Insolvenzen Kreditversicherer warnt vor gefährlichem Pleite-Strudel

Der deutsche Mittelstand gerät durch die Wirtschaftskrise stark unter Druck: Nach Angaben des Kreditversicherers Euler Hermes steigt die Zahl der Insolvenzen rapide an. In der Folge bleiben gesunde Firmen auf Kreditforderungen in Rekordhöhe sitzen - und drohen ebenfalls in die Pleite abzurutschen.


Hamburg - Eine kräftig steigende Zahl von Insolvenzen treibt die Forderungen gegenüber den ins Straucheln geratenen Unternehmen 2009 auf den Rekordwert von 58 Milliarden Euro. Das teilte die Euler Hermes Kreditversicherungs-AG am Dienstag in Hamburg mit.

In seiner jüngsten Prognose erwartet das Unternehmen 2009 bei der Summe der gerichtlich angemeldeten Forderungen gegen Firmen einen Zuwachs von 162 Prozent.

Beim bisherigen Rekordwert 2002 beliefen sich die Ausfälle auf 51,8 Milliarden Euro. Grund für den Anstieg seien zahlreiche Großinsolvenzen. Die Zahl der Firmeninsolvenzen wächst 2009 laut Euler Hermes auf insgesamt 33.800. Das sei ein Anstieg von mehr als 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

"Der Ausfall von Forderungen gepaart mit einem Rückgang des Auftragsvolumens trifft vor allem mittelständische Unternehmen mit voller Wucht und kann selbst gesunde Unternehmen in einen gefährlichen Insolvenzstrudel reißen", berichtete der Vorstandsvorsitzende Gerd-Uwe Baden.

Industrie, Handel und Dienstleistungen besonders betroffen

Die Industrie sei von der Pleitewelle stark betroffen. Allein in der Autobranche werde sich die Zahl der Insolvenzen mehr als verdreifachen. Allerdings entfalle mit rund 25.000 zu erwartenden Pleiten 2009 und 27.000 für 2010 der größte Teil der Firmeninsolvenzen auf die Branchen Handel und Dienstleistungen.

Die Insolvenzquoten unterscheiden sich dem Kreditversicherer zufolge regional stark. Insgesamt sei die Zahl der Pleiten je 10.000 Unternehmen in den neuen Bundesländern höher als im Westen. Die Ausnahme bilde Nordrhein-Westfalen, das mit einer Quote von 166 an der Spitze rangiere, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Sachsen mit einer Quote von 154 beziehungsweise 144. Die niedrigsten Quoten von jeweils 77 verzeichneten Hessen und Bayern.

Auch für 2010 bleiben die Aussichten düster. Euler Hermes rechnet mit einem weiteren Anstieg der Firmenpleiten um 9,2 Prozent auf 36.900. Dagegen sollen die Forderungsausfälle zwar auf 45 Milliarden Euro zurückgehen. Das sei aber immer noch doppelt so hoch wie der Wert 2008, teilte der Versicherer mit.

Commerzbank-Chefvolkswirt warnt vor Konjunktur-Euphorie

Grund für die erhöhte Zahl der Firmenpleiten ist die noch immer sehr unsichere konjunkturelle Lage. Experten sehen die wirtschaftliche Lage Deutschlands nach wie vor kritisch. Die immer günstigeren Konjunkturprognosen für Deutschland sollten nach Ansicht von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer nicht zu positiv bewertet werden. "Die deutsche Wirtschaft wird trotz starken Wachstums im zweiten Halbjahr Ende 2009 nur ein Viertel des Produktionseinbruchs aufgeholt haben, den sie in der Rezession erlitten hat", sagte der Ökonom. Man könne nicht sagen, es gehe der Wirtschaft gut. "Noch lässt lediglich der Schmerz nach."

Krämer wies daraufhin, dass es nach wie vor Gefahren gebe. So sei die Finanzmarktkrise noch nicht vollständig vorbei. Gleichwohl teilt der Chefvolkswirt die Einschätzung der Wirtschaftsweisen, dass die Rezession in Deutschland wohl überwunden sei. Die Commerzbank rechne für 2010 mit einem Wachstum von rund zwei Prozent. Einen Rückfall in die Rezession im kommenden Jahr erwartet Krämer nicht.

Positiv sei festzustellen, dass Asien kräftig wachse, die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf ein Prozent gesenkt habe, und dass in den USA die Immobilienpreise nicht weiter gesunken seien. Problematisch könne aber das Thema Kreditklemme im kommenden Jahr werden. Krämer glaubt, "dass das Risiko einer Kreditklemme im Frühjahr steigen wird, wenn das Wirtschaftswachstum den Kreditbedarf der Unternehmen wieder erhöht".

Wirtschaftsministerium prognostiziert Wachstum

Auch die Bundesregierung sieht die deutsche Wirtschaft weiter im Aufwind. "Für das Jahresschlussquartal sprechen die vorliegenden Indikatoren für eine Fortsetzung der Erholung", teilte das Wirtschaftsministerium am Dienstag mit. "Nachfrage und Produktion in der Industrie nehmen tendenziell zu."

Am Bau wirkten zunehmend die in den Konjunkturprogrammen beschlossenen Investitionen in Infrastruktur und ökologische Gebäudesanierung. Sorgenkind bleibe dagegen der Konsum. "Eine Zunahme der privaten Konsumausgaben ist angesichts der nach wie vor schwierigen Lage am Arbeitsmarkt eher unwahrscheinlich."

Das Bruttoinlandsprodukt war im dritten Quartal mit 0,7 Prozent so stark gewachsen wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Die schwerste Rezession der Nachkriegszeit war bereits im zweiten Quartal nach einjähriger Dauer beendet worden, als die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent zunahm. "Die deutsche Wirtschaft bleibt aber vorerst auf konjunkturstabilisierende Impulse angewiesen", hieß es. "Ihre Auftriebskräfte sind noch nicht selbsttragend und die Produktionskapazitäten sind noch stark unterausgelastet."

ssu/AP/dpa/ddp

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Seite 1
entreotto 14.04.2009
1.
Zitat von sysopImmer mehr Firmen werden vom Konjunktureinbruch hart getroffen. Nach Märklin, Schiesser und Karmann hat nun auch Woolworth Insolvenz angemeldet. Droht Deutschland eine Pleitewelle?
echt ? Woolworth hat Insolvenz angemeldet ? Bin neulich in Dillingen an der Saar vor einem entgültig geschlossenen Woolworth - Filiale vorbeigelaufen. Also ich glaube, daß bei Woolworth zu viele Filialen schlecht laufen,liefen so eine Kette kann nur wenige schlechte Filialen mitziehen, die Margen sind im Einzelhandel zu gering.
kollateralschaden 14.04.2009
2.
Zitat von entreottoecht ? Woolworth hat Insolvenz angemeldet ? Bin neulich in Dillingen an der Saar vor einem entgültig geschlossenen Woolworth - Filiale vorbeigelaufen. Also ich glaube, daß bei Woolworth zu viele Filialen schlecht laufen,liefen so eine Kette kann nur wenige schlechte Filialen mitziehen, die Margen sind im Einzelhandel zu gering.
Hier in UK ist Woolworth schon letztes Jahr pleite gegangen.
Wattläufer 14.04.2009
3.
Zitat von sysopImmer mehr Firmen werden vom Konjunktureinbruch hart getroffen. Nach Märklin, Schiesser und Karmann hat nun auch Woolworth Insolvenz angemeldet. Droht Deutschland eine Pleitewelle?
Woolworth hatte kein Image. Der "für-jeden etwas" aber nicht kundenorientierte Kramladen passte nicht mehr in unsere Zeit. Der nächste den es treffen wird, wird K'stadt sein. Das Kundenverhalten hat sich geändert und wer da nicht mitmacht hat selber Schuld. Das hat nichts mit Konjunktureinbruch zu tun. Das war schon immer so. Karmann, Märklin haben am Markt vorbei produziert. Karmann war nur noch Dienstleister für Andere ohne eigenes Profil und Märklin hat nicht erkannt, daß die dt. Jugend vorwiegend aus Migranten besteht, die mit unserer (Industrie-)kultur bzw. dem Nachbau 1 : 84 nichts am Hut haben. Wattläufer
problematix 14.04.2009
4.
Zitat von sysopImmer mehr Firmen werden vom Konjunktureinbruch hart getroffen. Nach Märklin, Schiesser und Karmann hat nun auch Woolworth Insolvenz angemeldet. Droht Deutschland eine Pleitewelle?
Wie sieht es denn im Mittelstand und bei Kleinbetrieben aus?
rkinfo 14.04.2009
5.
Zitat von sysopImmer mehr Firmen werden vom Konjunktureinbruch hart getroffen. Nach Märklin, Schiesser und Karmann hat nun auch Woolworth Insolvenz angemeldet. Droht Deutschland eine Pleitewelle?
Dinge wie Konjunkturpaket und Abwrackprämie schützen ja bereits Firmen vor Pleite. Andererseits wird eine 'Opel-Pleite' von ca. 50% aller Deutschen erwartet. Und Opel fährt aktuell Sonderschichten. Nimmt man Opel Referenz, dann sind 2/3 aller Firmen bis Jahresende im Land pleite. Man kann nur hoffen, dass im Land das Problembewußtsein für das Risiko 'totales Ende unseres Landes' langsam mal wächst. Wir leben seit Oktober 2008 = Untergang des Weltfinanzsystems vom Hilfsstrukturen. Letztlich nicht anders wie 'Brot für die Welt' in Afrika - nur viel teurer. Aber irgendwann versiegen die Hilfsmöglichkeiten und die Firmen im Land gehen in die Pleite. Wobei unser Insolvenzrecht derart früh 'Insolvenzantrag' fordert, dass das Land täglich vor dem ultimativen Kollaps steht.
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