Aufruhr an den Finanzmärkten Warum in Italien die nächste Eurokrise droht

Die Eurokrise kommt zurück. Nach der gescheiterten Regierungsbildung in Italien geht es an den Finanzmärkten so turbulent zu wie schon lange nicht mehr. Was steckt hinter der neuen Angst der Investoren?

Finanzdistrikt von Mailand
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Rasant schwankende Aktienkurse, hochnervöse Investoren und teilweise sprunghaft steigende Renditen für italienische Staatsanleihen: An den Finanzmärkten herrschen derzeit Zustände, die ein wenig an die Hochzeiten der Eurokrise erinnern.

Am Dienstag verkauften Investoren geradezu panisch italienische Staatsanleihen. Entsprechend stiegen die Zinsen, die neue Käufer verlangten, sprunghaft an. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen sprang mit bis zu 3,388 Prozent auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren. Ähnlich war es bei den Anleihen mit zweijähriger Laufzeit (siehe Grafik).

Am Mittwoch hat sich die Lage wieder etwas verbessert - aber die extremen Schwankungen zeigen, wie groß die Nervosität ist.

Eine neue Angst hat die Teilnehmer an den Finanzmärkten gepackt: die Angst vor einer populistischen Regierung aus Parteien, die massiv Steuern senken und Geld ausgeben wollen - und die mit ihrer öffentlich zur Schau getragenen Verachtung für die Regeln aus Brüssel am Ende womöglich sogar die Eurozone sprengen könnten.

Doch ist die Lage wirklich so schlimm? Welche ökonomischen Fakten stecken hinter der Angst?

Da sind zum einen die lange bekannten Probleme Italiens. Die Wirtschaft wächst seit Jahren nur schwach und schneidet regelmäßig schlechter ab als der Durchschnitt der Eurostaaten. Im Jahr 2017 lag das Wachstum in Italien bei nur 1,5 Prozent (siehe Grafik), die Wirtschaft im gesamten Euroraum wuchs dagegen um 2,4 Prozent.

Verbunden ist das schwache Wachstum mit einer hohen Staatsverschuldung von insgesamt 2,3 Billionen Euro - dies entspricht 23 Prozent der gesamten Staatsverschuldung im Euroraum, obwohl das Land nur einen Anteil an der Wirtschaftsleistung von 15 Prozent aufweist.

Hinzu kommt: Trotz der Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) steigt die Schuldenquote des Landes seit 2007 immer weiter an. Mit 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird Italien bei den Staatsschulden in Europa nur von Griechenland übertroffen.

Trotz dieser hohen Verschuldung wollen die Wahlsieger der rechtsextremen Lega und der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung die Staatsausgaben weiter erhöhen. Sie scheren sich nicht um die Regeln der Eurozone, die Schuldenbegrenzungen vorsehen. Ein erster Versuch der Regierungsbildung der beiden Parteien ist inzwischen zwar gescheitert. Bei einer Neuwahl dürften sie aber nach aktuellen Umfragen sogar noch besser abschneiden als bisher.

Diese politische Situation ist der Hauptgrund dafür, dass die Investoren an den Finanzmärkten plötzlich so nervös werden. Wie es scheint, wird vielen Anlegern langsam klar, dass mit einer Regierung, die sich explizit nicht mehr an die Regeln der Eurozone halten will, womöglich auch die Unterstützung jener Institution wegfällt, die die Währungsgemeinschaft in den vergangenen Jahren zusammengehalten hat: die Europäische Zentralbank.

"Whatever it takes", hatte EZB-Präsident Mario Draghi im Sommer 2012 gesagt, als die Eurozone kurz vor ihrem Ende stand. Man werde den Euro um jeden Preis retten. Damals spekulierten viele Investoren auf ein Auseinanderbrechen der Währungsunion - die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Italien und Spanien stiegen so stark, dass es für diese Länder auf Dauer zu teuer geworden war, sich zu diesen hohen Zinsen zu verschulden.

Erst Draghi stoppte die Fliehkräfte. Und um den Worten ihres Präsidenten Nachdruck zu verleihen, legte die EZB ein Programm auf, wonach sie bedrohten Eurostaaten mit Anleihekäufen in unbegrenzter Höhe zu Hilfe kommen kann. Die Notenbank würde also die Schulden dieser Staaten übernehmen - um damit den Euro zu retten.

Allerdings stellte die EZB auch Bedingungen: Die wichtigste davon: Um Hilfe zu bekommen, muss sich das betreffende Land einem Reformprogramm unter Aufsicht des Eurorettungsfonds ESM unterwerfen.

Das Programm mit dem Namen OMT (Outright Monetary Transactions) musste nie eingesetzt werden. Schon die Ankündigung reichte, um die Krise vorerst zu beenden.

Massenweise italienische Staatsanleihen in den Bankbilanzen

Doch nun scheint es, als komme die Krise zurück. Und das liegt vor allem an der Sorge, dass die dominierenden Parteien Italiens bei den Regeln der EZB einfach nicht mehr mitspielen wollen. Sie wollen weder sparen noch sich irgendwelchen Verschuldungszielen der Eurozone unterwerfen. Damit wäre aber auch die Hilfe aus dem OMT-Programm der EZB hinfällig. Das hat der scheidende EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio am Dienstag noch einmal sehr klar gemacht: Jede Intervention der Notenbank müsse "der Erfüllung unseres Mandats dienen" und "bestimmten Bedingungen" folgen, warnte Constâncio im SPIEGEL-Interview. "Italien kennt die Regeln. Sie sollten diese vielleicht noch einmal genau lesen."

Doch ganz so einfach wäre es für die EZB auch nicht, Italien einfach fallen zu lassen. Zum einen ist Präsident Draghi selbst Italiener - und will im Zweifelsfall sicher nicht als jener Mann in die Geschichte eingehen, der seinem Land die Rettung verweigert hat.

Zum anderen hält die EZB eine stattliche Summe italienischer Schulden in ihrer Bilanz: 341 Milliarden Euro in Form von Staatsanleihen, die die Notenbank im Zuge eines anderen Anleihekaufprogramms erworben hat. Bei diesem Programm ging es - anders als beim OMT - nicht in erster Linie um die Unterstützung klammer Eurostaaten, sondern darum, die Zinsen an den Finanzmärkten zu drücken und so die Kreditnachfrage und die Inflation zu steigern.

Das ist zumindest teilweise auch gelungen. Allerdings mit dem Nebeneffekt, dass die EZB nun Staatsanleihen in Billionenhöhe in ihrer Bilanz hat. Italien macht dabei nicht mal den größten Batzen aus, aber wahrscheinlich den derzeit gefährlichsten. Schließlich hatten Lega und Fünf Sterne in einem ersten Entwurf ihres Koalitionsvertrags auch die Forderungen auf einen Schuldenerlass reingeschrieben. Finanztechnisch wäre das ein Staatsbankrott.

Auch in den Bilanzen vieler Banken stecken massenweise italienische Staatsanleihen - besonders im Land selbst. Nach Angaben der italienischen Zentralbank lagen zuletzt Staatsanleihen im Volumen von rund 342 Milliarden Euro bei italienischen Banken. Die Finanzinstitute des Landes finanzieren den eigenen Staat also seit Jahren kräftig mit.

Deshalb rutschten auch die Bank-Aktienkurse in dieser Woche tief ins Minus. Die italienische Großbank Unicredit, in deren Bilanz nach eigenen Angaben rund 42 Milliarden Euro italienischer Staatsschulden schlummern, verlor seit Montag rund elf Prozent ihres Börsenwerts. Aber auch für Bankaktien aus anderen Euroländern ging es deutlich nach unten: Der Kurs der Commerzbank etwa sank um rund fünf Prozent. Bei der spanischen Banco Santander waren es zwischenzeitlich sogar mehr als zehn Prozent.

Zusammengefasst: Nach der gescheiterten Regierungsbildung in Italien geht es an den Finanzmärkten turbulent zu. Die wirtschaftliche Lage Italiens ist seit Langem schlecht: Das Land ist hoch verschuldet, die Wirtschaft wächst nur schwach und in den Bilanzen vieler Banken schlummern massenweise italienische Staatsanleihen. Nun wird vielen Anlegern klar, dass mit einer neuen Regierung, die sich explizit nicht mehr an die Regeln der Eurozone halten will, womöglich die Unterstützung der Europäischen Zentralbank wegfällt. Anleger fürchten sich deshalb vor einem Staatsbankrott.

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
stadtmusikant123 30.05.2018
1. irgendwas geht immer
Die maroden Staatsfinanzen verbauen die Wachstumsstrategie über "Schulden". Bleibt nur Reformen mit Sparpotential , oder Schuldenerlass. Dürfte alles nicht praktikabel und akzeptabel bei den Euro-Partnern sein. Oder die Italiener kopieren Trump : Steuersenkung für Unternehmen, Steuererhöhung bei Privathaushalten. Subventionsabbau geht auch immer usw.
claus7447 30.05.2018
2. Oh Bella italia,
Wer versteht schon unsre südlichen EU Nachbarn? Sie selbst? Ich glaube weder wir noch die meisten Italiener verstehen die komplette Situation. Aber man muss den Blick auf die Probleme des Landes richten: zuerst die Staatseffizienz, aber das Thema ist uralt und in den Genen verwurzelt, dann aber sollten wir ehrlich sein und DAS Thema was den italienischen Normalbürger beschäftigt: Flüchtlinge! Europa kann Mauern aufbauen, Grenzen kontrollieren, es wird sie nicht aufhalten. Italien und Griechenland bekommen die meiste Bürde aufgehalst, die EU und auch wir Deutschen schauen weg (solange es uns nicht trifft). Österreich hat bereits sich auf Grenzkontrollen am Brenner eingerichtet. Ich kann zumindest diesen Teil, der sich jetzt bei den Wahlen in Frust umgewandelt hat begreifen. Aber die EU ist gespalten, und bei einem weiter so zur Auflösung verdammt. Frau Merkel, wachen Sie auf, wenn die EU noch zu retten ist JETZT! Ansonsten wird es sehr traurig und schwieriger werden auch für Deutschland. Da darf sich niemand Illusionen machen! Und es wäre gut wir würden von unserer deutschen überzeugtest herunter, und demütig werden. Jetzt ein paar Milliarden verlieren ist billiger als später vor einem Trümmerhaufen zu stehen und zu lamentieren: ach hätten wir doch!
behemoth1 30.05.2018
3. Was ist los im €uroland?
Mit der Währungsunion wollte man einst eine stabile und unumkehrbares EU aufbauen, aber was ist daraus geworden? Helmut Kohls EU geht den Bach herunter, die Währungs und Finanzunion ist zum Spielball von einigen wenigen geworden, der Zusammenhalt auf poltischer Seite ist abhanden gekommen, die wirtschaftliche Situation und Finanzwelt in etlichen Ländern ist katastrophal, wie soll es nun weitergehen? War es das nun, vom gemeinsamen Haus Europa?
prophet46 30.05.2018
4. Bankrott
Die Italiener sind ja zumeist liebenswerte Menschen, aber anderseits wieder dei reinen Kinder, die ohne Not Ihren Staat an die Wand fahren, Hauptsache sie müssen wenig Steuern zahlen. . Sie sollten den Euro verlassen, da sie nicht reif für die Gemeinschaftswährung sind. . Lieferungen von Waren nach Italien werden künftig dann nur noch gegen Vorkasse abgegeben. Da werden uns sicher einige Hundert Milliarden flöten gehen aber das war in den letzten Jahren dank Null-Zinspolitik von Herrn Draghi ja schon so. Da die meisten italienischen Staatsanleihen im Besitz von Italienern sind, wäre bei einem Bankrott sie und die französischen Banken von einer Pleite hauptsächlich betroffen.. Das nächste Mal werden sie es sich sicher überlegen, ob sie ihr Land einem rechten Hasardeur und einem ehemaligen Kellner anvertrauen können.
kaiosid 30.05.2018
5.
Das ist doch alles Mist. Die haben 2.300 Mrd. Euro Schulden, 130% Defizit (60% sind laut Eurovertrag "erlaubt"; man schaue sich mal die Grafik an) Wie soll sowas jemals bezahlt werden? Das ist doch irre auch nur anzunehmen, dass es so weitergeht. Frankreich, Portugal und Spanien sind doch auch nicht unbedingt blühende Landschaften. Serh spannend, die ganze Angelegenheit.
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