Japan-Beben Toyota-Kunden müssen auf Autos warten

Erst fiel die Produktion in Japan aus, dann in den USA - jetzt müssen Autokäufer in Europa auf Neuwagen warten. Beim weltgrößten Hersteller Toyota stehen wegen Problemen bei Zulieferern die Bänder still. Japans gesamte Wirtschaft muss noch lange mit den Folgen des Bebens kämpfen.

Toyota-Produktion in Japan: Keine Pläne nach dem 9. Mai
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Toyota-Produktion in Japan: Keine Pläne nach dem 9. Mai


Tokio/Köln - Die Folgen des Erdbebens in Japan werden zur Belastungsprobe für den Autobauer Toyota. Nicht nur im Heimatland und in den USA gibt es Produktionsprobleme. Jetzt bremsen die Folgen der Naturkatastrophe auch die Fertigung in Europa.

Das bekommen auch die Kunden in Deutschland zu spüren. Wer in diesen Tagen einen Toyota bestellt, braucht Geduld. Bislang mussten Käufer für einen Neuwagen nach ihren Wünschen bereits drei bis vier Monate Lieferzeit einkalkulieren. "Das wird sich noch verlängern", sagte eine Toyota-Sprecherin am Mittwoch in Brühl. Sie sprach von mindestens vier Wochen zusätzlicher Wartefrist. Betroffen seien die Modelle Auris, Avensis, Verso und Yaris, nicht aber der Aygo.

Der weltgrößte Autobauer stellt zwischen dem 21. April und dem 2. Mai die europäische Produktion für acht Tage komplett ein, weil es Lieferengpässe bei den Bauteilen infolge des Erdbebens gibt. Betroffen sind davon fünf Werke, wie der Konzern am Mittwoch in Tokio erklärte. Bei den Standorten handelte es sich nach Angaben von Toyota um drei Fabriken in Großbritannien, Frankreich und der Türkei sowie zwei weitere Motorenwerke in Großbritannien und Polen. Nach Ablauf der Frist sollten die Werke wieder mit eingeschränkter Kapazität arbeiten.

Vor Europa hatten bereits die USA die Schockwellen des Toyota-Desasters zu spüren bekommen. Anfang April musste der Hersteller seine Werke in Nordamerika vorübergehend schließen, weil wichtige Bauteile fehlten. Etwa 15 Prozent der Toyota-Komponenten für die in Nordamerika hergestellten Fahrzeuge kommen aus dem Heimatland des Konzerns. Zuvor hatte das Unternehmen bereits Überstunden und Samstagsarbeit gestrichen und auf Lagerbestände zurückgegriffen.

Jetzt hat der japanische Hersteller seine Händler in den USA darauf vorbereitet, dass es während des Sommers zu Lieferengpässen kommen kann. "Wir wissen nicht, auf welchem Niveau die Produktion von Mai bis Juli laufen wird", schrieb US-Verkaufschef Bob Carter in einem Brief an die Autoverkäufer. "Es besteht die Möglichkeit, dass es zu merklichen Auswirkungen auf die Belieferung mit neuen Fahrzeugen im Sommer kommen wird." Mehrere US-Medien zitierten am Montag und Dienstag aus dem Schreiben. Es ist eines der eindringlichsten Warnsignale, dass die Probleme bei vielen Autoherstellern jetzt erst richtig anfangen.

Zerstörung bei den Zulieferern

Die Erdstöße der Stärke 9,0 und der nachfolgende Tsunami hatten die Fertigungsanlagen von Automobilzulieferern im Nordosten von Japan Anfang März in Teilen zerstört. Daraufhin kam es zu Lieferschwierigkeiten bei Toyota und anderen Autobauern. Toyota musste die Produktion deshalb aussetzen. Erst langsam laufen die Bänder wieder an. Die Woche ab dem 18. April gilt als Probelauf. Ende April soll die Arbeit dann in allen Werken wieder aufgenommen werden, allerdings nur bei halber Kapazität. Wann die Betriebe wieder unter Volllast arbeiten, sei noch nicht klar, erklärte Toyota. Für die Zeit nach dem 9. Mai gebe es noch keine Produktionspläne.

Die aktuellen Zahlen zeigen die gravierenden Folgen: Nach Angabe von Toyota entstand während der Ausfallzeit vom 14. März bis zum 8. April in Japan ein Produktionsverlust von 260.000 Fahrzeugen. In Europa seien 50.000 und in Nordamerika 35.000 Autos weniger gefertigt worden. Die Querelen könnten auch Spuren in der Bilanz hinterlassen. Autoanalyst Mamoru Kato sagte, wenn sich der Bauteileengpass noch länger hinziehe, werde Toyota Chart zeigen im Quartal von April bis Juni wohl einen großen Verlust einfahren.

Anderen japanischen Herstellern wie Honda oder Nissan drohen ähnliche Probleme. Selbst die US-Autobauer sind betroffen. So musste General Motors zeitweise eine Pick-up-Fabrik schließen, weil Elektronikteile fehlten. Auch die deutsche Tochter Opel hielt kurzzeitig in Eisenach und im spanischen Saragossa die Bänder an. Ford warnte am Montag, dass der Gewinn wegen der Ausfälle leiden könnte, wenngleich nicht im großen Maße.

Japans Wirtschaft am Boden

Das Erdbeben, der darauf folgende Tsunami und die Atomkatastrophe in Fukushima haben nicht nur die japanische Autobranche schwer getroffen. So ist der Tourismus weitgehend zusammengebrochen, nachdem mehrere Länder wegen des Atomunfalls Reisewarnungen herausgaben. Auch Importe japanischer Lebensmittel werden aus Sorge vor Strahlung in immer mehr Ländern verboten.

Die Regierung senkte wegen der Folgen des Bebens am Mittwoch erstmals ihre Wachstumsprognose. Die japanische Wirtschaft zeige "Schwäche", hieß es im Monatsbericht für April. Ein Grund seien neben einem Rückgang der Produktion durch Stromausfälle auch geringere Verbraucherausgaben seit den Naturkatastrophen. Es sei eine "Dämpfung der Konsumlaune" zu erwarten, sagte der japanische Wirtschaftsminister Kaoru Yosano. Er rechne aber mit einer Konjunkturerholung bis zum Jahresende.

Die Regierung erhöhte ihre Schätzung der Schäden auf bis zu 300 Milliarden Dollar. Die Versicherungsbranche muss nach Einschätzung der Risikomodellierungsfirma RMS für bis zu 34 Milliarden Dollar geradestehen. Damit haben nun alle drei großen US-Spezialisten für Risikomodellierungen ihre Prognose abgegeben. Falls das obere Ende ihrer Schätzungen zutrifft, wäre das Japan-Beben die zweitteuerste Naturkatastrophe für die Versicherungsbranche in den vergangenen Jahrzehnten - nur überboten vom Hurrikan "Katrina", der 2005 die US-Südstaatenmetropole New Orleans verwüstete.

Japan will den Wiederaufbau auch beim G-20-Treffen am Donnerstag ansprechen. Regierung und Zentralbank haben bereits angekündigt, Milliarden dafür bereitzustellen, die Banken zu stützen und ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern. Allerdings sind die Möglichkeiten für einen Sonderhaushalt wegen der bereits hohen Verschuldung Japans begrenzt. Medienberichten zufolge will die Regierung mit weiteren umgerechnet acht Milliarden Euro nun auch gezielt vom Beben betroffene Unternehmen fördern, um Arbeitsplätze zu sichern. Die Bank von Japan hat gleichfalls ein Notprogramm für die Banken in Aussicht gestellt. Auch hielt sie in der vergangenen Woche an ihrer lockeren Geldpolitik fest und hat dem Markt bereits zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt.

Analysten sagten, das Land habe sich schon vor der Katastrophe auf Schrumpfkurs befunden. "Wir waren bereits in der Rezession", sagte Takuji Okubo, Societé-Générale-Chefvolkswirt für Japan. "Dieses Mal wird die Industrieproduktion länger brauchen, bis sie sich erholt, einfach weil die Liefersysteme viel komplizierter geworden sind."

dab/dpa/dapd

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Umbriel 13.04.2011
1. Kauftip: VW Aktie
mehr muß man dazu kaum sagen
Hercules Rockefeller, 13.04.2011
2. Ende von Toyota
Das Problem Japans ist doch nicht mehr wirklich zu lösen, so groß ist es ja leider nicht, dass japanische Hersteller garantieren können, keinerlei kontaminierte Bauteile im Fertigungsprozess zu haben. Theoretisch gehen japanische Marken nur noch, wenn sie ausserhalb des Landes produziert werden, so paradox das klingen mag. Ich möchte jedenfalls kein Auto erwerben, in dem die Extraportion Atom in jedem Bauteil lauern könnte. Japan wollte Atom, nun hat es Atom. Der Rest wird Geschichte...
archie, 13.04.2011
3. Meinung
Das Problem von radioaktiv verseuchten Produkten wird von den Menschen in seinen Dimensionen noch gar nicht realisiert. Auch in deutschen Autos sind Teile aus Japan. Und was ist mit Computern, Cameras, Handys, etc. Nur ein Teilchen muss aus Japan kommen und das ganze Ding strahlt. Strahlendes Tchernobyl-Altmetall fand sich in deutschen Gebrauchsgegenständen wie Schlüssel. Wer sagt denn, dass die Schraube unseres Ikea- Kinderbettes nicht strahlt? Müssen wir uns alle nun Geigerzähler kaufen, um uns vor radioaktiven Konsumgütern zu schützen oder vertrauen wir unserem Staat, der schon auf uns aufpasst?
vonStroheim 13.04.2011
4. Wiederverkaufswert?
Um japanische Autos werde ich in Zukunft einen großen Bogen machen. Selbst wenn die Fahrzeuge oder Ersatzteile nicht radioaktiv kontaminiert sind, dürfte es den Firmen schwer fallen dieses den Kunden klar zu machen, was dann arg auf den Wiederverkaufswert dieser Fahrzeuge drücken wird. Aber das dürfte nicht nur für Autos gelten, sondern für alle in Japan gefertigten Produkte.
denkpanzer 13.04.2011
5. Don't panic!
Zitat von Hercules RockefellerDas Problem Japans ist doch nicht mehr wirklich zu lösen, so groß ist es ja leider nicht, dass japanische Hersteller garantieren können, keinerlei kontaminierte Bauteile im Fertigungsprozess zu haben. Theoretisch gehen japanische Marken nur noch, wenn sie ausserhalb des Landes produziert werden, so paradox das klingen mag. Ich möchte jedenfalls kein Auto erwerben, in dem die Extraportion Atom in jedem Bauteil lauern könnte. Japan wollte Atom, nun hat es Atom. Der Rest wird Geschichte...
Ich kann Sie beruhigen, auch die Konkurrenzprodukte werden aus Atomen gefertigt. Don't panic!
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