Chiphersteller Wie Infineon sich neu erfunden hat

Im Smartphone, im Wohnzimmer, im Auto - fast überall sind wir von Chips des deutschen Halbleiterkonzerns Infineon umgeben. Das Unternehmen ist nach seinem Absturz seit mehreren Jahren auf Erfolgskurs.

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Der Chiphersteller Infineon hat sich neu erfunden - und ist mit der Neuausrichtung in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Mit einem Joint Venture in China will das Unternehmen seine Position auf dem wichtigsten Automarkt stärken. Zudem startet der Konzern einen Angriff im Markt mit Gesichtserkennungssystemen und vernetzten Lautsprechern.

Infineon gründet gemeinsam mit dem chinesischen Autohersteller SAIC das Gemeinschaftsunternehmen SIAPM. SAIC hält dabei die Mehrheit von 51 Prozent, Infineon 49 Prozent. Das Unternehmen stellt sogenannte Power Module her. Die Geräte steuern elektrische Antriebe und sorgen dafür, dass Strom aus Batterien effizient genutzt wird. Mit dem Joint Venture will Infineon vom Boom bei E-Autos in China profitieren.

Mit der Ausrichtung auf die Automobilindustrie befindet sich der einst schwächelnde Chiphersteller seit mehreren Jahren auf dem Erfolgspfad. Die Aktie hat sich in neun Jahren von rund 50 Cent auf zeitweise mehr als 25 Euro erholt.

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Halbleiter-Konzern: Infineon startet durch

Im vergangenen Geschäftsjahr, das Ende September 2017 zu Ende ging, wuchsen alle vier Segmente, Automotive, Industrial Power Control, Power Management & Multimarket sowie Chip Card & Security, beim Umsatz.

Die Sparte Automotive erzielte dabei rund 40 Prozent aller Erlöse. Infineon strebt im Geschäft mit Chips für selbstfahrende Autos und Elektrofahrzeuge eine marktbeherrschende Stellung an. Erst im Januar hatte das Unternehmen angekündigt, beim autonomen Fahren mit dem chinesischen Suchmaschinenkonzern Baidu zusammenzuarbeiten.

Dabei ist die Konkurrenz groß: Alle großen Fahrzeughersteller und ihre Zulieferer arbeiten an Systemen für selbstfahrende Autos und Mobilitätsdienste. Langjähriger Marktführer bei Autoelektronik ist der niederländische Chiphersteller NXP. Der US-Konzern Qualcomm ist derzeit an einer Übernahme des Infineon-Wettbewerbers interessiert. Gleichzeitig ist Qualcomm selbst Ziel eines Übernahmeversuchs durch den US-Konzern Broadcom.

Absturz und Neuausrichtung

Infineon wurde 1999 von Siemens ausgegliedert. Der Industriekonzern wollte sich dadurch von dem schwankungsanfälligen Geschäft mit Speicherchips trennen. 2000 brachte Siemens Infineon an die Börse, der Ausgabekurs der Aktie lag bei 35 Euro. Erster Vorstandschef war Ulrich Schumacher, der zum Börsengang im Motorsportoverall mit Porsche erschien.

Nach zunächst starken Kursgewinnen stellte sich jedoch schon bald Ernüchterung ein. Der Kurs fiel innerhalb von nicht mal drei Jahren von mehr als 75 Euro auf unter 5 Euro. Ende 2008 rutschte die Aktie schließlich unter einen Euro. Doch seit März 2009 geht es wieder bergauf mit dem Kurs.

Die Abkehr von dem schwankungsanfälligen Speicherchipsegment im Zuge der Neuausrichtung half dem Konzern. Das Unternehmen konzentrierte sich auf das Geschäft mit den Sektoren Automobil-, Industrieelektronik und Multimarket sowie Kommunikation. Die Speicherchipsparte wurde 2006 unter dem Namen Qimonda ausgegliedert und an der Börse platziert.

Die Konzentration auf das Autogeschäft hat sich ausgezahlt: In sechs Jahren ist der Umsatz um rund 80 Prozent auf mehr als sieben Milliarden Euro gestiegen, der Gewinn lag zum Ende des Geschäftsjahres bei 1,2 Milliarden Euro.

G esichtserkennung für Smartphones

Aber Infineon ist nicht nur im Automobilsektor unterwegs. Die Sparte Chip Card & Security ist das kleinste Segment bei Infineon. Dort werden Sicherheitslösungen für Chipkarten und andere Sicherheitsanwendungen angeboten.

Dazu gehören auch Technologien zur Gesichtserkennung. So stellte Infineon gerade auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona den Prototypen eines Systems vor, das mit Hilfe von Laserstrahlen ein 3D-Abbild des Nutzers erstellt. Die Produktion der Systeme soll Ende des Jahres anlaufen, sie könnten damit 2019 in Smartphones auftauchen.

Bereits jetzt lassen sich Smartphones per Gesichtserkennung entsperren. Sie setzen aber in vielen Fällen auf einfache Bilderkennung und können teilweise schon mit einfachen Fotos ausgetrickst werden.

Apple ersetzt dagegen bei seinem aktuellen Vorzeige-Smartphone iPhone X die vorherige Entsperrung per Fingerabdruck durch eine komplexe Gesichtserkennung mit Infrarotstrahlen.

Im Vergleich zu Apples Face-ID-Lösung sei das Modul von Infineon dank einer etwas anderen verwendeten Technologie kompakter und funktioniere robuster im grellen Sonnenlicht, sagte ein Infineon-Manager.

Angriff aufs Wohnzimmer

Infineon will auch stärker ins Geschäft mit Anbietern vernetzter Lautsprecher kommen. Der Konzern will sie mit Radarsensoren beliefern, die die Position von Nutzern im Raum bestimmen können. "Wir sind in intensiven Gesprächen mit großen Herstellern smarter Lautsprecher", sagte ein weiterer Infineon-Manager. Im nächsten Schritt soll die Technik auch Personen identifizieren können, das seien Entwicklungsstufen für die kommenden zwei, drei Jahre.

Die Radarsensoren können aus dem Inneren des Gehäuses heraus funktionieren. Bei einer bestimmten Anordnung der Antennen könne auch ein einzelner nach oben strahlender Chip einen Umkreis von 360 Grad abdecken.


Zusammenfassung: Infineon war nach dem Börsengang 2000 innerhalb weniger Jahre zum Pennystock verkommen. Mit der Neuausrichtung und der Abspaltung der Speicherchip-Sparte kam das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur. Seit einigen Jahren steigt der Börsenkurs stetig auf zeitweise mehr als 25 Euro. Mit einem Gemeinschaftsunternehmen in China will das Unternehmen vom E-Auto-Boom in dem Land profitieren.

Mit Material von dpa und Reuters

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Seite 1
wiseguyno1 03.03.2018
1. Kleine Infineon Anekdote
Ich kann mich noch gut an den ersten Hype um diese Aktie erinnern: Direkt nach dem Börsengang hörte man die hämischen Kommentare der 'Glücklichen', die damals ein paar Aktien ergattern konnten: "Na, keine gekriegt?" Die ebenso hämische Retourkutsche nach dem 'freien Fall' besagter Aktie: "Na, welche gekriegt?"
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