Istanbul-Airport Abgehoben, hart gelandet

Der Istanbul-Airport, der einer der größten der Welt werden soll, ist das Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten Erdogan. Doch vor dem Starttermin Ende Oktober rumpelt es noch kräftig.

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Am 29. Oktober soll der womöglich größte Flughafen der Welt eröffnet werden. Doch die Fluggesellschaft, deren neue Heimat dieser Flughafen werden soll, weiß heute noch nicht einmal, ob es dort ein Hotel für ihre Passagiere gibt. "Es tut mir leid. Wir haben keinerlei Informationen über Hotels und Transportmöglichkeiten", sagt ein Hotline-Mitarbeiter von Turkish Airlines.

Er ist nicht der Einzige bei der halbstaatlichen Fluglinie der Türkei, der nichts sagen kann oder nichts sagen darf über den neuen Flughafen von Istanbul. Die deutsche Pressestelle von Turkish Airlines schickt auf Anfrage nur einen Link über den Hotelservice am alten Flughafen. Auf Nachfragen mit Bitte um Auskunft zu Unterbringung, Transport und dem Stand der Bauarbeiten am neuen Megaflughafen reagiert sie gar nicht.

Es wird eng für Recep Tayyip Erdogans kolossales Projekt. Rund einen Monat ist es bis zum 29. Oktober, dem 95. Jahrestag der Gründung der Republik der Türkei. Und damit bis zu dem Tag, an dem er eröffnen soll: der neue Flughafen, den der Präsident zur Chefsache gemacht hat - und der womöglich seinen Namen tragen wird.

Aber je näher dieser Termin rückt, desto mehr Zweifel kommen auf, ob der Flughafen rechtzeitig einsatzbereit ist. Will heißen, ein Ort, an dem sich Reisende einigermaßen zurecht finden. Start- und Landebahnen wird es jedenfalls geben, Terminalhallen und auch einen Tower.

Berlin kann davon nur träumen

Die erste Passagiermaschine ist schon am 21. Juni gelandet: ein Staatsflugzeug mit Erdogan, natürlich. Für den Autokraten ist der Bau das perfekte Vorzeigeprojekt, um von der Wirtschaftskrise in seinem Land abzulenken. Ein Flughafen für anfangs 90 Millionen und später 150 oder gar 200 Millionen Passagiere, mit sechs Start- und Landebahnen, dreimal so groß wie der von Frankfurt - und das nicht einmal viereinhalb Jahre nach dem ersten Spatenstich. Berlin kann davon nur träumen. All das ist rekordverdächtig. Und teuer erkauft.

Bezahlen müssen: zwangsenteignete Bauern, die ihr Land für immer verloren haben. Arbeiter, die die Baustelle teilweise als "Sklaven- und Todeslager" bezeichnen. Die Umwelt, denn das Gebiet, das einst Istanbuls grüne Lunge war, gleicht nunmehr einer Mondlandschaft. Und wohl auch die Passagiere. Sie müssen sich auf Chaoswochen gefasst machen.

Einen "Ort, an dem Träume wahr werden", nennt der Baubetreiber IGA den "Istanbul Yeni Havalimani". Das Konsortium aus fünf Baukonzernen, deren Chefs Erdogan oft nahestehen, versichert mehrere Tage nach einer SPIEGEL-Anfrage, alles laufe plangemäß. "Der Flughafen wird bis zum 29. Oktober fertig."

Fragt sich nur, was man unter "fertig" versteht. Beobachter berichten, große Teile des riesigen Geländes seien Baustellen, auf denen Tag und Nacht gerackert werden müsse, um wenigstens das für den unmittelbaren Flugbetrieb Nötigste hinzubekommen.

Polizeipanzer sind aufgefahren. Überall stehen Militär- und Antiterrorpolizisten. Sie überwachen die Arbeiten - und die Arbeiter. Von denen rebellieren viele gegen die Arbeitsbedingungen.

Die Baustelle gleiche inzwischen einem "Arbeitslager"

Die Baustelle gleiche inzwischen einem "Arbeitslager", sagt Özgür Karabulut von der Gewerkschaft Dev Yapi im Gespräch mit dem SPIEGEL. Razzien gibt es in den Unterkünften, Beschäftige werden verhört. "Der Druck ist unmenschlich", sagt Karabulut.

Seit Monaten beschweren sich Arbeiter über die Zustände auf der Baustelle: Die Unterkünfte seien verdreckt, heißt es, Löhne würde nur unregelmäßig ausbezahlt. IGA würde bei der Sicherheit sparen, um Zeit zu gewinnen. Immer wieder geschehen Unfälle. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Cumhuriyet" starben seit Beginn der Bauarbeiten mehrere Hundert Menschen. Die Regierung bestreitet diese Zahl, musste aber 27 Todesfälle einräumen.

Als vor einigen Tagen auf der Baustelle ein Shuttlebus verunglückte und 17 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, traten Arbeiter in einen wilden Streik: Fast 3000 Beschäftige demonstrierten für bessere Arbeitsbedingungen. Viele skandierten: "Bauarbeiter sind keine Sklaven!" und "Mörder IGA!"

Die Polizei umstellte ein Camp, in dem viele Arbeiter leben. Sie ging mit Tränengas, Gummigeschossen und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. 561 Männer wurden vorübergehend festgenommen, 24 landeten in Untersuchungshaft.

Ein Sprecher der IGA erklärte dazu, es habe "ein paar Proteste" gegeben, die von "Provokateuren" angezettelt worden seien. Die IGA habe bereits Verbesserungen der Bedingungen vor Ort eingeleitet, zum Beispiel Unterbringungen desinfiziert. Arbeiter hatten über Bettwanzen geklagt.

Zu wenig Zufahrtsstraßen

"Auf der Baustelle herrscht reines Chaos", sagt Gewerkschaftsführer Karabulut. "Die Arbeiten treten seit Tagen auf der Stelle." Die IGA indes behauptet: "Die Flughafenkonstruktion ist zu 96 Prozent abgeschlossen." Das allerdings kann höchstens für den Kernbereich des Flughafens stimmen. Nicht aber für die Anbindung des Airports an die Außenwelt.

Der "Cumhuriyet"-Journalist Mehmet Kizmaz, der das Projekt seit Jahren verfolgt, weist darauf hin, dass nicht ausreichend Zufahrtsstraßen von Istanbul zum etwa 40 Kilometer entfernten Flughafen existieren. Und der geplante Schnellbahnanschluss ist auch noch längst nicht fertig. IGA selbst räumt ein, dass eine U-Bahn-Linie, die den Norden der Stadt mit dem Flughafen verbinden soll, erst Anfang 2020 eröffnet wird. "Am Anfang werden Passagiere mit Bussen und Taxis transportiert", heißt es. Vielen Bürgern Istanbuls graut es schon vor nicht enden wollenden Staus und Baustellen auf den Zufahrtswegen.

Fraglich ist auch, was mit den Millionen Umsteigepassagieren des Heimatcarriers Turkish Airlines geschieht, die auf ihrem Weg von Europa nach Asien oder Afrika nachts am neuen Flughafen auf ihren Anschlussflug warten müssen. Zwar ist laut IGA ein Hotel geplant. Das Konsortium gab aber keine Antwort auf die Frage des SPIEGEL, ob dieses Hotel rechtzeitig zur geplanten Inbetriebnahme am 29. Oktober eröffnen wird.

Es könnte ungemütlich werden für die Umsteiger, nachts an Erdogans Super-Airport.

insgesamt 76 Beiträge
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brutus972 29.09.2018
1. BER vs Sultan Airport Istambul
Wir sollten uns da nicht so weit aus dem Fenster lehnen. China, Indien, Türkei zeigen uns die lange Nase! Ich nehme an, dass Ingenieure der deutschen Automobilindustrie beim Bau von BER am Werke waren! Betrug geht in der Automobilindustrie, bei Flughäfen jedoch weniger!
josipawa 29.09.2018
2. Warum die Schwarzmalerei?
Der Treansrapid fährt nach wie vor nicht vom Münchener Hauptbahnhof zum Flughafen, und schon gar nicht in zehn Minuten. Dann fahren halt Busse, Meine Güte!
DonG 29.09.2018
3. Das ist so...
...als spräche der Blinde von der Farbe. Klar wären Brandschutzprobleme in Istanbul jederzeit per "Order di Mufti" weggezaubert worden, aber auch so kann nun wirklich JEDER besser Flughäfen bauen als die Deutschen. Noch dazu ohne politische Konsequenzen.
RamBo-ZamBo 29.09.2018
4. asdf
Warum wird der Flughafen überhaupt gebraucht? Istanbul hat doch schon zwei: Atatürk (europäische Seite) und Sabiha Gökcen (asiatische Seite). Geht es etwa nur darum, den Namen Atatürk zu tilgen, der für einen laizistischen Staat steht?
M.Oettler 29.09.2018
5. Flughafen Istanbul
Ich bin kein Freund vom türkischen Imperator Ertugrul, aber bevor sich Spiegel-Online über den neuen Flughafen von Istanbul mokiert, sollten diese mal die Fehlleistungen im hochtechnisierten Deutschland ( hier Berliner-Flughafen ) thematisieren. Hochmut kommt vor dem Fall.
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