Jaguar Land Rover: Alu-Monster für die globale Oberschicht

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Jaguar Land Rover: Die Katze schnurrt wieder Fotos
Land Rover

BMW ist gescheitert, Ford hat es nicht gepackt - erst der indische Billiganbieter Tata brachte Jaguar und Land Rover wieder auf Erfolgskurs. Der Boom der vormals siechen britischen Automarken gibt einer ganzen Region neue Hoffnung.

Solihull ist die Geburtsstätte des Land Rover. 1948 wurden hier auf dem Gelände einer ehemaligen Panzermotorenfabrik nahe Birmingham die ersten der unverwüstlichen Geländewagen gebaut. Doch alte Ziegelgebäude aus der Nachkriegszeit sucht man heute vergebens. Überall wachsen weiße Stahlgerippe in die Höhe. Zwei neue Produktionshallen sind im Bau, um den globalen Hunger nach britischen Geländewagen zu befriedigen.

Seit der indische Autobauer Tata im Frühjahr 2008 die Jaguar-Land-Rover-Gruppe übernommen hat, herrscht Aufbruchstimmung in Solihull. Die Umsatzkurve weist steil nach oben, die Absatzzahlen haben sich in vier Jahren verdoppelt. Die Belegschaft ist von 14.000 auf 25.000 gewachsen. Als Nächstes steht die Expansion ins Ausland an: Außer den drei Werken in Großbritannien sind zum ersten Mal eine Fertigung in China sowie Montagewerke in Saudi-Arabien und Brasilien geplant.

"Wir sind gut unterwegs", sagt Firmenchef Ralf Speth zufrieden. Der Deutsche hat sein Handwerk ursprünglich bei BMW gelernt. Seit 2007 ist er für Jaguar und Land Rover verantwortlich. Damals gehörten die Marken noch zur Premier Automotive Group des US-Konzerns Ford.

Der Erfolg unter Tata ist umso bemerkenswerter, als die vorherigen Eigentümer BMW und Ford jahrelang vergeblich ihr Glück versucht hatten. Beide schlossen ihr Engagement mit hohen Verlusten ab.

"Die Zeiten waren einfach andere", sagt Speth. Er will nicht in der unrühmlichen Vergangenheit stochern. Lieber redet er über die glänzende Gegenwart. Das Erfolgsrezept von Tata klingt simpel: Die Zentrale in Indien stellt reichlich Kapital zur Verfügung und lässt den Managern vor Ort großen Spielraum, um alle fachlichen Entscheidungen zu treffen. Für die nötige Nachfrage sorgt die rasch wachsende zahlungskräftige Mittelschicht in vielen Schwellenländern, in denen die britischen Luxusmarken ebenso als Statussymbol gelten wie in Hamburg-Eppendorf.

"Britishness" ist das wichtigste Attribut

Dieser Klientel wird in Solihull durchaus etwas geboten. Hier steht mittlerweile ein neues Besucherzentrum, wo Kunden ihre Autos direkt am Werk abholen können. Im Vergleich zu den glitzernden Autowelten von BMW und VW wirkt das eiförmige Gebäude bescheiden. Dafür dürfen Kunden sich mit ihren Autos durch den Offroad-Parcours der "Land Rover Experience" wühlen. Auf diesem Gelände wurden einst die ersten Modelle getestet. Heute können Fahrer ihre Geländewagen über steile Hügel, Schlaglöcher und sogar Treppen jagen. Der Höhepunkt ist das schlammige Wasserloch: Bis zu 90 Zentimeter Wassertiefe kann der Range Rover bewältigen, ohne dass die Kabine nass wird.

Auch die Firmenzentrale in Whitley ist brandneu. An dem Parkplatz direkt neben dem Eingang steht in großen Lettern: CEO. Hier parkt der Chef. Speth fährt selbst am liebsten Sportwagen. Er schwärmt vom neuen Jaguar F-Type. Das sei ein echter Jaguar, "der macht Spaß". Wie alle Automanager spricht Speth gern von der "DNA" seiner Wagen. "Britishness" ist für ihn das wichtigste Attribut, auch wenn er das nicht genau definieren kann.

Speth mag persönlich den Jaguar bevorzugen - doch für den Erfolg des Unternehmens sorgen vor allem die Geländewagen der Marke Land Rover. In der Fabrik in Solihull gleiten silbrig glänzende Karrosseriegerippe das Fertigungsband entlang. Roboter nieten die Teile zusammen. Der neue Range Rover ist fast komplett aus Aluminium. Das spart Gewicht und Benzin. Land Rover waren in der Nachkriegszeit die ersten Autos, die mit Aluminiumteilen ausgestattet waren. Nun stellt die Firma den Geländewagen mit dem größten Aluminiumanteil der Welt her.

Der Boom bei Jaguar Land Rover verbessert die Stimmung in der gesamten Region. Die Midlands, einst Zentrum der britischen Autoindustrie, haben schwere Zeiten hinter sich. Nun herrscht Arbeitskräftemangel. Händeringend sucht Jaguar Land Rover nach gut ausgebildeten Fachkräften. Zulieferer klagen, dass ihre besten Leute zu dem Autobauer abwandern. Speth wirbt schon seit Jahren für mehr Ausbildung. Die Lage habe sich bereits verbessert, sagt er. Die Ingenieursberufe, in England lange mit einem Makel behaftet, erlebten eine Renaissance.

Jaguar Land Rover ist nicht der einzige britische Autobauer, der von der steigenden globalen Nachfrage im Luxus-Segment profitiert. Auch Rolls-Royce und Bentley melden Rekordzahlen. Wenn man noch die ausländischen Massenhersteller wie Nissan und Toyota hinzurechnet, die große Fabriken in Großbritannien betreiben, dann macht die lange totgesagte britische Autobranche wieder einen quicklebendigen Eindruck. Das Land exportiert zum ersten Mal seit den siebziger Jahren wieder mehr Autos, als es importiert. 2012 war ein Rekordjahr mit einer Produktion von 1,6 Millionen Fahrzeugen.

Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Auch Land Rover will nachlegen: Die beiden neuen Hallen in Solihull sind für neue Produkte vorgesehen. Nach dem Riesenerfolg des Einsteigermodells Range Rover Evoque, der nach der Einführung vor zwei Jahren umgehend zum Bestseller wurde, soll die Produktpalette weiter ausgeweitet werden. "Warten Sie es ab", sagt Speth geheimnisvoll.

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1.
glen13 11.07.2013
Zitat von sysopBMW ist gescheitert, Ford hat es nicht gepackt - erst der indische Billiganbieter Tata brachte Jaguar und Land Rover wieder auf Erfolgskurs. Der Boom der vormals siechen britischen Automarken gibt einer ganzen Region neue Hoffnung. Jaguar Land Rover: Goldgräberstimmung in Solihull - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jaguar-land-rover-goldgraeberstimmung-in-solihull-a-909432.html)
Als der indische Tata - Konzern 2008 die Marken übernahm, wurden alle Vorurteile mobilisiert. Nun würden die Edelmarken verramscht. die Qualität würde leiden etc. Genau das Gegenteil trat ein. Was BMW und Ford nicht schafften, gelang den Indern. Wie armselig ist das Bild, was unsere tollen Autobauer hier abgegeben haben. Und Glückwunsch an Tata.
2. Maggie:
marty_gi 11.07.2013
"Die Ingenieursberufe, in England lange mit einem Makel behaftet, erlebten eine Renaissance."....tja, das wollte Maggie ja irgendwie so, dass man nichts mehr selbst produzieren muesse. Woran GB letztlich heftigst erkrankt ist. Und sich nun wieder im Aufwand befindet, wie man sieht, angetrieben von der einstigen Kolonie. Waere schoen, wenn das auch anderswo (und langfristig) wieder eingesehen werden wuerde, das "Make" sehr oft fuer alle besser ist als "Buy".
3. Evoque ?
dasbeau 11.07.2013
Um den mach ich immer einen großen Bogen. Egal ob zu Fuß, mit dem Rad oder auch im Auto. Wie man ein solches Auto, das lediglich Schießscharten als Fenster besitzt, für die Straße zulassen kann, ist mir ein Rätsel. Aber wahrscheinlich muss man in dem Auto auch nicht sehen, was um einen herum passiert, man sitzt ja schließlich im Panzer.
4. ungelöstes Rätsel der Wirtschaftsgeschichte...
whiskybear 11.07.2013
was BMW damals wohl geritten hat, Land Rover zusammen mit Rover abzugeben, ist mir nicht erklärlich. Das neue Modell Freelander war zwar hässlich, lief aber gut und da BMW ohnehin die eigenen X-Modelle etablieren wollte, war doch absehbar, dass man dort einige Ersparnisse bei der Entwicklung realisieren können würde. Dass man bei Rover keine Hoffnung auf eine Wende mehr hatte, ist nicht verwunderlich, aber mit Land Rover hätte BMW mindestens genausdo viel Spaß haben können wie mit der Mini-Familie.
5. Äpfel und Birnen?
j.w.pepper 11.07.2013
Zitat von sysopBMW ist gescheitert, Ford hat es nicht gepackt Jaguar Land Rover: Goldgräberstimmung in Solihull - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jaguar-land-rover-goldgraeberstimmung-in-solihull-a-909432.html)
Man sollte vielleicht der Fairness halber erwähnen, dass BMW damals nicht Jaguar und Land Rover, sondern die Rover Group (ohne Jaguar) erworben hat und die herkömmliche Pkw-Sparte nicht in den Griff bekam. Land Rover wurde schließlich als Tafelsilber an Ford verkauft, der neuentwickelte Mini blieb (erfolgreich) bei BMW, und die restliche Rover Group ging nach der Veräußerung für 10 Pfund(!) alsbald pleite. Klar war das keine Ruhmesblatt von Pischetsrieder und Reitzle. Die Ausgangssituation war aber eine ganz andere als jetzt, wo Tata von vornherein zwei Premium-Marken ohne lästigen Allerweltsanhang übernommen hat.
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