Italiens wacklige Wirtschaft Die Angst kehrt zurück

Es wird einfach nichts mit Italien: Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Korruption ist haarsträubend. Jetzt drückt eine neue Bankenkrise die Stimmung an den Börsen. Lässt sich der Abwärtstrend stoppen?

Italiens Premierminister Matteo Renzi (Archivbild): Reförmchen statt Reformen
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Italiens Premierminister Matteo Renzi (Archivbild): Reförmchen statt Reformen


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In der Silvesternacht sah alles noch schön aus. Der Weihnachtsumsatz des Handels war üppig, die Stimmung der meisten Italiener positiv: Es geht aufwärts. "Wir haben uns aus dem Morast erhoben", hatte auch Ministerpräsident Matteo Renzi auf seiner Pressekonferenz zum Jahreswechsel gejubelt. 2015 sei schon prima gelaufen und 2016 werde noch besser. Die "Jahre der Tristesse" seien vorbei.

Aber Renzi hatte die Rechnung ohne die Banken gemacht.

Kaum öffneten Italiens Börsen wieder, verdarben zwei Geldhäuser die gute Stimmung im Lande. Die Aktienkurse der in Genua beheimateten Carige und die der ältesten Bank der Welt, Monte dei Paschi di Siena, befanden sich tagelang im freien Fall. Bis Mitte dieser Woche verloren Monte dei Paschi 25 Prozent und Carige fast 30 Prozent ihres Marktwerts im Vergleich zu vor Silvester. Die Börsenaufsicht Consob versuchte die Talfahrt abzubremsen, indem sie sogenannte Leerverkäufe der Aktien beider Institute verbot. (Wie funktionieren Leerverkäufe?)

Aber die Aktion brachte nichts, die Kurse sanken weiter. Offenbar waren es gar nicht böse Börsenhaie, die den Negativrutsch ins neue Bankenjahr ausgelöst hatten.

"Bail in" statt "Bail out"

Schon im Dezember waren vier kleinere Finanzinstitute Italiens in Schieflage geraten. Deren Aktionäre und Anleger nahmen da offenbar erstmals zur Kenntnis, dass sich die in Brüssel von allen Eurostaaten vereinbarten Regeln zur Rettung notleidender Kreditinstitute in letzter Zeit ziemlich geändert hatten. Das alte Konzept des "Bail out", zu Deutsch etwa: "aus der Klemme helfen", bei dem der Staat den größten Teil der Verluste maroder Banken übernahm, ist durch ein "Bail in" ersetzt worden. Bei dem müssen die Aktionäre, die Inhaber von institutseigenen Obligationen und die Sparer, die mehr als 100.000 Euro auf dem Konto haben, nun kräftig bluten.

Piazza de Ferrari in Genua (Archivbild): Sind die Jahre der Tristesse doch nicht vorbei?
REUTERS

Piazza de Ferrari in Genua (Archivbild): Sind die Jahre der Tristesse doch nicht vorbei?

Die Betroffenen waren entsetzt, ein verzweifelter Rentner nahm sich das Leben, die Öffentlichkeit war empört. Die Regierung in Rom griff zugunsten der besonders hart Getroffenen mit einem 100-Millionen-Topf helfend ein.

Aber auch mit solcher Staatshilfe soll es künftig vorbei sein. Die Erkenntnis ließ viele Aktionäre und Anleger einen kritischen Blick auf ihre Hausbanken werfen. Und was sie sahen, war wohl nicht so gut.

Denn viele, heißt es an den italienischen Börsen, hätten ihre Aktien- und Anlagepakete kräftig umgepackt. Bei Monte dei Paschi und Carige löste das eine Spirale nach unten aus und brachte zudem die bange Frage aus der dramatischen Hochzeit der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder auf: Wie stabil ist Italiens Volkswirtschaft?

Nur die Schulden steigen kräftig

Zwar ist die Wirtschaft des Landes 2015 wieder etwas gewachsen. Und 2016 werde das Wachstumstempo sogar über die Ein-Prozent-Marge springen, jubelt Regierungschef Renzi. Aber das ist weit weniger als in anderen großen EU-Ländern und insbesondere für Italiens Probleme viel zu wenig. Die Beschäftigung nehme kaum zu, kritisiert der italienische Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Und zwei Drittel der neuen Jobs, die in Rom gefeiert würden, seien ohnehin nur begrenzte Zeitverträge oder Aushilfsstellen.

Noch immer liegt die Arbeitslosigkeit mit 11,5 Prozent im dritten Quartal 2015 - neuere Zahlen gibt es nicht - weit über der in Deutschland oder England. Und bei den jungen Menschen ist die Aussicht auf einen Arbeitsplatz weiterhin katastrophal: Nur 15 Prozent der Italiener unter 24 Jahren haben einen Job. Die anderen hocken verzagt daheim oder machen den vielleicht fünften Ausbildungs-Schnellkurs, der ihre Arbeitsmarktchancen aufbessern soll.

Zwar hat Renzi einige Reformen auf den Weg gebracht, aber vieles davon hängt noch im Gezerre der politischen Instanzen. Und vor allem bei den vielleicht wichtigsten Problemen ist der zweifellos bemühte Regierungschef kaum weitergekommen. Etwa bei der Neigung vieler seiner Landsleute, sich gnadenlos zu bereichern, wenn sie an der Kasse sitzen. Legal wie illegal. Man bedient sich, die Familie, Freunde, vielleicht noch gute Kollegen.

Der Schaden, den man dabei anrichtet, interessiert keinen. Das gilt für viele Politiker, Top-Manager in Verwaltung und privaten Betrieben. Nahezu jeden Tag berichten die Medien über einen neuen Fall von Unterschlagung oder Bestechlichkeit.

Auch in der Banca Etruria, einem der vier Kriseninstitute, war das offenbar so. Als die Bank wegen zu vieler fauler Kredite schon taumelte, verteilten die Vorstandsherren noch einmal kräftig Geld - an sich, ihr Personal, sogar an Pensionäre. Das war einfach Tradition. Auch als 2009 - mitten in der Krise! - als der damalige Etruria-Präsident in Pension ging, bekam er 1,3 Millionen Euro mit auf den Weg und einen Anschlussvertrag von 120.000 Euro jährlich. Damit er fortan nicht für die Konkurrenz arbeitet.

Der Mann war 87 Jahre alt.

Investieren als tollkühner Akt

Im öffentlichen Dienst ist das nicht anders. Ehemalige Direktoren und Abteilungsleiter der römischen Stadtverwaltung stehen derzeit vor Gericht. Sie sollen sich reihenweise an die "Mafia Capitale" verkauft haben, einer römischen Gang, der sie überteuerte Aufträge etwa bei der Flüchtlingsunterbringung, dem Nahverkehr oder der Müllentsorgung zuschanzten.

Doch Italiens Bürokratie ist auch da, wo sie nicht korrupt ist, teuer und weitgehend unwillig oder unfähig. Jede Genehmigung für jede Kleinigkeit, das kostet Unsummen und dauert endlos. Investieren wird da zu einem tollkühnen Akt. Im ganzen Land stehen Bauruinen, die auf irgendeinen Bescheid, irgendeiner am Rande betroffenen Behörde warten. Deswegen füllen viele reiche Italiener lieber ihre Sparkonten statt zu investieren.

Zusätzlich, weil die aberwitzige Bürokratie ja auch bezahlt werden muss, bestraft Italien seine Bürger und Betriebe mit einer der höchsten Steuerquoten in Europa. Und wer sich auf dem Rechtsweg gegen die Ämterplage wehren will, muss viel Geld und starke Nerven haben. Denn wenn ein Zivil- oder Wirtschaftsverfahren acht Jahre im Schnitt dauert, ist das faktische Rechtsverweigerung und ein weiteres Investitionshemmnis.

Das einzige, was in Italien beharrlich auf dem Weg nach oben bleibt, ist die Staatsverschuldung. Inzwischen hat sie die Grenze von 132 Prozent der gesamten volkswirtschaftlichen Leistung des Landes überschritten.

Italien, resümiert denn auch das angesehene Londoner "Center for Economics and Business Research" in seinem jüngsten Wirtschaftsbericht, werde bis 2030 wohl seinen Status als G8-Mitglied verlieren und in der globalen Rangordnung der Wirtschaftsmächte auf Platz 13 zurückfallen.

Zusammengefasst: Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hat zwar einige Reformen auf den Weg gebracht. Auch die Wirtschaft des Landes ist zuletzt etwas gewachsen. Doch wer genauer hinschaut, sieht: Der Eurostaat hat nach wie vor mit massiven Finanzproblemen zu kämpfen - und die Schulden des Landes steigen immer weiter.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 14.01.2016
1. wann soll sich da etwas ändern???
Italien, Spanien, Potugal und auch Italien sind leider Wackelkandidaten. Wen wundert es ? Diese Länder haben andere Lebensweisen und auch eine andere Kultur, das wird niemand ändern können. Es war eben eine grobe Fehleinschätzung in der EU die nun die anderen Länder bezahlen müssen Wenn der Ansatz falsch ist kann es keine Lösung geben ..wissen alle Mathematiker...
muellerthomas 14.01.2016
2.
"Noch immer liegt die Arbeitslosigkeit mit 11,5 Prozent im dritten Quartal 2015 - neuere Zahlen gibt es nicht -" Wie neuere Zahlen gibt es nicht? Eurostat hat natürlich auch für Italien November-Zahlen veröffentlicht und da stand die Arbeitslosenquote bei 11,3%. Immerhin 1,8 Prozentpunkte weniger als im November 2014.
Nabob 14.01.2016
3. In Italien ist das ein Dauerzustand
Aber deshalb gibt es in Italien noch lange keine Hysterie in der Bevölkerung - das tägliche Leben der Menschen lässt sich dadurch nicht beirren. Aber es will ja auch nicht jeder Millionär sein.
Xantos73 14.01.2016
4. Schwarzer Peter ?!
Wird da jetzt der Schwarze Peter weitergeschoben oder hat da wer die Joker gegen mehr Peter Karten ausgetauscht? Wer hat denn schon alles nen Schwarzen Peter? Spanien? Ungarn ? Polen ? Griechenland? Und jetzt noch Italien? Ich glaub die Karten sind gezinkt. Da kann doch was nicht stimmen!!!
Ontologix II 14.01.2016
5. Miseria italiana
Man muss, wie ich, einen Teil des Jahres in Italien leben um glauben zu können, was in diesem schönen Land alles möglich ist und schiefläuft. Die politische Klasse geht mit schlechtem Beispiel voran, und die südliche Hälfte des Landes wird weitgehend vom organisierten Verbrechen beherrscht. Was gut funktioniert, ist die Privatwirtschaft.
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