Von Stefan Kaiser, Frankfurt am Main
Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als falle Anshu Jain in alte Muster zurück. Man wolle eine Rendite von "zwölf Prozent oder mehr", sagt der neue Chef der Deutschen Bank. "Aber nicht viel mehr", schiebt er nach kurzem Zögern eilig hinterher. Das war knapp. Beinahe hätte Jain gegen die neue Bescheidenheitsregel verstoßen, die sich die Bank offenbar auferlegt hat.
Wer die neuen Chefs bei ihrer Regierungserklärung beobachtet, mag kaum glauben, was sich dort abspielt. Da räsoniert die ehemalige Gewinn-Maschine Anshu Jain über die neue Kultur, die die Bank in der Branche etablieren wolle. "Nirgendwo ist der kulturelle Wandel so wichtig wie im Investmentbanking", sagt Jain. Und sein Co-Chef Jürgen Fitschen setzt noch einen drauf: Kollegen, die "nur zur Deutschen Bank kommen, weil sie schnell reich werden wollen", wolle man lieber nicht mehr haben.
Die Deutsche Bank macht Ernst mit dem Imagewandel. Sogar den Slogan "Leistung aus Leidenschaft" wolle man möglicherweise abschaffen, sagt Fitschen. Noch sei man sich da aber nicht so sicher.
Der Bruch mit der alten Zeit ist allgegenwärtig. Selbst die Sitzordung im Frankfurter Hermann-Josef-Abs-Saal haben die Chefs ändern lassen. Die Journalisten sind jetzt näher dran an den Vorständen. Auch das soll wohl ein Zeichen sein für die neue Offenheit.
Doch wie ernst darf man Jains und Fitschens Willensbekundungen nehmen? Schließlich waren beide Teil des alten Finanzregimes, das mehr auf schnelle Gewinne denn auf nachhaltige Entwicklung setzte und die Welt im Jahr 2008 in eine gigantische Krise stürzte. Jain war vielleicht sogar ein Protagonist dieses Regimes.
Tatsächlich ist der nun propagierte Kulturwandel wohl eine Mischung aus Einsicht, geschickter Vermarktung und ökonomischer Notwendigkeit. Allen Beteiligten ist klar, dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bis 2008. Und wenn man selbst ein bisschen Reue zeigt, wird die Reaktion der Politik die Bankenbranche vielleicht nicht ganz so hart treffen. Die alten Rendite- und Gewinnrekorde sind ohnehin kaum mehr zu erreichen.
Das Beispiel Boni zeigt, worum es geht: Die Bank will die Zuschläge für Führungskräfte künftig erst nach fünf Jahren auszahlen und nicht wie bisher gestaffelt über drei Jahre. "Wir werden die Boni kürzen, die an den Geschäftserfolg geknüpft sind", kündigte Jain an. Zudem soll ein unabhängiges Expertengremium mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft die gesamte Vergütungspraxis des Konzerns überprüfen.
Das klingt gut, ergibt aber durchaus auch einen betriebswirtschaftlichen Sinn: Mit den einbehaltenen Boni kann die Bank ihr knappes Eigenkapital stärken und den Gewinn in die Höhe treiben. Im vergangenen Jahr schüttete die Bank insgesamt 3,5 Milliarden Euro an Boni aus. "Hochbezahlte Manager sind der größte Kostenfaktor", sagt Jain. Und die Kosten sollen ja schließlich sinken. Insgesamt 4,5 Milliarden Euro pro Jahr will die Bank bis 2015 einsparen. Unter anderem sollen mindestens 1900 Stellen wegfallen.
Auch das Ziel von zwölf Prozent Rendite auf das Eigenkapital ist nicht ganz so bescheiden, wie es zunächst klingt. Denn es geht dabei um die Rendite nach Steuern - und die ist nur bedingt mit den 25 Prozent vor Steuern zu vergleichen, die Josef Ackermann einst als Ziel ausgegeben hatte. Rechnet man die Steuern rein, streben auch die neuen eine Rendite von etwa 18 Prozent an. "Wir werden nicht vergessen, dass wir den Aktionären attraktive Renditen schulden", sagte Co-Chef Fitschen.
In diesen Zeiten ist das neue Ziel sogar ziemlich ambitioniert. Nach der Finanzkrise wurden weltweit die Bankenregeln verschärft. Besonders große Institute müssen heute deutlich mehr Eigenkapital für riskante Geschäfte vorhalten als noch vor wenigen Jahren. Und da sich die Rendite als Quotient aus Gewinn und vorhandenem Eigenkapital errechnet, sinkt sie automatisch, sobald das Eigenkapital steigt.
Wenn man all dies beachtet, bleiben am Ende noch zwei Dinge übrig, die die neue Strategie der Deutschen Bank vor allem ausmachen: Jain und Fitschen wollen die Aktionäre befriedigen und zugleich ein besseres Bild in der Öffentlichkeit abgeben. Man brauche eine "Balance zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und wirtschaftlichem Erfolg", beschreibt Fitschen diesen Spagat.
Bei den Aktionären kamen die Ankündigungen am Dienstag jedenfalls gut an. Der Aktienkurs
schoss zeitweise um mehr als drei Prozent nach oben.
Fitschen stimmte die Investoren derweil schon für die Zeit nach der Krise ein. Dann wolle man wieder stärker auf das Ertragswachstum setzen, sagte der Top-Manager. "In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Für uns ist es klar, dass wir zu den Gewinnern zählen wollen." Das klang dann endlich wieder nach der alten Deutschen Bank.
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