Immobilienkauf in Spanien: Käufer verzweifelt gesucht!

Von Angelika Stucke, Madrid

Satte Rabatte und unterwürfige Makler: Madrid ist derzeit ein Paradies für Immobilienkäufer. Die Finanzkrise hat die Preise abstürzen lassen. Doch die Schnäppchenjagd hat ihre Tücken.

Spanien: Käufer gesucht Fotos
Angelika Stucke

Der Mann wirkt sehr beschäftigt. Mit dem offenen Notebook in der Hand läuft er durch die Straßen von Madrid. Vor Häuserblocks mit heruntergelassenen Jalousien bleibt er besonders oft stehen. Bisweilen klingelt er und versucht über einen Bewohner herauszubekommen, was es mit diesen offensichtlich unbewohnten Räumen auf sich hat. Ob die tatsächlich leerstehen, will er wissen, es könnten ja auch selten genutzte Zweitwohnungen sein.

Der Mann zählt zu den 5000 Menschen, die das spanische Amt für Statistik angeheuert hat. Sie sollen bis Ende des Jahres versuchen, die Zahl der leerstehenden Wohnungen im Land möglichst genau festzustellen. Rund 3,2 Millionen sind es, so ein Schätzwert der Regierung. Bis Ende des Jahres wird man Genaueres wissen.

Dass es zu viele sind, steht jetzt schon fest, denn im vergangenen Jahr fanden gerade mal 200.000 Wohnungen einen Käufer. Kein Wunder, dass die Immobilienpreise in Madrid seit 2006 im Schnitt um 40 Prozent abgestürzt sind. Im ganzen Land gingen die Preise allein 2011 um acht Prozent zurück.

Nie war der Zeitpunkt günstiger, um ein Schnäppchen zu ergattern, denke ich und mache mich auf den Weg zur Traumimmobilie. Zunächst stöbere ich im Internet. Und richtig! Schon von den Web-Seiten locken mich die süßen Versprechen der Makler. "Neues Jahr, neue Preisnachlässe!" verkündet Altamira. Vallehermoso lockt gar mit einem ausdruckbaren Gutschein für zusätzliche Rabatte.

In 5000 Wohnungen leben gerade mal tausend Bewohner

Nichts wie los! Mein erster Stopp ist El Quiñón, ein Neubauviertel bei Seseña im Süden von Madrid. Nach einer halben Stunde Autobahnfahrt vorbei an Trabantenstädten, brachliegenden Äckern und Industriegebieten erreiche ich die Siedlung. 13.500 Wohnungen waren hier ursprünglich geplant, gebaut wurden über 5000, von denen 3000 in private Hände gingen. Die restlichen 2000 Wohnungen konnte der rührige Gründer von El Quiñón, Francisco Hernando, an Banken verkaufen. Dann zog ihn seine Unternehmerlust weiter nach Äquatorialguinea.

Viele Käufer wollten gar nicht selbst einziehen, sondern setzten auf schnelle Wertsteigerung und ebenso schnellen Weiterverkauf - das typische Zeichen einer Immobilienblase. Die Strategie schlug fehl, und die Hobby-Spekulanten würden ihre Wohnungen lieber heute als morgen loswerden mit so wenig Verlust wie möglich.

Und so gleicht El Quiñón heute einer Geisterstadt. In dem riesigen Komplex leben gerade einmal tausend Einwohner. Ganze Straßenzüge stehen leer. Hinweisschilder führen mich zu dem Verkaufsbüro von Altamira, und ich bin überrascht, es tatsächlich geöffnet vorzufinden. Was ich suche, will der Makler namens Roberto wissen, und ich frage nach einer Dreizimmerwohnung. Ein Kollege von Roberto zeigt sie mir. Die Wohnung ist schön, bei der Ausstattung wurde nicht gespart: echtes Parkett statt Laminat. Einbauschränke, die selbst auf der Innenseite mit Holz verkleidet sind. Bad- und Kücheneinrichtung vom Feinsten. Der Balkon geht auf einen großen Innenhof. Einen Basketballplatz und einen Pool erspähe ich zwischen Grünanlagen. Schon ab 89.000 Euro könnten die 84 Quadratmeter plus sieben Quadratmeter Balkon meine werden. 2008 hätte ich noch 165.000 für sie hinblättern müssen. Die Finanzierung wäre auch kein Problem, die übernimmt zu 100 Prozent die Bank Santander, der gehört die Wohnung nämlich. Ob beim Preis noch was möglich ist, möchte ich wissen. "Das entscheiden wir nicht", sagt Robertos Kollege. "Das entscheidet die Bank."

Im Aufzug treffen wir auf María José. Sie hat im Dezember gekauft und ist begeistert. "Sogar die Heizung funktioniert", schwärmt sie. Ich hatte mich auch schon gefragt, ob die Gemeinschaftseinrichtungen gut gewartet werden und wer das bezahlt. Schließlich ist die Anlage riesig und die Bewohnerzahl, auf die die Kosten normalerweise umgeschlagen werden, verschwindend gering. Aber auch da scheint sich Santander nicht lumpen zu lassen. "Ein paar Blöcke weiter verkaufen andere, da gibt es noch nicht einmal Licht im Treppenhaus", weiß María José.

7000 Euro pro Quadratmeter - "Luxus geht immer"

Ich schaue mir noch eine andere Wohnung von Altamira an, eine Zweizimmerwohnung mit Dachterrasse. Dieselbe wirklich gute Ausstattung, da gibt es nichts zu meckern; und 66 Quadratmeter plus 28 Quadratmeter Terrasse für gerade mal 101.000 Euro. Der Blick geht nach Osten. "Da könne Sie den Sonnenaufgang sehen", schwärmt der Makler. Meine Augen sehen eher brachliegendes Ackerland, Fabrikhallen und die viel befahrene Autobahn von Madrid nach Córdoba. Ich lehne dankend ab. "Wir rufen Sie an, falls die Preise weiter gesenkt werden", verspricht Robertos Kollege, als ich mich von ihm verabschiede.

Der nächste Stopp ist Valdebebas im Nordosten von Madrid. Ohne Stau wäre es keine Viertelstunde vom Zentrum. Leider liegt Valdebebas aber auch ganz besonders nah am Flughafen Barajas. Der Fluglärm ist nicht der einzige Grund, warum mir sehr schnell klar wird, dass ich auch hier nicht fündig werde. Denn in Valdebebas verkaufen zehn Immobilienfirmen Wohnungen anhand von Bauplänen. Man erwirbt also gewissermaßen das Versprechen auf eine fertige Wohnung. Jedes Wochenende kommen viele der 4500 Käufer, die bereits angebissen haben, und besichtigen die Baugrube, aus der sich einmal ihr Wohnblock in den Himmel erheben soll. Derzeit liegt der Quadratmeterpreis bei 2000 Euro. Je weiter sich die Immobilienblase aufblähte, desto beliebter wurde dieser Kauf ins Blaue hinein. Doch es gab auch Fälle, bei denen die Baufirmen pleitegingen und die Käufer am Ende ohne Wohnung und ohne Geld dastanden. Das ist mir angesichts der aktuellen Krise dann doch zu riskant.

"Klotzen statt kleckern" lautet meine Devise für den dritten Anlauf zum Erwerb einer Traumimmobilie. Mitten in Madrid, an der Plaza España, werde ich fündig. Eines der ersten Hochhäuser der Stadt, Torre de Madrid, wurde in Luxusapartments umgewandelt. Habe ich vorhin etwas von guter Ausstattung geschrieben? Vergessen Sie es! Hier glänzen Marmor und Parkett, dass es eine Lust ist. Und erst der Ausblick auf die Madrider Prachtstraße Gran Via - ich bin sprachlos.

Das bin ich leider auch, als ich den Preis vernehme: Unter 7000 Euro pro Quadratmeter sei gar nichts zu machen. Die kleinste Wohnung im Angebot kostet 550.000 Euro. Und die gesunkenen Preise? Und die Krise? "Die gibt es bei solchen Wohnungen nicht", erklärt man mir. "Luxus geht immer."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Krise gibt es bei Top Wohnungen nicht, Luxus geht immer!
wibo2 22.01.2012
Ich denke mir, dass auch Top Immobilien Objekte in Spanien im Preis nachlassen können. Ein Jahr nach Übernahme einer Immobilie in die eigenen Bücher müssen die spanischen Banken diese verkauft haben, sonst droht die Rückstellungspflicht in Höhe von 10 Prozent des Immobilienwertes. Jetzt stehen viele Immobilien in Spanien einfach nur in der Gegend herum. Es wird Jahre dauern, bis der Markt sich wieder erholen kann. Fazit: Verkaufen Sie sofern es noch geht oder kaufen Sie besser erst gar nicht.
2. Man sollte noch ein Jahr warten.
herr_kowalski 22.01.2012
Zitat von sysopSatte Rabatte und unterwürfige Makler: Madrid ist derzeit ein Paradies für Immobilienkäufer. Die Finanzkrise hat die Preise abstürzen lassen. Doch die Schnäppchenjagd hat ihre Tücken. Immobilienkauf in Spanien: Käufer verzweifelt gesucht! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810005,00.html)
Dann werden dort ( nicht in Madrid ) im Süden Spaniens die Häuser/Wohnungen zu 20 % des Preises von 2006 angeboten werden. Nicht verkauft sondern erstmal angeboten. Wer sich über die dort vorhandene Bausubstanz ein Bild machen möchte, möge dort mal eine Woche Urlaub verbringen und mit offenen Augen ein wenig sightseeing unternehmen. Eine wirksame Kur.
3. hi
Mr.Threepwood 22.01.2012
Zitat von herr_kowalskiDann werden dort ( nicht in Madrid ) im Süden Spaniens die Häuser/Wohnungen zu 20 % des Preises von 2006 angeboten werden. Nicht verkauft sondern erstmal angeboten. Wer sich über die dort vorhandene Bausubstanz ein Bild machen möchte, möge dort mal eine Woche Urlaub verbringen und mit offenen Augen ein wenig sightseeing unternehmen. Eine wirksame Kur.
nicht nur das auch die desertifikation des südens sollte man gerade als ausländer berücksichtigen. wer will schon in 30 jahren mitten in der wüste ein häusle.
4. nicht pauschalisieren
spainflyer 22.01.2012
Zitat von wibo2Ich denke mir, dass auch Top Immobilien Objekte in Spanien im Preis nachlassen können. Ein Jahr nach Übernahme einer Immobilie in die eigenen Bücher müssen die spanischen Banken diese verkauft haben, sonst droht die Rückstellungspflicht in Höhe von 10 Prozent des Immobilienwertes. Jetzt stehen viele Immobilien in Spanien einfach nur in der Gegend herum. Es wird Jahre dauern, bis der Markt sich wieder erholen kann. Fazit: Verkaufen Sie sofern es noch geht oder kaufen Sie besser erst gar nicht.
Würde ich nicht so unterschreiben. Es kommt auf die Lage und die Art der Immobilie an. In Städten wie Barcelona oder Salamanca gibt es keine Krise und in vielen anderen Regionen Spaniens ziehen die Käufe wieder an. Im letzten Quartal 2010 stiegen die Immobilienkäufe durch Ausländer um 27%, ein klares Zeichen dafür, dass die Talsohle durchschritten ist. In Spanien lebt es sich trotz (oder gerade wegen) der Wirtschaftskrise gut, das spricht sich langsam auch im Ausland wieder rum. Immobilienbesitzer, die ein gut gelegenes Einfamilienhaus besitzen, sollten zuwarten, die Preis dafür werden über kurz oder lang steigen. Wer allerdings ein schlecht gelegenes Appartement besitzt, sollte die Investition am besten abschreiben, denn die Chancen, dieses zu einem vernünftigen Preis zu verkaufen, sind gleich null.
5. Der Preisrückgang dauert noch ein paar Jahre
aowti 22.01.2012
Der Preisrückgang wird wohl noch ein paar Jahre (m.E. mindestens noch 3 Jahre) dauern. In Ostdeutschland dauert das Abbauen eines ähnlichen Baubooms seit Platzen ca. 1998/1999 immer noch an. Es kam zu Preisrückgängen von 70% (Top-Wasserlagen in und um Berlin) bis über 90%. Der Tiefsstand war ca. 2005 erreicht. Heute noch stehen in vielen Orten leere Gebäude herum. Dort wo es besser ist (z.B. Rostock, Erfurt) hat man meist viele Gebäude abgerissen. Ähnliches wird auch in Spanien notwendig sein. Für den Einstieg kann man sich noch viiiiiiel Zeit laßen
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Spanien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 38 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Spanien: Was vom Bau-Boom übrigbleibt
Spaniens Kampf gegen die Panik

Buchtipp