Japan Deutsche Firmen holen Mitarbeiter nach Hause

Deutsche Firmen haben begonnen, ihre Mitarbeiter aus Japan auszufliegen. Unternehmen wie der Maschinenbauer Trumpf sorgen sich besonders: Sie haben ihre Produktionsstätte in unmittelbarer Nähe der Katastrophen-Atommeiler.

Flughafen Narita bei Tokio: Viele versuchen einen Flug in die Heimat zu bekommen
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Flughafen Narita bei Tokio: Viele versuchen einen Flug in die Heimat zu bekommen

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Hannover/München/Berlin - Bei deutschen Unternehmen wächst die Angst um ihre Mitarbeiter in Japan: "Wir beobachten die Entwicklung mit großer Sorge", sagte ein Sprecher des baden-württembergischen Maschinenbauers Trumpf gegenüber manager magazin. Das Unternehmen betreibt eine Produktionsstätte für Automatisierungskomponenten in Fukushima, etwa 80 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt.

Trumpf beschäftigt in Nordjapan an zwei Standorten 130 Mitarbeiter, davon 30 in Fukushima. Die deutschen Mitarbeiter und ihre Familien - zusammen etwa 20 Personen - habe das Unternehmen bereits ausgeflogen. An dem Firmengebäude in Fukushima sei durch das Erdbeben ein Sachschaden entstanden.

Fast alle deutschen Firmen, die Mitarbeiter in Japan beschäftigen, reagieren auf die Erdbebenkatastrophe. Die meisten sehen nach den dramatischen Ereignissen in Japan ihre dortigen Beschäftigten allerdings derzeit außer Gefahr. Das gilt für Daimler ebenso wie für Siemens , Bosch oder Bayer . Viele haben Krisenstäbe eingerichtet.

Der baden-württembergische Hersteller von Hochdruckreinigern, Kärcher, musste seine Aktivitäten in Japan vorübergehend einstellen. "Unsere Zentrale ist nicht funktionsfähig", sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber manager magazin. Zu schaffen machen den 200 Beschäftigten Probleme mit der Telefonanlage und dem Zugang zu den firmeneigenen Datennetzen.

Das Gebäude in der vom Tsunami besonders heftig getroffenen Hafenstadt Sendai sei allerdings nicht komplett zerstört. Kein Mitarbeiter werde vermisst. Dem Sprecher zufolge überlegt das Unternehmen bereits, wie es mit seinen ebenfalls zur Produktpalette gehörenden Trinkwasseraufbereitungsanlagen helfen könne.

Die deutschen Großkonzerne blieben von Zerstörungen weitgehend verschont. Daimler hat wegen der Erdbebenkatastrophe die Produktion seines japanischen Nutzfahrzeuggeschäfts gestoppt. Auch die Verwaltung bei der japanischen Tochter Mitsubishi Fuso bleibe aus Sicherheitsgründen in dieser Woche geschlossen, sagte ein Unternehmenssprecher am Montag in Stuttgart. Unter den 12.836 Mitarbeiter gebe es nach bisherigem Kenntnisstand keine Verletzten. Ein Großteil der Angehörigen deutscher Mitarbeiter sowie Dienstreisende seien schon auf dem Rückweg.

Beim weltgrößten Autozulieferer Bosch sind wegen der äußerst unsicheren Lage die ersten 200 Mitarbeiter und deren Angehörige aus Japan ausgeflogen worden. Der Stuttgarter Konzern hat 36 Standorte mit rund 8000 Beschäftigten in Japan. Neben Werken für die Fertigung gibt es auch Entwicklungs- und Vertriebsstandorte.

TÜV beginnt Strahlenmessungen

"Zum Glück haben wir keine Toten oder Verletzte zu beklagen", berichtete ein Unternehmenssprecher. Da es keine Brände in den Werken gegeben habe und die Schäden im Rahmen blieben, sei die Produktion zum größten Teil wieder hochgefahren worden. Die Höhe der Schäden könnten noch nicht abgeschätzt werden.

Der Siemens-Konzern teilte mit, alle 2500 Mitarbeiter und ihre Familien in Japan befänden sich in Sicherheit. Auch Volkswagen gab bekannt, nach bisherigen Erkenntnissen seien alle Mitarbeiter unversehrt. An den Gebäuden sei ebenfalls kein Schaden entstanden, sagte ein Sprecher. Volkswagen hat rund 600 Mitarbeiter in Japan - einschließlich aller Konzernmarken seien es 1100 Beschäftigte, darunter gut 40 Deutsche.

Die Beschäftigten, die sich jetzt um dringende familiäre Dinge kümmern müssten, könnten von der Geschäftsführung freigestellt werden, teilte Volkswagen mit. Reisen nach Japan seien bis auf weiteres abgesagt. Mitarbeiter, die mit ihren Familien ausreisen möchten, könnten dies tun. Ein Flug werde organisiert. Wie viele sich für eine Heimreise entschieden haben, konnte der Sprecher noch nicht sagen.

Volkswagen stellt Mitarbeiter frei

Volkswagen unterhält kein Werk in Japan. Es gibt ein Technikcenter in Tokio, eine Vertriebsgesellschaft in Toyohashi und ein gemeinsames Büro mit Suzuki in Hamamatsu. Der VW-Konzern ist an Suzuki beteiligt. Auf die Produktion von Volkswagen etwa wegen möglicherweise ausbleibender Zulieferteile gebe es bislang keine Auswirkungen. Was, in welchem Volumen und an welche Standorte Volkswagen Lieferungen aus Japan erhält, dazu machte der Sprecher keine Angaben.

Siemens empfahl den Mitarbeitern, sich strikt an die Sicherheitsmaßnahmen und Evakuierungspläne der Behörden in Japan zu halten. Die Mitarbeiter hätten auch die Möglichkeit, das Land zu verlassen. Inwiefern Siemens wirtschaftlich von der Katastrophe betroffen ist, konnte ein Sprecher noch nicht sagen.

Der TÜV Rheinland sagte zur drohenden Nuklearkatastrophe und möglichen Folgen in Japan: "Wir führen regelmäßig Strahlenmessungen an unserem Hauptstandort durch. Bislang haben wir aber keine erhöhten Werte festgestellt." Für den TÜV arbeiten rund 400 Menschen im Großraum Tokio, hauptsächlich Japaner. Bei dem Beben sei niemand von ihnen verletzt worden. "Heute haben alle Mitarbeiter einen Homeoffice-Tag bekommen, und wer möchte, darf natürlich zu seiner Familie reisen."

Der Spezialchemiekonzern Lanxess meldete, keiner der rund 60 Mitarbeiter im Büro in Tokio sei bei der Katastrophe verletzt worden. Stromprobleme gebe es nicht. Lanxess, in Japan an drei Standorten vertreten, stellt in dem Land Kautschukchemikalien her.

Bei Bayer ist die Produktion nach Angaben eines Sprechers bislang nicht eingeschränkt. Die vier Standorte seien aber auch weit von der Krisenregion entfernt. Inzwischen sei es gelungen, zu fast allen 3660 Beschäftigten Kontakt aufzunehmen. "Es gibt keine Erkenntnisse über Verletzte", sagte der Sprecher.

mit Material von dpa



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