Erlebnis-Unternehmer Schweizer Herr des Vollkasko-Kicks

Fallschirmspringen, eine Tour mit dem Kampfjet, Panzerfahren - aber bitte ohne Risiko. Das ist das Geschäftsmodell von Jochen Schweizer. Im Interview spricht der Actionunternehmer über die seltsame Abenteuerlust der Deutschen und erklärt, warum sein Business in der Krise besonders gut läuft.

Jochen Schweizer

Hamburg - Jochen Schweizer hat das gemacht, wovon viele deutsche Männer nur träumen. Der ehemalige Stuntman ist am Bungee-Seil von einer 220 Meter hohen Staumauer gesprungen, hat sich aus einem Helikopter tausend Meter in die Tiefe gestürzt und mit dem Motorrad Afrika erkundet. Inzwischen verkauft der 55-Jährige mehr oder weniger kühne Erlebnisse an Möchtegern-Abenteurer. Ein Gespräch über die liebsten Kicks der Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schweizer, warum zahlen deutsche Männer Ihnen Geld, damit sie am Wochenende für ein paar Stunden mit einem Bagger Löcher schaufeln dürfen?

Schweizer: Man kann natürlich streiten, ob es sinnvoll ist, ein Riesenloch zu graben, das der Nächste dann wieder zuschüttet. Das wäre dann eine typisch deutsche Diskussion. Aber schauen Sie sich einfach mal die Gesichter an. Da sehen Sie Freude - sowohl beim Baggerfahrer als auch bei seiner versammelten Familie, die ihm zuschaut. Denn 90 Prozent der Gutscheine fürs Baggerfahren werden von Frauen gekauft. Und wer sitzt dann im Führerhäuschen? Männer! Die kluge Frau beschenkt immer das Kind im Mann.

SPIEGEL ONLINE: Was schenken dann Männern ihren Frauen?

Schweizer: Zum Beispiel eine Nacht unter freiem Himmel im Baumhaus.

SPIEGEL ONLINE: Und womit holen sich die Deutschen laut Ihrer Verkaufsstatistik am liebsten den Kick für die Freizeit?

Schweizer: Fallschirmspringen. Auf Platz zwei folgt Kurzurlaub. Ich verkaufe für 2,5 Millionen Euro pro Jahr diese Erlebnis-Geschenkboxen mit drei Übernachtungen für zwei Personen. Am drittbesten verkauft sich Quad-Fahren. Auf Platz vier folgen Geschenkgutscheine für Dinner in the Dark, ein Abendessen in vollkommener Dunkelheit.

SPIEGEL ONLINE: Und auf welches Erlebnis hatten die Leute gar keine Lust?

Schweizer: Wir wollten eine Kamelsafari in Tunesien etablieren. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Dann habe ich einen Bauern im Mangfalltal in Bayern entdeckt, der Trampeltiere hält. Heute hält der Landwirt 35 Kamele und ist täglich mit unseren Leuten unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen wollen also Abenteuer, aber am besten gut behütet vor der Haustür?

Schweizer: Diese Erfahrung haben wir beim Jetfliegen gemacht. Wir haben Flüge mit dem Kampfjet MIG 29 ins Programm genommen - für knapp 15.000 Euro in Russland. Das haben etwa zehn Leute pro Jahr gebucht. Jetzt bieten wir für 2700 Euro einen Jet-Flug in Deutschland an. Der verkauft sich sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Mal eben Jet fliegen: Dank Anbietern wie Ihnen muss man kaum mehr Anstrengungen auf sich nehmen, um etwas zu erleben. Geht da nicht die Intensität verloren?

Schweizer: Nein, alle Abenteuer sind relativ. Wenn ich Sie zum Bungee-Springen bringe, und Sie überwinden Ihre Angst, dann ist das für Sie vielleicht das größte Abenteuer ihres Lebens, und für mich ist es wie ein Tässchen Kaffee. Entscheidend ist, was im Kopf der Leute passiert. Da werden die wahren Grenzen überschritten.

SPIEGEL ONLINE: 2003 starb ein junger Mann bei einem Bungee-Sprung auf einer Ihrer Anlagen. Hat das Ihre Sichtweise verändert?

Schweizer: Ich fühle mich für diesen Unfall nicht schuldig, aber verantwortlich. Ich sehe meine Aufgabe darin, jedes Erlebnis in bestmöglicher Sicherheit anzubieten. Aber wie viel Risiko die Menschen auf sich nehmen, müssen sie selbst entscheiden. Ein Beispiel: Natürlich ist Motorradfahren riskanter als Autofahren. Aber es bringt einfach Spaß - und Millionen von Menschen tun es täglich.

SPIEGEL ONLINE: Sie bieten Vollkasko-Abenteuer an. Aber wenn Menschen von Grenzüberschreitungen träumen, hat das oft mit Sex, Drogen oder Waffen zu tun. Kriegt man das bei Ihnen auch?

Schweizer: Wilden Sex mit fremden Frauen oder Männern kann ich nicht bieten. Drogen auch nicht. Bei mir gibt es nur Endorphine.

SPIEGEL ONLINE: Und Waffen?

Schweizer: Wir bieten Schießen mit Handfeuerwaffen an. Großkaliber. Das ist ein irres Gefühl, wenn sie auf die Scheibe schießen. Eine Handfeuerwaffe abzufeuern, ist ein Konzentrationsprozess und hat etwas Ur-Männliches. Ich sehe darin aber nichts Kriegerisches.

SPIEGEL ONLINE: Wo ziehen Sie denn bei Waffen die Grenze? Was würden Sie nicht anbieten?

Schweizer: Ich wurde kritisiert, weil ich Panzerfahren anbiete. Dabei bieten wir nur Fahrten mit Schützenpanzern an. Das ist eine Defensivwaffe. Aber ob sie nun mit einem Hummer-Geländewagen oder einem Panzer fahren - im Ergebnis geht es doch darum, schweres Gerät durchs Gelände zu bewegen und dabei Spaß zu haben. Das ist eine Männergeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie dann auch Schießen mit Panzern anbieten?

Schweizer: Ich sehe da schon eine Grenze, die man in Deutschland nicht überschreiten darf. Der Deutsche hat ein kritisches, auch schizophrenes Verhältnis zu Waffen. Ich zum Beispiel rase gerne über die Autobahn. Ich bin auch in Amerika schon recht schnell unterwegs gewesen. Nach US-Gesetzen wäre ich sicher in den Knast gekommen. Amerikaner sehen es als unsozialen Akt der Aggression, wenn Sie über den Highway rasen. In Deutschland kein Problem. Dafür heißt es hier bereits bei Jägern und Sportschützen oft: Mit denen stimmt was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie denn angesichts der Euro-Krise, dass die Menschen vorsichtiger werden und ihr Geld lieber zusammenhalten?

Schweizer: Überhaupt nicht. Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 sind wir dennoch um 50 Prozent gewachsen. Das war unser stärkstes Jahr. Vielleicht profitieren wir vom Eskapismus der Leute.

SPIEGEL ONLINE: Sie betreiben also kein Wohlstandsgeschäft?

Schweizer: Doch, hundertprozentig. Wir sind ganz oben auf der Bedürfnispyramide angesiedelt. Der größte Teil der Deutschen hat genug zu essen, eine gute Unterkunft, geregeltes Einkommen. Es ist ein Luxus unserer Zeit, dass ich mit dem Geld, das ich übrig habe, meinen Hedonismus ausleben kann. Diesen Wohlstand und unser Wertesystem gilt es zu verteidigen. Das ist die Basis dafür, dass ich frei entscheiden kann, was ich am Wochenende machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssen Sie ja die größte Angst vor der Euro-Krise haben. Wenn der Wohlstand verlorengeht, ist auch Ihr Geschäftsmodell kaputt.

Schweizer: Angst ist kein Gefühl, das mich beherrscht. Und ich tendiere nicht dazu, Probleme der Zukunft in die Gegenwart zu holen. Das macht das Leben nur schwerer.

Das Interview führten Maria Marquart und Christian Rickens



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
UbuRoy 14.08.2012
1. Sympathischer Typ mit
angenehmer Philosophie. Meine persönlichen "Kicks" hol ich mir trotzdem lieber auf eigene Faust ;-) Abenteuer ohne Risiko ist kein Abenteuer.
theo_rie 14.08.2012
2.
Zitat von sysopJochen SchweizerFallschirmspringen, eine Tour mit dem Kampfjet, Panzerfahren - aber bitte ohne Risiko. Das ist das Geschäftsmodell von Jochen Schweizer. Im Interview spricht der Actionunternehmer über die seltsame Abenteuerlust der Deutschen und erklärt, warum sein Business in der Krise besonders gut läuft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,847209,00.html
Wer mal eine 20mm Maschinenkanone bei Feuerkampf gesehen hat, der was wie blödsinnig diese Aussage ist. Außerdem besaßen zur Ausfahrt angebotenen Kettenfahrzeuge mindestens eine 73mm Glattrohrkanone, siehe: BMP-1 (http://de.wikipedia.org/wiki/BMP-1)
Wofgang 14.08.2012
3.
Zitat von theo_rieWer mal eine 20mm Maschinenkanone bei Feuerkampf gesehen hat, der was wie blödsinnig diese Aussage ist. Außerdem besaßen zur Ausfahrt angebotenen Kettenfahrzeuge mindestens eine 73mm Glattrohrkanone, siehe: BMP-1 (http://de.wikipedia.org/wiki/BMP-1)
Ja und? Wurde jemals jemand auf so einer Fahrt geschädigt? Es gibt viele Waffennarren in unserem Land. Einige davon gehen zur Bundeswehr, andere kaufen sich später eine Stunde Panzer fahren bei Jochen. Was soll's! Man kann auch alles dramatisieren. Wobei beim Panzer eher die schiere Größe und Kraft fasziniert, als die Bewaffnung. Aber auch einer bewaffneten Fahrt in einem dafür vorgesehnen Gebiet wäre nicht verwerlich. Die Jungs von der Bundeswehr machen regelmäßig Abenteuerurlaub in Grafenwöhr oder Todendorf. Bezeichnender Name. ;-)
Hagen_von_Tronege 14.08.2012
4. Postmaterialismus ist ein Kennzeichen der „ersten“ Welt
Zitat von UbuRoyangenehmer Philosophie. Meine persönlichen "Kicks" hol ich mir trotzdem lieber auf eigene Faust ;-) Abenteuer ohne Risiko ist kein Abenteuer.
Jochen Schweizers Angebot ist ja nicht nur auf die Deutschen beschränkt. Alle Bessergestellten der ersten Welt sind die Zielgruppe. Inglehart hat das schon 1970 beschrieben und die weitere Entwicklung vorausgesagt. Wenn genügend Wohlstand vorhanden ist, geht es vor allem um Gesundheit, Freiheit, Glück, Kultur, Bildung, Tier- oder der Umweltschutz. Nicht mehr um Essen zum Überleben und physische Sicherheit. Während man in der „zweiten“ Welt noch materielle Güter verschenkt, verschenkten wir bisher „Erlebnisse“ wie Reisen in ferne Länder und Erfahrungen mit verfeinertem Essen – aber immer mit dem Gütesiegel der postmateriellen Werte. Das war aber immer noch mit etwas Risiko verbunden. Endorphine per Gutschein mit Vollkasko-Versprechen trifft genau diese Marktlücke. Denn den meisten geht es um Abenteuer mit Schein-Risiko. Wo geht der Trend hin? Wenn – wie Jochen Schweizer sagt – die mentale Grenzüberschreitung das Ziel ist, sicher in Richtung künstliche Endorphine. In Sci-Fi Filmen wie Total Recall wird es ansatzweise beschrieben.
theo_rie 14.08.2012
5. Ach je...
Zitat von WofgangJa und? Wurde jemals jemand auf so einer Fahrt geschädigt? Es gibt viele Waffennarren in unserem Land. Einige davon gehen zur Bundeswehr, andere kaufen sich später eine Stunde Panzer fahren bei Jochen. Was soll's! Man kann auch alles dramatisieren. Wobei beim Panzer eher die schiere Größe und Kraft fasziniert, als die Bewaffnung. Aber auch einer bewaffneten Fahrt in einem dafür vorgesehnen Gebiet wäre nicht verwerlich. Die Jungs von der Bundeswehr machen regelmäßig Abenteuerurlaub in Grafenwöhr oder Todendorf. Bezeichnender Name. ;-)
Darum geht es doch gar nicht, einen Schützenpanzer als Defensivwaffe zu bezeichnen ist einfach Quark. Die Mot.-Divisionen bildeten das Rückgrad des Warschauer Paktes, das Transportmittel der motorisierten Infanterie war der Schützenpanzer. Was ist daran defensiv wenn 30 Mot.-Divisionen bei Fulda durch den VRV durchbrechen?
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