten zählt auch eine neue Hotelkette, die Ikea gemeinsam mit einem Partner aufziehen will. Sie soll etablierten Billigmarken wie Ibis oder Motel One Konkurrenz machen. In Deutschland ist die Eröffnung des ersten Hauses für 2014 geplant.

"Ich glaube nicht, dass die das in Deutschland schaffen"

Ob Ikea es hierzulande tatsächlich schaffen wird, ein ganzes Stadtquartier wie in London aufzubauen, halten Experten allerdings für fraglich. Zwar gebe es auch in Deutschland große Brachflächen, sagt Andreas Schulten, Vorstand beim Immobilienanalysten BulwienGesa. Als Beispiele nennt er ehemalige Bahnhofsgelände, stillgelegte Flughäfen, Kasernen oder auch Brauereien.

Allerdings sei es hierzulande für Investoren deutlich schwerer, an solche Flächen ranzukommen, als zum Beispiel in Großbritannien. "Die deutsche Stadtentwicklung ist sehr klar geregelt", sagt Schulten. Wenn große Flächen frei würden, werde deren Nutzung schon Jahre im Voraus geplant. "Da sitzen alle anderen Investoren schon längst in den Startlöchern." Schultens Fazit zu den Ikea-Plänen: "Ich glaube nicht, dass die das in Deutschland schaffen."

Es wäre im Übrigen nicht das erste Immobilienprojekt von Ikea, das in anderen Ländern erfolgreich ist, aber in Deutschland floppt. Vor zwei Jahren stellten die Schweden hierzulande das Fertighaus Boklok vor - für 180.000 Euro sollte die billigste Variante zu haben sein, inklusive Grundstück.

Die Erwartungen waren riesig: Schließlich war das Konzept in Schweden, Dänemark und Großbritannien bereits erfolgreich - und die Deutschen gelten als Ikea-verrücktestes Volk überhaupt. Doch von Boklok wollten sie nichts wissen. Bis April 2012 wurden gerade einmal acht Häuser verkauft. Seitdem hat Ikea den Vertrieb vorübergehend gestoppt.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. ===
Originalaufnahme 22.08.2012
Zitat von sysopSchultens Fazit zu den Ikea-Plänen: "Ich glaube nicht, dass die das in Deutschland schaffen."
Und das ist auch gut so. Dass aus dem Boden gestampfte Retortenstädte meistens nichts taugen, sollte man eigentlich schon seit den 1960er Jahren wissen. Da helfen auch "Büros für die Kreativ-Branche, Restaurants und Geschäfte" wenig, wie man inzwischen auch in der Hamburger HafenCity feststellt. (http://www.spiegel.de/reise/staedte/hamburgs-hafencity-wie-stadtplaner-ein-jahrhundertprojekt-misslang-a-842923.html) Und was die Kinder der "nicht Superreichen, der Mittelklasse, der Familien" in einigen Jahren treiben werden, wenn sie erst einmal größer sind und sich in so einem nicht gewachsenen Stadtteil langweilen, kann man in modernen Städten in den Niederlanden sehen (http://www.telegraaf.nl/binnenland/9897913/__Lelystad_meest_crimineel__.html). Da kann ich den Bürgermeistern und Stadträten in GB nur Glück wünschen, dass alles nicht so schlimm wird und hoffen, dass man hierzulande vor solchen "Investitionen" weitestgehend verschont bleibt.
2. schlechte Lage bei Pilotrojekt BoKlok
meerwind7 22.08.2012
Immerhin hat IKEA dazugelernt, dass die Leute zwar zu Mobelhaeusern, nicht aber in ihre Wohnung ewig weit nach draußen fahren möchten. Das Pilotprojekt BoKlok lag so schlecht, dass es nicht mal im sonst teuren Rhein-Main-Gebiet verkäuflich war. Aber irgend etwas besonderes muss IKEA den Kommunen und den Käufern schon bieten. Wie wäre es mit einem echt autofreiem Gebiet (ohne Garagen am Rand)? Die Projektgröße wäre dafür ausreichend.
3. meine schlimmsten befürchtungen...
spargel_tarzan 22.08.2012
Zitat von sysopDie meisten Kunden kennen Ikea nur als Möbelhaus. Doch das Imperium des schwedischen Unternehmers Kamprad macht noch viel mehr Geschäfte. In London stampft eine Ikea-Tochter gerade ein komplett neues Stadtviertel aus dem Boden - ein Modell, das zum Vorbild für deutsche Metropolen werden soll. Ikea plant Stadtviertel in London - und vielleicht auch in Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,851515,00.html)
werden bestimmt übertroffen. man stellt sich also das billy-regal nicht nur ins zimmer, was ja noch erträglich ist, nein jetzt soll man noch darin wohnen. satellitenstädte in schweden oder anderswo haben es schon vor jahrzehnten vorgemacht, sterilität aller orten. wohnkultur, urbanes leben kann man nicht mit autocad planen, das ist ein langer prozeß und das heutige leben und die einkaufs- und konsumgewohnheiten lassen all das was man so liebt nicht mehr zu. kein tante emma laden, keine urige eckkneipe all die dinge die man so mag, kann man so nicht planen. es gibt auch keine farben und putze die die patina aus 20 jahren verrauchtes kneipenleben darstellen können. aseptisch, klinisch rein, geruchlos so sind neubauten. da knarrt keine diele, da gibt es haustüren aus dem katalog, plastikfenster und straßenlampen die dem ganzen buchstäblich die krone aufsetzen.
4. Stätten
Pat-Riot 22.08.2012
Das wird heiter: - Alle Leute müssen sich per Gesetz duzen. - Die Straßen haben bescheuerte Namen, die sich keiner merken kann. - Man muss die Fertighäuser selbst zusammenbauen. - Der dazugehörige Imbus-Schlüssel hat eine Kantenlänge von 30 mal 70 Zentimeter. Ist aber umsonst.
5.
Snoozel 22.08.2012
Ikea könnte das Geld gut in ein Glasfasernetz (FTTH) in Deutschland stecken... und die Strecken vermieten. Langfristig garantiert lohnenswert.
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