Imagepflege an der Wall Street Goldman-Chef mimt den Krisensünder

An der Wall Street feiern Banker schon wieder den Bonussegen. Entsprechend groß ist die Wut auf die Finanzbranche. Goldman-Sachs-Chef Blankfein räumt nun eine Mitschuld an der Krise ein - doch die Pose des reuigen Sünders nimmt ihm kaum einer ab.

Goldman-Chef Blankfein: "Ich habe viel gelernt"
AFP

Goldman-Chef Blankfein: "Ich habe viel gelernt"

Von , New York


Der Metropolitan Club ist eine der letzten Bastionen des alten Geldadels in Manhattan. 1891 vom legendären Bankier John Pierpont Morgan gegründet, war das Etablissement einst Zufluchtsort für die reichsten Männer Amerikas, die hier in exklusiver Ruhe ihre Zeitung lasen, Zigarren pafften und Geschäfte machen konnten. Frauen war der Zugang verboten.

Die sind inzwischen zwar zugelassen. Doch der Marmorpalazzo des Clubs am Central Park bleibt eine Enklave des Mammons. Das enorme Treppenhaus mit der Kassettendecke, die stuckverzierten Säle, die edle Bibliothek, die Dachterrasse mit Skyline-Blick: All das soll den Mitgliedern bis heute das Gefühl geben, besser zu sein als der schnöde Rest New Yorks.

Eine etwas seltsame Idee also, dass Lloyd Blankfein, Vorstandschef von Goldman Sachs, ausgerechnet diese Protzkulisse wählte, um im Namen der Wall Street Abbitte vor dem gemeinen Volk zu leisten. Anlass war das 10th Annual Directorship Boardroom Leaders Forum, eine Managementtagung des Vorstandsmagazins "Directorship", bei der Blankfein zum "CEO des Jahres" gekürt wurde.

Der Geldmanager nutzte diesen Auftritt, um sich vorige Woche nicht nur an die rund 300 feinen Lunchgäste zu wenden, die dafür eine Tagungsgebühr von bis zu 2295 Dollar hingeblättert hatten. Sondern vor allem auch an jene Amerikaner, die bei solchen Anlässen in der Regel draußen bleiben müssen - die Normalbürger, die vom neuen Boom an der Wall Street bisher wenig mitbekommen.

"Ich habe viel gelernt"

Blankfein saß in einem Sessel und sprach ohne Manuskript. Auch wenn sein Konzern im Zuge der Finanzkrise für Vorgänge haftbar gemacht werde, "die wir nicht hätten ändern können, selbst wenn wir es wollten", verstehe er den Volkszorn. "Wir haben uns an Dingen beteiligt, die ganz klar falsch waren, und wir haben guten Grund, das zu bedauern und uns zu entschuldigen", gab er zu und schwor fortan Besserung: "Ich habe viel gelernt, und wir sollten diese Lektionen in die Tat umsetzen."

Das waren ganz neue Töne vom Chef der erfolgreichsten, mächtigsten, politisch bestvernetzten Wall-Street-Bank, der kürzlich noch geprahlt hatte, seine Firma verrichte "Gottes Werk". Davon war nun keine Rede mehr. "Es gab viel fahrlässiges Verhalten, unzulässiges, falsches Verhalten, Verhalten, das behoben und untersucht werden muss", sagte Blankfein. "Daran gibt es keinen, keinen Zweifel. Wir nehmen uns selbst da nicht aus."

Wer nun aber glaubt, Goldman Sachs Chart zeigen habe sich über Nacht zum reuigen Sünder gewandelt, der täuscht sich. Blankfeins Mea Culpa war nichts weiter als Bestandteil einer gut inszenierten Imagekampagne, mit der Goldman neuerdings auf die öffentliche Empörungen am eigenen Geschäftsgebahren reagiert.

Empörung zum Beispiel darüber, dass die Firma dieses Jahr wieder Bonuszahlungen von mehr als 20 Milliarden Dollar anpeilt, während die Arbeitslosigkeit in den USA immer neue Horrorrekorde bricht. Oder darüber, dass auch Goldman vor der Krise mit Ramschhypotheken spekuliert, seine eigenen Shareholder darüber aber bis zuletzt im Unklaren gelassen hatte.

Kommentatoren lästern über Blankfein

Die US-Medien durchschauten den Zauber denn auch schnell: "Blankfeins Sack-und-Asche-Tour", lästerte das "New York Magazine". Die "New York Times" tat die "Entschuldigung" als "inhaltsleer" und reines "Täuschungsmanöver" ab. Am klarsten sprach es Charlie Gasparino aus, Star-Kommentator des TV-Kabelsenders CNBC: "Es ist an der Zeit, dass Lloyd Blankfein als Chef von Goldman zurücktritt und wirklich beginnt, Gottes Werk zu tun, indem er uns die Idiotie erspart, sich seine Ausflüchte weiter anhören zu müssen."

Dabei lässt die Bank derzeit nichts unversucht, um den schlechten Ruf des eiskalten Krisenprofiteurs loszuwerden. Denn selbst in der eigenen Branche hat die Goldman-Truppe nur noch wenig Freunde: "Goldman gewinnt immer", klagt der Manager einer Wall-Street-Bank im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir hassen Goldman."

Also gibt sich Goldman plötzlich als Wohltäter. Am selben Tag des Canossa-Gangs im Metropolitan Club kündigte die Bank an, 500 Millionen Dollar zu investieren, um 10.000 mittelständischen Firmen zu helfen, die Folgen der Rezession zu überwinden - die größte gemeinnützige Spende in der Geschichte der Firma. "Wir freuen uns, Kleinbetriebe zu unterstützen, vor allem in benachteiligten Kommunen", posaunte der Konzern stolz.

Doch selbst diese Aktion verpufft: Die Summe beträgt gerade mal 2,5 Prozent der avisierten Bonussumme für Goldman-Banker - "Krumen", schimpfte die "New York Times".

Goldman Sachs rettet fünf kleine Kätzchen

Zugleich sagte Goldman seine traditionelle Weihnachtsfeier ab, zum zweiten Mal in Folge. Schon die letzte Party zu Beginn der Subprime-Krise im Dezember 2007, im noblen Nightclub BLVD in Soho, hatte Proteste ausgelöst. Stattdessen haben sich jetzt 300 Goldman-Angestellte freiwillig zur Verfügung gestellt, um am Donnerstag bei der Thanksgiving-Massenspeisung von 10.000 obdachlosen New Yorkern durch die Heilsarmee mitzuhelfen und hinterher den Müll eigenhändig zu beseitigen.

Und Goldman kümmerte sich sogar um fünf heimatlose Kätzchen, die in seinem neuen, fast fertigen 1,3-Milliarden-Dollar-Wolkenkratzer am Ground Zero geboren wurden: Der Konzern übernahm, nachdem Blogger auf das Schicksal der "kittens" hingewiesen hatten, die Tierarztkosten und besorgte ihnen Unterkünfte bei Familien. "Sie sind jetzt die glücklichsten Kätzchen in Manhattan", sagte ein Firmensprecher der "Financial Times".

Goldman ist nicht die einzige Wall-Street-Firma, die sich dergestalt um ihr Image sorgt. Auch andere Großbanken verzichten diesmal auf Weihnachtsfeiern, darunter die Bank of America. Morgan Stanley erlaubt seinen Abteilungsleitern Feste - aber nur auf eigene Kosten.

Schon im Sommer heuerte die Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA), die Top-Lobbygruppe der gesamten US-Finanzbranche, die PR-Firma Brunswick Group an, um ihr ramponiertes Image aufzupolieren. Die Wall Street, so hieß es nach Informationen der Agentur Bloomberg in einem internen Memo, müsse "als Teil der Lösung angesehen werden, um sich besser gegen populistische Überreaktionen wehren zu können".

"Blankfein sollte mit ein paar Leprakranken für Fotos posieren"

Ob das den Unmut gegen die Wall Street vertreibt, ist allerdings fraglich. Gerade erst ermittelte Thomas DiNapoli, der oberste Rechnungsprüfer des Bundesstaates New York, dass die Gewinne der Branche im ersten Halbjahr 2009 mit 35,7 Milliarden Dollar um das Eineinhalbfache über dem letzten Rekordwert des Jahres 2000 lagen. Insgesamt, so errechnete es DiNapoli, hätten die größten Geldhäuser(Bank of America Chart zeigen, Citigroup Chart zeigen, Goldman Sachs, JPMorgan Chase Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigen und Wells Fargo) allein bis Oktober 112 Milliarden Dollar für Bonusausschüttungen bereitgestellt.

Am Wochenende dann enthüllte die "New York Times", dass Goldman Sachs und andere Top-Banken bei der staatlichen, 182 Milliarden Dollar teuren Rettung des Versicherungsriesen AIG Chart zeigen selbst kräftig abgezockt hätten. Auch das dürfte die Volksseele kaum beruhigen.

Die "New York Times" bat deshalb renommierte Marketing-Experten um Rat: Was könnten die Wall-Street-Herrscher tun, um sich von ihrer lästigen Mitschuld zu befreien? "Sie sollten Anzeigen schalten, sie sollten Seminare und Pressekonferenzen abhalten", sagte der PR-Mogul Howard Rubenstein. "Es ist Zeit, dass sie sich erkenntlich und dankbar zeigen."

Und wenn all das nichts hilft, hat der New Yorker Stadtblog "Daily Intelligencer" noch einen weiteren, letzten Vorschlag parat: "Schickt Lloyd Blankfein nach Kalkutta, um mit ein paar Leprakranken für Fotos zu posieren."



insgesamt 1528 Beiträge
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Seite 1
saul7 16.11.2009
1. Nein,
Zitat von sysopEin Jahr nach dem Beinahe-Kollaps der Finanzbranche fassen die Banker wieder Mut: Bei einem Gipfeltreffen in Frankfurt debattierten Ackermann und Co. die Lehren aus der Krise - und mokierten sich vor allem über die Regulierungswut der Regierungen. Haben die Banken Ihrer Meinung nach eigentlich etwas aus der Krise gelernt? Diskutieren Sie mit!
die Banken haben nichts aus der Krise gelernt, weil die Politik ihnen nicht längst überfällige Regularien verpasst hat. Die Zockerei darf also weitergehen. Auf eine Entschuldigung der Banken darf noch gewartet werden!!
hajott59, 16.11.2009
2. warum auch?
Nein, die haben nichts gelernt. Warum sollten sie auch? Wenn es eng wird, kommt das große Füllhorn über sie und gut ist!
yato, 16.11.2009
3. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
yato, 16.11.2009
4. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
yato, 16.11.2009
5. ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen
es wurde auf beiden seiten des atlantiks versäumt die gigantischen staatshilfen an knallharte bedingungen zu koppeln und noch etwas noch wichtigeres wurde versäumt: den bankstern klarzumachen, dass nicht nur der kunde in den knast kommt, der eine bank überfällt, sondern dass dies auch umgekehrt gilt, wenn eine bank ihre kunden überfällt. man könnte dies noch nachholen... denn die heutige welt braucht ackermänner in handschellen, statt mit viktory zeichen zumindest beim nächsten mal, wenn die jungs den karren nochmal in den dreck fahren, (was absehbar ist) müssen sie entmachtet werden! geteert und gefedert und vor allem ihre gewinne und vermögen die heute schon faktisch auf kosten des steuerzahlers gehen, eingezogen werden! die scheinen nicht auf vernunft, sondern nur auf die peitsche zu hören, denn sie machen weiter wie vorher und fühlen sich sicher mit ihrer mächtigen lobby armee und ihre geburtstagsfeiern mit kanzlerin so gehts nicht!
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