Insolvenzplan für Drogeriekette: Abrechnung mit der Familie Schlecker

Von , Frankfurt am Main

Es ist ein schwarzer Tag für die Mitarbeiter von Schlecker: Die Drogeriekette schließt jeden zweiten Laden, 11.750 Beschäftigte müssen gehen. Der Insolvenzverwalter will den Rest des Unternehmens retten - und rechnet mit den Fehlern der Eigentümerfamilie ab.

Schlecker in Hamburg: Die Hälfte der Filialen wird dicht gemacht Zur Großansicht
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Schlecker in Hamburg: Die Hälfte der Filialen wird dicht gemacht

Frankfurt am Main - Sie sind die wichtigsten Manager der einst stärksten Drogeriekette Deutschlands. Doch nun sitzen Schlecker-Vertriebschef Thorben Rusch und Finanzchef Sami Sagur wie zwei Schuljungen neben Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Der eine links von ihm, der andere rechts. Geiwitz präsentiert seinen Sanierungsplan für Schlecker - und sein Zeugnis für das Management. Es fällt verheerend aus. Von der Familie Schlecker ist erst gar keiner nach Frankfurt gekommen.

Die Kinder Lars und Meike seien dazu bereit gewesen, sagt Insolvenzverwalter Geiwitz. Er habe aber davon abgeraten. Es sei schwer, jemanden dabei zu haben, der "nicht den Hut aufhat". Und schließlich habe er selbst das Sanierungskonzept erarbeitet und wolle die schlechten Nachrichten persönlich den Schlecker-Betriebsräten und der Ver.di-Tarifkommission überbringen.

Für die Mitarbeiter ist das Konzept ein Schock: Von 25.250 Beschäftigten in den Schlecker-Filialen und in der Logistik müssen 11.750 Menschen die Firma verlassen. Von 5400 Filialen sollen nur 3000 erhalten bleiben. Die Zahlen seien höher, als er zu Anfang befürchtet habe, sagt Geiwitz, "aber das ist ein überlebensnotwendiger Einschnitt". Andernfalls habe Schlecker keine Chance. Allein im vergangenen Jahr habe die Drogeriekette 200 Millionen Euro Verlust gemacht. Die 5200 Mitarbeiter der ebenfalls insolventen Schlecker-Tochter IhrPlatz sollen in den kommenden Tagen erfahren, wie es mit ihnen weitergeht.

Harsche Kritik an Anton Schlecker

Von den Betriebsräten kam keiner zur Pressekonferenz mit dem Insolvenzverwalter. In den nächsten Wochen wollen sie mit dem Insolvenzverwalter einen Sozialplan erarbeiten.

"Es ist natürlich bitter, dass jetzt so viele von uns Schlecker-Frauen ihren Arbeitsplatz verlieren werden", erklärte die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann per Pressemitteilung. Und Ver.di-Bundesvorstand Stefanie Nutzenberger versicherte: "Wenn wir von Schlecker reden, reden wir über Tausende Frauen und Männer, das heißt über viele einzelne Existenzen. Wir werden um jede einzelne dieser Existenzen kämpfen, darauf können sich die Schlecker-Frauen verlassen."

Nutzenberger forderte "einen Bruch mit der alten Führung und den alten Führungsmethoden". Diesen Bruch will auch der Insolvenzverwalter. Die Vorstellung seines Sanierungskonzepts geriet zu einer Abrechnung mit dem Führungsstil der Familie Schlecker und des Managements.

"Die Analyse des Konzerns fällt dramatisch aus", sagt Geiwitz. Weder die Unternehmenstruktur noch Sortiment und Preise seien wettbewerbsfähig, "die Kultur bei Schlecker war patriarchalisch geprägt". Das Unternehmen sei so intransparent, dass kein Vertrauen bei den Vertragspartnern geherrscht habe. Die bisherigen Reformschritte hätten bei weitem nicht ausgereicht, um einen Wandel zu erreichen. "Das Dorfladen-Konzept kann nicht die einzige Tragsäule sein." Mit seiner Kritik zielt Geiwitz vor allem auf Anton Schlecker ab. Dieser habe "eine fast einmalige Karriere hingelegt", sagt der Insolvenzverwalter. Aber er habe auch "viele Fehlentscheidungen getroffen, die dem Unternehmen sehr geschadet haben".

Fast jeder Satz gerät zur Ohrfeige für die alte Manager-Riege

Doch nun wolle er in die Zukunft blicken. "Wir brauchen einen kompromisslosen Kulturwandel bei Schlecker", verkündet Geiwitz. Per Beamer lässt er die künftigen Grundsätze an die Wand werfen. "Wir bedenken die Wirkungen unserer Entscheidungen", steht da. Und: "Wir motivieren durch Lob und Kritik und sind selbst offen für Kritik." Der Insolvenzverwalter, so scheint es, macht mit den Schlecker-Verantwortlichen derzeit einen Grundkurs zur Unternehmensführung. "Es muss ein neues Wir-Gefühl bei Schlecker entstehen", verkündet Geiwitz. "Dazu werde ich entsprechende Maßnahmen einleiten." Er will auch neue Leute in die Führung holen. Die sollen dann zum Beispiel dafür sorgen, dass die verbleibenden 3000 Filialen modern umgebaut werden und künftig mit einem Warenangebot punkten, das aufs regionale Umfeld zugeschnitten ist. Die Marke Schlecker will Geiwitz trotz aller Negativschlagzeilen erhalten. Es sei teurer, eine neue Marke zu etablieren, als das ramponierte Image zu sanieren, erklärte er.

Still sitzen die Manager Rusch und Sagur neben Geiwitz. Fast jeder Satz von Geiwitz ist eine Ohrfeige für sie. Darauf angesprochen, wie es ihm nun gehe, sagt Finanzchef Sagur: "Wir fühlen uns sehr schlecht. Es ist der Super-GAU." Man trage ja die operative Verantwortung für die meisten Schicksale, sagt Vertriebschef Rusch. "Es kann uns nicht positiv stimmen, diese wahnsinnige Zahl zu verkünden."

Trotz der harten Einschnitte habe Schlecker eine Zukunft, versichert Geiwitz. Wie stark der Einfluss der Familie Schlecker sein werde, ließ der Insolvenzverwalter offen. Staatshilfe schloss er zwar nicht aus, doch er macht sich vor allem für den Einstieg eines Investors stark. Bisher haftet Anton Schlecker persönlich als eingetragener Kaufmann für die Firma. In absehbarer Zeit solle sich die Drogeriekette aber "kapitalmarktorientiert" aufstellen, sagt Geiwitz. Eine international tätige Investmentbank schaue sich bereits im Unternehmen um. Es gebe bereits Gespräche mit vermögenden Privatinvestoren: "Je mehr frisches Geld wir haben, desto schneller greift das Sanierungskonzept."

Der Zeitplan für Schlecker ist eng. Bereits Ende März soll das Insolvenzverfahren eröffnet werden. "Wir müssen Anfang April verlustfrei sein", erklärte der Insolvenzverwalter. "Es ist nicht realistisch, dass Investoren Altlasten tragen." Für Tausende Mitarbeiter aber stellt sich nun nicht mehr die Frage nach Schleckers Zukunft, sondern wie es bei ihnen selbst weitergeht. Er wolle bei Kündigungen so sozialverträglich wie möglich vorgehen, versprach Geiwitz. Denkbar sei etwa eine Transfergesellschaft. Aber derzeit sei das nicht finanzierbar. Dazu brauche es die "Unterstützung Dritter". Am Ende könnte das der Staat sein.

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insgesamt 114 Beiträge
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    Seite 1    
1. Tolle Unternehmer hat Deutschland
hubertrudnick1 29.02.2012
Zitat von sysopEs ist ein schwarzer Tag für die Mitarbeiter von Schlecker: Die Drogeriekette schließt jeden zweiten Laden, 11.750 Beschäftigte müssen gehen. Der Insolvenzverwalter will den Rest des Unternehmens retten - und rechnet mit den Fehlern der Eigentümerfamilie ab. Insolvenzplan für Drogeriekette: Abrechnung mit der Familie Schlecker - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818471,00.html)
Ein Unternehmer der sich völlig übernommen hat, seine Beschäftigten wie Sklaven behandelte und selbst von Geschäft nicht genügend Ahnung hatte, denn sonst hätte er nicht versucht sich zu überfressen. HR
2. Schade
psmonn 29.02.2012
Zitat von sysopEs ist ein schwarzer Tag für die Mitarbeiter von Schlecker: Die Drogeriekette schließt jeden zweiten Laden, 11.750 Beschäftigte müssen gehen. Der Insolvenzverwalter will den Rest des Unternehmens retten - und rechnet mit den Fehlern der Eigentümerfamilie ab. Insolvenzplan für Drogeriekette: Abrechnung mit der Familie Schlecker - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818471,00.html)
Schade um die Arbeitsplätze und Schade um das kahler werdende Stadtbild Berlin. Die Geschäfte bei um die Ecke haben nur noch ein halbes Sortiment.
3. Mein Beileid an die Mitarbeiter
stefan1904 29.02.2012
Es ist natürlich schade für die Mitarbeiter, aber Schlecker ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Die Läden sehen furchtbar aus, die Eigenmarken sind mies und die Angestellten werden auch nicht gerade gut behandelt. Da kann ich nicht mit guten Gewissen einkaufen. Da lob ich mir dm, die ihre Mitarbeiter anständig entlohnen und kulturelle Projekte wie das Allerweltskino in Köln (jeden Dienstag Abend im Off-Broadway) finanziell fördern.
4.
dedie 29.02.2012
Zitat von hubertrudnick1Ein Unternehmer der sich völlig übernommen hat, seine Beschäftigten wie Sklaven behandelte und selbst von Geschäft nicht genügend Ahnung hatte, denn sonst hätte er nicht versucht sich zu überfressen. HR
Haben sie selbst bei Schlecker gearbeitet oder plappern sie einfach nur nach was andere vorplappern? Die mir bekannten Angestellten bei Schlecker waren bisher sehr zufrieden mit ihrem Arbeitgeber und dem was sie am Monatsende in der Lohntüte hatten, und ich kenne einige Angestellte von Schlecker.
5. Was wohl .....
davidovich 29.02.2012
Zitat von sysopEs ist ein schwarzer Tag für die Mitarbeiter von Schlecker: Die Drogeriekette schließt jeden zweiten Laden, 11.750 Beschäftigte müssen gehen. Der Insolvenzverwalter will den Rest des Unternehmens retten - und rechnet mit den Fehlern der Eigentümerfamilie ab. Insolvenzplan für Drogeriekette: Abrechnung mit der Familie Schlecker - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818471,00.html)
der Insolvenzverwalter daran verdient ? Der einzige Gewinner in diesem traurigen Spiel.
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