Alibabas Börsengang Chinas Internet-Gigant drängt an die Weltspitze

Der IT-Konzern Alibaba ist Ebay, Amazon und Paypal zugleich. Die Firma hat das Potential, Chinas Gesellschaft zu verändern - und bereitet nun offenbar ihren Börsengang vor. Es könnte der größte in der Geschichte des Internets werden.

Aus Hangzhou berichtet

AP

In der Konzernzentrale von Alibaba gibt es einen Raum wie aus einem James-Bond-Film. Ein überlebensgroßer Monitor hängt dort, mit einer animierten Weltkarte. Sie zeigt die Warenströme, die über Chinas größten E-Commerce-Konzern abgewickelt werden. Städte blinken darauf in schneller Abfolge. Peking, Rio, Riad, Paris, Berlin... Man kann sich Jack Ma vorstellen, den Noch-Boss von Alibaba, wie er in diesem Raum steht und auf sein globales Handelsimperium blickt. Ma, ehemals Englischlehrer, hatte die Firma 1999 gegründet. Schon damals erzählte er jedem greifbaren Zuhörer seine Vision vom Weltkonzern. Er sollte Recht behalten.

Im vergangenen Geschäftsjahr wurden Waren im Wert von knapp 171 Milliarden Dollar über Alibabas Plattformen verkauft, mehr als über Amazon und Ebay zusammen. Nun gibt es Hinweise, dass Chinas IT-Riese an die Börse strebt. Und erste Börsenbullen, die sagen: Das wird größer als Facebook.

Offiziell ist noch nichts bei Alibaba. Doch es gibt Umwälzungen im Unternehmen, die Beobachter als Vorbereitungen für den Gang aufs Parkett werten: Am 10. Mai tritt Ma, 48, als Unternehmenschef zurück, bleibt aber als Top-Manager an Bord. Das operative Geschäft leitet künftig sein Vertrauter Jonathan Lu. Dazu ordnet Alibaba seine inzwischen gut zwei Dutzend Geschäftsbereiche neu.

Auch Ma selbst schürt wohldosiert die Erwartungen an einen Börsengang. Mitte März schnitt er das Thema ungefragt auf einer Investorenkonferenz in Hongkong an. Ungefähr zur gleichen Zeit gewährte das sonst eher verschlossene Unternehmen dem britischen Magazin "Economist" umfassenden Zugang in sein Reich. "Wir sind bereit", sagt Ma in der Geschichte.

Schätzungen bis 128 Milliarden Dollar

Das sind erste Bemühungen, einen Hype zu kreieren. All jene, die später daran verdienen, versuchen, das öffentliche Interesse an dem Börsengang zu steigern - und den Startpreis der Alibaba-Aktien in die Höhe zu treiben. Offenbar mit Erfolg: Bereits jetzt belaufen sich die Schätzungen über das Volumen des Börsengangs auf bis zu 128 Milliarden Dollar. Laut dem Wirtschaftsmagazin "Forbes" ist der Börsengang erst für die zweite Jahreshälfte geplant. Bis dahin dürften die Prognosen noch steigen.

"Alibaba wird an der Börse rasch mehr wert sein als Facebook", prophezeit Bill Bishop, ein Technologieexperte mit Sitz in Peking. Der Börsengang des sozialen Netzwerks spielte seinerzeit 104 Milliarden Dollar ein. Derzeit ist Facebook Chart zeigen rund 62 Milliarden Dollar wert. Amazon Chart zeigen kommt auf gut 120 Milliarden Dollar, Ebay Chart zeigen auf 67 Milliarden.

In China zählt Alibaba längst zu den Giganten. 24.000 Menschen arbeiten für das Unternehmen, das im vergangenen Geschäftsjahr 4,1 Milliarden Dollar Umsatz und rund eine halbe Milliarde Dollar Gewinn machte und dessen größte Anteilseigner derzeit Yahoo (20 Prozent) und der japanische Medienkonzern Softbank (30n Prozent) sind. Durch den möglichen Börsengang wird Alibaba nun auch im Westen bekannt - als Symbol für Chinas Aufstieg.

Amazon + Ebay + Paypal + Kreditinstitut

Schon jetzt ist der Alibaba-Konzern Amazon, Ebay, Paypal und Kreditanstalt zugleich. Seine wichtigsten Dienste sind:

  • Alibaba: ein Business-to-Business-Portal, das kleine chinesische Hersteller mit Händlern in China und im Ausland vernetzt;
  • Taobao: eine Plattform, über die Privatleute gut eine Milliarde Produkte feilbieten. Der Dienst für Jedermann wird oft mit Ebay verglichen, auch wenn Produkte, anders als beim US-Konzern, nicht versteigert werden können;
  • Tmall: Alibabas Pendant zu Amazon. Internationale Marken wie Levi's oder Disney nutzen die Plattform als offiziellen Vertriebskanal. Bis 2015 dürfte der Dienst mehr Handelsumsätze als Amazon machen, prognostiziert Euromonitor, ein Beratungsunternehmen für Konsummärkte;
  • Alipay: ein Bezahlsystem, das oft mit Paypal verglichen wird. Anders als beim US-Dienst bekommt der Verkäufer sein Geld allerdings erst ausgezahlt, wenn der Käufer seine Zufriedenheit mit dem Produkt bestätigt hat. Eine Bezahlvariante, die gerade in Ländern mit schwachem Rechtsstaat Vertrauen schaffen soll. Im chinesischen Internet wird jede zweite Transaktion über Alipay abgewickelt, auch in anderen Entwicklungsländern ist der Dienst beliebt;
  • Ali Finance: ein Ableger, der klassische Dienstleistungen einer Bank anbietet: Er vergibt Mikrokredite an kleine Händler und Konsumenten - und kurbelt so auch die Umsätze von Alibabas Konsumplattformen an. 2012 betrug das Kreditvolumen umgerechnet 600 Millionen Euro, im laufenden Jahr sollen es schon zwei Milliarden Dollar sein.

Alibaba verändert die Gesellschaft

Die Wachstumspotentiale dieser Dienste sind groß. Schon allein, weil Chinas Internetnutzerschaft rapide wächst. Anfang des Jahres hatten 564 Millionen Chinesen einen Onlinezugang, knapp 43 Prozent der Bevölkerung; in den kommenden Jahren werden Hunderte Millionen neuer Nutzer hinzukommen. Laut einer Prognose der US-Bank Morgan Stanley wird China im laufenden Jahr die USA als größten E-Commerce-Markt der Welt ablösen, mit einem geschätzten Umsatz von 283 Milliarden Dollar.

Der Alibaba-Konzern wird kräftig mitwachsen - und gleichzeitig aus den Unmengen von Nutzerdaten Profit schlagen, die er sammelt. Kein anderes Unternehmen weiß mehr über Chinas Händler und Konsumenten, und kein anderes Unternehmen befördert Chinas Übergang von der Produktions- zur Konsumgesellschaft stärker als Alibaba.

Dank Taobao sind Millionen chinesischer Bürger zu globalen Händlern geworden. Es gibt Geschäftsleute, die in deutschen Supermärkten Milchpulver kaufen und nach China verschicken lassen, um es dort gegen Aufpreis an wohlhabende Chinesen zu verkaufen, die sich vor verunreinigter einheimischer Ware schützen wollen.

Einen ähnlichen Einfluss hat die Firma auf Chinas verkrusteten Bankensektor. Bislang kommen fast ausschließlich chinesische Staatsfirmen an günstige Kredite. Kleine Unternehmer und Privatleute mussten sich bislang meist auf dem Graumarkt zu Wucherzinsen Geld leihen. Nun geben Firmen wie Alibaba ihnen günstig Kredit. Auch das befördert den Konsum - und schafft ein Stück weit Chancengleichheit.

"Alibaba steigert die Lebensqualität der chinesischen Bürger derzeit schneller, als die Politik es durch Reformen der Lebensmittelkontrollen und des Finanzsektors je könnte", sagt Sebastién Armand, ein Pekinger Internetunternehmer und langjähriger Beobachter der chinesischen Internetwirtschaft. "Der Konzern schlägt nicht einfach aus dem gesellschaftlichen Wandel Kapital, er verändert ganz China."


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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
donald_rumsfeld 24.04.2013
1. Freie Meinungsäusserung?
wird eher eine lokale Erscheinung bleiben! Zensiertes Internet der KP geht an die Börse. In einem Land dessen Währung man gar nicht bei heimischen Banken erwerben kann.
waterman2 24.04.2013
2. Alibaba ist schon klasse
Bin allerdings noch längst nicht fit im Im- und Export mit China. Die dort gehandelten Waren sind unbestritten sehr interessant. Allerdings muss man immer eine Person vor Ort haben, um sich von der Qualität zu überzeugen. Ein Musterstück hin und herzuschicken dauert 6 Wochen. Und kompliziert sind auch die Versand- und Handelsbedingungen, Zoll und das Ganze.
Bashir001 24.04.2013
3. Was nun?
136 Mrd. EUR oder 4,1 Mrd. USD Umsatz? Bitte etwas präziser recherchieren.
Hafturlaub 24.04.2013
4.
Zitat von Bashir001136 Mrd. EUR oder 4,1 Mrd. USD Umsatz? Bitte etwas präziser recherchieren.
oder besser lesen. Der Umsatz über die Plattform ist natürich nicht der Umsatz von Alibaba, sondern der Kunden von Alibaba. Alibabas Umsatz ist die Summe der Transaktionsgebühren dieser Kunden und anderer Einnahmen (z.B.Werbung)
holzpuppe 24.04.2013
5. 136 Mrd. EUR Warenbewegung bringen 4,1 Mrd. USD Umsatz
Und die anderen Geschäftsfelder spielen beim Umsatz auch noch mit
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