Immobilien in Europa Fünf Quadratmeter, kaum Licht, 30.000 Euro

In Europas Hauptstädten werden Immobilien immer teurer. Vor allem in London und Rom ziehen die Kaufpreise für Wohnungen kräftig an - in Paris kostet der Quadratmeter schon bis zu 12.500 Euro. Vergleichsweise günstig sind da noch Berlin und Madrid, zeigt eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage.

AFP

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Berlin - Der fünf Quadratmeter große Raum in der Pariser Avenue Saint Mandé liegt in einem Altbau auf der sechsten Etage. Kein Wasseranschluss, kaum Licht - eine Abstellkammer in Toilettengröße. Dennoch war die Verkaufsanzeige nach wenigen Tagen mit dem Schild "Vendu" überklebt - verkauft! Die Maklerin wundert sich über die Frage, ob denn der geforderte Kaufpreis von 30.000 Euro erzielt worden sei, ein Quadratmeterpreis von 6000 Euro also. "Selbstverständlich", gibt sie zur Antwort. Das sei doch ein gutes Angebot gewesen.

In Berlin wird für eine gut ausgestattete Wohnung in einer der besseren Lagen gerade einmal die Hälfte gefordert.

Auch in anderen europäischen Metropolen belebt sich der Markt. Das zeigt eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage unter Immobilienexperten. In London etwa kostet eine 50- bis 60-Quadratmeter-Wohnung in einem halbwegs ansprechenden Viertel um die 350.000 Euro, also mehr als 7000 Euro pro Quadratmeter. Im Preis enthalten sind allerdings oft Schimmel an den Wänden, Mäuse im Keller und einfach verglaste Fenster.

Nimmt man einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren zum Maßstab, so haben sich die Immobilienpreise in Großbritanniens Hauptstadt nur unwesentlich verändert. Unter dem Strich bedeutet das für die meisten Käufer eine Verteuerung - denn ihr Einkommen ist im gleichen Zeitraum geschrumpft. Und trotzdem werden sich diejenigen ärgern, die die kurze Schwächeperiode zu Beginn des vergangenen Jahres nicht genutzt haben. Denn seitdem sind die Preise wieder um rund 15 Prozent angestiegen, wie ein Blick in die größte Datenbank des Landes namens "Land Registry" erkennen lässt.

In einzelnen Stadtteilen, die in den vergangenen Jahren eine umfangreiche Modernisierung erfahren haben, steigen die Preise sogar noch stärker - besonders, wenn sie über den öffentlichen Nahverkehr gut an die Innenstadt angebunden sind. Noch unklar ist bisher der Effekt der bevorstehenden Olympischen Spiele.

Anziehende Nachfrage, steigende Preise

In Paris macht der verrückte Wohnungsmarkt seit Wochen auf den Titelseiten Schlagzeilen. Nie zuvor lagen die Preise dort so hoch: die Notarkammer berichtet von einem Rekord bei den Preisen für Altbauten, die wie in anderen Metropolen auch weiter das Gros der Wohnungen ausmachen. Bereits in mittleren Wohnlagen liegt der Quadratmeterpreis im Schnitt bei fast 6700 Euro - im beliebten Viertel Saint Germain des Près sogar bei knapp 12.500 Euro. "Die Nachfrage hat das Angebot weit hinter sich gelassen", erklärt der Vorsitzende der Notarkammer für den Großraum Paris, Christian Lefebvre.

In Madrid zogen die Wohnungsverkäufe in den vergangenen Monaten dank steuerlicher Anreize und günstiger Preise an. Sie waren seit dem Platzen der Immobilienblase 2007 im Schnitt um bis zu elf Prozent gefallen. Im gesamten Land waren es nach Regierungsangaben zwölf Prozent - die Branche selbst spricht sogar von 17 bis 25 Prozent. Vor allem an der Mittelmeerküste um Valencia und Alicante, wo viele Spanier und auch Deutsche und Briten Ferienwohnungen haben, gingen die Preise in den Keller. Die Branche sitzt derzeit in ganz Spanien auf 600.000 bis 700.000 Wohnungen, die keine Käufer finden.

Der durchschnittliche Quadratmeterpreis in Madrid lag dem führenden Immobilienportal idealista.com zufolge im zweiten Quartal bei 3831 Euro.

Auch in der deutschen Hauptstadt berichten Branchenvertreter von anziehender Nachfrage und steigenden Preisen. Auffällig teurer würden etwa Eigentumswohnungen in den angesagten Stadtvierteln Prenzlauer Berg und Mitte, urteilt die bundeseigene Immobiliengesellschaft TLG. In den gefragten Wohnlagen würden dort inzwischen bis zu 3500 Euro pro Quadratmeter gezahlt, für Dachwohnungen oder sanierte Industrie-Lofts steige der Preis sogar auf bis zu 5000 Euro.

Der Hamburger Großmakler Engel & Völkers hält dagegen das einstige Revoluzzer-Quartier Kreuzberg für eine Gegend mit Perspektive. Ein gutgeschnittene Dachwohnung in sehr guter Lage kratzt dort bereits an der 7000-Euro-Grenze pro Quadratmeter. Der Eindruck wird durch die Hamburger Beratungsgesellschaft F+B bestärkt, die in Prenzlauer Berg (plus 4,1 Prozent), Mitte (plus 5,9 Prozent) und Kreuzberg (plus 6,7 Prozent) die stärksten Preissteigerungsraten registriert hat.

Miethäuser zunehmend gefragt

Für junge Familien rückt der Hauskauf damit in weite Ferne. Selbst diejenigen mit höherem Einkommen wohnen zunehmend zur Miete, beobachtet der Branchenverband IVD. Berlins Mietpreise liegen allerdings noch weit unter denen in Paris, wo 70- bis 75-Quadratmeter-Wohnungen in halbwegs guter Lage die 2000-Euro-Grenze hinter sich gelassen haben.

Pariser Verbraucherschützer rufen angesichts eines durchschnittlichen Mietpreises von 22,30 Euro pro Quadratmeter schon zum Einfrieren der Mieten auf. Der Siedlungsdruck ist dort enorm hoch: knapp 2,2 Millionen Menschen verteilen sich auf etwas mehr als 105 Quadratkilometern. Zum Vergleich: In Berlin sind es knapp 3,5 Millionen auf 891 Quadratkilometern.

Die französische "Libération" hat untersucht, was man sich für 300.000 Euro in Paris leisten könnte - und was man dafür in anderen Städten des Landes bekäme. Das Ergebnis war verblüffend. Gab es in Lille noch ein Haus mit großem Garten oder in Marseille ein 120-Quadratmeter-Appartement in bester Innenstadtlage, so reichte das Geld in Paris nur für ein 30 Quadratmeter großes Appartement.

Mit Material von dpa

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Newspeak, 16.09.2010
1. ...
Auch hier gilt wieder einmal, die Preise entsprechen keinem objektiven Wert mehr, sondern werden allein durch Immobilienspekulation in die Höhe getrieben. Die Marktwirtschaft ist völlig gescheitert, wenn es darum geht, den meisten Menschen ein erträgliches Leben zu verschaffen. Man sollte diese Situation mit allen Mitteln ändern.
justus0jonas 16.09.2010
2. schade
"Für junge Familien rückt der Traum von einer eigenen Wohnung in weite Ferne." Diese Zeile spiegelt unsere Gesellschaft wider: Wer Wohnraum braucht, hat nicht die finanziellen Mittel, wer finanziell solide dasteht, steht oft genug auch allein da und braucht eigentlich keinen großartigen Wohnraum - fein, denn dann lässt sich zumindest fleißig mitspekulieren...
Zero Thrust 16.09.2010
3. re
Zitat von NewspeakAuch hier gilt wieder einmal, die Preise entsprechen keinem objektiven Wert mehr, sondern werden allein durch Immobilienspekulation in die Höhe getrieben. Die Marktwirtschaft ist völlig gescheitert, wenn es darum geht, den meisten Menschen ein erträgliches Leben zu verschaffen. Man sollte diese Situation mit allen Mitteln ändern.
Naja, ist einerseits nicht dran zu rütteln, aber auf der anderen Seite sollte man nicht ganz verschweigen, worauf sich diese (Spitzen)preise nun wirklich beziehen. Auch die teuersten dieser Hauptstädte sind davon natürlich nicht insgesamt betroffen (Ausnahme: London?), sondern es geht wohl in erster Linie um sowieso exklusive Stadtteile, respektive um zentrale, oder sonstig vorteilhafte Lagen innerhalb dieser Hauptstädte. Und, ganz ehrlich, wer es nun unbedingt nötig hat, direkt am Rande der "City of Westminster" zu weilen, der soll von mir aus auch solche Preise zahlen. Die Gegenden sind nun mal begehrt - und räumlich aber zugleich begrenzt? Ein anderer Nachteil, den das natürlich mit sich bringt, ist dann eben, dass auch (ursprünglich günstigere) Gegenden stärker nachgefragt werden und immer stärker auch von kaufkräftiger Kundschaft, wodurch auch diese auf längere Sicht unbezahlbar werden, man spricht allgemeiner auch von Gentrification. Schlimmstenfalls endet das dann eben so, wie am Beispiel Londons, wo sich ein Otto-Normal-Verbraucher eine Residenz innerhalb (gar Greater-?) Londons de facto nicht mehr leisten kann und auch Menschen, die eigentlich in der Stadt arbeiten (und auch darüber hinaus größtenteils dort leben) nichts anderse übrig bleibt, als in die Peripherie zu gehen. Ich hoffe, Berlin droht kein ähnliches Schicksal - glaube es aber nicht und denke, dass ggw. noch einiges dagegen spricht.
mr_knightley76 16.09.2010
4. Unfug
Zitat von NewspeakAuch hier gilt wieder einmal, die Preise entsprechen keinem objektiven Wert mehr, sondern werden allein durch Immobilienspekulation in die Höhe getrieben. Die Marktwirtschaft ist völlig gescheitert, wenn es darum geht, den meisten Menschen ein erträgliches Leben zu verschaffen. Man sollte diese Situation mit allen Mitteln ändern.
Was für ein Unsinn, die Entwicklung zeigt eindeutig, dass die Marktwirtschaft WUNDERBAR funktioniert. Wenn ich denn unbedingt in London oder Paris leben möchte, dann muss ich halt den Preis dafür bezahlen. Es wird doch niemand gezwungen dort zu leben !
Der_Franke 16.09.2010
5. Ist doch in Ordnung
Zitat von justus0jonas"Für junge Familien rückt der Traum von einer eigenen Wohnung in weite Ferne." Diese Zeile spiegelt unsere Gesellschaft wider: Wer Wohnraum braucht, hat nicht die finanziellen Mittel, wer finanziell solide dasteht, steht oft genug auch allein da und braucht eigentlich keinen großartigen Wohnraum - fein, denn dann lässt sich zumindest fleißig mitspekulieren...
Die, die sich zu häufig vermehren und damit für eine überproportionale Nachfrage sorgen, zahlen dann den Preis mit überhöhten Mieten dafür. Das ist allemal gerecht und richtig.
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