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Insiderhandel an der Wall Street: Wie Millionen-Trader Rajaratnam aufflog

Von , New York

Es ist der wohl größte Insiderskandal in der Wall-Street-Historie: Der Hedgefonds-Gründer Raj Rajaratnam soll sich mindestens 20 Millionen Dollar erschwindelt haben. Jetzt flog die Gaunerei auf - weil ein Informant den Milliardär beim FBI verpfiff.

Finanzskandale: Die spektakulärsten Betrugsfälle Fotos
AP

Raj Rajaratnam ist ein spendabler Mann. Allein in den letzten fünf Jahren hat der Selfmade-Milliardär mehr als 20 Millionen Dollar für gute Zwecke locker gemacht. So beteiligte er sich am Kauf von sechs Minenspürhunden für sein Heimatland Sri Lanka, das an den Folgen eines langen Bürgerkriegs leidet. Zur Begründung sagte Rajaratnam, die Begegnung mit einem Kind, das durch eine Mine beide Beine verloren hatte, gehe ihm nicht aus dem Sinn: "Das machte es leicht, den Scheck auszustellen."

Dieser Tage aber macht Wohltäter Rajaratnam, mit einem geschätzten Privatvermögen von 1,3 Milliarden Dollar auf Platz 551 der "Forbes"-Rangliste der reichsten Menschen der Welt, mit weniger schmeichelhaften Taten Schlagzeilen.

Der Gründer der New Yorker Hedgefonds-Gruppe Galleon steht im Mittelpunkt des wohl größten Insiderskandals, der diese feine Branche je erschüttert hat. Die "New York Times" spricht von einem "Wall-Street-Thriller" und vergleicht Rajaratnam mit Ivan Boesky, dem berüchtigten Börsengauner der achtziger Jahre und Vorbild für den Schurken Gordon Gekko in Oliver Stones Kinohit "Wall Street".

34 Seiten Anklage

Es ist die Ironie dieser Geschichte, dass Stone ausgerechnet jetzt gerade wieder in Lower Manhattan dreht - an der Fortsetzung von "Wall Street" ("Wall Street 2: Money Never Sleeps"). Stoff dafür könnte sich Hollywoods Börsenkritiker Nummer eins dabei nun auch gut bei Rajaratnam & Co. holen.

Über Jahre hinweg soll sich Rajaratnam, 51, dessen Galleon Group mit rund sieben Milliarden Dollar Einlagen zu den weltgrößten Hedgefonds gehört, durch illegale Insider-Informationen aus namhaften US-Konzernen sagenhafte Spekulationsvorteile verschafft haben. Die Gesamtsumme des Schwindels beläuft sich nach erster Schätzung der Finanzfahnder auf rund 20 Millionen Dollar.

34 eng getippte Seiten umfasst die Anklage gegen Rajaratnam und die zwei mutmaßlichen Haupt-Tippgeber, 27 Seiten die Nebenklage gegen drei weitere Beteiligte. Alle sitzen seit dem Wochenende in U-Haft. Sollte es zum Prozess kommen, droht ihnen für jeden der auf die beiden Anklageschriften verteilten 19 Straftatbestände bis zu 20 Jahre Gefängnis.

Rajaratnams Kaution spiegelt die Fluchtgefahr wider: Sie liegt bei 100 Millionen Dollar. "Mein Klient ist unschuldig", sagt sein Anwalt James Walden. "Wir werden uns gegen die Vorwürfe wehren." Auch die anderen Verdächtigen beteuern ihre Unschuld.

Börsenbooms gebären Betrüger

Peinlicher noch für die Wall Street ist freilich die lange Liste der notablen Firmennamen, die sich plötzlich in den Skandal verwickelt sehen - als Geschröpfte oder als Arbeitgeber der mutmaßlichen Komplizen gelten: Google Chart zeigen, Intel Chart zeigen, IBM Chart zeigen, Sun Microsystems Chart zeigen, Hilton Hotels Chart zeigen, die Ratingagentur Moody's, die Unternehmensberatung McKinsey, die Techfirmen AMD Chart zeigen, Clearwire und Akamai, der Outsourcing-Riese PeopleSupport, der Kommunikationskonzern Polycom.

Wieder mal erweist sich damit eine alte Regel als richtig: Börsenbooms gebären vor allem auch Betrüger - und Letztere werden in den nachfolgenden Crashs dann unvermeidlich der Öffentlichkeit bekannt. Für die Amerikaner ist dies nur ein weiteres Indiz dafür, dass die Wall Street aus ihren Fehlern bis heute nichts gelernt hat.

Milliardenschwindler Bernard Madoff, dessen Transaktionen im Gegensatz zu Rajaratnam allesamt fiktiv waren, war das jüngste Beispiel. Schon stilisieren die US-Kontrollbehörden - die nach Madoffs Auffliegen wegen Untätigkeit ins Kreuzfeuer gerieten - die Akte Rajaratnam nun zum Fanal einer neuen Ära des Durchgreifens.

"Dieser Fall sollte der Wall Street als Weckruf dienen", donnerte Staatsanwalt Preet Bharara, der die Anklage am Freitag gemeinsam mit der US-Börsenaufsicht SEC und dem FBI vorlegte. SEC-Vollstreckungschef Robert Khuzami fügte warnend hinzu: "Es wäre weise, wenn sich Investmentberater und Konzernmanager den heutigen Fall ganz genau zu Gemüte führten."

Insider-Tipps über Deals und Umsatzzahlen

Der begann den Ermittlungen zufolge Mitte 2005. Damals habe ein in der Anklage namentlich nicht genannter Informant mit lukrativen Firmengeheimnissen Rajaratnam kontaktiert. Von Januar 2006 an sollen die beiden dann als Team abgezockt haben: Der Informant habe Rajaratnam Insider-Tipps zugespielt, etwa über Deals und Umsatzzahlen, bevor diese öffentlich wurden - und der habe diese prompt mit Aktiengeschäften versilbert.

Das Dumme aus Rajaratnams Sicht: Der Informant bekam Ende 2007 kalte Füße und diente sich dem FBI als Undercover-Quelle an. Fortan hörte das FBI Rajaratnams Telefone ab - Methoden, die bisher nur gegen Terroristen, Drogengangs und Mafiosi eingesetzt wurden und im Kampf gegen skrupellose Wall-Street-Betrüger eine neue Dimension darstellen.

Die kriminellen Aktivitäten puzzelten sich die Fahnder mühsam zusammen, aus Telefonaten, Transaktionen, SEC-Dateien. Allein auf Rajaratnams Seite hörte das FBI zwei Festnetzanschlüsse und ein Mobiltelefon ab, SMS und Instant Messages wurden ebenfalls akribisch protokolliert. Die teils wörtlich zitierten Dialoge zeugen von schamloser Dreistigkeit - und bodenloser Naivität. So seufzte einer der Mitangeklagten an einer Stelle, man könne ja heilfroh sein, so "eine abhörsichere Telefonleitung" zu haben.

Als Komplizen beschuldigt werden nun Rajov Goel, ein Finanzmanager bei Intel und sogar mal ein Kandidat für den Vorstandsvorsitz, Anil Kumar, Ex-Direktor bei McKinsey, Mark Kurland, Präsident des Hedgefonds New Castle, der früher zur untergegangenen Investmentbank Bear Stearns Chart zeigen gehörte, seine Kollegin Danielle Chiesi und IBM Chart zeigen-Vizepräsident Robert Moffat.

Gewinn von 700.000 Dollar durch Aktiendeal

Die Anklagen setzen noch weitere Wall-Street-Akteure in ein unvorteilhaftes Licht, ohne sie aber zu identifizieren oder bisher strafrechtlich zu belangen. Etwa ein Moody's-Analyst, der für einen Insider-Tipp von Rajaratnam 10.000 Dollar bekommen haben soll. Die inkriminierten Herrschaften, deutete SEC-Mann Khuzami an, hätten "interne Informationen gestohlen" - ein Zeichen, dass sich der Fall schon bald noch ausweiten dürfte.

Das Schema war stets das gleiche. Etwa bei Polycom: Der Hersteller von Video- und Audiokonferenz-Technologie war demnach der Ausgangspunkt des gesamten Treibens. Dort arbeitete der spätere FBI-Informant, in der Anklage "Tipper A" genannt. Als er 2005 in eine private Finanzklemme geraten sei, habe er Rajaratnam um einen Job bei Galleon gebeten. Im Gegenzug habe er ihm Insider-Informationen über Polycom angeboten.

Diese Informationen hätten aus der vierten, unerwartet erfreulichen Polycom-Quartalsbilanz für 2005 bestanden. Der Informant habe Rajaratnam diese Zahlen zwei Wochen vor ihrer Veröffentlichung gesteckt. Der habe über Galleon sofort 300.000 Polycom-Aktien billig gekauft und nach der Bilanzpressekonferenz, als der Kurs nach oben ging, schnell wieder abgestoßen. Gewinn: rund 700.000 Dollar.

Ähnliche Tricks wirft die Justiz der Truppe unter anderem im Zusammenhang mit Intel vor (Schwindelprofit: 580.000 Dollar), Google (acht Millionen) und Hilton (vier Millionen). Bei AMD, das 2008 in Geheimverhandlungen mit einer Investorengruppe aus Abu Dhabi stand, soll Danielle Chiesi als Kontaktfrau fungiert haben. Ob er ihr sagen könne, was es mit dem Deal "auf sich hat", fragte Rajaratnam sie den Transkripten zufolge. Antwort: "Oh, yeah."

Dialoge wie aus einem billigen Krimi

Und so geht es munter weiter. Manche der Dialoge lesen sich wie aus einem billigen Krimi. "Wenn das auffliegt", vertraute Chiesi einem ungenannten Partner einmal an, "bin ich tot."

Für Rajaratnam ist es ein tiefer Sturz. Er gilt als reichster Sprössling Sri Lankas. Seine 1997 gegründete Galleon Group prahlte mit Renditen von bis zu 22 Prozent. 2001 wurde er in dem Buch "The New Investment Superstars" unter anderem neben George Soros als einer der 13 besten Investoren der Welt gefeiert, jener Elite der "Mozarts und da Vincis" des Finanzkosmos.

Nach dem verheerenden Tsunami von 2004 gab Rajaratnam Millionen für den Wiederaufbau in Sri Lanka. Auch in den USA spendete er fleißig: Seit 2004 überwies er mehr als 87.000 Dollar in die Wahlkampfkassen meist demokratischer Kandidaten - darunter Barack Obama.

Andere Spenden rückten ihn schon früher ins Visier der Finanzfahnder. So schenkte er einer tamilischen Hilfsorganisation in Maryland einmal 3,5 Millionen Dollar. Das FBI verfolgte deren Gelder jedoch bis zur Terroristengruppe der Tamilen-Tiger weiter. Rajaratnam selbst wurde in der Sache nichts vorgeworfen.

In Sachen Insiderhandel witterte er sein Unheil aber offenbar: Er fürchte, dass einer seiner Mitarbeiter ihn verpfeifen würde, soll er kurz vor seiner Verhaftung gesagt haben. Das FBI fand heraus, dass er für vorigen Freitag einen Flug von New York nach London gebucht hatte. Als er am New Yorker Kennedy Airport erschien, warteten die Beamten schon auf ihn.

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Forum - Hat die Wall Street nichts gelernt?
insgesamt 477 Beiträge
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1.
Hartmut Dresia, 19.10.2009
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was sollte sie denn lernen? Dass der Staat im Zweifel die Rechnungen begleicht, das konnten auch die deutschen Banken aus der Krise lernen. Und dass Politiker Geld ohne jede Gegenleistung geben. Warum ist das so? Es gibt da viele Thesen: Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/) Aber was sollen Banken auch von Politikern halten, wenn man sich zum Beispiel die Besetzung von Vorstandsposten bei der Bundesbank durch die Politik anschaut: Thilo Sarrazin - eine glatte Fehlbesetzung in der Bundesbank (http://www.plantor.de/2009/thilo-sarrazin-eine-glatte-fehlbesetzung-in-der-bundesbank/)
2. Ein Stoßdämpfer für die Börsen
founder 19.10.2009
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was passiert wenn bei einem Auto die Stoßdämpfer kaputt sind? Schlechte Straßenlage, längerer Bremsweg, es wird extrem gefährlich damit zu fahren. Stoßdämpfer sind Schwingugsdämpfer. Ohne Schwingungsdämpfung schaukelt sich das Auto auf Bodenwellen zu immer größeren Schwingungen auf, bis es unkontrollierbar ins Schleudern gerät. Eine Börsentransaktionssteuer wäre ein Stoßdämpfer für die Börse.
3. Wie blöd muss man eigentlich sein?
londoneye 19.10.2009
Der Kerl hat schon 1,3 Mrd US Dollar Privatvermögen und betreibt Insiderhandel, um an weitere 20 Mio USD zu gelangen! Das ist nicht nur raffgierig, sondern auch extrem dämlich.
4. Nicht ein paar Profiteure, sondern
Ghost12 19.10.2009
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Die Verantwortung der Exzesse, die momentan noch schlimmer sind als bei Beginn der Finanzkrise, trägt derjenige, der die Blasen aufbläht- das ist Ben Bernanke. Mit Unterstützung von Geithner und Obama, die ihn bei seinem Kurs unterstützen.
5.
Sackaboner 19.10.2009
Es ist schon mehr als merkwürdig, dass Leute, die eigentlich mehr als genug Kohle für ein sorgefreies Leben bis an ihr Ende haben, immer noch weiter raffen müssen. Das kann nur eine Krankheit sein, da jede Logik und Vernunft darin fehlen. Dumm, wenn man dann noch der amerikanischen, alttestamentarischen Rachejustiz in die Hände fällt.
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