Deutsche Firmen in Iran Boom, wo bist du?

Die Unruhen in Iran haben auch deutsche Konzerne aufgeschreckt. Sorgen haben sie ohnehin genug: Donald Trump und die Konkurrenz aus China verhageln ihnen das Geschäft - und die Zögerlichkeit der Iraner.

BMW-Stand bei iranischer Messe (Archiv)
imago / Kyodo News

BMW-Stand bei iranischer Messe (Archiv)

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Das Auswärtige Amt hat angesichts der Unruhen in Iran die Reisehinweise für das Land aktualisiert. Auf öffentlichen Plätzen sei "erhöhte Aufmerksamkeit" geraten und "Filmaufnahmen, auch mit dem Handy, im eigenen Interesse zu unterlassen". Die Warnung richtet sich an die kleine Schar unentwegter Iran-Urlauber.

Die Reisewelle Prominenter ist ohnehin schon länger abgeebbt: Nach der Einigung im Atomstreit mit Iran in den Jahren 2015 und 2016 waren zahlreiche deutsche Minister ins Land geeilt, in kurzer Taktung und mit großem Wirtschaftsgefolge. Die Sanktionen waren noch gar nicht aufgehoben, da landete Sigmar Gabriel schon mit Konzernvertretern in Teheran. Dem damaligen Bundeswirtschaftsminister folgten die Länderkollegen aus Thüringen, Sachsen, Hessen und NRW, letzterer mit hundert Managern im Schlepptau. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) flog gleich zweimal. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies schwärmte gar von "hervorragenden Rahmenbedingungen für einen Wirtschaftsboom", die er in Iran gesehen habe.

AFP; SPIEGEL ONLINE

Davon ist keine Rede mehr. Die blutigen Proteste haben auch deutsche Firmen aufgeschreckt. "Wir beobachten die Lage sehr sorgfältig, denn die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat für uns erste Priorität", sagt ein Sprecher der BASF zu SPIEGEL ONLINE. Bislang seien allerdings "weder Mitarbeiter noch unsere Geschäftstätigkeit von den Unruhen betroffen".

Das hat allerdings auch damit zu tun, dass Geschäftstätigkeit und Mitarbeiterzahl deutscher Firmen in Iran bislang eher gering geblieben sind. BASF, ein Branchenschwergewicht, gibt die Zahl der eigenen Mitarbeiter vor Ort mit 78 an. Die meisten davon seien Einheimische. Insgesamt liegt die Zahl deutscher Firmen vor Ort wohl bei etwas mehr als hundert. Eine exakte Statistik gibt es nicht.

Die 2016 von Ministern und Managern vorhergesagten Milliardenaufträge aus Iran sind bislang weitgehend ausgeblieben. Zwar habe sich "vieles verbessert für deutsche Firmen, aber die ganz großen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt", sagt Amir Alizadeh, stellvertretender Geschäftsführer der deutsch-iranischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Teheran. Die Prognose des DIHK, der deutsch-iranische Handel könnte bis 2018 auf sechs Milliarden Euro steigen, mittelfristig sogar auf zehn Milliarden Euro, hat sich nicht bewahrheitet. Zuletzt lag das Handelsvolumen bei rund 3,5 Milliarden Euro.

Das hat Gründe, die über die aktuellen politischen Spannungen in Iran hinausreichen:

1. Donald Trump

Der US-Präsident torpediert die Normalisierung der Beziehungen zu Iran. Sein Amtsvorgänger Barack Obama feierte zwar das Atomabkommen als "historischen Fortschritt", kurz darauf aber verloren die Demokraten das Weiße Haus. Heute hat die Einigung wenig politischen Rückhalt in Washington.

Trump lässt keine Gelegenheit aus, das Atomabkommen mit Iran als "worst deal ever" zu attackieren, als schlechtesten Vertrag aller Zeiten. Plant er womöglich, Sanktionen zu reaktivieren? Das schürt auch bei europäischen Firmen Bedenken: Sollten die USA ihren Kurs gegenüber Teheran wieder drastisch verschärfen, könnten Unternehmen mit Iran-Geschäft US-Strafen riskieren.

Das ist einer der Gründe, warum einige kleinere Firmen lieber nicht über ihr Engagement in Iran sprechen. "Schlafende Hunde soll man nicht wecken", sagt ein Unternehmer, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Es sei besser, in der Öffentlichkeit nicht mit Iran assoziiert zu werden.

2. Das Zögern der Banken

Das Finanzwesen war besonders stark von den Sanktionen gegen Iran betroffen. Die Banken das Landes waren sogar vom Interbankensystem SWIFT abgekoppelt. Das ist inzwischen zwar nicht mehr der Fall, Probleme bleiben: Firmen mit Iran-Geschäft sind auf die Abwicklung ihrer Zahlungen über kleinere Banken angewiesen. Großbanken wie Commerzbank oder - mit Einschränkungen - die Deutsche Bank sperren sich bis heute dagegen.

Den Geldhäusern stecken womöglich noch immer Strafzahlungen in Millionenhöhe in den Knochen, die sie wegen Sanktionsverstößen in den USA zahlen mussten.

Noch schwieriger ist die Frage der Finanzierung des Markteintritts westlicher Firmen in Iran: Die Banken scheuen sich, Kredite dafür zur Verfügung zu stellen. "Viele Projekte scheitern bislang an der schwierigen Finanzierungslage", sagt AHK-Mann Alizadeh.

Die Banken fürchten, Trump könnte eines Tages Worten Taten folgen lassen und neue Sanktionen verhängen. "Für viele wirklich große Projekte ist das eine fatale Entwicklung", sagt Klaus Friedrich, Iran Experte beim VDMA, dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau. "Sie führt dazu, dass sich die großen Banken weiter raushalten. Ohne Moos nichts los, das gilt auch in Iran."

3. Die Konkurrenz schläft nicht

Der Maschinenbau zeigt, was deutsche Firmen vor allem erwartet, wenn sie den Schritt nach Iran wagen: starke Konkurrenz. Deutschland war vor zehn Jahren mit mehr als 30 Prozent Marktanteil wichtigster Lieferant Irans. Das ist lange her: In den vergangenen Jahren hat China seinen Marktanteil von 7,6 auf 48,8 Prozent erweitert.

Und die Chinesen haben einen Vorteil gegenüber ihren Wettbewerbern: Ihre Banken scheinen weniger empfänglich zu sein für Trumps Tiraden. "Bei manchen Projekten bringen sie auch gleich die Finanzierung mit", sagt Iran-Experte Friedrich.

4. Was wollen die Iraner?

Es gibt ein Thema, über das kein Manager und kein Wirtschaftslobbyist reden mag, weil es gilt, die iranischen Partner nicht zu verprellen. Die Frage treibt die deutsche Geschäftswelt gleichwohl dennoch um: Wie viel Geld hat Iran wirklich? Wofür wird Teheran es ausgeben? Seit dem Sanktionsende verdient das Land mit Öl- und Gasverkäufen laut Schätzungen mehr als 40 Milliarden Dollar im Jahr - fast doppelt soviel wie noch 2014.

Der große Ansturm auf ausländische Technik zur Modernisierung der iranischen Wirtschaft ist dennoch ausgeblieben. Deutschlands Maschinenbauer verzeichnen zwar 2017 ein Plus von rund 28 Prozent, insgesamt liegen ihre Exporte nach Iran allerdings immer noch deutlich unter der Grenze von einer Milliarde Euro.

Der Staatshaushalt für die Periode von März 2018 bis März 2019 sieht aber auch Kürzungen bei Subventionen für Lebensmittel und Sprit vor sowie bei Hilfsprogrammen für Arme. Fließt das Geld also vor allem ins Militär und Operationen im Ausland, etwa in Syrien oder Jemen?

Hinzu kommt: Bei vielen Großprojekten ist es für deutsche Konzerne offenbar schwerer als gedacht, Einvernehmen mit den iranischen Partnern zu erzielen. Ein Beispiel ist die BASF-Tochter Wintershall. Das Unternehmen aus Kassel hat eine Absichtserklärung mit Irans nationaler Ölgesellschaft NIOC geschlossen. Es soll darum gehen, mit deutscher Technik und Effizienz mehr rauszuholen aus bestehenden alten Ölquellen in Iran.

Die Deutschen haben Ölfelder in Augenschein genommen und Verhandlungen geführt - aber seit zwei Jahren keinen verbindlichen Abschluss mit den Iranern erzielt. Wintershall äußert sich ausdrücklich nicht zum Stand der Kooperation. Marktbeobachter gehen allerdings davon aus, der Konzern und die Iraner hätten bislang keinen Kompromiss gefunden, wie Kosten und Erlöse zu verteilen sind.

Auch für den Volkswagen-Konzern läuft die Rückkehr auf den iranischen Markt zäher als gedacht. 17 Jahre nach dem Verkauf des letzten VW hatte der Autobauer eigentlich eine Partnerschaft mit einem örtlichen Importeur auf den Weg gebracht. Zuletzt teilte der Konzern allerdings mit, es gebe Probleme mit der Neuregelung der Importgesetze.

Der operative Verkauf sei noch immer nicht gestartet.



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