Hedgefonds-Manager Schröder "Die Mark wäre Fluchtwährung Nummer eins"

Spanien taumelt, Griechenland liegt am Boden - und Deutschland soll die Euro-Zone retten. Im Interview erklärt Hedgefonds-Manager Karsten Schröder, wieso eine Rückkehr zur D-Mark neue Probleme brächte - und warum die Finanzmärkte das Vertrauen in Kanzlerin Angela Merkel verloren haben.

Sehnsucht nach der D-Mark: Ein Austritt Deutschlands würde neue Probleme bringen
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Sehnsucht nach der D-Mark: Ein Austritt Deutschlands würde neue Probleme bringen


SPIEGEL ONLINE: Herr Schröder, sind Leute wie Sie schuld daran, wenn die Euro-Zone auseinanderbricht?

Schröder: Nein. Wir haben die Probleme nicht gemacht. Der Euro war schon in seinem Grundkonstrukt sehr fehlerhaft. Die Produktivitätsunterschiede innerhalb der Euro-Zone sind einfach zu groß. Solange die jetzigen Krisenländer in Südeuropa noch ihre eigenen Währungen hatten, konnten sie ihre geringere Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung der Währungen ausgleichen. Im Euro geht das nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Diese Probleme gibt es doch schon seit der Euro-Einführung vor elf Jahren. Die Finanzmärkte reagieren aber erst seit relativ kurzer Zeit darauf. Und daran haben Hedgefonds einen Anteil, weil sie zum Beispiel gezielt gegen bestimmte Länder spekulieren.

Schröder: Es geht nicht darum, dass man sich gegen ein Land positioniert, sondern darum, dass jeder Investor eine Bewertung vornimmt. So wie man Aktien eines Unternehmens kauft, wenn man glaubt, dass es gut geführt wird, so gibt man auch einem Land nur dann einen Kredit, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass man das Geld zurückbekommt. Ansonsten ist es nur logisch, wenn man seine Staatsanleihen verkauft. Oder würden Sie etwa Griechenland Geld zu drei Prozent Zinsen leihen?

SPIEGEL ONLINE: Nein, eher nicht. Aber anders als ein Privatanleger handelt ein Hedgefonds ja auch nicht nur mit Staatsanleihen, sondern wettet mit Finanzkonstrukten wie zum Beispiel Kreditausfallversicherungen gezielt auf die Pleite eines Landes.

Schröder: Gegen das Wort "wetten" wehre ich mich. Das gehört nicht zum professionellen Investment. Kein Staatsfonds und keine Versicherung würden mir Geld anvertrauen, wenn ich wetten würde.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein Investment ist doch nichts anderes als eine Wette auf eine künftige Entwicklung.

Schröder: Eine Wette ist eine Einschätzung ohne Substanz. Bei uns geht es um eine Meinungsbildung. Wir selbst handeln nicht mit griechischen Staatsanleihen, aber ein Fonds, der das tut, schaut sich die makroökonomischen Kennzahlen an und kommt dann vielleicht zu dem Schluss, dass sich viele andere Investoren von den Anleihen trennen werden. Also tut er es auch.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alle Investoren nur so handelten, bräuchte man ja gar keine Kreditausfallversicherungen. Dann könnte man sie auch gleich verbieten.

Schröder: Ich hätte kein Problem damit - es wird aber nicht helfen. Wenn das die Lösung für die Krise wäre, hätte man das doch schon längst gemacht. Die Presse zeichnet oft ein verzerrtes Bild. Das Volumen, das aus dem Handel mit solchen Derivaten stammt, ist verschwindend gering. Griechenland ist nicht wegen der Kreditausfallversicherungen in die Pleite gerutscht, sondern wegen seiner gewaltigen Staatsverschuldung und seiner mangelnden Produktivität.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange geben Sie der europäischen Währungsunion noch?

Schröder: Eine konkrete Prognose will ich nicht abgeben. Aber es gibt schon gewaltige Probleme. Die Schulden sind dabei nicht einmal das größte. Selbst wenn man in allen Ländern einen Schuldenschnitt machen würde, hätten wir immer noch das Problem der mangelnden Produktivität, das sich in der Währungsunion nur sehr schwer lösen lässt. Und wenn man in einer solchen Situation den Ländern auch noch Sparpakete aufzwingt, verschlimmert man die Lage nur noch.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung sieht das anders. Bundeskanzlerin Angela Merkel beharrt darauf, dass Griechenland das vereinbarte Sparpaket durchzieht und dringt auch in anderen Ländern auf harte Kürzungsmaßnahmen. Ist das falsch?

Schröder: Ich kann die harte Haltung von Angela Merkel nachvollziehen. Natürlich finden es die deutschen Steuerzahler nicht gut, wenn ihr Geld dazu verwendet wird, die Krisenländer zu stützen. Aber man muss doch verstehen, dass ein Land, das schon in der Rezession steckt, sich durch Sparpakete nicht erholen wird. Im Gegenteil. Deshalb kritisieren die USA und auch viele asiatische Länder die deutsche Politik ja auch so stark.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man sollte die Sparpolitik abschwächen?

Schröder: Ja, so absurd das klingen mag. Man muss versuchen, diesen Ländern eine realistische Chance zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Momentan steht Spanien im Fokus der Finanzmärkte. Das Land muss extrem hohe Zinsen für seine Anleihen zahlen, die spanischen Banken müssen mit europäischer Hilfe gestützt werden. Droht hier ein zweiter Fall Griechenland?

Schröder: Die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich, aber die Konsequenzen könnten ähnlich sein. Eines der größten Probleme Spaniens ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das ist sehr ungesund und kann zu gewaltigen sozialen Spannungen führen. Das bereitet mir große Sorgen. Und Spanien ist einfach zu groß, als dass man es so retten könnte wie Griechenland.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nicht so an, als glaubten Sie an das Überleben der Euro-Zone.

Schröder: Persönlich wünsche ich mir, dass die Euro-Zone überlebt. Die Idee eines europäischen Wirtschaftsraums, der sich in der Welt positioniert, ist an sich prima. Allerdings sind meine Wünsche in diesem Fall total unerheblich. Ich muss mit der Realität leben. Und wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann habe ich große Zweifel.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit solchen Situationen um, in denen Sie als Investor auf eine Entwicklung setzen müssen, die Sie eigentlich nicht wollen?

Schröder: Im Fall der Euro-Zone ist das für mich persönlich unproblematisch, weil wir keine Staatsanleihen aus den betroffenen Ländern handeln. Generell ist es aber so, dass ich es als Hedgefonds-Manager meinen Investoren schuldig bin, so zu handeln, dass für sie die höchste Rendite herausspringt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es egal, ob man auf das Positive oder auf das Negative setzt?

Schröder: Wenn man ein Währung verkauft oder Staatsanleihen, dann hat das ja erst mal keine moralische Dimension. Ein Investor kann nichts dafür, wenn ein Land schlecht gewirtschaftet hat. Etwas anderes ist es, wenn man ein gesundes Land abschießt, wie das zum Beispiel Ende der neunziger Jahre in der Asienkrise passiert ist. Solche abgesprochenen Attacken von Investoren sind mittlerweile zu Recht verboten.

SPIEGEL ONLINE: An den Finanzmärkten rennen die meisten Investoren auch ohne Absprache meist in dieselbe Richtung. Auch das kann ein Land in den Ruin treiben.

Schröder: Das ist aber dann nicht die Schuld der Investoren. Unser Mandat ist ja nicht Wohltätigkeit. Wir arbeiten mit dem Geld anderer Leute und sind ihnen Rechenschaft schuldig. Die Regierungen tun gerne so, als wäre das Geld, dass sie ausgeben, ihres. Das stimmt aber nicht. Sie haben es sich von den Investoren geliehen und erwarten nun, dass die ihnen immer neues Geld zur Verfügung stellen. Dabei gibt es keine Verpflichtung für Anleger, schlecht wirtschaftende Regierungen zu unterstützen. Und wenn die Politik dann auch noch die Investoren beschimpft, finde ich das unglaublich. Dann sollen sie sich ihr Geld eben woanders suchen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat die Politik an der Krise?

Schröder: Die Politik hat über Jahrzehnte immer mehr ausgegeben als sie eingenommen hat - und so die Verschuldung der Staaten nach oben getrieben. Und während der Krise war die Kommunikation höchst problematisch, gerade von der deutschen Regierung. Sie hat Aussagen getroffen, die sie nicht einhalten konnte. Wenn Angela Merkel heute sagt, der Euro wird fortbestehen, dann weiß sie ja selber nicht mal, ob das stimmt. Deshalb ist der Markt extrem nervös.

SPIEGEL ONLINE: Viele Investoren fliehen vor den Problemen in Europa in die USA.

Schröder: Dort ist ja auch nicht alles rosig. Aber die USA lösen das Problem, indem sie Geld drucken. Das ist vor allem in Deutschland extrem unpopulär, weil die Erfahrung der Hyperinflation immer noch in den Köpfen hängt. Aber eigentlich wäre das auch die ultimative Lösung des Problems in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Aber doch zu sehr hohen Kosten. Für die Verbraucher hieße das: Ihr Geld würde entwertet. Wie kann man sich als Anleger dagegen schützen?

Schröder: Sobald die Politik auch hier diesen Weg einschlägt, kann man eigentlich jedem Anleger nur raten, sich eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Das machen schon viele. In den deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München ist der Markt fast leergefegt, die Preise sind enorm gestiegen.

Schröder: Das gehört dazu. Aber Deutschland hat bei den Immobilienpreisen immer noch einen riesigen Aufholbedarf gegenüber anderen Metropolen. Wenn in Berlin die Preise mal ein bisschen steigen, wird das schon als extrem teuer empfunden. Aber verglichen zum Beispiel mit Barcelona sind die Quadratmeterpreise immer noch sehr niedrig - vor allem angesichts der Situation der beiden Länder. Deutschland ist schließlich die stärkste Wirtschaftsnation in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Einige Ökonomen fordern bereits, Deutschland solle aus der Euro-Zone austreten und sich so von den Problemen der anderen Länder abkoppeln. Wäre das eine Lösung?

Schröder: Wenn Deutschland zur D-Mark zurückkehrt, wird die D-Mark zur Fluchtwährung Nummer eins auf der ganzen Welt. Dann können Sie das Gold und den Schweizer Franken vergessen. Die Investoren haben ein unglaublich hohes Vertrauen in Deutschland als Volkswirtschaft und in die deutsche Geldpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Für Deutschland wäre das nicht nur gut.

Schröder: Es wäre sogar ein großes Problem, weil die Währung extrem aufwerten würde. Die deutschen Exporte würden sich stark verteuern. Es wäre eine riesige Herausforderung, dieses Problem in den Griff zu kriegen.

Das Interview führte Stefan Kaiser

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