Job-Kahlschlag: Energieriesen büßen für verlorene Jahre

Von Stefan Schultz

Bei E.on droht ein Job-Kahlschlag, auch andere Energiekonzerne könnten bald Stellen streichen. Die Unternehmen schieben die Schuld auf den Atomausstieg. In Wahrheit haben sie zu wenig in Zukunftsbranchen investiert - und hecheln nun der Ökowende hinterher. Leidtragende sind die Angestellten.

RWE und E.on: Trend verschlafen Zur Großansicht
Fotos: DPA

RWE und E.on: Trend verschlafen

Hamburg - Fassungslosigkeit herrscht an diesem Nachmittag im Betriebsrat von E.on. Bis zu 11.000 Stellen könnte Deutschlands größtes Energieunternehmen in den kommenden Jahren streichen. "Mit aller Macht" wolle er den Sparplan durchsetzen, sagte der zuständige Konzernvorstand Bernhard Reutersberg .

Arbeitnehmervertreter sind erbost. Es drohe ein "Kahlschlag", sagt Erhard Ott, Ver.di-Vorstand und Mitglied im E.on-Aufsichtsrat. Man werde dagegen kämpfen. Konzernbetriebsratschef Hans Prüfer hält das Sparprogramm für einseitig. Es enthalte nur Kürzungen, aber keine Wachstumsperspektiven. "Die Konzernstrategen wären aufgerufen, innovative Energielösungen für Deutschland zu entwickeln", sagt Prüfer. Nur so ließen sich neue Jobs schaffen.

Doch diese Perspektiven gibt es im Moment nicht. Weder bei E.on, noch bei einem der anderen drei Energieriesen.

Der Atomausstieg hat die Konzerne kalt erwischt. Bis 2022 entgehen ihnen dadurch Gewinne in Höhe von 22 Milliarden Euro, schätzt die Landesbank Baden-Württemberg. Schon jetzt brechen die Gewinne ein. E.on: minus 71 Prozent im ersten Halbjahr. RWE: minus 39 Prozent. Und die Aktien fallen: Der Börsenwert von RWE Chart zeigen hat sich in den vergangenen sechs Monaten fast halbiert, Titel von E.on Chart zeigen brachen seit Jahresbeginn um rund ein Drittel ein.

"Opfer einer verfehlten Unternehmenspolitik"

Sparen bis es wehtut, heißt die neue Devise. Allein Deutschlands zweitgrößter Energieversorger RWE will Konzernteile im Wert von acht Milliarden Euro veräußern. Bei Vattenfall droht die Diskussion um den Abbau von rund 1500 Stellen wiederbelebt zu werden. Insgesamt seien in der deutschen Energiebranche bis zu 20.000 Jobs in Gefahr, schätzen Unternehmensberater laut "Süddeutscher Zeitung".

Für die Stromriesen bricht eine neue Ära an. Jahrelang haben sie für längere AKW-Laufzeiten lobbyiert. Die Kernschmelze im japanischen Fukushima machte all diese Arbeit mit einem Schlag zunichte. Deutschland steigt nun definitiv aus der Atomkraft aus. Und die Branche blickt auf verlorene Jahre zurück.

Nun stehen heftige Kämpfe mit Gewerkschaften und Betriebsräten an. Arbeitnehmer fühlen sich als Opfer einer verfehlten Unternehmenspolitik. Als Leidtragende von Konzernstrategen, die zu sehr darauf gesetzt haben, die gute alte Atomzeit zu konservieren. Die sich nur langsam und halbherzig darum gekümmert haben, neue Wachstumsfelder zu erschließen. Und die nun zum Brutalo-Umbau ansetzen und diesen auf die Energiewende der Bundesregierung schieben.

Tatsächlich könnte der Konzernumbau von E.on, RWE und Co weiter fortgeschritten sein. Schon als die rot-grüne Bundesregierung im Juni 2000 den Atomkonsens beschloss, zeichnete sich ab, dass die erneuerbaren Energien zur nächsten Boombranche werden. Doch die Konzerne machten diesen Trend zunächst nur zögerlich mit.

Konzerne hecheln dem Boom hinterher

Ende 2010 stammten bereits 17 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Weltweit wurden rund 211 Milliarden Dollar in den Erneuerbaren-Energien-Sektor investiert, rund ein Drittel mehr als 2009. In Deutschlands Konzernen sieht die Entwicklung bescheidener aus. Sie sind, um es mit Managersprech zu sagen, Underperformer. Drei Beispiele:

  • E.on erzeugte Ende 2010 rund zehn Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien. Im ersten Halbjahr 2011 warf der Ökosektor rund 753 Millionen Euro ab, rund 17 Prozent des gesamten Vorsteuergewinns. 7,5 Milliarden Euro gibt E.on im laufenden Jahr für Investitionen aus, nur 1,1 Milliarden davon für erneuerbare Energien. Mittelfristig soll allerdings rund die Hälfte aller Investitionen in diesen Sektor fließen.
  • Bei RWE beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Strom-Eigenerzeugung derzeit 2,6 Prozent. Sie steuerten 2010 rund 211 Millionen Euro zum Vorsteuergewinn von rund 10,2 Milliarden Euro bei. Der geringe Gewinn hängt mit hohen Investitionen zusammen: 2010 hat RWE gut 1,4 Milliarden Euro in den Ausbau der erneuerbaren Energien gesteckt. In den kommenden drei Jahren sollen rund vier Milliarden investiert werden.
  • EnBW produzierte Ende 2010 rund 10,5 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien, den Großteil allerdings aus teils Jahrzehnte alten Wasserkraftwerken. 536,4 Millionen Euro investierte das Unternehmen 2010 in die Ökowende. Bis Ende 2013 sollen rund 1,5 Milliarden Euro hinzukommen.

De Zahlen zeigen das Dilemma der Energieriesen. Bislang werfen die erneuerbaren Energien vergleichsweise bescheidene Gewinne ab. Gleichzeitig brechen die Einnahmen aus Kernkraftwerken ein. Allein E.on drücken zudem Schulden in Höhe von 45 Milliarden Euro, RWE steht mit rund 27 Milliarden Euro in der Kreide. Für die Unternehmen wird es so immer schwieriger, die nötigen Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien zu stemmen.

Das Problem dürfte sich bald verschlimmern. Ab 2013 treten strengere Regeln gegen Luftverschmutzung in Kraft. Den Energieriesen entstehen dadurch hohe Kosten in ihren Kohlekraftwerken; allein bei RWE könnten es bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr sein. Zusätzlich sinken die Margen der vier Versorger. Denn Ökostrom hat in den Netzen Vorfahrt, und immer dann, wenn Solar-, Wind- und Biogasanlagen besonders viel davon produzieren, müssen sie ihre Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke herunterregeln.

Neue Jobs dürften zudem vor allem im Ausland entstehen. Denn die Konzerne bauen ihre großen Wind- und Solarparks vor allem im Ausland. Auch im Bereich der konventionellen Energien streben sie in neue Märkte. RWE etwa plant neue Atomkraftwerke in den Niederlanden, E.on teilte am Mittwoch mit, künftig verstärkt in Brasilien, Indien und der Türkei aktiv werden zu wollen.

Für die deutschen Arbeitnehmer der Energiekonzerne sind das düstere Aussichten.

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1. Energieriesen büßen, weil sie sich zu sicher fühlten...
mitwisser 10.08.2011
Mal ganz ehrlich: so einen Oligoplisten kann jeder führen, der lesen und schreiben gelernt hat. Leider waren die "Eliten" zu sehr mit Geld zählen, Boni-Modellen, Lobby-arbeit und Golf-Spielen beschäftigt, um sich mal über ihren Markt Gedanken zu machen und breiter aufzustellen. Wer muss diese Dilettanten-Arbeit wieder büßen? Richtisch! Und zu Eon: ich bin dort - leider - Kunde. So einen Saftladen habe ich lange nicht erlebt. Allein für meine - nachträgliche - Anmeldung haben die rund 8 Monate gebraucht... Die Energieriesen büßen, weil sie sich zu sicher fühlten. Dachten vermutlich, die Geld-Koffer würden es schon richten ;-)
2. AKWs sind personalintensiv
gorge11 10.08.2011
Zitat von sysopBei E.on droht ein Job-Kahlschlag, auch andere Energiekonzerne könnten bald Stellen streichen. Die Unternehmen schieben die Schuld auf den Atomausstieg. In Wahrheit haben sie zu wenig in Zukunftsbranchen investiert - und hecheln nun der Ökowende hinterher. Leidtragende sind die Angestellten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,779459,00.html
Etwa 1000 Arbeitsplätze und Zeitarbeitsplätze pro 1GW Reaktor, dauerhaft. Und dann noch Zulieferer. Die Offshore-windräder kommen auf ca 300 Arbeitsplätze, bei gleicher produzierter Strommenge. Aufgrund des Fachkräftemangels ist das aber besser. Für die betroffenen kann es teilweise hart werden.
3. So ist es nun mal
jujo 10.08.2011
Die Lizenz zum Geld drucken geht zu Ende und hat Jahrzehnte zu lange gedauert!
4. Gewinne
gröpelinger 10.08.2011
Und nicht zu vergessen: die jahrzehntelangen Milliardensubventionen in die Kernenergie. Ohne die hätte es AKW's nie gegeben..., und natürlich auch keine Gewinne. Wäre doch schön, wenn genauso viel Geld in umweltverträgliche (Energie-)Technik investiert würde! Aber, das ist wohl nur ein Traum...
5. Der Preis des Atomausstieges in Deutschland
Pandora0611 10.08.2011
Zitat von sysopBei E.on droht ein Job-Kahlschlag, auch andere Energiekonzerne könnten bald Stellen streichen. Die Unternehmen schieben die Schuld auf den Atomausstieg. In Wahrheit haben sie zu wenig in Zukunftsbranchen investiert - und hecheln nun der Ökowende hinterher. Leidtragende sind die Angestellten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,779459,00.html
Das ist nunmal der Preis für den panikartigen Atomausstieg. Alles hat seinen Preis! Jetzt merken auch die Mitarbeiter, welche sich bisher an den Demos beteiligt haben, am eigenen Leib, was das bedeutet. ---Zitat--- Arbeitnehmervertreter sind erbost. Es drohe ein "Kahlschlag", sagt Erhard Ott, Ver.di-Vorstand und Mitglied im E.on-Aufsichtsrat. Man werde dagegen kämpfen . Konzernbetriebsratschef Hans Prüfer hält das Sparprogramm für einseitig. Es enthalte nur Kürzungen, aber keine Wachstumsperspektiven. "Die Konzernstrategen wären aufgerufen, innovative Energielösungen für Deutschland zu entwickeln", sagt Prüfer. Nur so ließen sich neue Jobs schaffen. ---Zitatende--- Natürlich sind die Gewerkschaften und der Betreibsrat erbost. Was sollen sie denn sonst sein! ---Zitat--- Neue Jobs dürften zudem vor allem im Ausland entstehen. Denn die Konzerne bauen ihre großen Wind- und Solarparks vor allem im Ausland . Auch im Bereich der konventionellen Energien streben sie in neue Märkte. RWE etwa plant neue Atomkraftwerke in den Niederlanden, E.on teilte am Mittwoch mit, künftig verstärkt in Brasilien, Indien und der Türkei aktiv werden zu wollen. Für die Arbeitnehmer der Energiekonzerne sind das düstere Aussichten. ---Zitatende--- Oder sie sind flexibel und ziehen um.
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Umsätze und Gewinne der Atomkonzerne
Konzern Umsatz Gewinn vor Steuern Gewinn nach Steuern
E.on 92,8 Milliarden Euro 11,2 Milliarden Euro**** 6,3 Milliarden Euro*
RWE 53,3 Milliarden Euro 10,2 Milliarden Euro*** 3,3 Milliarden Euro**
EnBW 17,5 Milliarden Euro 3,3 Milliarden Euro*** 1,2 Milliarden Euro*
Vattenfall 13 Milliarden Euro 2,1 Milliarden Euro 259 Millionen Euro*
Gesamt 176,6 Milliarden Euro 26,8 Milliarden Euro 11 Milliarden Euro
Quelle: Geschäftsberichte von E.on, RWE, EnBW und Vattenfall; Angaben gerundet; *Konzernüberschuss; **Nettoergebnis; ***Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; ****Ergebnis aus fortgeführten Aktivitäten vor Finanzergebnis und Steuern


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