Deutsche-Bank-Chef Cryan Der Trümmermann

Fast sieben Milliarden Euro Verlust - die Deutsche Bank steht so schlecht da wie noch nie. Der Brite John Cryan will das einstige Vorzeigeunternehmen vor dem Komplettabsturz retten. Doch kann er es auch zu alter Bedeutung führen?

Von , Frankfurt

AP

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John Cryan gibt sich sichtlich Mühe, optimistisch zu wirken. Seine vorbereitete Rede, die der Brite auf Deutsch hält, strotzt nur so von Durchhalteparolen, von Wörtern wie "zuversichtlich", "überzeugt" und "erfolgreich". Doch spätestens als der Vorstandschef zur freien Rede (und zum Englisch) übergeht, wird klar, wie ernst die Lage der Deutschen Bank tatsächlich ist.

"Ich fühle mich verantwortlich für einen Verlust von fast sieben Milliarden Euro", sagt Cryan am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz, "persönlich verantwortlich."

2015, das Jahr in dem Cryan die Führung der Bank von seinem Vorgänger Anshu Jain übernommen hat, war ein schlimmes Jahr für die Deutsche Bank. Das schlechteste in der 145-jährigen Geschichte. Ein Minus von 6,8 Milliarden Euro.

Allein 5,2 Milliarden Euro musste der Konzern aufwenden, um Geld für Rechtstreitigkeiten zu zahlen oder zurückzulegen. "Ein Mühlstein um den Hals der Bank" sei das, wettert Cryan. Und seine Botschaft ist klar: Dieser Mühlstein dürfte auch im laufenden Jahr nur sehr langsam leichter werden.

Investoren wenden sich von der Bank ab

"Wann wird die Bank wieder Geld verdienen?", greift Cryan die Frage eines Journalisten auf. So genau lasse sich das nicht sagen. "Wir haben eine gute Chance dieses Jahr." Aber eine Dividende für die Aktionäre gebe es wohl auch im nächsten Frühjahr nicht.

Solche Aussichten sind nicht unbedingt das, was Investoren hören wollen. Sie wollen schnelle Erfolge sehen - und wenden sich deshalb in Scharen von Deutschlands einstigem Vorzeigeunternehmen ab.

Auch am Donnerstag bricht der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie zeitweise um knapp fünf Prozent ein. Seit vergangenem April, zwei Monate vor Cryans Amtsantritt, hat er sich etwa halbiert. Gerade mal rund 23 Milliarden Euro ist der einstige Weltkonzern an der Börse mittlerweile noch wert. Die US-Bank JP Morgan, mit der sich die Deutsche Bank einst gerne verglich, bewerten die Investoren rund acht Mal so hoch.

Cryan schmerzt die Kursentwicklung. Doch er will sich von ihr nicht entmutigen lassen. "Wir sollten nicht versuchen, den Aktienkurs zu managen, wir sollten versuchen, die Bank zu managen", sagt der Chef ruhig. In der Vergangenheit habe der Konzern viel zu oft Entscheidungen getroffen, um kurzfristige Erfolge zu erreichen. Nun gehe es um den langfristigen Erfolg.

"Er ist da, um aufzuräumen"

Doch auch was diesen angeht, fehlt vielen Investoren offenbar das Vertrauen in Cryans Kurs. Dass der 55-Jährige der richtige Typ für die Sanierung ist, bestreitet niemand. Alle, die ihn kennen, loben die Fachkenntnis des ehemaligen UBS-Mannes und schätzen seine Integrität. Ein Technokrat ohne Allüren, der mit dem Linienjet nach London fliegt und mit einem Sandwich in der Hand brav wartet, bis er einsteigen darf. "Bis vor Kurzem wäre so etwas für einen Deutsche-Bank-Chef noch undenkbar gewesen", sagt ein hochrangiger Finanzmanager.

In der Branche gilt es nicht gerade als Vergnügen, bei gesellschaftlichen Anlässen neben Cryan zu sitzen. Während andere vom neuen Sportwagen oder dem Urlaub an der Côte d'Azur schwärmen, diskutiert Cryan auch beim Abendessen am liebsten über Risikomanagement und Eigenkapitalquoten.

Diese Bodenständigkeit tut dem in der Vergangenheit oft abgehoben wirkenden Konzern sicherlich gut. Doch nicht nur kurzfristig orientierte Investoren fragen zunehmend lauter, ob das ausreicht, um das größte deutsche Geldhaus wieder zu alter Bedeutung zu führen.

Cryan setzt weiter aufs Investmentbanking

Die Skepsis betrifft vor allem den strategischen Kurs der Bank, der sich seit der Finanzkrise kaum verändert hat und sich auch in Zukunft offenbar nur graduell ändern soll. Wie seine Vorgänger setzt Cryan vor allem auf das Investmentbanking - eine Sparte, die seit der Finanzkrise arg in Verruf geraten ist und die der Bank auch der Großteil der Verluste in der vergangenen Jahren eingebrockt hat.

Auch deshalb spricht man mittlerweile lieber vom "internationalen Kapitalmarktgeschäft". Am Inhalt aber hat sich nur wenig verändert - auch weil Cryan das Konzept seines Vorgängers Anshu Jain und des Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner einfach übernommen hat, statt ganz neu anzufangen.

Cryan sei womöglich nur ein Übergangschef, heißt es auch deshalb in der Branche. Ihm fehle eine Vision dafür, wo die Bank hinwolle. "Er ist da, um aufzuräumen", konstatiert ein hochrangiger Manager einer anderen Bank nüchtern.

Spricht man Cryan auf solche Überlegungen an, lässt er seine britische Zurückhaltung fahren. Angesichts eines Milliardenverlusts und des angekündigten Abbaus von 9000 Arbeitsplätzen sei es "sehr schwierig sich hinzustellen, zu lächeln und eine große Vision für die Bank aufzustellen", sagt er sichtlich genervt.

"Manchmal", so frotzelt er, "komme ich abends nach Hause und sage zu meiner Frau: Ich wünschte, dass manche Leute denken, ich hätte wenigstens ein bisschen Talent, ein Unternehmen zu führen und nicht nur, es aufzuräumen."


Zusammengefasst: Nach dem Rekordverlust versucht Deutsche-Bank-Chef John Cryan Optimismus zu verbreiten. Eine neue Strategie hat der Brite allerdings nicht: Deutschlands größtes Geldhaus setzt weiter vor allem auf das Investmentbanking. Branchenkenner glauben, dass Cryan ein Übergangschef ist, der abgelöst wird, wenn die Aufräumarbeiten bei der Bank abgeschlossen sind.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kaiser studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftlehre in Marburg, Prag und Berlin. Er ist Reporter im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kaiser@spiegel.de

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
suelzer 28.01.2016
1.
Deutsche Bank dichtmachen. Anteilseigner entschädigungslos enteignen. Vermögen sozialen und infrastrukturellen Maßnahmen zuführen.
querdenker101 28.01.2016
2. Erst
nach der nächsten Boni-Zahlung kann man wirklich sagen, wo seine wahren Intensionen liegen. Bisher sehe ich die jetzige Bilanzierung als sehr kritisch an. In der Ferne sehe ich eine Bad-Bank kommen.
stuhlsen 28.01.2016
3. Was nun Herr Achleitner ?
Mir fehlt in vielen Medien ein kritischer Hinweis auf Herrn Achleitner (danke an SPON für die Links im Artikel auf den gedruckten SPIEGEL, der sich mehrfach kritisch zu dieser Person geäußert hat). Bei FAZ und Co scheint der Herr sakrosankt zu sein. Warum ???
fritzyoski 28.01.2016
4. Bankenrettung
Wenn die "Deutsche Bank" gerettet werden muss weil sie sich mit Derivaten verzockt haben kann das sehr teuer werden. Da sollte Schaueble schon mal das ein oder andere Billoenchen zurueckstellen. Aber kein Problem, Deutschland hat ja satt da.
Ich-seh-das-mal-so 28.01.2016
5. Gibt es Hoffnung, ...
dass aufgrund dieser ganzen Anpassungen und Bereinigungen die deutsche Bank nicht mehr "too-big-to-fail" wird? Dann könnte man mir ihr so umgehen, wie es der gesunde Menschenverstand seit langem fordert: Keine Bauchpinselei, keine Sonderbehandlung, sondern strikte Anwendung des geltenden Rechts. Da scheinen mir die Amerikaner etwas robuster im Vorgehen. Und das ist gut so, weil es geeignet ist, das Vertrauen in den Rechtsstaat nicht weiter zu unterminieren sondern wieder herzustellen.
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