Interview mit PKV-Chef: "Viele Menschen wollen gar keine Krankenversicherung"

Von Christian Rickens und

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Corbis

Behandlung beim Zahnarzt: Das duale System steht in der Kritik

Die Beiträge der privaten Krankenversicherungen steigen, immer mehr Kunden können sie gar nicht mehr bezahlen: Reinhold Schulte, der oberste Lobbyist der Branche, verteidigt im Interview dennoch das System. "Wir sind gesünder als die Gesetzlichen."

Hamburg - Das Geschäft privater Krankenversicherer ist in den vergangenen Monaten immer stärker in die Kritik geraten. Vor allem ältere Kunden klagen über steigende Beiträge, mehr als 150.000 Versicherte zahlen ihre monatliche Prämie nicht mehr. SPD, Grüne und Linkspartei wollen das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Versicherung beenden und eine Bürgerversicherung einführen. Auch in der Union gibt es einige, die das System für reformbedürftig halten - auch wenn sie das meist nur hinter vorgehaltener Hand sagen.

Reinhold Schulte, der Verbandschef der privaten Krankenversicherung (PKV), weist die Vorbehalte als überzogen zurück. Er ist ein Urgestein der Branche. Seit mehr als 40 Jahren ist Schulte bei dem Versicherer Signal Iduna, seit 25 Jahren sitzt er im Vorstand.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er die Beschwerden von Versicherten für Einzelfälle hält und warum die Bürgerversicherung die medizinische Versorgung gefährde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schulte, beginnen wir mit einem konkreten Fall: Ein 73-jähriger Fleischermeister zahlt für seine private Krankenversicherung monatlich 1400 Euro. Seine Rente beträgt aber gerade mal 1000 Euro. Was raten Sie dem Mann?

Schulte: Das wäre ein außergewöhnlicher Einzelfall, den ich zunächst genauer kennen müsste. Legen Sie mir die Fakten bitte vor, dann kümmern wir uns darum. Bei einem Beitrag von mehr als 1000 Euro muss er einen sehr umfangreichen Versicherungsschutz haben. Wie jeder Kunde hat er das Recht, in einen Tarif zu wechseln, der besser für ihn geeignet ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst wenn der Mann nur noch die Hälfte zahlt, ist er ein Sozialfall - und zwar wegen seiner privaten Krankenversicherung.

Schulte: Für Notfälle gibt es einen Sozialtarif. Das ist der sogenannte Standardtarif. Er bietet Leistungen auf dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), aber meist zu einem günstigeren Beitrag, weil der Versicherte seine Alterungsrückstellungen aus dem alten Tarif mitnimmt. Das heißt: Es wird für ihn deutlich preiswerter.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es angeblich für jeden eine Lösung gibt: Warum können sich dann so viele ältere Menschen und Geringverdiener ihre private Krankenversicherung nicht mehr leisten?

Schulte: Tatsache ist, dass mehr als die Hälfte aller Privatversicherten 2013 gar keine Beitragserhöhung hat - oder sogar eine Beitragssenkung. Wo es in relevanten Tarifen Beitragsanpassungen gibt, sind sie im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Ich glaube nicht, dass es viele Problemfälle gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Ihr Verband spricht selbst von 155.000 Nichtzahlern. Menschen also, die ihre Beiträge mehrere Monate nicht gezahlt haben. Deutlich mehr Versicherte dürften Probleme haben, das Geld aufzubringen.

Schulte: Das Thema Nichtzahler hat nichts mit der PKV zu tun, es betrifft die gesetzliche Krankenversicherung übrigens viel stärker. Das Problem hat der Gesetzgeber mit der neuen Pflicht zur Versicherung verursacht. Vorher hatte in vielen Fällen das Sozialamt diese Beiträge gezahlt. Nichtzahler sind übrigens keineswegs alles Leute, die nicht zahlen können. Ich höre von unseren Außendienstmitarbeitern, dass es auch viele gibt, die gar keine Krankenversicherung wollen. Wenn sie krank werden, zahlen sie es selbst. Das hat es immer gegeben. Nun gilt aber seit 2009 eine gesetzliche Versicherungspflicht. Und für wirklich Hilfebedürftige gibt es eigens eine Absicherung im Basistarif, wobei die Versicherung den Beitrag halbiert und die Sozialbehörde den Rest übernimmt. Das betrifft derzeit rund 11.000 Personen, das sind 0,1 Prozent der Privatversicherten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir bei SPIEGEL ONLINE Artikel über die PKV veröffentlichen, bekommen wir eine Flut von Zuschriften mit dem Tenor: Ich kann mir meine Beiträge nicht leisten.

Schulte: Das behaupten Sie, das kann ich nicht überprüfen. Nicht jeder, der über seinen Beitrag klagt, ist deshalb schon hilfebedürftig. Und wir bekommen immer wieder Post von Versicherten, die sich für den Service und die Unterstützung bedanken - häufig nach überstandenden Krankheiten. Viele wissen, wenn es ernst wird, was sie an uns haben.

SPIEGEL ONLINE: Wer 1000 Euro Rente hat und 1400 Euro Beitrag zahlt, braucht keine Hilfe?

Schulte: Die Rente ist für viele doch nur ein Teil des Alterseinkommens, oft sogar der kleinere Teil. Ein selbstständiger Fleischermeister, der in der Regel nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben dürfte, hat meist noch weitere Einkünfte: aus dem Verkauf seines Betriebs, aus Lebensversicherungen, Versorgungswerken und so weiter. 1400 Euro Beitrag ist außergewöhnlich hoch und nicht normal in der Branche. Da würde ich gerne mal die Fakten im Detail sehen. Und man muss die Kosten in Relation zum gesamten verfügbaren Einkommen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Uns liegen aber auch Fälle vor, die weniger drastisch klingen, für Ihre Branche aber dennoch ein Problem sind: Eine Angestellte mit einer Rente von 1600 Euro etwa muss mehr als 600 Euro Beitrag zahlen.

Schulte: Wer freiwillig gesetzlich versichert ist, muss als Rentner oft ähnlich viel zahlen. Wichtig ist, dass das PKV-System total solide finanziert ist - anders als das Umlagesystem der GKV. Unsere mehr als 170 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen führen dazu, dass ab etwa 65 oder 70 Jahren die Beiträge nicht mehr mit dem Alter steigen, sondern oft sogar sinken. Außerdem sind Ihre Beispiele absolute Einzelfälle.

SPIEGEL ONLINE: Das glauben wir nicht. Warum wäre sonst eine eigene Branche von Versicherungsberatern entstanden, die sich darauf spezialisiert hat, Menschen aus ihren überteuerten Krankenversicherungstarifen herauszuhelfen? Hier gibt es offenbar einen massiven Bedarf, weil die Gesellschaften es den Versicherten systematisch schwermachen, in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Es müsste doch in Ihrem Interesse sein, den Kunden selbst zu helfen.

Schulte: Das ist unser Interesse. Für mein Unternehmen gilt: Ich bekomme jede Kundenbeschwerde an den Vorstand auf den Tisch. Probleme beim Tarifwechsel kann ich überhaupt nicht bestätigen. Wir weisen extra darauf hin, dass es die Möglichkeit gibt, in einen anderen Tarif des Unternehmens zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Mag sein, dass das bei Ihrem Unternehmen so ist. Es gibt aber viele Beschwerden über andere große Gesellschaften: die Axa, die Gothaer, die DKV.

Schulte: Ich glaube nicht, dass die Kollegen dort es anders machen als wir. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie solche Beispiele haben und die Vorstandschefs nicht reagieren sollten, dann schalten Sie mich gerne ein. Ich gehe dann als Verbandsvorsitzender auf die Kollegen zu.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Dank für das Angebot.

Schulte: Das meine ich ernst. Ich gehe den Dingen nach. Wenn Sie das Gefühl haben, da wird gemauert, dann kommen Sie auf mich zu. Ich glaube, dass wir mittlerweile ein besseres Beschwerdemanagement haben und mehr auf unsere Kunden zugehen als viele andere Branchen. Das hat sich auch rumgesprochen. Sonst würden wir doch nicht jedes Jahr so viele neue Versicherte bekommen, wenn bei uns alles so wäre, wie Sie es suggerieren.

SPIEGEL ONLINE: Es bleibt der Eindruck, dass Sie die Probleme der privaten Krankenversicherung systematisch kleinreden. Es gibt 155.000 Nichtzahler. Da sagen Sie: Ein großer Teil von denen will gar nicht versichert sein. Wir bringen Beispiele, bei denen Menschen durch ihre private Krankenversicherung zu Sozialfällen gemacht werden. Ihre Antwort lautet: Wahrscheinlich haben die noch haufenweise Nebeneinkünfte. Wir sagen, es gibt Dutzende Maklerfirmen, die von Tarifwechseln leben. Sie sagen: Ist bei uns kein Problem. In Ihrer Branche scheint es aber doch Missstände zu geben, die sich nicht so einfach wegreden lassen.

Schulte: Sie beziehen sich auf Spezialprobleme, die nur rund 0,1 Prozent der Privatversicherten betreffen. Das ist überhaupt nicht kennzeichnend für die Branche. Wenn das so wäre, dann hätten wir doch viel mehr Beschwerden beim Ombudsmann oder bei der Finanzaufsicht BaFin. Die Zahl liegt aber im Promillebereich und ist 2012 noch einmal zurückgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahlen der BaFin liegen noch nicht vor.

Schulte: Aber die Beschwerden beim Ombudsmann sind von 0,016 auf 0,015 Prozent gesunken. Bei der BaFin waren es 2011 ebenfalls nur 0,07 Prozent. Das sind Fakten, die jeder überprüfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ob alle Privatversicherten diesen Ombudsmann kennen, sei dahingestellt. Aber selbst wenn es Einzelfälle sind: Sie verkaufen ein Produkt, das das Potential hat, Menschen finanziell zu ruinieren.

Schulte: Nein, absolut nein. Wenn das so wäre, hätte ich diese Fälle auf meinem Schreibtisch. Wenn vereinzelt solche Extremfälle auftauchen, schalten wir uns sofort ein und suchen nach einer Lösung. Der PKV-Verband setzt sich zudem für einen Nichtzahlertarif ein. Für etwa 100 Euro monatlich wären die Betroffenen für den Notfall abgesichert, könnten sich finanziell erholen und irgendwann wieder in den vollen Versicherungsschutz einsteigen. Aber das muss der Gesetzgeber regeln.

SPIEGEL ONLINE: Das Kernproblem ist doch ein anderes. In den vergangenen Jahren sind massenhaft Leute in die private Krankenversicherung gelockt worden, die dort nichts zu suchen haben. Dabei hat sich die Branche zweifelhafter Drückertruppen wie der von Mehmet E. Göker bedient. Dessen MEG hat Millionen damit gemacht, Versicherte in Billigtarife zu locken, bei denen extreme Beitragssteigerungen absehbar waren.

Schulte: Ich kann das nicht beurteilen, weil Göker nicht für mein Unternehmen gearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber für mehrere große Gesellschaften.

Schulte: Offensichtlich ja. Der PKV-Verband hat aber beim Gesetzgeber angeregt, die Provisionen bei neun Monatsbeiträgen zu deckeln und eine Haftungszeit von fünf Jahren einzuführen. Das ist jetzt geltendes Recht.

SPIEGEL ONLINE: Nach unseren Informationen werden in der Branche weiter Provisionen in Höhe von 15 Monatsbeiträgen gezahlt.

Schulte: Bei uns nicht. Wenn Sie solche Informationen haben, müssen Sie die auch auf den Tisch packen. Vermutungen bringen uns nicht weiter. Die Finanzaufsicht BaFin wird das prüfen.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind gespannt. Thomas Leithoff, Anwalt und Experte für Versicherungsrecht, sagt: "Die private Krankenversicherung ist auf Neugeschäft, auf neue Kunden angewiesen."

Schulte: Jeder hat gerne neue Kunden, aber doch nicht um jeden Preis. Und wir brauchen definitiv keine Neukunden zur Finanzierung des Bestands. Ich habe mich auch immer gegen Billigtarife gewandt. Es gab in einigen Unternehmen solche Billigtarife. Die meisten von ihnen haben jetzt aber eingesehen, dass das der falsche Weg ist, und diese Tarife geschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt sie noch bei kleineren Gesellschaften. Müssten Sie sich nicht als Verband einschalten und sagen: Ihr schadet dem Ruf unserer Branche, hört auf damit?

Schulte: Das dürfen wir nicht, das wäre ein Kartellrechtsverstoß. Ich kann und will den Unternehmen nicht vorschreiben, was sie tun. Ich kann meine Meinung sagen und eine Empfehlung aussprechen, aber für das eigene Handeln ist jeder Vorstand selbst verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten als Verband aber von Billigtarifen abraten?

Schulte: Die Gestaltung von Tarifen ist ein Kernelement des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs. Jede Einwirkung des Verbands wäre da ein Verstoß gegen das Kartellrecht.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich als Verband nicht für die schwarzen Schafe zuständig. Dann müssten Sie aber auch zurückhaltender kommunizieren. Öffentlich treten Sie unter dem Motto auf: Bei uns läuft alles gut.

Schulte: Das habe ich nie gesagt. Alle Umfragen zeigen seit Jahren, dass weit über 90 Prozent unserer Kunden sehr zufrieden sind. Bei mehr als hundert Millionen Leistungsfällen pro Jahr kann man leider nicht ausschließen, dass es in Einzelfällen auch mal Probleme geben kann.

SPIEGEL ONLINE: Selbstkritik haben wir von Ihnen aber selten vernommen.

Schulte: Das stimmt nicht. Gewisse Entwicklungen haben wir abgestellt. Nicht nur bei den Provisionen. Wir haben in den allermeisten PKV-Tarifen Leistungen deutlich über dem Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung. In einigen Tarifen hatten die Verbraucherschützer aber ein paar Schwachstellen ausgemacht, vor allem bei den Hilfsmitteln und der ambulanten Psychotherapie. Beides ist jetzt mit der Unisex-Tarifreform gelöst worden, wir haben heute den besten PKV-Schutz aller Zeiten. Und wir haben den Rechnungszins für neue Tarife angepasst. Die Branche hat sich also als reformfähig erwiesen. Und unter dem Strich ist die große Mehrheit unserer Kunden zufrieden mit der PKV.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben eher den Eindruck, dass Ihrer Branche mittlerweile eine Welle der Unzufriedenheit entgegenschlägt. Umfragen zufolge gibt es in Deutschland eine Mehrheit für die Bürgerversicherung - und damit für das Ende der PKV. Wollen Sie wirklich warten, bis eine linke Mehrheit Sie abschafft? Oder tun Sie selbst etwas, um das System weiterzuentwickeln?

Schulte: Da mache ich mir gar keine Sorgen. Lassen Sie mich mit zwei Zahlen belegen, wie gesund die PKV im Vergleich zur GKV ist: Die gesamten Überschüsse der GKV inklusive Staatszuschuss reichen für die Ausgaben von nicht einmal sieben Wochen, die Alterungsrückstellungen der PKV dagegen für mehr als sieben Jahre. Wenn die Menschen erst einmal die Fakten hinter der Parole Bürgerversicherung sehen, wird sie alles andere als populär sein. In einer Bürgerversicherung würde nämlich die medizinische Versorgung für alle eindeutig schlechter. Natürlich müssen Systeme immer weiterentwickelt werden. Da stellen wir uns auch gar nicht dagegen. Die private Krankenversicherung hat sich stetig weiterentwickelt und wird dies auch in Zukunft tun.

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insgesamt 279 Beiträge
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1. Klar wollen die keine Krankenversicherung
rodelaax 23.01.2013
Wenn das Geld dann nicht mehr reicht soll dann die Allgemeinheit die Kosten übernehmen.
2.
happyrocker 23.01.2013
Ja so kommts, wenn gesellschaftliche Aufgaben (hier: die Versorgung von Kranken) in die Hände der "sozialen" Marktwirtschaft gelegt werden. Da steigen die Beiträge dann gerne mal über jedes vertretbare Maß hinaus. Wer jung und gesund ist profitiert von der privaten KV. Ist man dann alt und häufiger mal krank, kann man die Beiträge womöglich nicht mehr zahlen und liegt der gesetzlichen Krankenkasse - für die man zu Zeiten des guten Verdienstes nie eingezahlt hat - oder dem Sozialamt, also den Steuerzahlern auf der Tasche. Da kann die Lösung doch nur heißen: Eine Krankenversicherung für alle, dann werden Beiträge und Leistungen gerechter geteilt!
3. Groteske
jejo 23.01.2013
Und ich befürchte, dass er das dennoch alles ernst meint.
4. Fällt SPON auf Krankenversicherungs-Lobbyisten rein?
Hank the voice 23.01.2013
Zwei Artikel an einem Tag zum Thema weg mit der GKV hin zur Bürgerversicherung oder besser doch zur privaten KV?
5. Rechner aus
augen-auf 23.01.2013
Ich lasse es lieber bleiben, mir die Erhöhung der Beiträge in den letzten zehn Jahre auszurechnen, davon wird mir nur schlecht! Und wenn man diese z.T. unverschämten Steigerungen moniert, bekommt man zur Antwort: "Tja, wenn Sie sich die PKV nicht leisten können ..."
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    Reinhold Schulte, 65, ist seit 2002 Vorsitzender des Verbands der Privaten Krankenversicherung. Der Sauerländer ist seit 41 Jahren bei der Signal Iduna, seit 1997 ist er Vorstandschef. Der Konzern gehört mit mehr als 13.000 Mitarbeitern und 5,5 Milliarden Euro Beitragseinnahmen zu den Top-Ten-Versicherern in Deutschland. Mitte 2013 wird Schulte an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln.

Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.
Die größten privaten Krankenversicherungen
Unternehmen Mitglieder
Debeka 2.186.111
DKV 899.885
Axa 756.128
Allianz 683.008
Central 494.368
Signal 471.871
Continentale 386.975
HUK-Coburg 385.664
Bayerische Beamtenkasse 380.402
Barmenia 306.344
Quelle: Versicherungsjournal.de

Vollversicherte, Stand: 2011