Insolvente Nachrichtenagentur dapd: Der tiefe Fall des Herausforderers

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Sie wollte die Spitzenposition in Deutschland erobern - nun muss die dapd nachrichtenagentur GmbH Insolvenz anmelden. Die Schuld daran suchen die Eigentümer auch bei vermeintlich unlauteren Subventionen für die Konkurrenz. Die Mitarbeiter trifft der Schlag völlig überraschend.

Hauptsitz der Nachrichtenagentur dapd in Berlin: "Wir entscheiden nichts mehr" Zur Großansicht
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Hauptsitz der Nachrichtenagentur dapd in Berlin: "Wir entscheiden nichts mehr"

Berlin - Schon am Dienstagnachmittag machten die Gerüchte unter den Mitarbeitern die Runde. Die September-Gehälter hatte die Nachrichtenagentur dapd bereits nicht mehr gezahlt. Angestellte, die in der Buchhaltung nachfragten, wurden nach Informationen von SPIEGEL ONLINE beruhigt. Die nächste Nachricht kam dann vom Insolvenzverwalter, dem Düsseldorfer Anwalt Wolf von der Fecht. Per E-Mail. Zahlungsunfähigkeit.

"Ein absoluter Schock" sei das gewesen, sagte ein Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. "Damit hat keiner gerechnet." Viele Kollegen hätten noch im September eine neue Stelle angetreten und seien nun kalt erwischt worden. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen teilte Mit-Eigentümer Martin Vorderwülbecke am Abend auf einer eilends einberufenen Betriebsversammlung mit: Chefredakteur Cord Dreyer "und ich sind hier nicht mehr Geschäftsführer. Wir entscheiden nichts mehr".

Mit großen Zielen waren Vorderwülbecke und sein Partner Peter Löw vor drei Jahren in einen lange festgefügten und überschaubaren Markt eingestiegen. Damals hatten sie die kleine Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst (ddp) übernommen. Ein Jahr später kauften sie den deutschen Teil des US-Konkurrenten Associated Press (AP) dazu - und benannten die Agentur in dapd um. Die große Deutsche Presse-Agentur (dpa), Platzhirsch im Besitz deutscher Verlage und Sender, wollte man nicht nur angreifen, sondern Löw und Vorderwülbecke wollten sie sogar vollständig "verzichtbar" machen.

"Gegen solche Konkurrenten können wir nicht ankommen"

Auf der Betriebsversammlung am Dienstagabend erinnerte Vorderwülbecke daran. Sie hätten den Plan verfolgt, eine "zweite tolle Nachrichtenagentur" aufzubauen - und: "Das haben wir geschafft."

Dennoch sind nun 299 der 515 Mitarbeiter der dapd-Gruppe von der Insolvenz betroffen. Für die "dapd nachrichtenagentur GmbH", die "dapd nachrichten GmbH" ist der Antrag nach Angaben der Gruppe bereits gestellt, am Donnerstag soll er für sechs weitere Gesellschaften folgen. Die 18 übrigen Gesellschaften und die Holding hingegen bleiben demnach von der Zahlungsunfähigkeit verschont.

Wieso mündet der große Plan nun vorerst in einem Insolvenzantrag? Das versuchte Vorderwülbecke seinen Mitarbeitern zu erläutern. Peter Löw und er hätten sich in den vergangenen Wochen zu diesem Schritt entschieden. Grund sei "nicht, dass wir nicht mehr an das Team glauben".

Hintergrund sei vielmehr, dass dapd massiv unter den Subventionen leide, die die Konkurrenten erhielten. So bekomme die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP), die auch auf dem deutschen Markt aktiv ist, Millionen vom französischen Staat. Und die dpa profitiere von üppigen Zahlungen des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dagegen habe man keine Chance, sagte Vorderwülbecke. "Gegen solche Konkurrenten können wir nicht ankommen."

Seine Botschaft: Unfairer Wettbewerb sei am Werk. Und daher sehe man keine Möglichkeit, die Einnahmen zu steigern. Zuletzt seien, so erfuhren es die Mitarbeiter auf der Betriebsversammlung, jeden Monat eine Million Euro Verlust eingefahren worden. "Wir brauchen jetzt eine harte Sanierung durch die Insolvenz", sagte Vorderwülbecke. Eine Lösung könne sein, weitere Teilhaber zu finden. Gemeint sind Investoren, die weiteres Geld mitbringen. Der Agenturbetrieb soll jedenfalls unverändert weiter laufen.

Die Eigentümer planten erst für 2020 einen Gewinn ein

Mit dem Finger auf andere zeigen - das erinnert an eine Strategie, die für die dapd in den vergangenen Jahren nicht ungewöhnlich war. Den Kampf gegen die Konkurrenz führten Vorderwülbecke und Co. mehr oder weniger aggressiv. So lieferte sich die dapd einen harten Preiskampf mit der dpa. Im Sommer 2011 warb die Nachrichtenagentur damit, ihren Basisdienst 30 Prozent "günstiger als beim Wettbewerber" anzubieten. Insider sprachen gar von noch weitaus höheren Rabatten, die dapd eingeräumt haben soll.

Ob das stimmt oder nicht - dapd konnte prestigeträchtige Erfolge erzielen. So vergab das Auswärtige Amt zu Beginn des Jahres die Belieferung seiner rund 230 Botschaften mit Nachrichten an den Newcomer. Für das Image der dpa ein schwerer Schlag, die zuvor fast 60 Jahre lang damit beauftragt worden war. Das Bundespresseamt stockte - ebenfalls zu Beginn des Jahres - das Budget für dapd um eine Million Euro auf.

Offenbar reichten diese Aufträge nicht, zumal der Markt immer schwieriger wird. Große Teile der Medienbranche - und damit die potentiellen Kunden der Nachrichtenagenturen - stecken seit Jahren in der Krise, schon lange sitzt das Geld bei Verlagen und Sendern nicht mehr so locker. So musste dapd zum Beispiel hinnehmen, dass etwa die Wirtschaftsredaktionen des großen Verlags Gruner + Jahr seit Anfang des Jahres auf ihre Dienste verzichteten.

Neben dem Preiskampf suchte dapd auch das Duell vor Gericht: Immer wieder setzte sich die Nachrichtenagentur juristisch mit den Wettbewerbern auseinander. So verklagte sie etwa die dpa - erfolglos - wegen derer vermeintlich wettbewerbsbehindernden Verträge. Die dpa wiederum verklagte den Konkurrenten - ebenfalls erfolglos - wegen des Verstoßes gegen Markenrechte. In ihren Augen sei das Kürzel zu ähnlich.

Vorderwülbecke und Löw setzten bis zuletzt auf Expansion. Im Frühjahr kauften sie auch den französischen Dienst von AP und wollten so der AFP auf ihrem Heimat-Territorium Konkurrenz machen. Sie investierten sehr viel Geld in die eigene Sportberichterstattung, um dem zur AFP gehörenden Sportinformationsdienst (sid) Kunden abzujagen. Und erst am Montag vergangener Woche kündigte dapd die Gründung einer Agentur für Unterhaltung und Lifestyle an.

Die Insolvenz überrascht also in doppelter Hinsicht. Denn die Investoren Vorderwülbecke und Löw hatten zudem stets betont, finanziell einen langen Atem zu haben. Vor rund zwei Jahren hatten sie gesagt, dass die Expansion noch auf Jahre hinaus hohe Beträge erfordern werde. Erst im Jahr 2020 sollten Gewinne abfallen. Nun scheint ihr Traum schon im Herbst 2012 ausgeträumt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Martin Vorderwülbecke habe auf der Betriebsversammlung gesagt, Cord Dreyer und er hätten sich in den vergangenen Wochen zum Insolvenzantrag entschieden. Tatsächlich sagte Vorderwülbecke, er habe sich gemeinsam mit seinem Partner Peter Löw zu dem Schritt entschieden. Wir haben die Aussage berichtigt und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

mit Material von Reuters

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1.
Stäffelesrutscher 02.10.2012
dapd besteht aus 26 Gesellschaften? Wozu das denn?
2. Die Qualität
Prokrastes 02.10.2012
... von dapd kann man unter anderem auch auf bildblog.de überprüfen. http://www.bildblog.de/search/dapd/ Da ist die Insolvenz wirklich völlig unerklärlich. Oder so.
3. Erwartbar
sam-berlin 02.10.2012
Wer die Herren Vorderwühlbecke und Löw kennt, wusste, dass das nur eine Frage der Zeit war. Da war viel heiße Luft im Spiel.
4. und sonst?
bberliner77 02.10.2012
vielleicht gelingt es ja den kollegen der tagschicht, sich am rande auch fuer die belange mehrerer hundert freier dapd-mitarbeiter zu interessieren, die vielfach von jetzt auf gleich vor einem beruflichen wie rechnungstechnischen scherbenhaufen stehen duerften
5. Vielfalt tut not....
notty 03.10.2012
Zitat von sysopSie wollte die Spitzenposition in Deutschland erobern - nun muss die dapd nachrichtenagentur GmbH Insolvenz anmelden. Die Schuld daran suchen die Eigentümer auch bei vermeintlich unlauteren Subventionen für die Konkurrenz. Die Mitarbeiter trifft der Schlag völlig überraschend.
Schade, schade....immer wenn ein Konkurrent in der Presselandschaft faellt, ist es ein Verlust, insbesondere wenn es eine Agentur ist. Quasi-Monopolisten sind nicht gut fuer die Versorgung mit Nachrichten, weil die Politik gerne Einfluss ausueben will und die "Gutwilligkeit" mit Subventionen 'verguetet'.... International recherchierende Presseorgane in Deutschland, wie zum Beispiel BBC, gibt es nicht mehr. Zumeist werden Infos von den Grossen uebernommen, die politisch eingefaerbt sind und Zwecke verfolgen (z.B. Iran, Syrien etc.)
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