Italienische Justiz Mit Razzien gegen die Rating-Riesen

Italiens Justiz knöpft sich die Rating-Agenturen vor - wegen ungewöhnlicher Kursbewegungen an der Mailänder Börse hat die Staatsanwaltschaft Geschäftsräume von Moody's und Standard & Poor's durchsucht. Das Pikante dabei: Es geht auch um die Herabstufung italienischer Staatsanleihen.

Moody's-Zentrale in New York: Nicht die ersten Vorwürfe gegen die Agenturen
Reuters

Moody's-Zentrale in New York: Nicht die ersten Vorwürfe gegen die Agenturen


Mailand - Italien und die Rating-Agenturen - eine Liebesgeschichte wird das nicht mehr. Im Mai hatte die Agentur Standard & Poor's (S&P) den Ausblick für Italien auf negativ gesenkt - und damit für Aufruhr an den Finanzmärkten gesorgt. Im Juni mussten Mitarbeiter der Agentur deshalb zum Rapport bei der italienischen Börsenaufsicht.

Nun geht die Staatsanwaltschaft offenbar noch einen Schritt weiter. Am Mittwoch hätten Ermittler Geschäftsräume von S&P sowie von Moody's in Mailand durchsucht und Material beschlagnahmt. Es gehe um die Frage, ob sich die beiden Agenturen in ihrer täglichen Arbeit an die Regeln des Geschäfts gehalten hätten, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft im süditalienischen Trani.

S&P und Moody's betonten, sich stets korrekt verhalten zu haben und erklärten sich zur Zusammenarbeit mit den Staatsanwälten bereit.

Den Ermittlungen liegen Strafanzeigen zweier Verbraucherverbände vor. In einer der Anzeigen wird die Veröffentlichung eines Moody's-Berichts im Mai 2010 bemängelt, in dem vor Ansteckungsgefahren der Griechenland-Krise für die italienischen Banken gewarnt wird.

Die zweite Anzeige richtet sich gegen S&P. Nachdem die Agentur im Mai dieses Jahres mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens gedroht hatte, waren die Aktienkurse an der Mailänder Börse dramatisch gefallen. Untersucht wird laut Staatsanwaltschaft auch, ob hinter Kursstürzen am 8. und 11. Juli kriminelle Machenschaften stecken. Damals waren viele Anleger aus Angst vor einem Übergreifen der Schuldenkrise aus den Aktien geflüchtet.

Die drei großen Rating-Agenturen standen und stehen aber auch in anderen Ländern und Fällen in der Kritik. Im Zusammenhang mit der US-Immobilienkrise in den Jahren 2007 und 2008 gerieten sie in die Defensive, weil sie gebündelte Hypothekenkredite zu gut bewertet hatten. Auch damals gab es staatsanwaltschaftliche Untersuchungen.

Bisher wurde Moody's, Fitch und S&P allerdings kein illegales Verhalten nachgewiesen. Das liegt auch an der fehlenden Rechtsgrundlage. Die Agenturen geben mit ihren Bonitätsnoten nur Meinungen ab, für die sie nicht haftbar gemacht werden können. Anders wäre die Lage aber wohl, wenn zum Beispiel Mitarbeiter der Agenturen Insider-Informationen weitergegeben oder für Aktiengeschäfte genutzt hätten.

In der europäischen Schuldenkrise wird den Agenturen vorgeworfen, die Lage der Problemländer mit ihren kritischen Urteilen zu verschlimmern. Italien steht spätestens seit dem S&P-Bericht vom März im Visier der Finanzmärkte. Die Aktienkurse sind so niedrig wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen sind deutlich gestiegen.

Doch nicht nur die Rating-Agenturen hegen Zweifel an der Bonität des Landes. Noch pessimistischer schätzt das britische Wirtschaftsforschungsinstitut Centre for Economics and Business Research (CEBR) die Lage ein. "Realistischerweise steht Italien an der Grenze zur Zahlungsunfähigkeit", schreibt der Chef des Instituts, Douglas McWilliams, in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie.

Wenn der Markt weiterhin Zinsen von sechs Prozent für italienische Staatsanleihen verlange und die Wirtschaft wie derzeit nicht wachse, drohe der Verschuldungsgrad bis 2017 von 128 Prozent auf 150 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zu steigen.

stk/Reuters/dpa-AFX

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rondon 04.08.2011
1. Ursachenforschung
Die Ratingriesen sind aber nicht das Problem...die Ursachen liegen viel Tiefer in der Ausgestaltung des Systems. Das wird aber aufgrund des Journalistenstreiks nun nicht geschrieben: http://the-babyshambler.com/2011/08/04/der-journalistenstreik/ "Das geheime Treffen zahlreicher führender Chefredakteure aus Print und TV am 8. Oktober 2008 in Angela Merkels Kanzleramt hat wohl einen entschiedenden Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Viel ist von diesem mehr als geheimen Treffen nicht bekannt, ausser das Merkel die Chefredakteure um folgendes im Jahr der Finanzkrise bat: „…zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.“" "Wir müssen sie aufrütteln und ihnen Wege aus ihrer fehlerhaften Informationsbeschaffung aufzeigen. Verlinkt gute Artikel, informiert euer Umfeld und druckt bzw. kopiert gute Artikel, um sie dann zu verteilen. Besonders an die, die selbst keine Internetaktivisten sind. Dies muss generationsübergreifend geschehen."
juharms, 04.08.2011
2. Hui
Hätte nicht gedacht, dsas eine simple Anzeige derartige Auswirkungen haben könnte. Könnte in den anderen Länder des EURO Nachahmer finden....spätestens seit der letzten Kursbewegung in den europäischen Aktienmärkten.
Regulisssima 04.08.2011
3. Staatsanwaltschaft im süditalienischen Trani
Das wird noch interessant ! Die Mafia, die den italienischen Staat seit Jahren finanziert, hat zwei Möglichkeiten: Entweder schreibt sie mehrere hundert Milliarden Euro Staatsanleihen ab oder sie entwickelt realistische legale Konzepte, um das zu verhindern. Dass dieses Gesindel allerdings die Anforderungen an legitime Unternehmer erfüllen kann, scheint zweifelhaft, sonst wär es das ja schon längst. Jetzt wird auch die Mafia von der Realität eingeholt.
mardas 04.08.2011
4. Pate:
"Luigi, da ist jemand, der uns nicht mag, der möchte unseren maroden, überschuldeten Staatshaushalt als marode und überschuldet darstellen. Das darf nicht passieren, schnapp dir Mario und Giovanni und schüchtere ihn ordentlich ein."
RichardT, 04.08.2011
5. ***
Zitat von sysopItaliens Justiz knöpft sich die Rating-Agenturen vor -*wegen ungewöhnlicher Kursbewegungen an der Mailänder Börse hat die Staatsanwaltschaft Geschäftsräume von Moody's und Standard & Poor's durchsucht. Das Pikante dabei: Es geht auch um die Herabstufung italienischer Staatsanleihen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,778485,00.html
Welchen Sinn und Zweck solche Agenturen haben wird sich mir nicht so schnell erschließen - wenn man den Zweck der psychologischen Manipulation nun einmal gutwillig ausschließt ....
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