Vorwürfe gegen JP Morgan: Der Wall-Street-Gigant wankt

Von , New York

Jamie Dimon vor US-Bankenausschuss im Juni 2012: Häufung von Negativschlagzeilen Zur Großansicht
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Jamie Dimon vor US-Bankenausschuss im Juni 2012: Häufung von Negativschlagzeilen

JP Morgan Chase galt lange als beste Bank der Wall Street - und ihr Chef Jamie Dimon als nahezu unantastbar. Doch die Fehler und Skandale häufen sich, US-Aufsichtsbehörden und Aktionäre werden ungeduldig: Demnächst könnte Dimons Posten auf dem Spiel stehen.

Blythe Masters ist die Wall-Street-Queen, der bisher nichts etwas anhaben konnte. Die gebürtige Britin, die den Rohstoffhandel der größten US-Bank JP Morgan Chase leitet, erfand 1994 ein cleveres Investmentprodukt, um Kreditrisiken zu decken. Masters, damals selbst erst 25, gab ihrer Idee einen relativ schnöden Namen: Credit Default Swap (CDS).

Ursprünglich hatten CDS einen ganz gezielten Zweck: Sie gaben JP Morgan (JPM) Rückendeckung für ein Milliardendarlehen an den Ölkonzern Exxon, der wegen der Havarie des Tankers "Exxon Valdez" vor enormen Strafzahlungen stand. Erst später erlangten CDS Prominenz, wiewohl unrühmliche - als ein Auslöser der Finanzkrise von 2008. Sprich: Masters schrieb mit am Drehbuch des späteren Katastrophenfilms.

Ihrer Karriere schadete das nicht. Heute managt die 44-Jährige Milliardengeschäfte, als Vertraute von JMP-Chef Jamie Dimon. Noch im April pries die "New York Times" sie als "eine der mächtigsten Frauen im Rohstoffhandel" und Ausnahme der Regel, dass es an der Wall Street nur Männer bis nach oben schafften.

Die Ironie: Nun ist es ausgerechnet die "New York Times", die an Masters Stuhl sägt - und so zugleich am Stuhl Dimons, bisher ebenfalls ein unantastbares Wall-Street-Wunderkind.

Am Freitag enthüllte die Zeitung, dass JPM nach einer Reihe von Skandalen schon wieder ins Visier der Fahnder geraten sei. Diesmal gehe es um dubiose Geschäfte von Energie-Tradern der Bank, die Masters gedeckt habe.

"Washington hat Dimon satt"

JPM dementiert das entschieden. Trotzdem ist schon die reine Diskussion der Vorwürfe eine weitere von immer mehr Schlappen für Dimon. Für einen, der die Kreditkrise als einziger der Wall-Street-Granden überstand, nicht zuletzt auch dank seines Charmes. Jetzt haben ihm die Kontrolleure ein Ultimatum gestellt: Bis Mitte Mai müsse er reinen Tisch machen.

"Washington hat Dimon satt", schreibt der Wall-Street-Blog Business Insider über den Mann, der sich lange als Amerikas beliebtester Banker rühmen durfte und Manschettenknöpfe mit dem US-Präsidentensiegel trägt - ein privates Geschenk aus dem Weißen Haus.

Stattdessen bemühte sich eine Delegation der Bankenaufsicht OCC jüngst nach New York, um Dimon und sein Team zu ermahnen, dass sich die unlauteren Vorgänge bei ihnen häuften - und das Management an Glaubwürdigkeit verliere. "Es war ein hartes Gespräch", steckte ein Teilnehmer dem "Wall Street Journal".

Auch an einer anderen Stelle wird es eng für Dimon, 57. Beim nächsten Aktionärstag am 21. Mai steht zur Debatte, die Posten von Vorstandschef und Verwaltungsratsvorsitzendem - die Dimon in Personalunion bekleidet - zu trennen. Im vergangenen Jahr erreichte der Antrag immerhin 40 Prozent. Sollte er dieses Mal durchkommen, so munkelt man, würde Dimon eher abdanken als den Machtverlust schlucken.

Klar ist, die Hiobsbotschaften für den Geldmanager häufen sich:

  • Der Skandal um den dramatischen Sechs-Milliarden-Dollar-Handelsverlust von 2012 macht JPM bis heute zu schaffen. Der Senat wirft der Bank Vertuschung vor. Mehrere Behörden ermitteln weiter, darunter das FBI und die Börsenaufsicht SEC. In einem Brief an die Aktionäre entschuldigte sich Dimon jetzt erneut: Dies sei "die dümmste und peinlichste Situation, an der ich je beteiligt war".
  • Das Debakel löste einen Exodus aus. Zunächst wurde Ina Drew zum Abgang genötigt, die verantwortliche Abteilungsleiterin und eine von Dimons engsten Vertrauten. Auch Barry Zubrow ging, der bei JPM das Risiko managte, dann Investmentchef James Staley. Zuletzt warf Dimons Vize und möglicher Nachfolger Frank Bisignano das Handtuch. Von den 15 Top-Managern der Bank, die "Fortune" im September 2008 auf seinem Cover als "The Survivors" porträtiert hatte - die Überlebenden der Krise -, sind heute nur noch drei übrig.
  • Milliardenbetrüger Bernard Madoff wirft selbst aus der Haft noch seinen Schatten auf JPM. US-Medienberichten zufolge soll die Bank schon früh Hinweise auf die Machenschaften des falschen Investmentberaters gehabt haben, mit dem sie eng verbandelt war.
  • Außerdem steht JPM beim OCC wegen des Verdachts unlauterer Kreditkartengeschäfte auf dem Zettel. Nach Informationen der "New York Times" soll die Bank säumige Kunden angeblich widerrechtlich verklagt haben.

Kein Wunder, dass Dimon den Anteilseignern lieber seine Quartalsprofite präsentiert. In der Hoffnung, dass der Zweck die Mittel heiligt: "Solange du Geld machst", sagte der Investmentmanager Paul Miller der "New York Times", "ist das den Investoren egal."

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Cds
chev 03.05.2013
Seit wann waren denn bitte CDS Auslöser der Krise 2008? Das waren ja wohl die ABS in Verbindung mit der geplatzten Immo-blase.
2. Cdo
blupp 03.05.2013
Richtig. Was der Autor mit Auslöser der Finanzkrise meint, sind wahrscheinlich CDOs (collaterized debt obligations) und nicht die von Blythe Masters erfundenen CDS.
3. Abs
tz666 03.05.2013
kenne ich bisher nur von Autos.... das heißt da Antiblockiersystem und wird sicher nicht für BÖRSENcrashs verantwortlich sein... Bitte drück dich verständlich aus!
4.
io_gbg 03.05.2013
Zitat von sysopDPAJP Morgan Chase galt lange als beste Bank der Wall Street - und ihr Chef Jamie Dimon als nahezu unantastbar. Doch die Fehler und Skandale häufen sich, US-Aufsichtsbehörden und Aktionäre werden ungeduldig: Demnächst könnte Dimons Posten auf dem Spiel stehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jp-morgan-affaeren-bringen-jamie-dimon-in-not-a-898032.html
Was waren noch genau die Kriterien für die Benennung als "beste Bank der Welt"?
5. Ja ja, is klar...
xaindsleena 03.05.2013
Zitat von sysopDPAJP Morgan Chase galt lange als beste Bank der Wall Street - und ihr Chef Jamie Dimon als nahezu unantastbar. Doch die Fehler und Skandale häufen sich, US-Aufsichtsbehörden und Aktionäre werden ungeduldig: Demnächst könnte Dimons Posten auf dem Spiel stehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jp-morgan-affaeren-bringen-jamie-dimon-in-not-a-898032.html
...JP Morgan "wankt". SPON, kleiner Reality-Check: Ihr schreibt über die nach Bilanzsumme größte Bank der Welt. Und das als deutsches Fuzzi-Magazin, dem kein Hahn mehr nachkräht (das Bild-Niveau ist zumindest online definitiv erreicht^^). Erstens ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass es bei einem solchen Riesenunternehmen mal Unstimmigkeiten gibt, und zweitens ist "wanken" wohl kaum der richtige Ausruck. Ihr macht Euch mit Eurer offensichtlichen Linkspropaganda echt nur noch lächerlich (siehe Augstein mit seinen schon peinlichen Thesen zur Akzeptanz der links-grünen Steuerpläne und das Forum dazu...'nuff said). Seriöser Journalismus sieht anders aus. Wie heißt es so schön: Wenn man keine Ahnung hat... Schade. Der SPIEGEL war mal Qualitätsjournalismus. Das scheint sich im Internetzeitalter erledigt zu haben.
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