Von manager-magazin-Redakteurin Astrid Maier
Frage: Frau Sandberg, Sie müssen bei Facebook ganz schön unbeliebt sein.
Sandberg: Huch, ich hoffe nicht. Wie kommen Sie darauf?
Frage: Macht ein Mann Karriere, findet das sein Umfeld meist erfreulich. Steigt hingegen eine Frau auf, meinen viele, sie sei unsympathisch oder mögen sie nicht. In Ihrem Buch haben Sie dieses Phänomen sogar mit wissenschaftlichen Studien belegt. Sie sind die mächtigste Frau bei Facebook - also auch die unbeliebteste?
Sandberg: (lacht). Glücklicherweise trifft das nicht auf jede Frau und in jeder Situation zu. Ich bin also nicht verhasst, aber ich fühle mich dennoch nicht so wohl dabei, Erfolg und Macht offen zu zeigen, wie meine männlichen Kollegen dies tun. Das liegt eben daran, dass ich mir bewusst bin, dass erfolgreiche Frauen Sympathie einbüßen. Deswegen tendieren Frauen auch dazu, ihre Erfolge klein zu reden. Als mich das Magazin "Forbes" auf die Liste der mächtigsten Frauen der Welt aufgenommen hat, bat ich alle bei Facebook
, dies bloß nicht weiter zu verbreiten. Ein Mann hätte das nicht getan.
Frage: Müssen Frauen also einfach lernen, sich wie Männer zu benehmen, um Erfolg zu haben? Die scheinen sich nicht so viele Gedanken darüber zu machen, wie beliebt sie sind.
Sandberg: Auch Männer wollen beliebt sein. Aber sie werden von ihrer Umwelt darin bestärkt, aufzusteigen. Frauen hingegen werden eher ausgebremst. Und das müssen wir ändern.
Frage: Vielen Frauen wird sogar empfohlen, sich wie ein Mann anzuziehen, wenn sie Karriere machen wollen.
Sandberg: Das Schöne ist: Je höher man aufsteigt, umso mehr Kontrolle hat man. Ich entscheide selbst, zu welchen Arbeitszeiten ich im Büro sitze. Ich habe bei Google
durchgesetzt, dass Parkplätze für Schwangere eingeführt wurden. Und niemand sagt mir, was ich anziehen soll. Wer es sogar bis zur Chefin schafft, kann allen anderen untersagen, die Kleidung der Kolleginnen zum Thema zu machen. Und alle werden sich daran halten.
Frage: Kaum sind Frauen an der Macht, verhalten sie sich aber doch oft wie Männer. Ihre Freundin und Ex-Kollegin bei Google, Marissa Mayer, hat das Home Office bei Yahoo abgeschafft, nachdem sie dort Chefin wurde. Sollten Frauen sich nicht solidarischer zeigen?
Sandberg: Absolut. Ich persönlich finde flexible Arbeitsbedingungen sehr wichtig und werde Marissas Entscheidung nicht in Schutz nehmen. Allerdings ist Yahoo ein Unternehmen, das in großen Schwierigkeiten steckt. Viele Chefs von Firmen, denen es nicht gut geht, haben in jüngster Zeit ebenfalls die Heimarbeit abgeschafft - und niemand hat davon Notiz genommen. Weil Marissa aber eine Frau ist, hat die ganze Welt darüber berichtet. Das ist verrückt.
Frage: Sie ermutigen Frauen, selbst mehr für sich einzufordern. Ihre Hand zu heben, wenn es Macht zu verteilen gibt, selbstbewusst nach höheren Positionen zu streben. Und prompt haben Sie harsche Kritik einstecken müssen - von Frauen, die meinen, Sie werfen ihnen vor, sich nicht genug anzustrengen. Hat Sie das überrascht?
Sandberg: Nein, ich habe damit gerechnet. Und ich argumentiere auch nicht so einseitig, wie es mir manche Frauen vorwerfen. Ich hatte eher Angst davor, dass niemand mein Buch lesen würde. Und bin jetzt überrascht, wie gut es sich verkauft - und das, obwohl es ein Buch über Feminismus ist. Das Schöne ist: Mein Verleger sagte mir, es würden jetzt mehr feministische Bücher veröffentlicht, die bisher allesamt abgelehnt wurden. Die Verlage dachten einfach, das Thema sei out.
Frage: Viele Männer fühlen sich von der Frauendebatte bedroht, befürchten selbst diskriminiert zu werden.
Sandberg: Sie sollten sich einfach klarmachen, dass es auch in ihrem Interesse ist, wenn mehr Frauen führen. Das bedeutet mehr Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand für alle. Studien haben belegt, dass Unternehmen, in denen Frauen führen, erfolgreicher sind.
Frage: So einfach ist das?
Sandberg: Nein, es ist sogar besser. Wenn mehr Frauen führen, sich dadurch die Arbeitskultur ändert, profitieren Männer auch privat davon. Sie werden ihre Kinder glücklicher machen, weil sie sich öfter um sie kümmern können. Sie werden eine glücklichere Ehe führen, weil sie mehr Zeit gemeinsam mit ihren Frauen verbringen werden.
Frage: Wie progressiv ist Ihr eigener Chef Mark Zuckerberg? Sie sind die einzige Frau im Facebook-Top-Management.
Sandberg: Mark Zuckerberg überlässt es einer Frau, mir, seine Geschäfte zu führen. Und soeben ist neben mir eine weitere Frau in unseren Aufsichtsrat eingezogen. Er ist also sehr fortschrittlich und hat mich bei meinem Vorhaben immer unterstützt. Zudem haben wir bei Facebook eine sehr gute, familienfreundliche Firmenpolitik.
Frage: In Deutschland gibt es noch keine einzige Chefin bei einem Dax-Konzern. Eine Quote für mehr Frauen in Aufsichtsräten ist gerade gescheitert. Würde ein Gesetz nicht doch mehr bewegen?
Sandberg: Ich weiß nicht genug über die Umstände in jedem einzelnen Land Bescheid, um Stellung beziehen zu können. Aber eines weiß ich ganz gewiss: Quoten reichen nie aus, um Chancengleichheit herzustellen. Das kann man an Skandinavien gut beobachten. Dort gibt es Länder, in denen schon seit Jahren Frauenquoten für die Aufsichtsräte existieren. Und doch werden weniger als drei Prozent der Top-Management-Positionen von Frauen besetzt. Es hat sich nichts bewegt. Wir müssen also mehr tun, als Quoten einzuführen.
Frage: Zum Beispiel?
Sandberg: Wir müssen anfangen, darüber an unserem Arbeitsplatz zu reden. In den Medien finden viele Debatten statt, in der Politik, aber nicht im Büro. So werden wir das Problem nie lösen. Vor allem die Männer müssen lernen, Themen wie den Umgang mit Babypausen offen anzusprechen. In den USA gibt es keine gesetzlich garantierte lange Elternzeit wie in Deutschland. Wenn Frauen eine Auszeit nehmen, wird oft nicht darüber gesprochen, wer ihre Kunden in ihrer Abwesenheit betreuen soll. Also betreut niemand sie. Bis die Frau wiederkommt, sind ihre Kunden weg - und ungewollt auch ihr Aufgabenbereich. Aber viele Chefs vermeiden solche Angelegenheiten rechtzeitig zu besprechen, auch weil sie fürchten, sich damit juristisch angreifbar zu machen. Aber es ist nicht illegal, darüber zu reden. Es ist nur illegal, Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu diskriminieren.
Frage: Sie haben auch eine Organisation gegründet, die sich um das Vorankommen der Frauen kümmert. Wie groß soll Ihre Bewegung werden?
Sandberg: Ich spreche lieber von einer Gemeinschaft, als von einer Bewegung. Sie soll so lange wachsen, bis 50 Prozent unserer Organisationen von Frauen und 50 Prozent unserer Haushalte von Männern geführt werden.
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