Investmentbanker Zähmung der Zocker

Der Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze hat den letzten Rest von Vertrauen in die Investmentbanker zerstört. Die Politik bringt erste Mechanismen zur Regulierung auf den Weg, die Renditen dürften in Zukunft deutlich kleiner ausfallen. Gelingt es, die Zocker an die Leine zu legen?

Londoner Bankenviertel: "Nicht alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist"
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Londoner Bankenviertel: "Nicht alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist"

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Hamburg - Es ist die Wut der Enttäuschten, die dieser Tage aus den Aussagen britischer Politiker spricht. Das Finanzsystem habe "die Gier über alle Bedenken gestellt und unsere Wirtschaft in die Knie gezwungen", schimpfte der konservative Schatzkanzler George Osborne vergangene Woche, nachdem die Großbank Barclays Zinsmanipulationen im großen Stil eingeräumt hatte. Und sein Parteifreund Andrew Tyrie, Vorsitzender des Finanzausschusses, fragte empört, ob vom einstigen "Vertrauen zwischen dem Parlament und den Banken" denn gar nichts übriggeblieben sei.

Der Schock des Libor-Skandals trifft das Finanzzentrum London besonders hart. Dort hatte die Politik den Bankern immer besonders lange Leine gelassen, weil das Land außer der Finanz- nun mal nicht mehr viel andere Industrie hat. Dass dieses Vertrauen so missbraucht wurde, ist vor allem für die konservative Regierungspartei ein schwerer Schlag.

Als erstes Institut hatte Barclays vergangene Woche eingestanden, dass ihre Händler systematisch falsche Zinssätze an den britischen Bankenverband BBA gemeldet haben. Die British Bankers Association (BBA) legt aus den Meldungen von 16 Banken täglich den Libor fest, jenen Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen - und der als Basis für viele Finanzprodukte in der ganzen Welt gilt.

Der "Tobacco Moment" der Finanzindustrie

Der Skandal dürfte nicht auf Barclays beschränkt bleiben. Aufsichtsbehörden weltweit ermitteln gegen insgesamt 20 Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank. Jede weitere Enthüllung wird die Reste des Vertrauens in die Banker zerstören - und den Regulierungswillen der Politiker stärken. Der britische "Economist" spricht angesichts der Ausmaße des Skandals von einem "Tobacco Moment" für die Finanzindustrie - einer Situation, in der sich die gesellschaftliche Stimmung gegen eine Branche wendet und diese Branche mit harten Sanktionen belegt wird, wie einst bei der Zigarettenindustrie.

Tatsächlich stehen gerade Investmentbanken schwere Zeiten bevor. Der Abstieg hat bereits begonnen. Während der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann noch vor wenigen Jahren eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel ausrief, um mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten, werden sich seine Nachfolger wohl an kleineren Zahlen orientieren müssen: Das Investmentbanking werde künftig "wesentlicher weniger profitabel sein als in der Vergangenheit", schrieb der ehemalige Risikovorstand der Deutschen Bank, Hugo Bänziger, vergangene Woche im "Handelsblatt": "Die Eigenkapitalrendite kann gut auf eine einstellige Prozentzahl sinken."

Im Durchschnitt der Branche ist die wichtige Kennziffer laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger bereits von 15 Prozent im Jahr 2010 auf nur noch sieben Prozent im Jahr 2011 gefallen. 2012 könnte es nach Ansicht der Experten auf bis zu fünf Prozent runtergehen. In den kommenden fünf Jahren, so ihre Schätzung, könnten weltweit rund 75.000 Stellen im Investmentbanking gestrichen werden - für die erfolgsverwöhnte Branche eine Horrorvorstellung.

Und es könnte noch schlimmer kommen: Wenn die Renditen langfristig niedrig bleiben, dürfte dies die Banken wohl auch dazu zwingen, die absurd hohen Bonuszahlungen zu kürzen, die sie bislang immer noch an die Investmentbanker ausschütten.

Die Regulierung hat den Spielraum der Banken verengt

Es ist noch nicht lange her, da galten die Investmentbanker als Masters of the Universe - und das nicht nur in ihrer eigenen Wahrnehmung. In den Finanzzentren London, New York oder Frankfurt am Main jonglierten die smarten Jungs in den dunklen Anzügen mit Milliardensummen und machten dabei ihre Unternehmen und vor allem sich selbst immer reicher. Von Öffentlichkeit und Politik wurden sie dabei mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung beobachtet - aber kaum jemand kam auf den Gedanken, dem gefährlichen Treiben der Milliarden-Männer Einhalt zu gebieten.

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 hat sich das grundlegend geändert. Im öffentlichen Bild wurden die Investmentbanker zu gierigen Abzockern. Und anders als in der Öffentlichkeit vielfach wahrgenommen zog auch die Politik endlich Konsequenzen: Auf ihren Gipfeltreffen 2009 in London und Pittsburgh schworen die Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, der Finanzbranche künftig deutlich schärfere Regeln zu geben.

Zur Überraschung vieler Experten haben sie damit tatsächlich Ernst gemacht. Die Liste der eingeleiteten Regulierungsschritte ist beeindruckend:

  • Die Eigenkapitalanforderungen wurden deutlich erhöht. Unter der Führung der in Basel ansässigen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wurde das Regelwerk "Basel III" geschaffen, das bis 2019 schrittweise umgesetzt werden soll. Das Verhältnis des sogenannten harten Kernkapitals - also Aktienkapital und Gewinne - zu den Risikoanlagen der Bank soll von zwei Prozent vor der Krise auf dann sieben Prozent steigen. Der Gedanke dahinter: Im Falle einer Krise soll genug eigenes Geld vorhanden sein, um nicht gleich wieder auf Staatshilfe zurückgreifen zu müssen. Die Vorschriften zeigen bereits Wirkung: Laut der europäischen Bankenaufsicht EBA haben die 27 größten europäischen Banken allein in den vergangenen Monaten Eigenkapitallücken von 94,4 Milliarden Euro geschlossen. Zudem sollen die Institute mehr täglich verfügbares Geld bereithalten, um Krisen besser abfedern zu können.
  • Die großen und systemrelevanten Banken müssen Testamente vorlegen, in denen beschrieben wird, wie sie im Notfall abgewickelt werden können. Damit soll verhindert werden, dass große Banken auch große Risiken eingehen, weil sie wissen: Im Notfall werden sie mit Steuergeld gerettet. Zudem gilt für diese systemrelevanten Banken ein zusätzlicher Kapitalpuffer.
  • Die Verbriefungspraxis, die zur Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 geführt hatte, wurde eingedämmt. Statt Kredite zu bündeln und weiterzuverkaufen, müssen die Institute künftig einen Teil des Kreditrisikos in den eigenen Bilanzen behalten. Auch dies soll die Risikoneigung senken.
  • Komplizierte Finanzderivate müssen künftig über zentrale Clearing-Stellen gehandelt werden. Die beteiligten Banken müssen bei diesen Stellen Sicherheiten hinterlegen, die eingesetzt werden, falls ein Geschäftspartner ausfällt. Das macht die Geschäfte sicherer und soll verhindern, dass der Ausfall eines Schuldners zu Kettenreaktionen führt wie während der Finanzkrise. Am Dienstagabend beschloss die US-Aufsichtsbehörde CFTC entsprechende Vorgaben. In der EU sollen ähnliche Regeln ab Ende des Jahres greifen.
  • Am weitesten könnten bei der Regulierung ausgerechnet die USA gehen. Dort soll als Teil der Finanzreform die sogenannte Volcker-Regel umgesetzt werden, die nach dem ehemaligen Zentralbankchef Paul Volcker benannt ist. Sie soll den Banken untersagen, auf eigene Rechnung mit Wertpapieren zu handeln - und so die Risiken für die Steuerzahler begrenzen. Derzeit streiten sich Aufsichtsbehörden und Banken noch um die genauen Formulierungen. In Großbritannien hat die sogenannte Vickers-Kommission ähnliche, aber deutlich sanftere Vorschläge zur Trennung von Handels- und Kundengeschäft gemacht - zumal sich in der Praxis oft nur schwer unterscheiden lässt, ob eine Bank ein bestimmtes Geschäft auf eigene Rechnung oder im Auftrag eines Kunden tätigt.

Natürlich haben es die Lobbyisten der Banken geschafft, wichtige Details der Regeln zu verwässern. Auch in Zukunft werden sie Schlupflöcher finden, die neue Krisen auslösen können. Und natürlich sind viele Vorschriften noch unvollkommen: Bei der Bankenaufsicht etwa wurde auf europäischer Ebene zwar eine neue Behörde geschaffen, die sich jedoch als wenig effektiv erweist. Nun wird darüber nachgedacht, die Kontrolle über die Branche bei der Europäischen Zentralbank zu bündeln.

Dennoch sind sich die meisten Experten einig, dass die eingeleiteten Reformen den künftigen Spielraum der Banken deutlich eingeschränkt haben. "Die Möglichkeiten für das Geschäft als solches werden enger werden", klagte jüngst Anshu Jain, der neue Chef der Deutschen Bank.

Jain will mit seiner Bank trotzdem zu den Gewinnern des Regulierungsprozesses gehören. Die schärferen Regeln und die Verwerfungen der Finanzkrise würden dazu führen, dass am Ende nur noch fünf bis sechs internationale Großbanken übrigblieben, sagte er bei seinem Amtsantritt vor Mitarbeitern. Für diese wenigen Institute werde es dann ein größeres Stück vom kleiner gewordenen Kuchen geben.

Gut möglich also, dass die Zocker nicht verschwinden, sondern nur weniger werden. Doch jeder neue Skandal schürt die Wut in Bevölkerung und Politik nur weiter - und schwächt die Position der Banken. Allzu offensichtlich auf die Lobbyinteressen zu hören, kann sich inzwischen kaum ein Politiker mehr leisten.

Um das Vertrauen zurückzugewinnen, dass die Banken für ihre Geschäfte eigentlich so dringend brauchen, müssen sie jedoch mehr tun, als nur die neuen Regeln zu befolgen. "Die Regulierung setzt bisher primär auf der banktechnischen Seite an", sagt Herbert Walter, Ex-Chef der Dresdner Bank. "Da geht es um Liquiditäts- und Kapitalvorschriften." Doch die "ethisch-kulturelle Seite" sei bisher vernachlässigt worden. Der Libor-Skandal habe gezeigt, dass es auch um die Frage gehe, wie weit man die Grenzen der Gesetze ausreize, sagt Walter. "Banker leben vom Vertrauen - das verträgt sich nicht damit, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist."

Das gilt auch für die britische Barclays Bank. Am Donnerstag meldete sich deren früherer Chef Martin Taylor in einem Gastbeitrag in der "Financial Times Deutschland" zu Wort. Darin schimpft er nicht nur auf seinen inzwischen geschassten Nachfolger Bob Diamond, sondern stellt auch der gesamten Branche ein verheerendes Zeugnis aus: Sie sei "tief gefallen" und müsse wieder weit hochklettern.

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treasurer 13.07.2012
1. der wichtigste Punkt fehlt
sicherlich, in den letzten Jahren gab es mehr und mehr Regularien, aber der wichtigste Punkt fehlt. Lasst die "Zocker" für ihre Schieflagen gerade stehen und nicht die Steuerzahler mit Rettungspacketen. Nur so und wirklich nur so lernen sie , wo ihre Grenzen sind.
sitcom 13.07.2012
2. optional
In der Finanzkrise wurde mal gesagt die Banken sollen auf ihr funktion..."kreditbeschaffer für die Wirtschaft und privatleute" begrenzt werden... Genau das sollte gemacht werden... Der Rest wird verboten...
Roueca 13.07.2012
3. Nein...
Zitat von sysopdapdDer Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze hat den letzten Rest von Vertrauen in die Investmentbanker zerstört. Die Politik hat erste Mechanismen zur Regulierung auf den Weg gebracht, die Renditen fallen in der Zukunft deutlich kleiner aus. Gelingt es, die Zocker an die Leine zu legen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,843921,00.html
...und das aus einem ganz einfach Grund: Die Politik will das nicht! Wo kämen wir denn da hin die "Märkte" an die Leine nehmen! An die Leine wird nur das dumpe Volk genommen!
odysseus33 13.07.2012
4. Nicht passiert - viel passiert?
Seltsamerweise sagen ja Leute die es wissen müssen, Politiker und Börsenexperten, in den TV-Talkrunden nach wie vor dass "nichts" oder zumindest "sehr wenig" von dem umgesetzt sei das nach 2008 angekündigt wurde. Hier wird nun aber behauptet es sei enorm viel passiert bzw. unmittelbar auf dem Weg. Was denn nun? Was allgemein als "Information" statt findet, nicht nur hier, sondern auch bei Themen wie Euro, ist wohl eher als Desinformation zu bezeichnen. Es kann doch nicht sein dass diametral unterschiedliche Bewertungen mehr oder weniger richtig sein können. Wenn hier Jain als Zeuge aufgerufen wird lässt das allerdings annehmen dass der große Fortschritt der Regulierung eher eine Mär ist.
kaptän 13.07.2012
5. Haltefristen
eine einfache und ungeheuer effektive Maßnahme wäre es Haltefristen für Finanzprodukte einzuführen. da niemand etwas davon hat geld für Millisekunden zur Verfügung gestellt zu bekommen, denke ich 4 Wochen wären ein menschliches Maß, Der automatisierte handel wäre damit natürlich abgeschafft.Die Nervosität aus den Märkten genommen. Rationalere Überlegungen als kurzfristiger Profit, würden wieder Vorrrang gewinnen. Als Sanktion stelle ich mir eine Beschlagnahme zumindest eines Teils des Kapitals bei vorfristigem Verkauf vor.
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