Duale Ausbildung in Fernost: Die Chinatroniker kommen

Aus Jinan berichtet Sophia Lee

Ausbildung in China: Dicke Bretter bohren Fotos
Festo

Streng, präzise, fleißig: Ausgerechnet die teutonischen Klischee-Tugenden locken immer mehr junge Chinesen in die Niederlassungen deutscher Unternehmen. Neuerdings können sie dort eine duale Ausbildung absolvieren -und anschließend vielleicht im Land ihrer kühlen Träume arbeiten.

Als Schüler sah Pei Chen Yang ein Video, in dem ein deutscher Ingenieur einen Motor von Hand montiert. Konzentriert schraubte der Mann die Teile zusammen, steckte Kolbenringe in Zylinder, wechselte Dichtungen, ölte. Meisterhaft sah das aus und sehr präzise. Pei war beeindruckt und glaubte fortan, dass die Deutschen große Industriekünstler sind.

Seit kurzem eifert der schlaksige, etwas schüchterne Chinese dem Motor-Maestro aus dem Video nach. Pei, gerade 19 geworden, macht seine Ausbildung zum Industriemechaniker in der Stadt Jinan, gut 400 Kilometer südlich von Peking. Die Theorie an der Uni, die Praxis bei einer Außenstelle des baden-württembergischen Unternehmens Festo. Peis Ausbildung ist ein Novum: Er gehört zur ersten Generation chinesischer Azubis, die direkt nach ihrem Abschluss in Deutschland anheuern können.

Kürzlich haben die deutsche Auslandshandelskammer (AHK) und das chinesische Ministerium für Arbeitskräfte ein Abkommen unterzeichnet, das die Anerkennung chinesischer Abschlüsse in der Bundesrepublik ermöglicht - zunächst unter anderem für Azubis der Mechatronik, Industriemechanik und Elektronik. Rund 200 junge Chinesen in gut 40 Firmen arbeiten bereits auf einen solchen Abschluss hin, die ersten werden noch dieses Jahr fertig und könnten nach Deutschland kommen.

Das deutsch-chinesische Diplom ist eine von mehreren Strategien, mit denen deutsche Firmen versuchen, ihre Chancen in China zu verbessern. Denn wie in Deutschland ist auch im Reich der Mitte ein heftiger Wettbewerb um Fachkräfte entbrannt. Das Diplom hat für deutsche Firmen mehrere Vorteile: Die Ausbildung in ihren China-Dependancen wird attraktiver, da es jungen Talenten die Perspektive eröffnet, global Karriere zu machen; und Firmen können chinesische Fachkräfte künftig leichter nach Deutschland holen, um ihre Verbindungen zwischen beiden Ländern zu stärken. Einige der Azubis, so wie Pei, träumen bereits von einem Job in der Bundesrepublik.

"Man kann dort nur hin, wenn man exzellent ist"

Pei drückt einen Hebel, und ein Bohrer frisst sich durch zentimeterdicken Stahl. Der Bohrer kreischt, die Luft riecht nach verbranntem Metall. Durch eine Schutzbrille schaut der Azubi auf sein Werk. Er wirkt so konzentriert, wie der deutsche Ingenieur aus dem Film seiner Kindheit. Doch sein Ausbilder, ebenfalls ein Chinese, ist noch nicht zufrieden. "Du musst den Bohrer öfter kühlen", mahnt er. "Sonst nutzt er zu schnell ab. Und du musst die Metallspäne abstreifen. Sonst wird die Bohrung unpräzise."

Später, beim Essen in der Kantine, sinniert Pei über Deutschland. Er mag deutschen Fußball, deutsches Bier, vor allem aber die deutsche Strenge. Er hofft, dass seine Ausbildung ihn fit für sein Traumland macht. "In Deutschland sind die Anforderungen viel höher als hier", sagt er. "Man kann nur nach Deutschland, wenn man exzellent ist. Ich hoffe, ich bin exzellent genug."

Rund 5000 Unternehmen aus der Bundesrepublik betreiben eine Außenstation im Boomland China. Der überwiegende Teil bildet vor Ort selbst aus. Neun von zehn Firmen geben in Umfragen an, ihr größtes Problem sei es, qualifiziertes Personal zu finden. Insgesamt wird die Zahl der fehlenden Fachkräfte auf mehrere Hunderttausend geschätzt.

Das liegt erstens daran, dass viele junge Chinesen eher einen akademischen Grad als ein Diplom anstreben. Zweitens gibt es noch immer Defizite im Bildungssystem. So produzieren die chinesischen Unis zwar massenhaft Ingenieure, doch sind diese für die Anforderungen ihres Berufs kaum gewappnet. "In chinesischen Berufsschulen kommt die Praxis zu kurz", sagt Britta Buschfeld, die die Ausbildungsprogramme der deutschen Auslandhandelskammer weltweit koordiniert. "Auch lösungsorientiertes Arbeiten, Teamwork und Führungskompetenzen werden zu wenig gefördert."

Exportschlager duales System

Die deutsche Ausbildung in China dagegen ist stark an das duale System angelehnt: Pei und seine 19 Azubi-Freunde bei Festo lernen im ersten Jahr technische Grundlagen an der Uni; danach arbeiten sie zunehmend im Unternehmen, durchlaufen verschiedene Abteilungen, übernehmen kleine Führungsaufgaben und spezialisieren sich schließlich - mit dem Ziel übernommen zu werden.

Ein einfacher Arbeiter verdient bei Festo 1800 Yuan im Monat, umgerechnet gut 220 Euro. Pei und die anderen Azubis werden mehr verdienen. "Wir wollen sie teils im unteren Management einsetzen", sagt Stefan Meining, ein kerniger Schwabe, der Festos Ausbildungsprogramm in Jinan leitet. Hinzu komme die Option, nach Deutschland zu gehen.

Für solche Karriereaussichten sind die Azubis bereit, einige Opfer zu bringen, zum Beispiel neben Studium und Praxisausbildung noch in der Uni-Kantine jobben, um die hohen Studiengebühren zahlen zu können.

Deutsch-chinesische Ausbildungs-Cluster

"Die Zukunft deutscher Unternehmen hängt immer stärker vom Wachstum in China ab", sagt Buschfeld von der Auslandhandelskammer. Entsprechend groß seien die Bemühungen, Talente ins Unternehmen zu holen und dort zu binden.

In chinesischen Städten wie Jinan, Taicang und Wuxi bilden deutsche Unternehmen dafür inzwischen Ausbildungs-Cluster - was die Qualität der Lehre verbessern und die Kosten drücken soll. Im nächsten Schritt sollen die Cluster um chinesische Unternehmen erweitert werden.

Pei Chen Yang, der schüchterne Azubi aus Jinan, dürfte mit seiner Lehre dann fertig sein. Und vielleicht ist er dann schon dabei, sich seinen Traum zu erfüllen. Einmal hat sich ein Freund von ihm ein Fußballspiel des FC Bayern angesehen, live, im Stadion in München, und er hat sich die Stadt angesehen. Auf den Fotos, die er Pei später zeigte, waren viele Bäume und alte Häuser zu sehen, das Stadion leuchtete rötlich wie ein Lampion.

Wenn Pei mit seiner Ausbildung fertig ist, würde er gerne nach München gehen, und er würde gerne in Deutschland arbeiten und Teile für Maschinen konstruieren. Für welche Maschinen genau, weiß er noch nicht. Vielleicht ist es auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist wohl, dass er ein Industriekünstler wird, präzise und formvollendet wie der deutsche Motorenbauer aus dem Video.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. ...............
tonybkk 27.01.2013
Zitat von sysopStreng, präzise, fleißig: Ausgerechnet die teutonischen Klischee-Tugenden locken immer mehr junge Chinesen in die Niederlassungen deutscher Unternehmen. Neuerdings können sie dort eine duale Ausbildung absolvieren -und anschließend vielleicht im Land ihrer kühlen Träume arbeiten. In China bilden deutsche Konzern nach dem dualen System aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/in-china-bilden-deutsche-konzern-nach-dem-dualen-system-aus-a-876942.html)
Na ja das Land ihrer Traeume? Bei Studenten gilt Deutschland meist als Notloesung, da man kein Stipendium oder Geld fuer eine US-Uni, Australien oder Kanada hat. Die Deutschen gelten als nicht gerade gastfreundlich (zu Recht), die Sprache ist sehr schwer, die deutschen Behoerden sehr wenig hilfsbereit und wenn man wieder zurueck nach China will, was macht man bitte mit Deutsch? Selbst die dt. Expaten sprechen besser Englisch als die meisten Chinesen in 10 Jahren Aufenthalt Deutsch lernen....;-)
2. China
romaval 27.01.2013
der Ansatz in Chinaist richtig aber bei uns nicht. Viele kommen wirklich nur zu uns weil die Uni-Ausbildung ( fast ) gratis ist, die Studentenwohnheime mit ca.250.- Euro / Monat günstig sind und vor allem wil man an bestens ausgerüsteten Instituten viel lernt. Viele deutsche Firmen mit sicherheitsrelevanten Abteilungen nehmen grundsätzlich keine Werkstudenten aus Chia, Iran etc... an und auch das hier arbeiten wollen beschränkt sich oft darauf während des Studiums zu jobben,denn nach bestandenem Master hier, winken oftmals sehr lukrative Angebote im Heimatland oder den USA wo man eigentlich hin will.Der deutsche Steuerzahler hat ausgebildet und Andere profitieren.Wo ist da die Logik ?
3. die Bildung
didita 27.01.2013
Ich überlege, wie ich eigentlich eifach meine entsetzung ausprechen kann. Wir leben in Europa, und nur in heutiger ausgabe auf dieser Seite lese ich über tanzen im Davos, der Arbeitlosichkeit i EU um 10% (in einigen Staten 25 %) bei jungen Leuten und wir bilden Chinese aus! Warum wird nichts getan!? In Tschechien bekommen die Absolventen keine Arbeit ! Die augebildeten Chinesen werden dann doch auch in China arbeiten und uns dann eine Konkurenz machen ! Warum macht die EU nichts für eine andere Bildungsrichtung hier bei uns? Die Firmen könten auch dazu beitragen. Entschuldigen sie bitte mein Deutch.
4. schlecht recherchiert?
malox 27.01.2013
"Das liegt erstens daran, dass viele junge Chinesen eher einen akademischen Grad als ein Diplom anstreben." Das Diplom *ist* ein akademischer Grad - zumindest in Deutschland - und einen Diplom-Mechatroniker gibt es weder als Berufsausbildung in Deutschland noch höchstwahrscheinlich in China. Deutschlands Stärke in der Ausbildung ist das Duale Ausbildungssystem, das es sonst kaum irgendwo gibt. Anderswo gibt es vielleicht eine höhere Akademikerquote, aber viele Berufe, die bei uns Ausbildungen sind, werden anderswo an Hochschulen verlagert, ohne dass sich die Qualität ändert. Gut, dass man dieses sehr erfolgsversprechende System auch in anderen Länder transportieren kann. Trotzdem sollte die Autorin aufpassen, dass sie nicht Ausbildung, Studium und die Begrifflichkeiten durcheinanderschmeisst! "So produzieren die chinesischen Unis zwar massenhaft Ingenieure, doch sind diese für die Anforderungen ihres Berufs kaum gewappnet. "In chinesischen Berufsschulen kommt die Praxis zu kurz", sagt Britta Buschfeld, die die Ausbildungsprogramme der deutschen Auslandhandelskammer weltweit koordiniert. "Auch lösungsorientiertes Arbeiten, Teamwork und Führungskompetenzen werden zu wenig gefördert." " Was denn nun? Sind die chinesischen Berufsausbildungen schlecht oder die, die ein Studium (= Ingenieur) durchlaufen haben? Ich vermute: Ersteres ist gemeint!
5.
fossflight 27.01.2013
Was heißt denn hier "Diplom"? Bei uns wurde das Diplom an den Unis doch abgeschafft und nun kommen chinesische Azubis mit einem "Diplom". Bitte nochmal den korrekten Begriff recherchieren. "Deutsche Strenge": Man sollte mal die Lehrer an unseren Schulen fragen, wie die das sehen...
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