Immobilienkrise am Golf: Sternstunde für Schuldeneintreiber

Von , Abu Dhabi

Die Immobilienkrise in den Golfstaaten hat dramatische Folgen: Ganze Häuserblocks stehen leer, selbst Gutverdiener stecken tief in den Schulden - oft geht das ganze Gehalt direkt an die Bank. Wer nicht zahlen kann, wandert ins Gefängnis.

Baustelle in Dubai: Wer nicht zahlt, wandert ins Gefängnis Zur Großansicht
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Baustelle in Dubai: Wer nicht zahlt, wandert ins Gefängnis

Das Leben in den Golfstaaten hat etliches für sich. So trocknet die Wäsche gewöhnlich schneller als in Bielefeld. Es kommen einem auch morgens in der U-Bahn selten Zeitgenossen mit Bierflaschen in den Händen entgegen. Allein deswegen schon, weil es keine U-Bahnen gibt. Auch lässt es sich in Dubai oder Abu Dhabi gut reich werden.

Jedenfalls war das einmal so.

"Damals hingen in den Flughäfen diese Plakate: Kauft Immobilien, steuerfrei und als sichere Anlage", so erinnert sich ein Pilot, der bei Etihad angeheuert hatte, der staatlichen Luftlinie in Abu Dhabi. "Die Banken haben uns die Kredite praktisch aufgedrängt. Es gab kein Risiko, weil die Preise stiegen." Viele seiner Kollegen von Emirates oder Etihad kauften sich mit gepumptem Geld Wohnungen, manche zwei, drei, vier Stück, in den Boomquartieren Jumaira Beach oder Marina. Die Immobilienpreise kletterten genauso rasant in die Höhe wie die Stahlskelette der Hochhäuser, und es würde kein Problem sein, die Kredite zurückzuzahlen.

Dann platzte die Blase, die Projekte verloren innerhalb weniger Monate ein Drittel ihres Werts, und die Raten wollten dennoch bezahlt werden. Ein Luftkapitän hatte zehn Wohnungen gekauft und sah sich nach einiger Zeit mit neun Millionen Dirham (rund 1,8 Millionen Euro) im Minus. "Er hatte keine andere Wahl, als bei einem Auslandsflug nicht mehr zum Dienst zu erscheinen", sagt sein Kollege. "Er ist abgehauen, keiner weiß wohin. Und er war nicht der Einzige."

Bei Etihad, der nationalen Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate, wird allerdings darauf hingeweisen, dass von ihren etwa 20 deutschen Piloten nur zwei seit der Immobilienkrise gekündigt hätten. Beide seien jetzt in normaler Festanstellung bei ihren neuen Arbeitgebern.

Notfalls wird das Haus der Eltern gepfändet

Allein in Abu Dhabi soll es mehr als zwei Dutzend Piloten geben, die derzeit keine lukrativen Jobs annehmen können, weil sie von ihren Schulden am Boden gehalten werden. Oft gehe das Gehalt praktisch komplett an die Bank. Bei anderen Fluglinien seien die Gläubiger dazu übergegangen, ihre Forderungen an Inkasso-Unternehmen zu verkaufen, an Schuldeneintreiber: "Die pfänden notfalls auch das Haus der Eltern in England." Etihad hat ihren betroffenen Piloten Schuldnerberater empfohlen und mit Vorschüssen geholfen.

In den Emiraten gibt es bisher kaum Möglichkeiten, eine Forderung umzuschulden. Die Kreditnehmer hinterlegen einen Scheck als Sicherheit. Wenn die Banken ihn einlösen wollen und er sich als ungedeckt erweist, dann macht sich der Kreditnehmer des Scheckbetrugs schuldig, und es ist egal, wie viele Streifen er an der Uniform trägt.

Wer nicht zahlt, wandert ins Gefängnis. Solche Aussichten dämpfen erfahrungsgemäß die Aufrichtigkeit eines Schuldners. "Tausende neuer Wohnungen", so schreibt "The National" in dieser Woche, seien jetzt fertiggestellt, könnten jedoch nicht übergeben werden, weil die Raten nicht bezahlt sind.

Schluss mit der Steuerfreiheit

Seit Peer Steinbrück das alte Doppelbesteuerungsabkommen mit den Emiraten aufgekündigt hat, ist es auch mit der Steuerfreiheit am Golf vorbei. Wer noch einen Wohnsitz in Deutschland hat, eine Immobilie oder einen Arbeitgeber, der bekommt zwar kein Kindergeld mehr, aber der zahlt Steuern zum Höchstsatz. Und Schulgeld für die Kinder und hohe Mieten und teure Heimatflüge.

Da bleibt nur die Flucht.

Oder der hochspekulative Nebenverdienst: Der deutsche Vizekonsul Martin T., in Dubai für Visa-Angelegenheiten zuständig, ist kürzlich auf dem Berliner Flughafen Tegel festgenommen worden. Er soll geholfen haben, so die Ermittlungsbehörden, afghanische Männer nach Deutschland zu schleusen. Angeblich für 3000 Dollar pro Kopf. Steuerfrei.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Immobilienkrise
Hubert Rudnick, 19.06.2011
Zitat von sysopDie Immobilienkrise in den Golfstaaten hat dramatische Folgen:*Ganze Häuserblöcke stehen leer, selbst Gutverdiener*stecken tief in den*Schulden - oft geht das ganze Gehalt direkt an die Bank. Wer nicht zahlen kann,*wandert ins Gefängnis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769117,00.html
Ein reiches Ölpardiese lernt nur mal die Spielregeln des Kapitalismus kennen. Willkommen in der Realität. HR
2. Das müsste man hier in Europa auch machen:
Doctor Feelgood 19.06.2011
Wer nicht zahlen kann, der geht ins Gefängnis. Dann würden die Banken nicht mit unseren Steuergeldern gerettet, sondern die Gefängnisse wären voll mit Bank- und Hedgefondsmanagern, Versicherungsbossen und Politikern - mithin also genau den richtigen.
3. ---
manta 19.06.2011
Zitat von sysopDie Immobilienkrise in den Golfstaaten hat dramatische Folgen:*Ganze Häuserblöcke stehen leer, selbst Gutverdiener*stecken tief in den*Schulden - oft geht das ganze Gehalt direkt an die Bank. Wer nicht zahlen kann,*wandert ins Gefängnis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,769117,00.html
Tja, man hätte es sich ja auch vorher überlegen können, oder ? Insofern durchaus gerechtfertigt.
4. Frage
snickerman 19.06.2011
Wieviele der in den letzten Jahren massenhaft gebauten Wolkenkratzer und Appartmentkomplexe sind eigentlich überhaupt korrekt finanziert, wieviele Einheiten tatsächlich verkauft, wieviel auch schon bezahlt und bewohnt? Oder stehen große Teile der als Spekulationsobjekte entstandene Wohnungen vielleicht einfach leer? Können aber auch nicht abgeschrieben werden, weil sich dann die Baugesellschaften/Betreiber/Spekulanten eingestehen müssten, dass sie auf Sand gebaut haben und der Bedarf gar nicht (mehr) existiert? Wie lange kann so ein System noch im luftleeren Raum schweben?
5. naja
RenM, 19.06.2011
Zitat von Doctor FeelgoodWer nicht zahlen kann, der geht ins Gefängnis. Dann würden die Banken nicht mit unseren Steuergeldern gerettet, sondern die Gefängnisse wären voll mit Bank- und Hedgefondsmanagern, Versicherungsbossen und Politikern - mithin also genau den richtigen.
Das ist aber ein sehr frommer Wunsch! Da die von ihnen angesprochenen nicht mit ihrem privaten Kapital haften wird von denen keiner ins Gefängnis wandern, sondern nur die "normalen" Leute.
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Zum Autor
Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, berichtet für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aus den Golf-Staaten und der arabischen Welt. In seinem Blog "Golf für Anfänger" erzählt er tausendundeine Geschichten aus dem Orient.


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